Sieben Stunden geschlafen und trotzdem wie verkatert aufgewacht, ohne einen Tropfen Alkohol? Die Zunge belegt, die Finger steif, Schatten unter den Augen. Viele schieben das auf das Alter. Doch für Dr. Martin Krowicki sind solche Morgen ein erster Hinweis auf eine stille Entzündung, lange bevor ein Laborwert auffällt. Beim Pflanzenheilkunde Kongress erklärte er, wie er Entzündungen aufspürt und welche Pflanzenstoffe er dagegen einsetzt. Seine Botschaft überrascht: nicht alles nehmen, sondern auswählen wie an einem Buffet. Das Gespräch trug den Titel „Mit pflanzlichen Mikronährstoffen chronische Entzündungen bekämpfen“; die Aufzeichnung sehen Sie im Kongress.
Verkatert ohne Alkohol: der Morgen-Check
Woran merkt man eine Entzündung, die keine Wunde und kein Fieber macht? Krowicki beginnt nicht im Labor, sondern beim Aufwachen: Fällt das Aufstehen leicht? Ist die Zunge belegt? Schmerzen Gelenke vor dem ersten Schritt? Drückt der Kopf, obwohl der Schlaf gereicht hat? Nachts räume das Lymphsystem auf, sagt er; falle dabei viel an, melde sich das am Morgen.

Wenn ich morgens aufwache, selbst wenn ich sieben bis acht Stunden geschlafen habe: Wie fühle ich mich denn da? Bin ich sehr frisch und vital, oder bin ich eher, wie man sagt, verkatert? Also nicht dieser Kater, wenn man Alkohol getrunken hat, aber dieses Gefühl, dass alles ein bisschen enger ist.
Das Gefühl ist der Einstieg, der Beweis kommt aus dem Blut. Am häufigsten werde das C-reaktive Protein als hochsensitiver Wert hs-CRP bestimmt, für wenig Geld. Weitere Marker: TNF-alpha, Interleukin-6, Interleukin-1-beta, Histamin und die Blutsenkung, die er für weniger eindeutig hält. Wer beim Hausarzt konkrete Symptome schildere, bekomme den Wert oft als Kassenleistung.
Ein Hinweis der Redaktion: Steife oder schmerzende Gelenke am Morgen gehören ärztlich abgeklärt, erst recht mit Schwellungen, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust (mehr dazu im Glossar unter Morgensteifigkeit). Was aber richtet eine solche Entzündung in der Zelle an? Krowicki greift zu einem Bild aus dem Chemieunterricht.
Wild gewordene Moleküle und ihre Gegenspieler
Im Zentrum vieler Entzündungsprozesse sieht Krowicki freie Radikale.
Das sind, kurz zusammengefasst, wild gewordene Moleküle, die, wenn sie überschießen, einiges mit sich reißen und zerstören können, weil sie einfach nach Bindungspartnern suchen.
In kleiner Menge seien Radikale normal, sogar erwünscht, weil sie Anpassung anstoßen. Kippe das Verhältnis, hielten sie Entzündungsherde am Laufen. Den Gegenpart bilden für ihn Antioxidantien, und die liefere vor allem die Pflanzenwelt; dass man „den Regenbogen essen“ solle, habe einen chemischen Grund, denn viele Polyphenole seien Farbstoffe.
Anschaulich wird er an der Zellhülle. Fettlösliche Stoffe wie Betacarotin aus der Karotte und Vitamin E lagerten sich dort ein. Astaxanthin, der rote Farbstoff, der auch Lachs färbt, rage mit seinen Enden wie kleine Antennen aus der Membran und fange Radikale ab, bevor sie eindringen. Vitamin C dagegen sei der frei bewegliche Allrounder.

Schutz an der Grenze: So beschreibt Krowicki die Arbeit fettlöslicher Antioxidantien. Betacarotin und Vitamin E sitzen in der Zellmembran, Astaxanthin ragt mit seinen Enden wie Antennen heraus und fängt freie Radikale ab, bevor sie die Zelle erreichen.

Vor der Fülle seiner Liste warnt er selbst.
Ich stelle einige vor, das ist ein Buffet, und bei einem Buffet muss man auch nicht alles essen. Man wählt bestimmte Dinge aus, die zu einem passen.
Zwei Extrakte hebt er hervor: Traubenkern mit seinen OPC, die er den Flavanolen zuordnet, und Grapefruitkern, dessen Entdeckung er als Kompost-Anekdote erzählt: Die Kerne seien nicht verrottet, ein Forscher habe nachgehakt. Dass Extrakte kräftiger wirken als die ganze Frucht, ist seine Lesart; für Grapefruitkernextrakt am Menschen sind belastbare Daten dünn. Wichtig aus Sicht der Redaktion: Grapefruitprodukte können den Abbau vieler Medikamente verändern, wer Arzneimittel nimmt, fragt vorher Arzt oder Apotheke. Bei der Traube wird Krowicki fast wehmütig.
Im Traubenkern steckt eigentlich die ganze Magie. Und was essen viele Menschen? Trauben, die keine Kerne mehr haben.
Teller zuerst, Extrakt bei Bedarf
Wann reicht der bunte Teller, wann greift er zur Kapsel? Krowickis Basis ist immer die vielfältige Ernährung. Extrakte nimmt er in drei Situationen dazu: begleitend zu einer ärztlichen Therapie, die er nicht ersetzen will; bei diffusem Unwohlsein ohne Diagnose, um auszuprobieren, ob sich etwas ändert; und bei hohem Verbrauch durch Stress, Sport oder Reisen, denn Stress produziere freie Radikale.
Auch beim Tempo unterscheidet er. OPC und Grapefruitkernextrakt entfalteten sich zügig, Astaxanthin müsse sich über etwa acht Wochen in den Zellmembranen anreichern. Als Testzeitraum nennt er vier bis sechs Wochen. Wie ein entzündungsarmer Teller aussieht, zeigt unser Überblick zur Ernährung bei Arthrose; was die Leitlinie zu seinem Favoriten Curcumin sagt, steht im Artikel zur Curcumin-Dosierung nach AWMF.
Seine Überzeugung, Pflanzen regulierten sanft und brächten kaum Nebenwirkungen, teilen nicht alle: Auch Pflanzenextrakte können hoch dosiert Leber und Nieren belasten. Einen Stoff hebt er über alle anderen, und der kommt nicht aus der Pflanze, sondern aus dem eigenen Körper.
Coenzym Q10: der Flaschenhals ab 40
Über Coenzym Q10 müsse mehr gesprochen werden, findet Krowicki. Es wirke doppelt: als Antioxidans in der Zellmembran und im Mitochondrium, wo es an der Bildung des Energieträgers ATP beteiligt sei. Der Körper stelle Q10 selbst her, brauche dafür aber Selen und B-Vitamine, die häufig knapp seien. Ab dem zwanzigsten Lebensjahr sinke die Eigenproduktion, ab etwa 40 sei der Rückgang in Organen wie der Bauchspeicheldrüse deutlich. Wer dann Statine einnehme, die die Q10-Synthese hemmten, verliere weiter; dann brauche man sich nicht zu wundern, wenn die Energie in den Keller gehe.
Zwei Sätze der Redaktion: Cholesterinsenker setzt niemand wegen dieser Überlegung ab, und ob Q10 unter Statinen Beschwerden lindert, zeigen Studien uneinheitlich. Das Q10-reichste Lebensmittel ist nach Krowickis Worten das Herz. Er esse deshalb Innereien, verarbeitet zu Patties aus Leber, Herz und Rindfleisch. Und er gibt eine Schwäche zu.
Ich stürze mich jetzt auch nicht auf die Leber mit voller Appetit, das muss ich zugeben. Das ist einfach, weil ich weiß und fühle, dass es mir sehr gut tut und Energie gibt.
Wer keine Innereien möchte, könne Q10 als Ubiquinon oder Ubiquinol ergänzen. Eine Pflanzenquelle mit nennenswertem Gehalt hatte er nicht parat. Für Schwangere gilt bei Leber wegen des hohen Vitamin-A-Gehalts: nie ohne ärztliche Rücksprache. Wer Müdigkeit lieber mit Heilpflanzen angeht, findet bei Dr. med. Berndt Rieger im Interview über adaptogene Heilpflanzen aus demselben Kongress einen anderen Zugang.
Schwefel gegen steife Gelenke
Wer zu Arthritis oder Rheuma recherchiere, stolpere früher oder später über MSM, sagt Krowicki. Die organische Schwefelverbindung stecke in jedem lebenden Organismus, auch in Zwiebel und Knoblauch, und dämpfe aus seiner Sicht entzündliche Signalwege. Er verweist auf eine Studie mit Menschen über 50, die zwölf Wochen lang MSM einnahmen und weniger Schmerzen, Steifheit und Schwellungen berichteten als die Vergleichsgruppe. Typische Dosierungen lägen bei 1000 bis 2000 Milligramm, Nebenwirkungen kenne er kaum.

Zur Einordnung: In einer randomisierten Studie mit 49 Menschen mit Kniearthrose (45 bis 90 Jahre) lag die MSM-Gruppe nach zwölf Wochen beim WOMAC-Gesamtscore 15,0 mm und bei der körperlichen Funktion 14,6 mm vor Placebo; beim Schmerz (12,4 mm) und bei der Steifigkeit (27,2 mm) war der Unterschied statistisch nicht gesichert. Die Autoren nennen die Verbesserungen klein und die klinische Bedeutung offen. Quelle: Debbi EM et al. 2011, BMC Complementary and Alternative Medicine 11:50, PMID 21708034.
Die Forschung ist also vorsichtiger als Krowickis Erfahrung. Wie MSM, Glucosamin und andere Präparate abschneiden, ordnet unser Artikel zur Evidenz von Arthrose-Supplementen ein. Bleibt die Frage, die jedes Nährstoffgespräch beschließt.

Messen, wissen, handeln
Kann man sich das alles selbst verordnen? Krowicki rät zu einem prüfenden Blick auf die Form eines Nährstoffs: Bei Vitamin B12 gebe es gut und schlecht verwertbare Verbindungen, in günstigen Produkten stecke oft die schlechtere. Vitamin C bevorzuge er in seiner pflanzlichen Matrix, etwa aus der Acerolakirsche, statt als reine Ascorbinsäure. Eine Überdosierung hält er bei den meisten Vitalstoffen für schwer möglich. Trotzdem endet er nicht beim Bauchgefühl.
Der Goldstandard ist messen, wissen, handeln. Das ist der Dreiklang in der Mikronährstofftherapie.
Erst der Blutwert, dann der Abgleich mit dem Referenzbereich, dann die Dosis. Für die Redaktion ist das der wichtigste Satz des Gesprächs. Denn für fettlösliche Vitamine wie Vitamin D oder A gibt es sehr wohl ein Zuviel, und wer Nierenprobleme hat oder Blutverdünner nimmt, braucht vor jeder Ergänzung ärztlichen Rat. Wildkräuter als Nährstoffquelle sind das Thema von Dr. med. John Switzer im Interview über Wildkräuter und Mikrobiom.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Krowicki beginnt beim Gefühl am Morgen und endet beim Laborwert. Dazwischen liegt sein Buffet: Betacarotin, Vitamin E und Astaxanthin für die Zellmembran, Vitamin C als Allrounder, Traubenkern- und Grapefruitkernextrakt, Coenzym Q10 für die Energie ab 40, MSM für steife Gelenke. Nichts davon versteht er als Ersatz für Ernährung oder ärztliche Therapie.
Sein wichtigster Rat ist zugleich der nüchternste: messen, wissen, handeln. Seine Einschätzungen zur Überlegenheit von Extrakten und zur Nebenwirkungsarmut von Pflanzenstoffen sind seine Sicht; die Studienlage ist dort dünner, als es im Gespräch klingt. Sein Morgen-Check dagegen kostet nichts.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Dr. Martin Krowicki spricht aus eigener Praxis und Erfahrung, nicht als Ihr behandelnder Arzt. Nahrungsergänzung neben verordneten Medikamenten, in Schwangerschaft und Stillzeit oder bei Nieren- und Lebererkrankungen gehört in ärztliche Abstimmung; Cholesterinsenker oder andere Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Anhaltende Gelenkschmerzen, Schwellungen, Fieber oder ungewollter Gewichtsverlust bitte ärztlich abklären lassen.
Häufige Fragen
Woran erkennt man laut Dr. Martin Krowicki eine stille Entzündung?
Welchen Blutwert empfiehlt er als ersten Schritt?
Welche pflanzlichen Antioxidantien nennt Krowicki im Gespräch?
Warum hält er Coenzym Q10 ab 40 für so wichtig?
Was sagt er zu MSM bei steifen Gelenken?
Kann man Nahrungsergänzung einfach selbst dosieren?
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