Es zieht zwischen den Schulterblättern, seit Wochen. Einmal einrenken, bitte. Doch für Alexander Mallok, Osteopath(I.A.O.), NLP -Therapeut, Heilpraktiker, ist dieser Satz oft der Anfang einer längeren Geschichte, in der Psyche und körperliche Beschwerden zusammengehören. Beim Osteopathie Kongress erklärte er, warum er bei einem verspannten Brustwirbel auch nach Leber, Zwerchfell und einem Erbstreit fragt. Sein Gespräch trug den Titel „Die Rolle der Psyche bei körperlichen Beschwerden“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Der Schmerz sitzt selten dort, wo er wehtut
Warum kommt jemand mit Knieschmerzen zum Osteopathen und geht mit einem Gesprächsthema nach Hause? Viele Patienten ordneten die Osteopathie dem Physiobereich zu, sagt Mallok, und kämen entsprechend mit Nacken, Kreuz, Knie oder Tennisellbogen. Dann passiere etwas.
Viele Patienten kommen in die Praxis mit Problemen des Bewegungsapparates und stellen dann in der Behandlung fest, dass die Ursache ihrer Leiden nicht an dem Ort ist, wo sie sie vermuten. Und dass es durchaus auch seelische Aspekte gibt.
Osteopathen sprächen viel von Funktionsstörungen, und die kenne auch die Schulmedizin: Beschwerden ohne greifbaren Befund. Ein Teil davon sei psychosomatisch, glaubt er.
Wie sieht eine Kette aus, die vom Rücken wegführt? Mallok nimmt sein häufigstes Beispiel.
Zwischen den Schulterblättern beginnt die Kette
Ein Patient klagt über Schmerzen in der mittleren Brustwirbelsäule. Mallok findet, was er erwartet: eine schlecht bewegliche Wirbelgruppe, verspannte Muskulatur. Aber auch Spannung im Oberbauch, in der Leber- und Gallenregion. Die Leber hänge am Zwerchfell, das Zwerchfell sei angespannt, und schon entstehe eine Kaskade. Bis hierhin sei das normale Osteopathie, räumt er ein. Dann geht er einen Schritt weiter.
Ich denke eben: Was kann derjenige nicht verdauen? Was sind da Themen in seinem Leben, die er nicht klein machen kann? Leber hat auch viel mit Emotionen zu tun: Zorn, Wut, Frustration, all das sind Leberthemen.

Die Kette, die Alexander Mallok bei Schmerz zwischen den Schulterblättern verfolgt: Die Leber hänge am Zwerchfell, ein angespanntes Zwerchfell wirke auf die Brustwirbelsäule, und Nervenverbindungen aus dem Bauchraum reizten die Wirbelgruppe zusätzlich. Sein osteopathisches Erklärungsmodell, keine gesicherte Diagnosekette.
Als NLP-Therapeut liebt Mallok die deutsche Sprache, weil sie für ihn so genau ist. Redewendungen nimmt er beim Wort.
Wenn man also sagt, mir läuft die Galle über oder mir ist eine Laus über die Leber gelaufen, dann sagt man damit ja auch schon was aus.
Erwähne er das beiläufig, erzähle der Patient vielleicht von einem Erbstreit mit den Geschwistern. Dann sei ein Thema am Wickel, das nicht mehr nur körperlich ist. „Da bin ich schon fünfmal eingerenkt worden“, höre er oft; für ihn heißt das: keine dauerhafte Lösung. Er sucht die Primärläsion, den ersten Auslöser, und die müsse nicht im Körper liegen.
Ein Hinweis der Redaktion: Die Zuordnung von Organen zu Gefühlen (Leber und Wut, Blase und Angst, Lunge und Trauer) stammt aus traditionellen Heilmodellen und ist wissenschaftlich nicht belegt. Schmerzen im Oberbauch oder zwischen den Schulterblättern können auch von Herz, Galle oder Magen ausgehen; bei Brustschmerz, Atemnot, Fieber, Gelbfärbung der Haut oder Schmerzen nach einem Sturz gehört die Abklärung zuerst in ärztliche Hände.
Was, wenn das Unverdaute kein Erbstreit ist, sondern etwas, das jemand seit Jahren mit sich trägt?
Wenn der Mund Ja sagt und der Körper Nein
Die Moderatorin zitiert einen Satz ihres Mannes: Wenn der Mund Ja sagt, der Körper aber Nein meint, komme es zur Störung. Mallok geht an dieser Stelle weit, wie er selbst sagt, und verweist auf das Ritual der Beichte, das aus seiner Sicht der seelischen Gesundheit diene.

Wenn jemand was jahrelang mit sich rumschleift, Schuldgefühle hat oder Scham in sich trägt, dann wird das auch was mit ihm machen.
In der Behandlung zeige sich das manchmal ganz konkret. Komme ein Patient unter den Händen plötzlich in Gefühle, dann sei es Zeit, auf andere Weise zuzuhören. Vielleicht brauche es dafür erst die Hand auf der Wunde, sagt er. Brustwirbelsäule freimachen und in fünf Wochen dieselbe Beschwerde wiedersehen, das habe mit Heilung nichts zu tun.
Wie ein Mediziner Stress als Krankheitsauslöser beschreibt, lesen Sie im Interview mit Prof. Dr. med. Michael Sadre-Chirazi-Stark aus demselben Kongress.

Zur Einordnung: Eine Metaanalyse von Kohortenstudien mit Menschen, die zu Studienbeginn keine Kreuzschmerzen hatten, fand bei Depressionssymptomen eine 1,59-fach erhöhte Chance (Odds Ratio, 95-%-Konfidenzintervall 1,26 bis 2,01), später eine Kreuzschmerz-Episode zu entwickeln; bei der stärksten Ausprägung lag sie bei 2,51 (1,58 bis 3,99), bei der leichtesten bei 1,51 (0,89 bis 2,56, statistisch nicht gesichert). Das ist ein statistischer Zusammenhang, kein Beweis für Ursache und Wirkung, und er sagt nichts über einzelne Organe aus. Quelle: Pinheiro MB et al. 2015, Arthritis Care and Research 67(11):1591-603, PMID 25989342.
Wie bringt Mallok all das in eine Stunde Behandlung? Überraschend unspektakulär.
Zehn Minuten Fragen, dann Kopf bis Fuß
Die Anamnese dauert nach seiner Schilderung zehn bis fünfzehn Minuten, vor allem Sicherheitsfragen zu Medikamenten und Erkrankungen. Dann die Untersuchung von Kopf bis Fuß, danach schnelle Tests an den Organen. Das auffällige Organ ordnet er im Kopf einer Emotion zu, sagt aber nichts dazu. Behandelt werden die Primärläsion und der Rest der Kette.
Nach der Behandlung sagten Patienten oft, sie fühlten sich befreit. Mallok antwortet mit einem Satz, der zwei Bedeutungen offenlässt: Es könne sein, dass ihnen eine Last von den Schultern gefallen sei. Meist komme die zweite Bedeutung an: Es war auch eine stressige Zeit. Beim nächsten Termin fragt er nur: Hat sich Ihr Thema geklärt? Der Patient könne dann übers Knie sprechen oder über den Erbstreit. Etwas ansprechen, ohne es direkt anzusprechen, hat er im NLP gelernt.
Sehr häufig wissen Patienten um die Umstände, in denen Fehlfunktionen entstanden sind. Man muss nur hinschauen wollen.
Bleibt die Frage, die fast jeder neue Patient stellt: Wie oft muss ich kommen?
Zweimal kommen und alles ist gut?
Die Ausbildungsregel, nach spätestens drei Behandlungen müsse ein Effekt da sein, hält Mallok für einen großen Fehler. Jahrelange Funktionsstörungen brauchten nach einer alten Faustregel aus Heilpraktikerkreisen manchmal doppelt so lange, um sich zu klären. Ein Daumenwert, keine Gesetzmäßigkeit.
Sein Beispiel: eine junge Frau mit Beckenbodenschmerzen nach der Geburt. Es folgten Knieschmerzen, sie höre mit dem Volleyball auf, verliere Kontakte, werde vielleicht depressiv, esse gegen den Frust Chips und Schokolade. Fünf Jahre laufe so ein Prozess. Wer dann nach zwei Behandlungen alles vergessen haben wolle, dem sage er nüchtern: Schauen Sie, wie lange das schon geht. Die kompensatorischen Gewohnheiten müsse die Patientin selbst wieder loswerden. Warum Essen als Trost gerade Gelenke belastet, lesen Sie im Artikel Abnehmen bei Arthrose.
Umgekehrt gehe es manchmal schnell: ein umgeknickter Fuß, ein Skiunfall. Mallok setzt seinen Twist dazu: Auch der frische Unfall habe eine Vorgeschichte. Symptome entstünden, wenn ein System nicht mehr kompensieren kann, und meist habe es vorher lange kompensiert. Deshalb hält er wenig davon, sonntags als Wochenendkrieger Vollgas zu geben und montags einrenken zu lassen.
Es ist doch vielleicht sinnvoll, mit so einem Patienten 5 vor 12 zu arbeiten und nicht 5 nach 12.
Wer regelmäßig in Bewegung bleibt, statt am Wochenende alles nachzuholen, tut aus Sicht der Redaktion auch den Knochen etwas Gutes; wie, zeigt der Artikel Krafttraining bei Osteoporose.
Einrenken ja, aber nie gegen den Willen
Mallok macht nach eigener Aussage jeden Tag Impulstechniken. Der häufigste Grund, warum Patienten ablehnen, sei Angst wegen Horrorgeschichten über die Halswirbelsäule. Überreden? Nein.
Es gibt einfach extrem viele alternative Techniken. Es muss nicht immer eine Thrust-Technik sein. Ich persönlich mag die. Ich finde auch die Effekte gut.
Dann nutze er Muskelenergietechniken oder Strain-Counterstrain, sanfte Verfahren ohne Impuls. Manipulationen hätten mehr Gegenanzeigen als andere Verfahren; große Schleuderbewegungen an der Halswirbelsäule, wie er sie in manchen Videos sehe, hält er für gefährlich.
Ein Hinweis der Redaktion: Manipulationen an der Halswirbelsäule gehören ausschließlich in die Hände qualifizierter Therapeuten und nie ohne ärztliche Abklärung bei Warnzeichen wie Schwindel, Sehstörungen, Lähmungen, Gefühlsstörungen, Fieber oder Schmerzen nach einem Sturz. Warum Stefan Rieth denselben Griff nur mit Gefäßtests anwendet, lesen Sie in seinem Interview über die Frage, was Osteopathie eigentlich ist.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Alexander Mallok liest einen verspannten Brustwirbel als Ende einer Kette und die Kette als Teil einer Lebensgeschichte. Die Zuordnung von Organen zu Gefühlen bleibt sein Modell, nicht gesichertes Wissen; dass Psyche und Rückenschmerz statistisch zusammenhängen, zeigt das Diagramm oben unabhängig davon.
Drei Dinge bleiben aus seiner Sicht. Wer fünfmal eingerenkt wurde und immer wieder kommt, darf die Ursache woanders suchen. Jahrelange Beschwerden brauchen Zeit und Eigenverantwortung. Und niemand muss sich einrenken lassen, der es nicht will. Was Stress im Körper anrichtet, vertieft Birgit Schiller im Interview über Stress als Auslöser für Krankheiten aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Alexander Mallok ist Osteopath, NLP-Therapeut und Heilpraktiker, kein Arzt. Osteopathische Behandlungen bei Vorerkrankungen, in der Schwangerschaft oder nach frischen Verletzungen gehören in ärztliche Rücksprache; bei Schmerzen zwischen den Schulterblättern oder im Oberbauch mit Brustschmerz, Atemnot, Fieber, Gelbfärbung, Lähmungen, Gefühlsstörungen oder nach einem Sturz suchen Sie sofort ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Was meint Alexander Mallok damit, dass die Ursache nicht am Ort des Schmerzes liegt?
Wie hängen Leber, Galle und Schmerzen zwischen den Schulterblättern aus seiner Sicht zusammen?
Bedeutet „mir läuft die Galle über“ wirklich etwas für den Körper?
Wie schnell soll Osteopathie wirken?
Muss ich mich einrenken lassen, wenn ich Angst davor habe?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
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