Drei Sekunden stehen bleiben. Länger muss der erste Schritt nicht dauern, sagt Mascha Blankschyn, Gymnasiallehrerin, MBSR-Lehrerin, MSC-Lehrerin. Doch wer Achtsamkeit für ein Wohlfühlprogramm hält, bekommt von ihr eine unbequeme Antwort: Es gehe genauso darum, das Unangenehme auszuhalten, den eigenen Schmerz eingeschlossen. Beim Osteopathie Kongress erzählte sie, wie eine Lebenskrise sie zur Meditation brachte, warum eine Rosine die halbe Lehre enthält und was ihr die Praxis bei ihrer Endometriose gebracht hat. Ihr Gespräch trug den Titel „Achtsamkeit als heilendes Element“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Eine Suchende am Strand von Thailand
Wie kommt eine Lehrerin ins Kloster? Über das Reisen, erzählt Blankschyn. Jeder Flug an einen exotischen Ort habe kurz berauscht, die nächste Reise habe weiter weg führen müssen.
Ich war eine Suchende. Ich habe, wie wir alle das eigentlich kennen, das Glück gesucht und geschaut, wie kann ich ein gutes Leben führen, wie kann ich ein glückliches Leben führen, und habe versucht, das zu finden, und zwar im Außen.
Der Wendepunkt: ein Strand in Thailand, wunderschön, und in ihr eine Leere wie nie zuvor. Es folgten eine Krise, Hermann Hesses „Siddhartha“ und zwei Wochen in einem buddhistischen Kloster, gleich auf die harte Tour. Verstanden habe ihr Verstand nichts. Gespürt habe sie trotzdem: Die Unzufriedenheit sitzt innen, also muss sie dort ansetzen.
Was ist dieses Achtsamsein eigentlich?
Ein Begriff, der sich nur schmecken lässt
Blankschyn beantwortet die Frage vor jedem Workshop neu. Achtsamkeit lasse sich nur erfahren, so wie sich der Geschmack eines Apfels kaum in Worten übertragen lasse. Eine Annäherung: alles wahrnehmen, was über die Sinne kommt und innen vorgeht, und dabei bleiben, auch beim Unangenehmen.
Warum fällt das so schwer? Sie holt ein Modell aus dem Buddhismus.
Im Buddhismus sagt man, es gibt drei Arten von Gefühlen: die angenehmen, die unangenehmen und die neutralen. Von den angenehmen wollen wir immer mehr haben, den unangenehmen versuchen wir aus dem Weg zu gehen, und die neutralen nehmen wir eigentlich gar nicht wahr. Das Problem dabei ist, dass wir nie stillstehen.
So entstehe die innere Unruhe. Achtsamkeit heiße, mit beidem sein zu lernen; das koste Mut.
Wie fängt man an? Mit etwas sehr Kleinem.
Die Rosine und der Anfängergeist
Der Klassiker jedes MBSR-Kurses ist die Rosinenübung: eine Rosine betrachten, als sähe man sie zum ersten Mal. Diese Haltung nennt Blankschyn Anfängergeist. Riechen, fühlen, die eigene Erwartung prüfen, dann essen. Mit Schülern nimmt sie lieber Schokolade. Dass man sich dabei albern vorkommt, gehört dazu; genau diese bewertenden Gedanken seien das Übungsmaterial. Was dabei wächst, beschreibt sie mit einem Bild aus dem Sport.
Die Gedanken wandern, ich hole sie zurück, dann wandern sie wieder. Je öfter diese Bewegung gemacht wird, desto stärker wird der Muskel, und es wird leichter, einfach im Moment zu bleiben.

Der Achtsamkeitsmuskel, wie Mascha Blankschyn ihn beschreibt: Die Aufmerksamkeit liegt beim Atem, die Gedanken wandern ab, irgendwann fällt es auf, die Aufmerksamkeit kehrt zurück. Jede Runde stärke die Fähigkeit, im Moment zu bleiben.
Ob jemand diesen Muskel trainiert hat, könne sie nicht messen, sagt sie auf Nachfrage. Vielleicht wirkten Geübte im Gespräch ruhiger und weniger impulsiv. Eine zweite Übung trifft die meisten härter als die Rosine.
Die innere Peitsche
Stellen Sie sich vor, eine Freundin kommt nach einem schlechten Tag zu Ihnen. Vermutlich trösten Sie. Zweiter Teil der Übung: Wie haben Sie zuletzt mit sich selbst gesprochen, als etwas schiefging? Blankschyn beschreibt, was dann fast immer herauskommt.
Ich war so nett und liebevoll zu dem Freund oder der Freundin. Und wenn es mir selber schlecht geht, dann hole ich erst mal die innere Peitsche raus und mache mich selber noch fertig, schütte selber noch viel mehr Öl ins Feuer.
Der Aha-Moment liege in der Frage, ob man das will. Meistens nicht.
Woran hält man sich fest, wenn die Gedanken einen wegtragen? Blankschyn hat einen Anker, den jeder bei sich trägt.
Der Atem als Anker
Der Atem werde nicht verändert, sondern beobachtet.

Der Atem ist ein gutes Meditationsobjekt. Das ist wie so ein Anker, im Hier und Jetzt verankert. Der Atem ist ganz gut dazu, weil wir den immer dabei haben. Der ist immer da, und der passiert auch immer hier und jetzt.
Der Atem verrate den Zustand: weich und lang bei Entspannung, flach und hart bei Anspannung. Und er zeige, wann der Geist abwandert. Blankschyn nennt das den Gedankenzug: Man steigt ein, ohne es zu merken, und stellt erst am nächsten Bahnhof fest, wo man gelandet ist. Dann zurück zum Atem. Wie Rolf Duda die Atmung einordnet, lesen Sie im Interview über die Rolle der Atmung.
Die Moderatorin zog eine Linie zur Osteopathie: Auch dort spreche man vom Raumhalten, die Hand bleibe auf dem Schmerzpunkt, und oft löse sich dann etwas. Das ist ihre Praxisbeobachtung, keine Studienaussage. Blankschyn übersetzte es in die Meditation: sich innerlich Raum geben, statt sich mit Serien, Essen oder Arbeit zu betäuben. Warum Essen so oft zum Trost wird, zeigt unser Artikel Abnehmen bei Arthrose.
Der Schmerz im Koffer
Blankschyn hat Endometriose und kennt, wie sie sagt, sehr krasse Schmerzen. Natürlich habe sie auf die Achtsamkeit gesetzt, und sei zunächst enttäuscht gewesen, weil sie nicht schmerzfrei wurde. Geblieben sei die Akzeptanz, dass da etwas ist. Passiv mache das nicht, widerspricht sie einem häufigen Einwand; Annehmen sei nur der erste Schritt.
Ich habe die sozusagen eingepackt in meinen Koffer. Und dann saßen wir zusammen am Steuer. Ich habe zusammen mit der Endometriose gefragt, was tut mir jetzt gut.
Vorher habe sie gedacht, ihr Körper arbeite gegen sie. Die neue Haltung habe eine Sanftheit eingeladen; die Krankheit blieb, aber sie berichtet, ihre Schmerzen seien weniger geworden, auch mit weiteren Bausteinen wie Osteopathie. Ihr Rat: in den Schmerz hineinspüren statt wegschauen. Stechend oder breit? Verändert er sich? So werde er zum Signal statt zum Feind. Wie Jan Lingen Schmerz als Botschaft liest, zeigt sein Interview „Schmerz als Signal unseres Körpers“.

Zur Einordnung: In einer randomisierten Studie mit 342 Erwachsenen mit chronischem Kreuzschmerz berichteten nach 26 Wochen 60,5 Prozent der Teilnehmer eines achtwöchigen MBSR-Kurses eine klinisch bedeutsame Besserung ihrer Alltagsfunktion, gegenüber 57,7 Prozent nach kognitiver Verhaltenstherapie und 44,1 Prozent unter üblicher Versorgung; bei der Schmerzbelastung waren es 43,6, 44,9 und 26,6 Prozent. Zwischen MBSR und Verhaltenstherapie gab es keinen signifikanten Unterschied. Quelle: Cherkin DC et al. 2016, JAMA 315(12):1240-9, PMID 27002445.
Ein Hinweis der Redaktion: Blankschyns Erfahrung ist persönlich, keine Behandlungsempfehlung. Chronische Schmerzen gehören in ärztliche Diagnostik und Therapie; Achtsamkeit kann begleiten, ersetzt aber weder Untersuchung noch Medikamente. Welche Bausteine die Medizin bei Gelenkschmerzen kennt, zeigt der Überblick zur Behandlung der Arthrose.
Drei Sekunden, eine Türklinke
Ins Kloster muss niemand, sagt Blankschyn. Einmal am Tag stehen bleiben, drei Sekunden aus dem Tun-Modus heraus: Wie geht es mir, wie fließt mein Atem? Oder im Sitzen den Kontakt zur Unterlage spüren, so wie Sie gerade auf Ihrem Stuhl. Sie nennt das den U-Turn. Ein Meditationslehrer aus Vietnam, den sie zitiert, empfehle, bei jedem Raumwechsel die Türklinke zu spüren: kalt oder warm, glatt oder rau. Und wenn es nicht klappt? Keine Selbstvorwürfe.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Mascha Blankschyn nimmt der Achtsamkeit den Zauber und gibt ihr Bodenhaftung. Sie sei kein Glücksversprechen und kein Schmerzmittel, sondern die Übung, wahrzunehmen, was ist. Ihre Werkzeuge: Rosine, Atem, Gedankenzug, Freundlichkeit mit sich selbst, drei Sekunden am Tag.
Bei ihrer Endometriose hat das nach eigener Schilderung die Krankheit nicht beseitigt, aber den Kampf gegen den Körper beendet. Die Studie oben zeigt für den chronischen Kreuzschmerz einen ähnlichen Nutzen wie bei Verhaltenstherapie; ärztliche Behandlung ersetzt ein Kurs nicht. Wie eng Psyche und Beschwerden zusammenhängen, vertieft Alexander Mallok im Interview über die Rolle der Psyche aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Mascha Blankschyn ist Lehrerin und Achtsamkeitslehrerin, keine Ärztin und keine Therapeutin. Chronische Schmerzen gehören in ärztliche Diagnostik und Behandlung; Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Bei neuen oder sich verändernden Schmerzen, Fieber, Lähmungen, Störungen von Blase oder Darm oder ungewolltem Gewichtsverlust suchen Sie zeitnah ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Was versteht Mascha Blankschyn unter Achtsamkeit?
Macht Achtsamkeit passiv, weil man alles akzeptieren soll?
Wie fängt man mit Achtsamkeit an, ohne zu meditieren?
Warum ist der Atem als Anker so geeignet?
Hilft Achtsamkeit bei chronischen Schmerzen?
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