Eine Platte fürs Wohnzimmer, dreimal pro Woche zehn Minuten draufstellen, fertig. So klingt die Werbung. Doch der Mann, der solche Platten in Erlangen seit Jahren untersucht, zieht beim Osteoporose Kongress (23. Oktober bis 1. November 2026) eine andere Bilanz: Das klassische Training gewinnt, und der Knochen verlangt dabei weniger Quälerei, als viele fürchten. Prof. Dr. Wolfgang Kemmler sprach dort unter dem Titel „Krafttraining oder Vibrationstherapie: Was ist effektiver?” über Studienlage, sichere Übungen und den Unterschied zwischen Knochen- und Sturztraining. Dieser Artikel gibt das Gespräch journalistisch wieder, mit O-Tönen und in indirekter Rede. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.

Platte gegen Hantel: Was die Erlanger Studie zeigte

Dass Vibration etwas bewirkt, bestreitet Kemmler nicht. Die Reize laufen über die Muskulatur auf den Knochen, beim Sturzrisiko sehe man schöne Effekte. Die Frage sei nur, was sonst noch geht.

O-Ton aus dem Interview

Kann ich eine konventionelle Therapie durchführen, also ein klassisches Körpertraining? Da sehen wir eigentlich die besseren Effekte in der Übersicht.

Prof. Dr. Wolfgang KemmlerSportökonom, Osteoporose-Forschungszentrum Erlangen

Seine Arbeitsgruppe hat den Vergleich gemacht: klassisches Training, obendrauf zehn bis fünfzehn Minuten Vibration. Ein Zusatzeffekt ließ sich nicht nachweisen. Wer also zweimal pro Woche im Reha-Sport steht, dürfe sich von der Platte nicht viel versprechen. Umgekehrt gilt das Urteil aber auch. Für Menschen, die ein angeleitetes Training nicht mehr schaffen oder nicht mögen, sei Vibration eine sehr schöne Option. Seine Wunschformel: zweimal klassisch, einmal Vibration. Zudem bediene der Sport Herz und Stoffwechsel gleich mit.

Säulendiagramm: Knochendichte der Lendenwirbelsäule nach 18 Monaten plus 2,1 Prozent mit klassischem Training, plus 1,5 Prozent mit zusätzlicher Vibration

Zur Einordnung: In der Erlanger ELVIS-Studie der Arbeitsgruppe um von Stengel und Kemmler gewann die Lendenwirbelsäule von 151 Frauen nach der Menopause in 18 Monaten mit klassischem Training 2,1 Prozent Knochendichte, mit zusätzlicher Vibration beim Beinkrafttraining 1,5 Prozent. Stürze waren mit Vibration allerdings am seltensten: 0,7 je Person gegenüber 0,96 ohne Vibration und 1,5 in der Kontrollgruppe. Quelle: von Stengel S, Kemmler W et al. 2011, Osteoporosis International 22(1), PMID 20306017

Und der Preis? Profigeräte beginnen um die 3.000 Euro. Eine Discounter-Platte für 300 bis 400 Euro habe nach Kemmlers Eindruck bei einer leichteren Frau eine vergleichbare Auslenkung, eine Studie dazu gebe es aber nicht. Skeptisch ist er bei den sogenannten Sub-G-Platten: Die Evidenz gebe die Lobhudelei nicht her.

Bleibt die Frage, die viele vom Hantelbereich fernhält: Hält ein poröser Wirbel das Gewicht aus?

Der überschätzte Wirbelbruch

Vielleicht denken Sie jetzt: Krafttraining mit brüchigen Knochen, das kann nicht gut gehen. Kemmler sieht das anders.

O-Ton aus dem Interview

Das Risiko wird gerne überschätzt. Wenn wirklich supervidiert und mit Herz und Verstand geübt wird, ist das Risiko für eine Wirbelkörperfraktur recht gering.

Prof. Dr. Wolfgang Kemmler

Zwei Ausnahmen nennt er. Alles, was mit hoher Last in die Rückenstreckung geht, Kreuzheben oder Hyperextensionen etwa, bezeichnet er als „Bone-Crusher”: mehr Wiederholungen, weniger Gewicht. Auch die Rumpfbeuge am Gerät mit aufgelegtem Gewicht sieht er kritisch, mit dem eigenen Körpergewicht dagegen entspannt. Sonst gelte: Gas geben ist erlaubt. Am sichersten sei das Gerätetraining, ein Übungsleiter für zehn bis zwölf Personen reiche. Dann wird es persönlich.

O-Ton aus dem Interview

Meine alte Mutter, ich hoffe, sie hört nicht zu, 85, die geht tatsächlich zweimal die Woche ins Fitnessstudio.

Prof. Dr. Wolfgang Kemmler

In über 20.000 Übungsleiterstunden zählt er eine schwere Verletzung. Sport bleibe Sport, die Gefahr sei gering, aber nie null. Die Redaktion ergänzt: Wer eine manifeste Osteoporose hat oder schon einen Wirbelbruch erlitten hat, beginnt intensives Kraft- oder Vibrationstraining nur nach ärztlicher Freigabe und unter Anleitung.

Wenn die Gefahr überschätzt wird, gilt das vielleicht auch für die Anstrengung?

Schwer, aber nicht bis zum Brennen

Kemmlers häufigster Kritikpunkt an Gruppen: Sie trainieren unterschwellig. Fünfzehn bis zwanzig Wiederholungen, immer dasselbe Gewicht, jahrelang. Der Knochen brauche aber eine hohe Last: weniger Wiederholungen, mehr Gewicht.

Nahaufnahme eines dichten Netzes aus Knochenbälkchen mit eingebetteten Knochenzellen, die Bälkchen entlang der Belastungsrichtung ausgerichtet
O-Ton aus dem Interview

Fünf Wiederholungen mit dem Gewicht, wo sie acht, neun können, da sind wir weit weg von Ausbelastung. Knochen ist der Ausbelastung egal, das wäre eine Muskelgeschichte.

Portrait von Prof. Dr. Wolfgang KemmlerProf. Dr. Wolfgang Kemmler

Wer für den Knochen trainiert, muss sich nicht bis zum Muskelversagen quälen. Die letzten zwei Wiederholungen, die weh tun, bleiben weg. Anstrengend soll es trotzdem sein.

Dazu gehört Steigerung. Anfänger legten in zwölf Wochen 30 bis 40 Prozent zu, Ängstliche sogar mehr. Kemmlers Regel: Gehen zwei Wiederholungen mehr bei gleichem Ausbelastungsgrad, kommt die nächste Gewichtsstufe, lieber öfter und in kleinen Schritten. Dazu Variation bei Wiederholungszahl, Gewicht und Tempo. Schnelles Überwinden tue dem Knochen gut, das Nachlassen bleibe langsam.

Schematischer Frontalschnitt durch Hüfte und Oberschenkel, Kraftpfeile laufen von einem Gewichtsblock durch Hüftkopf und Schenkelhals in den Oberschenkelknochen, der Schenkelhals ist hervorgehoben

Last statt Erschöpfung: Der Knochen brauche ein hohes Gewicht bei wenigen Wiederholungen, sagt Kemmler, die Erschöpfung des Muskels sei ihm egal. Der Schenkelhals gehört mit der Lendenwirbelsäule zu den Regionen, die er als besonders bruchgefährdet nennt.

Sein Plan für eine Stunde: 20 bis 25 Minuten Aerobic oder Tanz als gewichtstragender Einstieg, dann 30 bis 40 Minuten an neun bis elf Geräten, im Zirkel statt in Sätzen, die Beinpresse doppelt. Zwei- bis zweieinhalbmal pro Woche. Männer seien selten Tänzer, für sie schlägt er kleine Spiele mit schnellen Stopps vor. Welche Übungen die Grundlage bilden, zeigt unser Artikel zum Krafttraining bei Osteoporose.

Nur: Für wen gilt dieser Plan überhaupt?

Zwei Enden einer Skala

Ein optimales Osteoporose-Training gebe es nicht, sagt Kemmler, wohl aber zwei Pole. Am einen Ende die Frau zwischen 50 und 60, deren Knochendichte nach der Menopause rasch sinken kann. Ihr Ziel ist der Knochenerhalt, ihr Training intensiv, Stürze seien in diesem Alter kein Thema. Am anderen Ende sehr alte, leistungsschwache Menschen mit knochenaufbauender Medikation. Für ihren Knochen sorge das Medikament, das Training gehöre dem Sturz.

Zu den Medikamenten findet Kemmler klare Worte. Sie seien „verdammt guter Stoff”, und wer sie angeboten bekomme, trage bereits ein erhebliches Bruchrisiko. Dieses Angebot solle man sich zweimal überlegen, bevor man es ausschlägt. Was der Östrogenmangel mit dem Knochen macht, erklärt unser Artikel zu Osteoporose in den Wechseljahren; die Medikamentenfrage vertieft Dr. Veronika Köppen-Ursic im Interview über Bisphosphonate.

Sturztraining: Störreize statt Laufband

Wer nur geradeaus geht, lernt geradeaus gehen. Die großen Faktoren gegen den Sturz seien Gleichgewicht, Reaktion und Perturbation, also Störreize, die den Gang unterbrechen. Kemmler beschreibt eine Leiter: Standfläche verkleinern, instabile Unterlage, Augen schließen, dann eine Denkaufgabe obendrauf, etwa eine Stadt mit B nennen, während man einbeinig auf der Wackelmatte steht. Tanz hilft hier nur begrenzt, weil seine Choreografie vorhersehbar ist.

Den Sturz selbst zu üben, also Fallen und Abrollen nach Kampfsportvorbild, hält er für vielversprechend und heikel zugleich. Studien gebe es wenige, in der Leitlinie sei der Punkt umstritten, rechtlich sei ein Sturztraining mit 85-Jährigen für jeden Übungsleiter ein Risiko. Der mögliche Gewinn: Wer fallen kann, verliert die Sturzangst, einen der stärksten Vorboten weiterer Stürze. Was im Alltag zusätzlich schützt, lesen Sie im Artikel zur Sturzprävention bei Osteoporose.

15.000 Gruppen und eine Verordnung

Wo gibt es das alles unter Anleitung? Kemmler verweist auf den Reha-Sport.

O-Ton aus dem Interview

Die Dichte an Reha-Sport in Deutschland ist phänomenal hoch, also auch gerade im Bereich Osteoporose. Man sollte es gar nicht glauben, das ist wirklich einzigartig in Europa, dass man so ein tolles System hat wie in Deutschland.

Prof. Dr. Wolfgang Kemmler

Rund 15.000 Osteoporose-Gruppen zähle der Reha-Sport bundesweit. Der Weg hinein: ärztliche Verordnung, Kostenübernahme durch die gesetzliche Kasse, Suche über die Reha-Sportverbände der Länder. Wer nicht mehr aus dem Haus kommt, falle allerdings durch dieses Netz; eine App fürs Training zu Hause sei in Planung.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Aus Sicht von Prof. Kemmler gewinnt das klassische Training den Vergleich mit der Vibrationsplatte, weil es Knochen, Sturzschutz, Herz und Stoffwechsel zugleich anspricht. Die Platte hat ihren Platz als dritte Einheit oder als Ersatz, wenn angeleitetes Training nicht mehr geht. Für den Knochen zählt die Last, nicht die Erschöpfung: wenige Wiederholungen, höheres Gewicht, zwei in Reserve. Und das Ziel bestimmt den Plan: Knochenerhalt um die Menopause, Sturzschutz im hohen Alter.

Sein letzter Rat gilt dem Kopf.

O-Ton aus dem Interview

Also nicht resignieren, immer dranbleiben. Das ist ganz, ganz wichtig.

Prof. Dr. Wolfgang Kemmler

Wie Training bei Osteoporose in der Praxis aufgebaut wird, beschreibt Maximilian Reiff im Interview über Training bei Osteoporose aus demselben Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Intensives Kraft- oder Vibrationstraining ist bei manifester Osteoporose oder nach einem Wirbelbruch nur nach ärztlicher Freigabe und unter fachlicher Anleitung sinnvoll. Besprechen Sie Trainingsbeginn, Belastung und Medikamentenfragen mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Häufige Fragen

Ist Vibrationstraining bei Osteoporose so wirksam wie Krafttraining?
Laut Prof. Kemmler wirkt Vibration auf Knochen und Sturzrisiko, das klassische Training zeige in der Gesamtschau aber die besseren Effekte. In einer Studie seiner Arbeitsgruppe brachten zehn bis fünfzehn Minuten Vibration zusätzlich zum Krafttraining keinen messbaren Zusatznutzen.
Für wen ist eine Vibrationsplatte sinnvoll?
Aus Kemmlers Sicht vor allem für Menschen, die ein angeleitetes Training nicht mehr durchführen können oder möchten, oder als dritte Einheit neben zwei klassischen Trainings pro Woche. Günstige Geräte aus dem Discounter hätten nach seinem Eindruck bei leichteren Personen eine vergleichbare Auslenkung, evaluiert sei das aber nicht.
Ist Krafttraining bei Osteoporose gefährlich für die Wirbelsäule?
Kemmler hält das Risiko für überschätzt, sofern das Training angeleitet und mit Verstand ausgeführt wird. Ausnahmen seien Übungen mit hoher Last in der Rückenstreckung, etwa Kreuzheben oder Hyperextensionen, sowie belastete Rumpfbeugen am Gerät. Die Redaktion ergänzt: bei manifester Osteoporose oder nach einem Bruch vorab ärztlich freigeben lassen.
Wie schwer muss das Gewicht beim Krafttraining sein?
Nach Kemmler braucht der Knochen eine hohe mechanische Last, keine Erschöpfung des Muskels. Er empfiehlt eher wenige Wiederholungen mit höherem Gewicht, wobei die letzten zwei möglichen Wiederholungen ausgelassen werden, dazu regelmäßige Steigerungen in kleinen Schritten.
Wie oft und wie lange sollte man bei Osteoporose trainieren?
Kemmler nennt zwei bis zweieinhalb Krafteinheiten pro Woche mit 30 bis 40 Minuten an neun bis elf Übungen für die großen Muskelgruppen, davor 20 bis 25 Minuten Aerobic oder Tanz als gewichtstragende Belastung. Insgesamt rät er zu drei Einheiten pro Woche.
Wo findet man angeleitetes Training bei Osteoporose?
Kemmler verweist auf den Reha-Sport und das Funktionstraining in Deutschland mit rund 15.000 Osteoporose-Gruppen. Voraussetzung sei eine ärztliche Verordnung, die Kosten trage die gesetzliche Krankenkasse. Angebote finde man über die Reha-Sportverbände der Bundesländer.
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