Ein Ausdruck voller Zahlen, eine davon mit Minuszeichen, und dahinter die Frage: Ist das jetzt Osteoporose? Der T-Wert aus der Knochendichtemessung gilt vielen als letztes Wort. Doch beim Osteoporose Kongress (23. Oktober bis 1. November 2026) rückt ein Osteologe das zurecht. Die Hälfte aller Patienten mit Osteoporose-Brüchen habe Messwerte, die formal gar nicht nach Osteoporose aussehen, sagt Prof. Dr. Ralf Oheim vom UKE in Hamburg. In seinem Interview „Knochendichte: Sicher messen und wissen, was zählt” erklärt er, wo die Messung täuscht und warum ein Knochenbruch mehr Gewicht hat als jede Zahl. Dieser Artikel gibt das Gespräch journalistisch wieder, mit O-Tönen und in indirekter Rede. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.
Zwei Wege zu einer Diagnose
Wie wird Osteoporose festgestellt? Oheim nennt zwei Zugänge. Der erste ist messtechnisch: Osteoporose sei definiert als systemischer Verlust an Knochenmasse und Knochenstruktur, der das Bruchrisiko erhöht. Gemessen werde die Knochendichte per DXA und mit einer Referenzgruppe junger Erwachsener verglichen. Liegt der Wert nach den WHO-Kriterien mehr als zweieinhalb Standardabweichungen darunter, gilt das als Osteoporose. Der zweite Zugang braucht kein Gerät. Wer sich ohne nennenswerten Unfall etwas bricht, beim Hinsetzen etwa, und bei dem andere Knochenerkrankungen ausgeschlossen sind, hat nach Oheims Worten die klinische Diagnose.
Warum ausgerechnet DXA, ein zweidimensionales Graustufenbild, das die räumliche Struktur des Knochens nicht erfasst? Oheim benennt die Schwäche offen und bleibt trotzdem bei der Methode.
Vorteile sind eine super geringe Strahlenbelastung, es ist sehr günstig, es ist überall verfügbar, es gibt unfassbar viele Daten. Und der wesentliche Grund ist ehrlicherweise, dass unsere Leitlinie nach dieser Methode geht.
Denn ob bei einem Wert behandelt werden müsse, beantworte die Leitlinie nur für DXA. Grundlagen: unser Artikel zur Knochendichtemessung bei Osteoporose.
Bleibt die Zahl auf jedem Befund. Woher kommt die minus 2,5?
Der T-Wert: ein Vergleich mit den eigenen besten Jahren
Knochenmasse ist kein fester Besitz. Sie erreicht zwischen 20 und 30 ihren Höchststand, die Peak Bone Mass. Misst man bei vielen Gesunden dieses Alters die Knochendichte, entsteht eine Glockenkurve. Der T-Wert eines über 50-Jährigen beschreibt nach Oheims Erklärung den Abstand zu dieser jungen Gruppe, gerechnet in Standardabweichungen.
Wenn ich einen T-Wert von null habe, dann liege ich genau in der Mitte dieser jungen Vergleichskohorte, und ich kann nach plus und minus abweichen. Wenn ich schlechter bin als 2,5 Standardabweichungen, also minus 2,5 T-Wert, dann bin ich im Bereich der Osteoporose.
Zwischen minus 1 und minus 2,5 liegt die Osteopenie. Alles innerhalb einer Standardabweichung um die Mitte nennt er Hintergrundrauschen: normale Streuung, kein Befund. Therapieentscheidend bleibe der T-Wert, weil die Leitlinie mit ihm arbeitet.
So weit die Theorie. In der Praxis passt die Zahl nicht immer zum Knochen.
Wo die Messung täuscht: zu gut und zu schlecht
Ein Beispiel: Die Lendenwirbelkörper 1 bis 3 stehen bei minus 3,5, der vierte plötzlich bei minus 2,3. Eine gute Nachricht? Oheim wird da skeptisch. DXA misst Knochen pro Fläche. Bricht ein Wirbelkörper zusammen, schrumpft die Fläche, und die Dichte fällt rechnerisch höher aus, obwohl der Knochen beschädigt ist. Auch Verschleiß hebt die Werte an. Weicht ein Wirbel um mehr als eine Standardabweichung ab, werde er ausgeschlossen; ohnehin zählten die schlechtesten Werte, nicht die besten. Deshalb gehöre ein seitliches Bild der Wirbelsäule zur Diagnostik, um nach Brüchen zu suchen. Mehr dazu im Artikel zum Wirbelkörperbruch bei Osteoporose.

Gleicher Knochen, kleinere Fläche: Bricht ein Wirbelkörper ein, verteilt sich seine Knochenmasse rechnerisch auf weniger Messfläche und der Wert steigt, obwohl der Knochen beschädigt ist, erklärt Prof. Oheim.
Der umgekehrte Fall ist weniger bekannt. Zu schlechte Werte entstehen nach Oheims Darstellung bei einer Mineralisationsstörung, der Osteomalazie. Das Gerät erfasst nur mineralisierten Knochen. Fehlen Vitamin D, Kalzium oder Phosphat, misst DXA wenig, obwohl keine Osteoporose vorliegt. Solche Patienten dürften nicht mit Osteoporosemedikamenten behandelt werden, betont er, der Mangel gehöre behoben. Erkennen lasse sich das nur im Labor, das zugleich andere Grunderkrankungen aufdecke, etwa ein Plasmozytom. Hintergrund im Beitrag zum Vitamin-D-Mangel bei Osteoporose; welche Medikamente dem Knochen zusetzen, behandelt Dr. Stephan Kewenig in seinem Kongress-Interview.
Jetzt der Punkt, an dem Oheim die Erwartung an die Messung selbst kippt.
Die Hälfte bricht trotz guter Werte
Vielleicht denken Sie: Minus 2,5 ist die Grenze, darunter Gefahr, darüber Ruhe. Genau diese Rechnung geht nach Oheims Erfahrung nicht auf.

Die Hälfte aller Patientinnen und Patienten mit einer klinisch manifesten Osteoporose, also mit osteoporotischen Frakturen, haben Knochendichtewerte, die besser sind als diese minus 2,5.
Prof. Dr. Ralf OheimDer Grenzwert liege bewusst so niedrig, weil man sonst allein aufgrund der Messung zu viele Menschen behandeln würde. Die Knochendichte sei ein Surrogatparameter, ein Stellvertreter für Stabilität und Bruchrisiko, keine Garantie. Seinen Patienten erklärt er das so:
Wenn Sie 1000 Patienten haben mit einem T-Wert von minus 4 und 1000 Patienten mit einem T-Wert von minus 3, dann werden sich in der Gruppe mit minus 4 mehr Leute etwas brechen als in der Gruppe mit minus 3. Aber es werden sich in beiden Gruppen nicht alle etwas brechen.
Je schlechter der T-Wert, desto höher das Risiko, das sei eindeutig. Nur für den Einzelnen lasse sich nicht vorhersagen, ob er zu denen gehört, die brechen. Mit einer Ausnahme: Wer sich bereits ohne adäquaten Unfall etwas gebrochen hat, sei stark gefährdet, denn dieser Bruch beweise, dass das System nicht mehr trägt. Dann müsse behandelt werden, auch bei einer Osteopenie. Die neue Leitlinie gehe deshalb viel mehr nach Frakturen als die alte, und ab 50 solle jeder Knochenbruch abgeklärt werden.
Die Angst vor dem Befund
Warum werden so viele Betroffene nicht gefunden? Einer der Gründe liegt nach Oheims Beobachtung bei den Patienten selbst.
Ich höre das immer wieder, dass Patienten sagen: Ich habe das nicht machen lassen, weil ich hatte Sorge, am Ende habe ich eine Osteoporose. Was ja aber Quatsch ist. In dem Moment, in dem ich das weiß und mich kümmern kann, kann ich weitere Frakturen verhindern.
Dazu komme eine ältere Haltung, auch unter Ärzten: Osteoporose gehöre zum Altern, da könne man nichts machen. Falsch und im Aussterben, sagt er. Rückenschmerzen, Kleinerwerden, ein krummer Rücken würden oft mit „hatte Oma auch” abgetan, dabei lasse sich gerade das rechtzeitig gut behandeln. Und eine „Oma-Erkrankung” sei es ohnehin nicht: 20 Prozent der Betroffenen seien Männer, auch junge Frauen könnten sie bekommen, etwa in Schwangerschaft und Stillzeit.
Seine Tipps für Menschen mit der Diagnose passen auf eine Hand.
Das eine ist der aktive Lebensstil, also Sport, Bewegen, Belastung, das muss man haben. Das andere ist das Thema Ernährung, und dazu gehört das Thema Vitamin D. Und das Dritte ist dann tatsächlich: dran denken.
Dran denken heiße: Auch wer gesund lebt, könne familiär bedingt Osteoporose bekommen, deshalb kontrollieren lassen. Und sich mit der Diagnose weder fallen lassen noch in Watte packen, sondern die Belastung mit Augenmaß steigern. Hinweis der Redaktion: Vitamin-D-Dosierung und der Trainingseinstieg bei bekannter Osteoporose, erst recht nach einem Wirbelbruch, gehören in die Absprache mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Der T-Wert ist in Oheims Darstellung ein Vergleich mit den eigenen besten Knochenjahren, nützlich, weil die Leitlinie mit ihm arbeitet, aber kein Urteil. Die Messung könne nach oben täuschen, durch Wirbelbrüche und Verschleiß, und nach unten, durch eine Mineralisationsstörung. Die wichtigste Zahl steht nicht auf dem Ausdruck: Die Hälfte aller Osteoporose-Brüche passiert laut Oheim bei Werten oberhalb von minus 2,5. Ein Bruch ohne passenden Unfall wiegt deshalb schwerer als jede Messung.
Wie Belastung für den Knochen konkret aussehen kann, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Kemmler aus demselben Kongress im Interview über Krafttraining und Vibrationstraining.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Knochendichtewerte, Laborbefunde und die Frage, ob und wie behandelt wird, besprechen Sie bitte immer mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem Arzt. Das gilt auch für die Vitamin-D-Einnahme und den Einstieg ins Training bei bekannter Osteoporose.
Häufige Fragen
Was bedeutet der T-Wert bei der Knochendichtemessung?
Kann die Knochendichtemessung falsche Werte liefern?
Heißt ein T-Wert besser als minus 2,5, dass kein Bruchrisiko besteht?
Wie genau ist eine DXA-Messung?
Welche Laborwerte gehören zur Osteoporose-Diagnostik?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
Passende Artikel, die dieses Thema vertiefen — lesen Sie sich Stück für Stück ins Thema ein.

Osteoporose früh erkennen: Ein Meeresforscher sucht den Knochenschwund im Blut
Physiker Anton Eisenhauer erklärt im Kongress-Interview, wie Calcium-Isotope aus Blut oder Urin die Knochenbilanz zeigen sollen, lange vor der DXA.
Artikel lesen →
Homocystein bei Osteoporose: ein Blutwert, drei B-Vitamine, eine offene Frage
Kaum ein Osteoporose-Befund enthält diesen Wert. Dr. Martin Krowicki erklärt, was Homocystein im Knochen anrichten kann und welche Vitamine es abbauen
Artikel lesen →
Knochenumbau im Blut ablesen: Laborwerte verraten in wenigen Monaten, ob die Osteoporose-Therapie greift
Knochendichte ändert sich langsam. Molekularmedizinerin Christina Winzig erklärt, welche Blutwerte den Knochenumbau zeigen und wann sie reagieren.
Artikel lesen →