Das Knie schmerzt auf der Treppe, also wird das Knie behandelt. Doch Lars Lienhard, Sportwissenschaftler, Ausbilder, Trainer, Autor, Berater, fängt woanders an: bei der Frage, welche Sinnesinformation dem Gehirn fehlt, damit es das Knie sauber steuern kann. Nicht selten landet er dabei im Innenohr. Beim Osteopathie Kongress erklärte der Begründer des Neuroathletiktrainings, was hinter dem Begriff steckt, warum er keinen Lieblingsnerv hat und weshalb er den viel gelobten Vagusnerv gern entzaubert. Sein Gespräch trug den Titel „Was ist Neuroathletiktraining?“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.

Athletik für das Gehirn

Was unterscheidet Neuroathletik von normalem Athletiktraining? Athletiktraining bereite den Körper auf die körperlichen Anforderungen eines Wettkampfs vor, sagt Lienhard. Jede Bewegung müsse aber auch gesteuert werden. Welche Informationen braucht das Gehirn, um einen Ball zu schießen oder vom Stuhl aufzustehen? Das Athletiktraining kümmere sich um die Physis, das Neuroathletiktraining um die neuronalen Anforderungen derselben Aufgabe.

Gilt das nur für Profis? Nein, sagt er. Die Anforderungen seien verschieden, die Prinzipien und Übungen ziemlich gleich.

O-Ton aus dem Interview

Es geht um Bewegungsoptimierung. Nur der eine möchte schmerzfrei die Kaffeedose wieder vom Regal nehmen können. Der andere macht damit einen Tennisaufschlag.

Lars LienhardSportwissenschaftler, Ausbilder, Trainer, Autor, Berater

Ob Schmerz, Verspannung oder Technikfehler: Auf jedes Symptom habe das Gehirn Einfluss. Dafür sortiert Lienhard, woher es seine Informationen bezieht. Aus der Umwelt über die fünf Sinne, die Exterozeption. Aus dem Körperinneren über Blutdruck, Atmung, Herz und Organe, die Interozeption. Und über Lage und Stellung des Körpers im Raum, die Propriozeption. Bekomme das Gehirn aus einem Gelenk schlechte Rückmeldung, könne es diesen Körperabschnitt nicht mehr richtig benutzen.

Schema mit drei Quellen von Sinnesinformation aus Außenwelt, Körperlage und Körperinnerem, die gelb ins Gehirn laufen, von dort führt ein Pfeil zu einer Grafikfigur im Einbeinstand

Drei Ströme, ein Ziel: Aus Außenwelt, Körperlage und Körperinnerem laufen Sinnesinformationen ins Gehirn, das daraus die Bewegung steuert. Fehle Information aus einem Bereich, leide die Steuerung, beschreibt Lars Lienhard.

O-Ton aus dem Interview

Unser Gehirn braucht Sinnesinformationen, um eine Bewegungsaufgabe zu lösen. Es funktioniert eigentlich in drei Schritten. Es kriegt Informationen, integriert die und entscheidet dann, wie die Handlung moduliert wird.

Lars Lienhard

Ein Symptom sei deshalb immer auch eine Konsequenz von Entscheidungen im Gehirn. Das klingt nach einem Nerven-Thema. Welcher Nerv also? Die Antwort überrascht.

Ein Nerv, viele Namen

Die Moderatorin wollte wissen, ob es einen Nerv gebe, der besonders viele Informationen sammelt. Lienhard winkt ab.

O-Ton aus dem Interview

Für mich, ehrlich gesagt, gibt es nur einen Nerv. Der hat ziemlich viele Namen und ziemlich viele Verästelungen, damit wir darüber kommunizieren können.

Lars Lienhard

Interessant seien nicht die Leitungen, sondern die Netzwerke, die verarbeiten. Das prägt seinen Blick auf Schmerz: ein Signal, das zum Handeln auffordert, eine Vermutung des Gehirns, man sei in akuter oder möglicher Gefahr. Er nennt es eine Liebeserklärung des Körpers, echte Warnsignale ausgenommen. Wie Jan Lingen denselben Gedanken weiterdenkt, lesen Sie im Interview über Schmerz als Signal des Körpers.

Ein Hinweis der Redaktion: Neue, starke oder anhaltende Schmerzen, Schmerzen mit Lähmungen, Gefühlsstörungen, Fieber oder nach einem Sturz gehören in ärztliche Abklärung, bevor jemand sie als Signal deutet.

Wenn kein Nerv der wichtigste ist: Wo fängt Lienhard dann an? Bei dem System, das am ältesten ist.

Das Innenohr und das Knie

Je älter ein System stammesgeschichtlich sei, desto mehr Einfluss habe es auf die jüngeren, sagt Lienhard. Deshalb beginnt er gern beim Gleichgewicht. Es stabilisiere die Augen, während wir uns bewegen, und 90 Prozent aller Informationen kämen über die Augen, eine Zahl, die er als Faustregel nennt. Vor allem aber:

Wissenschaftliches Modell des Gleichgewichtsorgans im Innenohr mit drei Bogengängen in Petrol, angeschnittener Hörschnecke und dem terrakottafarben hervorgehobenen Sacculus
O-Ton aus dem Interview

Das Gleichgewicht reguliert uns gegen die Schwerkraft. Jede Bewegung ist eigentlich in Bezug zu setzen zur Schwerkraft.

Lars Lienhard

Haltung und reflexartige Stabilität würden zu großen Teilen über die Gleichgewichtskerne mitbestimmt. Dann kommt das Knie. Wer auf Treppen Knieschmerzen habe, bewege sich vertikal, und vertikale Beschleunigung registriere vor allem der Sacculus, ein Teil des Gleichgewichtsorgans. Seine Beobachtung: Arbeite man am Sacculus, gehe es dem Knie oft besser. Das ist Praxiserfahrung aus seinem Training; Daten dazu nennt das Gespräch nicht. Was im Kniegelenk selbst bei Arthrose passiert, erklärt unser Artikel über Kniearthrose.

Prüfen lasse sich das Gleichgewicht über seine Aufgaben: einen Punkt scharf sehen und den Kopf auf und ab bewegen, oder beim Gehen den Kopf zur Seite neigen. Wird das Bild unscharf oder sackt der Körper weg, sei das ein Hinweis, keine Diagnose; Detailbefunde gehörten zu Fachleuten.

Ein Hinweis der Redaktion: Neu auftretender Schwindel gehört in ärztliche Abklärung, bevor jemand ihn trainiert. Das Gleichgewicht ist die eine Stellschraube. Die zweite sitzt ein paar Zentimeter weiter vorn.

Wohin die Augen schauen

Bewegung werde visuell geführt, sagt Lienhard, und Augenbewegungen würden in Hirnregionen verarbeitet, die zugleich die Körperspannung mitregeln. Sein Beispiel ist der Sprinter. Wer beim Start auf den Boden schaut, stellt die Augen nach innen; das zuständige Areal im Mittelhirn fördere Beugung, also die Vorlage. Wer sich aufrichtet und weit über das Ziel hinausschaut, aktiviere einen anderen Abschnitt des Hirnstamms, der Streckung fördere: Der Läufer kippe nach hinten.

Was heißt das für den osteopathischen Befund? Lienhards Rat: den Patienten neutral geradeaus schauen lassen, denn jede Augenbewegung bereite das Gehirn auf eine Aktion vor und zeige sich beim Tasten als Spannungsfeld. Wie Osteopathen grundsätzlich untersuchen und was der Beruf rechtlich ist, beschreibt Stefan Rieth im Interview „Was ist Osteopathie?“.

Der Vagusnerv ist kein Selbstheilungsnerv

Kaum ein Nerv wird so gefeiert wie der Vagusnerv. Lienhard mag den Rummel nicht.

O-Ton aus dem Interview

Es ist ein peripherer Nerv, der Informationen sammelt. Interessant ist, welche Informationen er sammelt. Es ist kein Selbstheilungsnerv.

Lars Lienhard

Das Etikett sei zum Verkaufen geschrieben worden. Wichtig sei der Nerv trotzdem: als größter Nerv des Parasympathikus, des Erholungssystems, sammle er Informationen aus Herz, Lunge und Bauchorganen. Sie landen nach Lienhards Beschreibung in der Inselrinde, dem Sitz der Interozeption; darum gehe es auch in seinem Buch „Neuronale Heilung“, das eigentlich „Interozeption“ heißen sollte, was der Verlag nicht wollte. Sei dieses Fließgleichgewicht gestört, erwarte das Gehirn ständig Stress, fahre Blutdruck und Puls schon auf dem Weg zur Arbeit hoch, und die Erholung gerate ins Hintertreffen. Ein Rezept für alle gebe es nicht: Wer Körpersignale schlecht einordne, für den sei Meditation mit Körperfokus eher Stress als Hilfe.

Was empfiehlt er stattdessen? Den Ast des Nervs an der Ohrmuschel zwei Minuten über die Haut vibrieren lassen, etwa mit einer batteriebetriebenen Reisezahnbürste; große Zungenkreise; Summen und Brummen; langes Ausatmen; Wärme auf dem Bauch. Der Vibration schreibt er eine Wirkung auf die Stressregulation zu und, in seinen Worten, auch eine entzündungshemmende in Organen und Gelenken. Das ist seine Einschätzung. Die Forschung zur nichtinvasiven Reizung des Vagusnervs am Ohr arbeitet mit Geräten unter Studienbedingungen; für die Zahnbürsten-Variante liegen keine belastbaren Studien vor.

Drei Dinge für den Alltag

Die Moderatorin bat um drei Tipps aus dem Buch. Lienhards erster Schlüssel ist sanftes, regelmäßiges Gleichgewichtstraining: eng stehen, nur Nein-Nein- und Ja-Ja-Bewegungen mit dem Kopf, dann den eigenen Daumen dabei scharf sehen, dann auf ein Bein. Zweitens den Körper abreiben, mit der Aufmerksamkeit auf dem Gefühl, links anders als rechts. Drittens die Vagus-Routine von oben. Für die Dauer gelte:

O-Ton aus dem Interview

Gesundheit ist ein aktiver Prozess. Heilung ist ein aktiver Prozess. Wir können Tools geben. Machen müssen es die Menschen selber.

Lars Lienhard

Zehn bis zwanzig Minuten am Tag für eine Sache, das sei die Dosis, ab der sich aus seiner Sicht etwas dauerhaft verändert.

Säulendiagramm aus dem Cochrane-Review von Sherrington 2019: Gleichgewichts- und Alltagsübungen senken die Sturzrate um 24 Prozent, kombinierte Programme aus Gleichgewicht und Kraft um 34 Prozent, Tai Chi um 19 Prozent, alle Übungsformen zusammen um 23 Prozent

Zur Einordnung: Lienhard begründet das Gleichgewichtstraining neurologisch. Der am besten belegte Nutzen im Alter ist ein anderer. In einem Cochrane-Review über 108 randomisierte Studien mit 23.407 zu Hause lebenden Menschen ab 60 Jahren senkten Gleichgewichts- und Alltagsübungen die Sturzrate um 24 Prozent (Rate Ratio 0,76, 95-%-Konfidenzintervall 0,70 bis 0,81; 39 Studien, hohe Evidenzsicherheit), kombinierte Programme aus Gleichgewicht und Kraft um 34 Prozent (moderate Sicherheit), Tai Chi um 19 Prozent (niedrige Sicherheit), alle Übungsformen zusammen um 23 Prozent. Quelle: Sherrington C et al. 2019, Cochrane Database of Systematic Reviews 1:CD012424, PMID 30703272.

Ein Hinweis der Redaktion: Einbeinstand und Kopfbewegungen erhöhen kurzfristig das Sturzrisiko. Wer Osteoporose, Schwindel oder unsichere Beine hat, übt mit Halt und spricht den Einstieg mit Ärztin oder Arzt ab. Was Krafttraining für den Knochen leistet, lesen Sie im Artikel Krafttraining bei Osteoporose.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Lars Lienhard dreht die Reihenfolge um. Nicht der Muskel, nicht der Nerv, sondern die Information ist für ihn der Hebel: Was weiß das Gehirn über Außenwelt, Körperlage und Körperinneres, und wo fehlt ihm etwas? So wird Knieschmerz zum Gleichgewichtsthema und Dauerstress zu einem Problem der Inselrinde. Das ist ein Modell aus dem Leistungssport, keine Leitlinie; Studien nennt das Gespräch nicht.

Drei Dinge bleiben. Sanftes Gleichgewichtstraining hat auch jenseits seiner Theorie einen belegten Nutzen, nämlich weniger Stürze. Der Vagusnerv ist ein wichtiger Sammler von Körperinformation, aber kein Wundernerv. Und ein Symptom als Entscheidung des Gehirns zu verstehen, kann entlasten, ersetzt aber keine Abklärung. Wie Schmerz aus biologischen, psychischen und sozialen Faktoren zugleich entsteht, vertieft Felix Kade im Interview zum Bio-Psycho-Sozial-Modell.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Lars Lienhard ist Sportwissenschaftler und Trainer, kein Arzt. Gleichgewichtsübungen, Wärme- oder Kälteanwendungen und Übungen zur Reizung des Vagusnervs gehören bei Vorerkrankungen, Schwindel, Osteoporose oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen in ärztliche Rücksprache; bei Schmerzen mit Lähmungen, Gefühlsstörungen, Fieber, plötzlichem Schwindel oder nach einem Sturz suchen Sie sofort ärztliche Hilfe.

Häufige Fragen

Was ist Neuroathletiktraining?
Lars Lienhard erklärt es über den Vergleich mit dem Athletiktraining. Dieses bereite den Körper auf die körperlichen Anforderungen einer Bewegung vor, Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer. Jede Bewegung müsse aber auch vom Gehirn gesteuert werden, und dafür brauche das Gehirn Sinnesinformationen aus Augen, Gleichgewichtsorgan, Gelenken und Körperinnerem. Neuroathletiktraining reize diese Sinnessysteme gezielt, damit das Gehirn eine Bewegungsaufgabe besser lösen könne.
Ist Neuroathletiktraining nur etwas für Spitzensportler?
Nein, sagt Lienhard. Die Anforderungen seien verschieden, die Prinzipien und Übungen ziemlich gleich. Der eine wolle schmerzfrei die Kaffeedose vom Regal nehmen, der andere einen Tennisaufschlag schlagen; die Netzwerke, die dabei die Schulter steuern, seien dieselben.
Was hat das Innenohr mit Knieschmerzen zu tun?
Lienhard beschreibt, dass vertikale Beschleunigung, also Treppauf- und Treppabgehen, vor allem vom Sacculus registriert werde, einem Teil des Gleichgewichtsorgans im Innenohr. Der größte Hub in der Vertikalen laufe über das Knie. Nach seiner Erfahrung gehe es dem Knie oft besser, wenn man am Sacculus arbeite. Das ist Praxiserfahrung aus seinem Training, keine Studie; die Redaktion ergänzt, dass anhaltender Knieschmerz ärztlich abgeklärt gehört.
Ist der Vagusnerv ein Selbstheilungsnerv?
Nein, sagt Lienhard, dieses Etikett sei zum Verkaufen geschrieben worden. Der Vagusnerv sei ein peripherer Nerv, der Informationen aus Herz, Lunge und Bauchorganen sammelt, und der größte Nerv des Parasympathikus, also des Erholungssystems. Ansprechen lasse er sich nach seiner Erfahrung über Vibration an der Ohrmuschel, große Zungenkreise, Summen, langes Ausatmen und Wärme auf dem Bauch. Die Redaktion ergänzt: Belastbare Studien zu solchen Alltagsanwendungen fehlen.
Wie kann ich mein Gleichgewicht selbst prüfen und trainieren?
Lienhard nennt zwei Hinweise: Wer einen Punkt scharf sieht und dann den Kopf auf und ab bewegt, sollte ihn scharf behalten; wer beim Gehen den Kopf zur Seite neigt und dabei wegsackt, zeige eine einbrechende Haltungsregulation. Als Einstieg empfiehlt er, eng zu stehen und nur Nein-Nein- und Ja-Ja-Bewegungen mit dem Kopf zu machen, später mit Blick auf den eigenen Daumen und im Einbeinstand. Die Redaktion ergänzt: Bei Osteoporose, Schwindel oder unsicheren Beinen nur mit Halt üben und den Einstieg mit Ärztin oder Arzt absprechen.
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