Wer einen Osteopathen aufsucht, erwartet Hände am Rücken und einen Griff, der etwas löst. Doch Torsten Liem, MSc. Ost., MSc. Päd. Ost., G.OS.C-GB, D.O®, Osteopath, Heilpraktiker, Autor und Dozent, hält die Stunde auf der Liege für den kleineren Teil der Osteopathie. Beim Osteopathie Kongress sprach er unter dem Titel „Wie Osteopathie wirkt und die Selbstheilung fördert“ über das, was zwischen den Behandlungen passiert: Atmung, Lymphfluss, Bewegung, kleine Stressreize. Der Körper heile sich selbst, wenn die Bedingungen stimmen, so seine These, und die meisten Bedingungen setze der Patient zu Hause. Das vollständige Gespräch sehen Sie kostenlos im Kongress.

Ein Fach, das nicht für den Rücken erfunden wurde

Warum interessiert sich ein Osteopath für Schlaf, Essenszeiten und Lymphe? Osteopathie sei Mitte des 19. Jahrhunderts nicht für Rückenschmerzen entstanden, sagt Liem, sondern aus der Frage, wie sich Infektionskrankheiten besser behandeln lassen als mit der Medizin jener Zeit. Der Begründer Andrew Taylor Still habe deshalb von Anfang an den ganzen Menschen im Blick gehabt. Daraus folgt für Liem ein Satz, der für einen Therapeuten überraschend bescheiden klingt.

O-Ton aus dem Interview

Schließlich basiert unsere Arbeit darauf, dass wir wissen, dass am Ende der Patient sich heilt, wenn die Bedingungen die richtigen sind. Und wir als Osteopathen versuchen eben, die Bedingungen zusammen mit dem Patienten so zu verändern, dass Gesundheit entstehen kann.

Torsten Liem, MSc. Ost., MSc. Päd. Ost., G.OS.C-GB, D.O®Osteopath, Heilpraktiker, Autor und Dozent

Zu diesen Bedingungen zählt er ausdrücklich das Umfeld, vom verlorenen Job bis zur Wohnung fern vom Grün. Sein Ziel nennt er Begleitung „vom Opfer seiner Lebensumstände zum Helden seines Kontextes“. Was ein Osteopath dabei mit den Händen tut, erklärt Stefan Rieth im Interview „Was ist Osteopathie?“ aus demselben Kongress.

Ein Hinweis der Redaktion: Liem beschreibt manche Symptome als Ausdruck einer Entwicklung, die man begleiten statt wegmachen solle. Warnzeichen wie Lähmungen, Taubheit, Fieber oder plötzlicher Rückenschmerz nach einem Sturz gehören dagegen zuerst in ärztliche Abklärung.

Vielleicht erwarten Sie jetzt Anleitungen zum Handauflegen. Genau davon hält Liem wenig.

Lymphe: einfache Handgriffe statt Handauflegen

Früher hätten Patienten bei einer Erkältung den Termin abgesagt, erzählt Liem. Heute zeige er ihnen, was sie selbst tun können, und zieht dabei eine klare Grenze.

O-Ton aus dem Interview

Aus meiner Sicht geht es nicht darum, Patienten ganz merkwürdige Handauflegetechniken zu zeigen, die in der Regel sowieso nicht belegt sind. Dafür sind wir da, und dafür studieren wir ja fünf Jahre. Sondern es geht darum, einfache Dinge zu zeigen, die zum Beispiel den Lymphfluss anregen.

Torsten Liem, MSc. Ost., MSc. Päd. Ost., G.OS.C-GB, D.O®

Seine Anleitung für Tage mit laufender Nase: oberhalb der Schlüsselbeine sanft eindrücken und den Kopf leicht hinausziehen, weil dort die Lymphe zurück ins Blutsystem münde. Dann dreimal über das Gesicht nach unten streichen, dreimal von der Seite über Kopf und Hals nach vorn, dreimal vom Hinterkopf über den Nacken nach vorn. Eine Massage sei in diesem Zustand zu viel, leichte Streichungen genügten, dafür fünf- bis achtmal am Tag für ein bis drei Minuten.

Schema von Kopf, Hals und Brustkorb mit Lymphbahnen, Lymphknoten und Venenwinkel oberhalb des Schlüsselbeins, drei Pfeile zeigen die Streichrichtung nach unten, unten das Zwerchfell

Der Weg der Lymphe aus dem Kopf: Über Lymphbahnen und Lymphknoten am Hals fließt sie in den Venenwinkel oberhalb des Schlüsselbeins zurück ins Blut. Torsten Liem beschreibt, dass sanfter Druck an dieser Stelle und Streichungen nach vorn unten den Abfluss bei leichten Infekten unterstützen sollen; das Zwerchfell bewege die Lymphe bei tiefer Atmung mit.

Ob solche Streichungen eine Erkältung verkürzen, ist nicht belegt; Liem nennt dafür keine Studie. Fieber, geschwollene Lymphknoten oder ein Infekt, der nicht abklingt, gehören in ärztliche Hände.

Der zweite Motor der Lymphe ist für Liem die Atmung.

Die Hand auf dem Bauch

Mikroskopische Visualisierung eines Lymphgefäßes im Längsschnitt mit offener Klappe, Lymphozyten in aquamarinfarbener Lymphe und umgebenden Kollagen- und Muskelfasern
O-Ton aus dem Interview

Diese Lymphtechniken sind natürlich nicht nur so, dass ich mal die Hand auflege und plötzlich fließt alles. Sondern es ist eher so, dass auch hier wieder das Leben, das wir leben, einen Einfluss hat, wie und ob die Lymphe gut fließt.

Torsten Liem, MSc. Ost., MSc. Päd. Ost., G.OS.C-GB, D.O®

Lachen, Atmen, Bewegen: All das entscheide über den Lymphfluss mit. Wer nur in den Brustkorb atme, bei dem passiere wenig; eine langsame, tiefe Ruheatmung bis in den Bauch massiere den ganzen Körper rhythmisch durch. Was tun, wenn jemand das nie gelernt hat?

O-Ton aus dem Interview

Die erste wichtigste Übung ist, überhaupt zu lernen, in Ruhe in den Bauch zu atmen. Das machen nicht alle tatsächlich. Und überhaupt das festzustellen, ist schon mal ein Schritt, weil dann kann ich es auch verändern.

Torsten Liem, MSc. Ost., MSc. Päd. Ost., G.OS.C-GB, D.O®

Die Kontrolle: Hände auf den Bauch, beim Einatmen heben sie sich, beim Ausatmen senken sie sich. Das autonome Nervensystem lasse sich über Atem und Sprechtempo stärker steuern, als man lange dachte. Wie sehr die Atmung das Wohlbefinden prägt, vertieft Rolf Duda im Interview über die Rolle der Atmung aus demselben Kongress.

Bis hierhin klingt alles nach Ruhe. Der nächste Punkt bricht damit.

Gute Stressreize: der Rennwagen-Vergleich

Gefragt nach seinen wichtigsten Empfehlungen, nennt Liem etwas Unerwartetes: kurze, akute Stressreize. Aus dem Yoga kenne man das Anhalten des Atems; weitere Reize seien Austoben bis an die Grenze, Schwitzen, kurzes Frieren oder eine ausgelassene Mahlzeit. Das verbessere nach seiner Darstellung Schlaf, Stressregulation und Merkfähigkeit; er spricht von „knallharten Studien“, nennt aber keine einzelne.

O-Ton aus dem Interview

Wir sind wie so ein Rennauto. Das musst du mal an der Spitze ausfahren, sonst verfällt immer mehr und mehr die Leistung. Und so sind wir auch.

Torsten Liem, MSc. Ost., MSc. Päd. Ost., G.OS.C-GB, D.O®

Ein Vorbehalt der Redaktion: Atem anhalten, Kältereize und ausgelassene Mahlzeiten gehören bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, in der Schwangerschaft oder unter Medikamenten für Blutdruck oder Blutzucker vorher in ärztliche Rücksprache.

Drei Tipps, die er selbst befolgt

An erster Stelle steht bei Liem kein Handgriff, sondern eine Frage: Gibt es etwas, das Sinn gibt und das Herz öffnet, aber bisher keinen Platz hat?

Der zweite ist Bewegung. Den Tag vieler Patienten beschreibt er als Kette von Sitzgelegenheiten: Frühstückstisch, Auto, Büro, Esstisch, Fernseher, dazwischen selten eine halbe Stunde Fitnessstudio.

O-Ton aus dem Interview

Da ist mein größter Tipp, das Sitzen so oft wie möglich zu unterbrechen, ein bisschen was zu machen, Treppenhaus hoch- und runterlaufen, am Block laufen, ein paar Liegestütze machen.

Torsten Liem, MSc. Ost., MSc. Päd. Ost., G.OS.C-GB, D.O®

Das Buch „Sitzen ist das neue Rauchen“ habe er zunächst für Sektenliteratur gehalten; nach den Originalstudien fand er den Titel untertrieben. Die Daten sagen auch etwas Tröstliches.

Säulendiagramm der Metaanalyse von Ekelund 2016: Sterberisiko als Hazard Ratio 1,00 bei unter 4 Stunden Sitzen und viel Bewegung, 1,04 bei über 8 Stunden Sitzen und viel Bewegung, 1,27 bei unter 4 Stunden Sitzen und wenig Bewegung, 1,59 bei über 8 Stunden Sitzen und wenig Bewegung

Zur Einordnung: In einer harmonisierten Metaanalyse von 13 Kohortenstudien mit 1 005 791 Erwachsenen lag das Sterberisiko im Beobachtungszeitraum bei Menschen, die über 8 Stunden täglich saßen und sich wenig bewegten, um 59 Prozent höher als bei wenig Sitzen und viel Bewegung (Hazard Ratio 1,59, 95-%-Konfidenzintervall 1,52 bis 1,66). Wer ebenso lange saß, sich aber viel bewegte (über 35,5 MET-Stunden je Woche, etwa 60 bis 75 Minuten mäßig intensive Aktivität täglich), hatte kein erhöhtes Risiko (1,04, 0,99 bis 1,10). Wenig Sitzen allein schützte nicht: Bei wenig Bewegung lag das Risiko auch dann um 27 Prozent höher (1,27, 1,22 bis 1,31). Quelle: Ekelund U et al. 2016, Lancet 388(10051):1302-10, PMID 27475271.

Zur Ernährung braucht es aus seiner Sicht keine Expertise: das Essen auf ein Fenster von etwa acht bis elf Stunden begrenzen, zwei bis drei Mahlzeiten statt Snacks, möglichst vor Sonnenuntergang essen, reichlich Gemüse, etwas weißes Fleisch, Fisch und Pilze. Das frühe Abendessen fällt ihm selbst schwer. Wer Diabetes hat oder Medikamente nimmt, spricht ein solches Fenster vorher mit Ärztin oder Arzt ab. Mehr dazu in unseren Grundlagen der Arthrose-Ernährung.

Der dritte Tipp ist Schlaf. Liem verweist auf eine Arbeit in Nature aus dem Jahr 2015 zu Lymphgefäßen im Kopf; nachts werde im Gehirn aufgeräumt, und gerade Schmerzpatienten bräuchten diesen Schlaf. Praktisch: abends weniger Blaulicht, Rotlichtfilter auf Laptop und Handy, morgens mehr Licht. Wie Bewegung und Ernährung zusammen den Knochen stützen, lesen Sie im Artikel Osteoporose: Ernährung und Bewegung.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Torsten Liem dreht das Bild vom Osteopathen um. Im Zentrum steht nicht der Griff auf der Liege, sondern die Bedingungen, unter denen ein Körper sich selbst regulieren kann: Bauchatmung, unterbrochenes Sitzen, kurze Reize, ein festes Essensfenster, Schlaf ohne Blaulicht.

Was davon trägt, ist unterschiedlich gut belegt. Das Sitzen zu unterbrechen, stützen große Kohortendaten; Lymph-Handgriffe und kurze Stressreize sind Liems Erfahrung und Lesart der Forschung. Wie sich ein Schmerzsignal von einem Schaden unterscheidet, erklärt Jan Lingen im Interview „Schmerz als Signal unseres Körpers“ aus demselben Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Torsten Liem ist Osteopath und Heilpraktiker, kein Arzt. Atemanhalten, Kältereize, Fastenfenster und Selbstbehandlungen gehören bei Vorerkrankungen in ärztliche Rücksprache; Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Bei Fieber, geschwollenen Lymphknoten, Lähmungen, Taubheitsgefühlen, ungewolltem Gewichtsverlust oder plötzlichem Rückenschmerz nach einem Sturz suchen Sie ärztliche Hilfe.

Häufige Fragen

Was versteht Torsten Liem unter Selbstheilung in der Osteopathie?
Liem beschreibt es als Grundprinzip seines Fachs: Am Ende heile der Patient sich selbst, wenn die Bedingungen die richtigen seien. Die Aufgabe des Osteopathen sei, diese Bedingungen zusammen mit dem Patienten zu verändern. Deshalb spiele der Alltag zwischen den Behandlungen für ihn eine so große Rolle.
Welche Lymph-Selbsthilfe beschreibt Liem bei einer Erkältung?
Er empfiehlt, oberhalb der Schlüsselbeine sanft zu drücken, weil dort die Lymphe zurück ins Blutsystem fließe, und danach dreimal über das Gesicht, dreimal von der Seite über Kopf und Hals und dreimal vom Hinterkopf über den Nacken nach vorn zu streichen. Das könne man mehrmals am Tag für ein bis drei Minuten wiederholen. Die Redaktion ergänzt: Fieber, geschwollene Lymphknoten oder ein Infekt, der nicht abklingt, gehören in ärztliche Abklärung.
Warum empfiehlt ein Osteopath bewusst Stress?
Liem unterscheidet zwischen dauerhafter Belastung und kurzen, akuten Reizen wie Atem anhalten, Schwitzen, Frieren oder einer ausgelassenen Mahlzeit. Solche Reize hielten den Körper anpassungsfähig; er vergleicht das mit einem Rennwagen, der ausgefahren werden müsse. Studien dazu nennt er im Gespräch nicht im Einzelnen. Wer Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder eine Schwangerschaft hat, sollte solche Reize aus Sicht der Redaktion nur nach ärztlicher Rücksprache ausprobieren.
Was ist für Liem die wichtigste Atemübung?
In Ruhe in den Bauch zu atmen. Nach seiner Erfahrung tun das nicht alle, und schon das festzustellen sei ein erster Schritt. Als Kontrolle legt man die Hände auf den Bauch: Mit der Einatmung sollen sie sich heben, mit der Ausatmung senken.
Was sind seine drei wichtigsten Alltagstipps?
Erstens etwas tun, das Sinn gibt und das Herz öffnet. Zweitens Bewegung, vor allem das Sitzen so oft wie möglich unterbrechen, etwa mit Treppen oder ein paar Liegestützen. Drittens Schlaf, unterstützt durch weniger Blaulicht am Abend. Dazu kommt für ihn eine einfache Ernährung mit wenigen Mahlzeiten in einem begrenzten Zeitfenster und viel Gemüse.
Ist Osteopathie in Deutschland ein anerkannter Beruf?
Osteopathie ist in Deutschland kein eigenständig geregelter Heilberuf. Ausüben dürfen sie Ärztinnen und Ärzte sowie Heilpraktiker, Physiotherapeuten in der Regel mit ärztlicher Verordnung. Die Studienlage ist je nach Beschwerdebild unterschiedlich; am besten untersucht sind Rückenschmerzen.
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