Die Tochter klagt seit der Geburt des Enkels über Schmerzen im Kreuz, und die Antwort aus dem Umfeld kommt schnell: Das ist nach einer Geburt eben so. Doch genau diesen Satz will Julia Moschel, BAO, Heilpraktikerin, Osteopathin und Physiotherapeutin (bc.NL), nicht stehen lassen. Beim Osteopathie Kongress beschrieb sie, was eine Geburt an Kreuzbein, Steißbein, Beckenboden und Narbe hinterlassen kann und warum sie Rückenschmerzen nach der Geburt nicht als normal hinnehmen würde. Ihr Gespräch trug den Titel „Besonderheiten in Schwangerschaft und Stillzeit“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Nicht jede Frau braucht nach der Geburt eine Osteopathin
Muss jede junge Mutter zur Osteopathie? Von einer Spezialistin für Schwangere könnte man das erwarten. Moschel antwortet anders.
Ich würde das niemals pauschal empfehlen. Ich finde, das ist so ganz individuell. Wenn man Beschwerden hat, auf jeden Fall.
Zur Behandlung rät sie Frauen mit Beschwerden schon in der Schwangerschaft, nach sehr langen oder belastenden Geburten und nach einem Kaiserschnitt. Bevor sie anfasst, hört sie zu: spontan oder eingeleitet, wie lange, mit PDA, Geburtsstillstand, Saugglocke oder Zange? Daraus lese sie ab, wie stark der Körper belastet wurde. Beginne eine Geburt mit Eingriffen, folgten nach ihrer Beobachtung häufig weitere.
Was die Forschung zu Kreuzschmerz rund um die Geburt sagt, hat eine Arbeitsgruppe um Helge Franke zusammengetragen.

Zur Einordnung: In einer Metaanalyse von 15 randomisierten Studien lag der Kreuzschmerz drei Monate nach osteopathischer Behandlung bei Schwangeren um 23,01 Punkte niedriger als in den Vergleichsgruppen (Skala 0 bis 100, 3 Studien, Evidenzqualität niedrig) und nach der Geburt um 41,85 Punkte (2 Studien, Evidenzqualität moderat); bei unspezifischem Kreuzschmerz allgemein waren es 12,91 Punkte. Die Autoren fordern größere Studien mit belastbaren Vergleichsgruppen. Quelle: Franke H, Franke JD, Fryer G 2014, BMC Musculoskeletal Disorders 15:286, PMID 25175885.
Und was findet Moschel, wenn die Frauen kommen? Meist etwas am Becken.
Was eine Geburt am Becken hinterlässt
Die häufigsten Beschwerden in ihrer Praxis sitzen im Iliosakralgelenk zwischen Kreuzbein und Beckenschaufel, am Kreuzbein selbst und am Steißbein. Den Mechanismus beschreibt sie so:
Das Kind schiebt bei der Geburt das Kreuzbein nach hinten, um rauszukommen. Ich sehe ganz häufig, dass das Kreuzbein in dieser Position hängen bleibt.
Das Steißbein bewege sich unter der Geburt bis zu zwei Zentimeter nach hinten; Moschel nennt das massiv. Warum es nicht bei jeder Frau gleich ausgeht, erklärt sie mit der Lage des Kindes: Die vordere Hinterhauptslage sei die günstigste. Hinterkopf nach hinten oder Po voran seien zwar normale Geburtslagen, aber die Austreibungsphase dauere oft länger. Mit einer PDA spürten die Frauen zudem schlechter, wohin sie drücken müssen. Beides zusammen belaste das Becken erheblich.

Kreuzbein, Steißbein und Beckenboden im Seitenschnitt: Beim Durchtritt des Kindes weiche das Steißbein nach hinten aus und das Kreuzbein werde nach hinten geschoben, beschreibt Julia Moschel. Nach ihrer Erfahrung bleibt es manchmal in dieser Stellung hängen.
Behandelt wird das nach ihren Worten meist mit sanften Techniken; gelegentlich renke sie ein, nie aber während der Schwangerschaft. Wie ein Kollege das Becken als Drehscheibe des Körpers beschreibt, lesen Sie im Interview mit Osteopath Tim Raav.
Ein Hinweis der Redaktion: Bei Rückenschmerzen nach der Geburt mit Fieber, starken Blutungen, Taubheitsgefühlen oder Störungen von Blase oder Darm führt der erste Weg in die Arztpraxis.
Beim Beckenboden dreht Moschel dann eine gängige Annahme um.
Der Beckenboden ist oft nicht zu schwach, sondern zu angespannt
Nach der Geburt heißt es fast reflexhaft: Beckenboden stärken. Moschel hält Rückbildung und Beckenbodentraining für unverzichtbar. Nur setzt sie davor einen Schritt, der überrascht.
Die Frauen haben gar nicht immer einen zu schwachen Beckenboden, sondern die spannen ihren Beckenboden ständig an. Die sind immer in einer Anspannung drin, und der Tonus ist häufig zu hoch.
Einen dauerhaft angespannten, ermüdeten Muskel wolle sie nicht zusätzlich trainieren. Deshalb senke sie erst die Spannung, dann werde geübt. Viele Frauen merkten dabei überhaupt erst, wie angespannt sie sind. Eine Dammnarbe fasst sie nicht direkt an; etwa drei Monate nach der Geburt arbeite sie indirekt über den Beckenboden und vergleiche die Spannung beider Seiten.
Eine Geschichte erzählt sie mit spürbarem Ärger: Eine Frau, die fünf Jahre nach der Geburt nicht mehr richtig sitzen konnte, habe von ihrer Gynäkologin gehört, damit müsse sie leben. Moschel behandelte nach eigener Schilderung Steißbein, Bänder und Beckenboden, die Beschwerden seien nicht zurückgekehrt. Ein Einzelfall, kein Beleg; die Redaktion nennt ihn, weil er Moschels Kernbotschaft trägt: Beschwerden nach der Geburt abklären lassen statt hinnehmen.
Und dann sagt sie etwas, das man von einer Therapeutin kaum erwartet: Sie will die Frauen in den ersten Wochen am liebsten gar nicht sehen.
Das Wochenbett als Schutzraum
Moschel beobachtet, dass frisch entbundene Frauen sich heute schnell wieder in den Alltag stürzen.
Wir kriegen ja irgendwie leider eher eine Medaille dafür, dass wir nach einer Woche schon wieder im Musikkurs sitzen, als dass wir wirklich das Wochenbett leben.
Sie spricht aus Erfahrung. Die beste Erholung habe sie nach ihrem dritten Kind gehabt, als sie sich drei Tage streng ins Bett legte; der Beckenboden habe sich in dieser Zeit sehr gut erholt. Mit drei Tagen sei es nicht getan, aber das Prinzip bleibe.

Das Wochenbett ist eine ganz heilige Zeit. Die sollten wir auch wirklich genießen und versuchen, möglichst keine Termine zu machen.
Ihre Patientinnen schreiben ihr nach der Geburt eine kurze Mail: wie es lief, ob es Beschwerden gibt. Ohne Beschwerden sollen sich erst die Bänder setzen und die Organe ihren Platz finden. Wer Schmerzen hat, komme sofort.
Die Kaiserschnittnarbe: erst fragen, dann anfassen
In Kaiserschnittnarben stecke viel Emotion, sagt Moschel. Sie fragt, ob der Eingriff geplant war und ob es eilig wurde. Dass Freude über das Kind und Trauer über den Verlauf nebeneinander bestehen dürfen, verstünden manche Frauen erst im Gespräch.
Die Narbe selbst behandelt sie frühestens nach sechs Wochen sehr vorsichtig, nach drei Monaten intensiver, und erst nach der Frage, ob sie die Narbe berühren darf. Viele Narben seien in Teilbereichen verklebt, oft dort, wo geknotet wurde.
Ich würde die Narbe niemals auseinanderreißen, sondern ich würde immer zur Narbe hingehen und mobilisieren.
Sie zeige den Frauen die Selbstmobilisation und empfehle, die Narbe etwa drei Monate mit einem Narbengel zu pflegen. Auffällig oft berichteten Frauen von einem abgeschnittenen Gefühl, als gehöre der untere Körperteil nicht mehr dazu. Manche kämen erst Jahre später mit Beschwerden an der Narbe, die sich nach Mobilisation nach ihrer Erfahrung häufig lösten. Warum Narben und Faszien zusammenhängen, erklärt Klaas Stechmann im Interview über die Rolle der Faszien.
Stillen, Säugling und die Frage nach Omega-3
Bei Stillproblemen schaut Moschel bei der Mutter auf Brustwirbelsäule, Halsfaszien und Zwerchfell. Die Ursache liege nach ihrer Schätzung aber meist beim Säugling: ein zu kurzes Zungenbändchen, der Kiefer, der Saugreflex. Das Durchtrennen eines Zungenbändchens gehört in ärztliche Hände; Moschel überweist dafür.
Ihr zweites Herzensthema sind Omega-3-Fettsäuren. Sie frage jede Schwangere und Stillende danach und messe den Versorgungsgrad per Trockenbluttest. Ihr Modell, wonach sich die Zellmembran erst ab einem bestimmten Blutwert für andere Nährstoffe öffne, ist ihre eigene Deutung ohne Studienbeleg im Gespräch. Die Redaktion ergänzt: Nahrungsergänzung in Schwangerschaft und Stillzeit beginnt niemand ohne ärztliche oder hebammliche Rücksprache. Zur Studienlage bei Omega-3 lesen Sie Supplemente bei Arthrose, zu Nährstoffen im Alter Calcium und Vitamin D bei Osteoporose.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Julia Moschel liest den Körper nach der Geburt wie ein Protokoll: Verlauf, Dauer, Eingriffe, Lage des Kindes. Gesucht wird meist am Kreuzbein, Steißbein und Iliosakralgelenk. Ihr überraschendster Befund betrifft den Beckenboden, nach ihrer Erfahrung häufiger zu angespannt als zu schwach. Ihr wichtigster Rat kostet nichts: das Wochenbett ernst nehmen.
Für Leserinnen, deren Geburten Jahrzehnte zurückliegen, bleibt ihre Botschaft, dass Steißbeinschmerz oder eine ziehende Narbe kein Schicksal sein müssen; der erste Weg führt zur Ärztin. Was Osteopathie überhaupt ist, ordnet Stefan Rieth im Interview „Was ist Osteopathie?“ aus demselben Kongress ein.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Julia Moschel ist Heilpraktikerin, Osteopathin und Physiotherapeutin, keine Ärztin. Osteopathische Behandlungen in Schwangerschaft und Wochenbett, Narbenbehandlung und Nahrungsergänzung in Schwangerschaft und Stillzeit gehören in ärztliche Rücksprache; bei Fieber, starken Blutungen, Lähmungen, Gefühlsstörungen oder Störungen von Blase oder Darm nach der Geburt suchen Sie sofort ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Sollte jede Frau nach der Geburt zur Osteopathie gehen?
Welche Beschwerden sieht Julia Moschel nach einer Geburt am häufigsten?
Ist der Beckenboden nach der Geburt immer zu schwach?
Wann darf eine Kaiserschnittnarbe behandelt werden?
Können Beschwerden aus der Geburt auch Jahre später noch behandelt werden?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
Passende Artikel, die dieses Thema vertiefen — lesen Sie sich Stück für Stück ins Thema ein.

Warum ein Osteopath bei Nackenschmerzen die Niere abtastet
Für Osteopath Jesse de Groodt ist Schmerz eine Warnlampe. Er erklärt, warum die Ursache oft weit entfernt liegt, etwa an Niere, Blase oder Fuß.
Artikel lesen →
Osteopathie ohne Wirkung? Eine Ärztin sucht die Bremse im Stoffwechsel
Warum osteopathische Behandlungen manchmal nicht halten: Ärztin Ursula Ehrhorn beschreibt, wie Stoffwechsel und B-Vitamine dabei mitspielen könnten.
Artikel lesen →
Niemand macht Sie gesund: Was gute Beziehungen mit Selbstheilung zu tun haben
Hirnforscher Gerald Hüther beschreibt, wie ungelöste Beziehungsprobleme die Körperregulation stören und warum Therapie ohne Vertrauen ins Leere läuft.
Artikel lesen →