Rückenschmerzen hatte Martin Krowicki nie. Jahrelang gab er das in jedem Fragebogen so an, als Sportwissenschaftler, als Coach, als Ironman-Athlet. Doch wenige Monate vor seinem Kongress-Gespräch fuhr es ihm beim Kreuzheben ins Kreuz. Beim Nacken- und Rückenschmerz Kongress sprach der Gesundheits- und Performancecoach deshalb aus zwei Rollen: als jemand, der Studien zu Entzündung und Schmerz mitbrachte, und als frisch Betroffener, der eine Woche lang kaum laufen konnte. Seine These: Nicht die Bandscheibe sei das Problem gewesen, sondern ein Körper, dem alles zu viel wurde. Das Gespräch trug den Titel „Entzündungsmanagement und Rückenschmerzen“; die vollständige Aufzeichnung sehen Sie im Kongress.

Das Fass, das überläuft

Die Geschichte beginnt nicht im Rücken, sondern im Kalender: heiße Trainingsphase vor dem Ironman, Wechsel aus der Festanstellung in die Selbstständigkeit, Abgabe der Doktorarbeit. Einzeln tragbar, zusammen nicht, so beschreibt es Krowicki.

O-Ton aus dem Interview

Wenn viele Dinge unser Gesundheitsfass vollmachen und es dann überläuft, sucht der Körper ein Ventil. Und bei mir war das Rückenschmerzen.

Martin KrowickiGesundheits- und Performancecoach

Passiert ist es beim Kreuzheben mit Widerstandsbändern. Danach konnte er kaum gehen; eine Woche lang wurden Hinlegen und Aufstehen zur Qual. Ein Arzt hat ihn nicht gesehen, das sagt er offen. Seine Deutung: Der Körper habe zugemacht, um ihn vor der Wiederholung genau dieser Bewegung zu schützen. Den anfänglichen Gedanken an einen Bandscheibenvorfall nennt er im Rückblick selbst Quatsch.

O-Ton aus dem Interview

Das war der Versuch meines Körpers, mir zu zeigen: Junge, mach mal halblang, das geht nicht alles zusammen.

Martin Krowicki

Ein Hinweis der Redaktion: Ob ein Schutzreflex oder ein struktureller Schaden dahintersteckt, lässt sich ohne Untersuchung nicht sagen. Schmerzen mit Ausstrahlung ins Bein, Taubheit, Lähmungen, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber oder ungewollter Gewichtsverlust gehören sofort in ärztliche Abklärung.

Was aber hat ein volles Fass mit Entzündung zu tun? Für Krowicki ist das der Kern.

Entzündung als gemeinsamer Nenner

Bandscheibenverschleiß, Arthrose, Rückenschmerz: Für Krowicki laufen diese Beschwerden auf eine gemeinsame Ebene zu, die Entzündung. Schmerz entstehe nicht nur mechanisch, sondern über Botenstoffe, die Nerven reizen. Mikronährstoffe griffen nach seiner Darstellung an genau diesen Signalwegen an.

Schema auf Gewebeebene: Entzündungszellen geben Botenstoffe ab, die an einer Nervenfaser neben der Bandscheibe andocken und ein Schmerzsignal auslösen

So beschreibt Martin Krowicki den gemeinsamen Nenner: Entzündungszellen setzen Botenstoffe frei, die Nervenfasern reizen. Rückenschmerz, Bandscheibenverschleiß und Arthrose seien deshalb aus seiner Sicht immer auch ein Entzündungsthema, an dem Mikronährstoffe wie Omega-3 oder Curcumin nach seiner Darstellung ansetzen.

Wer jetzt eine Kapselliste erwartet, wird enttäuscht. Vor jede Empfehlung setzt Krowicki denselben Satz.

O-Ton aus dem Interview

Vitalstofftherapie fügt sich immer begleitend mit ein. Das sollte nie das Einzige sein.

Martin Krowicki

Sein erster Baustein ist der, den er in seiner Schmerzwoche höher dosierte.

Omega-3: erst messen, dann auffüllen

Omega-3-Fettsäuren, vor allem EPA, wirkten über mehrere Signalwege entzündungshemmend und darüber schmerzlindernd, sagt Krowicki. Als Beleg nennt er eine ältere Arbeit zu chronischen Nacken- und Rückenschmerzen: Die Teilnehmer hätten im Mittel etwa elf Wochen Omega-3 eingenommen, rund 60 Prozent hätten weniger Schmerzen berichtet, gut die Hälfte habe Schmerzmittel reduziert oder abgesetzt.

Die Redaktion ordnet ein: Das ist eine Fragebogen-Erhebung aus einer neurochirurgischen Praxis ohne Kontrollgruppe, nur die Hälfte der Angeschriebenen antwortete. Eine Wirkung lässt sich daraus nicht ableiten; verordnete Schmerzmittel setzt niemand ab, weil eine Befragung das nahelegt.

Interessanter ist sein zweiter Punkt: Der Ausgangswert werde in Studien selten gemessen. Professor von Schacky, den er als Vater des Omega-3-Index bezeichnet, habe ihm bestätigt, dass Menschen mit schlechter Versorgung am ehesten profitierten. Sein Rat: erst den eigenen Index bestimmen lassen, dann gezielt auffüllen.

Säulendiagramm zum Omega-3-Index aus zehn Kohortenstudien: oberstes Fünftel 8,3 Prozent, Mittelwert aller Teilnehmenden 6,1 Prozent, unterstes Fünftel 4,2 Prozent, Zielwert 8 Prozent

Zur Einordnung: In zehn Kohortenstudien lag der Omega-3-Index, also der Anteil von EPA und DHA an den Fettsäuren der roten Blutkörperchen, im Mittel bei 6,1 Prozent; das unterste Fünftel erreichte im Median 4,2 Prozent, das oberste 8,3 Prozent. Die Autoren schlagen unter 4 Prozent als höheres und über 8 Prozent als niedrigeres Risiko für eine tödliche koronare Herzkrankheit vor; um Schmerz ging es in dieser Auswertung nicht. Quelle: Harris WS, Del Gobbo L, Tintle NL 2017, Atherosclerosis 262:51-54, PMID 28511049.

Dasselbe Prinzip gilt für ihn beim Vitamin D.

Vitamin D und der untere Rand

Eine Untersuchung zu unteren Rückenschmerzen habe gezeigt, dass Patienten mit niedrigeren Vitamin-D-Spiegeln im Mittel stärkere Schmerzen angaben, berichtet Krowicki; empfohlen worden sei, bei Rückenschmerzen zumindest einen Mangel auszuschließen. Eine konkrete Grenze nennt er nicht verlässlich. Sein Punkt ist ein anderer.

O-Ton aus dem Interview

Ärzte sind immer zufrieden, wenn der Wert irgendwie im Referenzbereich noch ist. Und da ist es häufig egal, ob der am unteren Ende so kratzt. Da wird trotzdem gesagt, alles ist gut.

Martin Krowicki

Er selbst würde eher die Mitte oder das obere Drittel des Referenzbereichs anstreben, weil viele Prozesse im Körper um Vitamin D konkurrierten. Wie Vitamin D mit Calcium am Knochen zusammenarbeitet, lesen Sie in unserem Artikel zu Calcium und Vitamin D bei Osteoporose.

Aus Sicht der Redaktion gehört dazu: Vitamin D ist fettlöslich und reichert sich an. Ob und wie viel jemand einnimmt, legt der Blutwert gemeinsam mit Ärztin oder Arzt fest.

Curcumin, Kollagen und ein Pilz als Impuls

Curcumin zählt Krowicki zu den am besten untersuchten Pflanzenstoffen. Eine Übersichtsarbeit zu Bandscheibenproblemen und Arthrose habe weniger Schmerz und bessere Funktion gezeigt. Seine Erklärung: Ein Medikament schalte meist einen einzelnen Rezeptor, ein Naturstoff wirke auf viele Signalwege zugleich, etwa TNF-alpha oder NF-kappa-B. Die Redaktion merkt an, dass breite Wirkung auch breite Wechselwirkungen bedeuten kann; wer Dauermedikamente nimmt, spricht Curcumin-Präparate vorher ärztlich ab. Was Leitlinien dazu sagen, steht im Artikel zur Curcumin-Dosierung nach AWMF, die Studienlage im Artikel zu Supplementen bei Arthrose.

Kollagen nahm er vorsichtshalber höher dosiert, als Baustein für Knorpel, Bänder und Faszien. Er verweist auf eine randomisierte Studie von 2022, in der Patienten mit chronischen unteren Rückenschmerzen neben einem Übungsprogramm nach McKenzie eine Mischung aus Kollagen, Hyaluron, Vitamin C, Kupfer und Mangan erhielten und sich Schmerz und Funktion stärker verbesserten. Auch hier: begleitend, nie allein.

Zum Schluss legt er etwas auf den Tisch, das er selbst nicht als Beleg verstanden wissen will: Reishi und Cordyceps, zwei Pilze aus der traditionellen chinesischen Medizin. Sie könnten entzündungshemmend wirken, sagt er, und nennt eine kleine Untersuchung an Arthrose-Patienten. Für den Rücken bleibt er ehrlich.

O-Ton aus dem Interview

Ich habe keine Studien zu Rückenschmerzen und Reishi und Cordyceps gefunden. Deswegen sage ich, es ist ein Impuls.

Martin Krowicki

Wie ein anderer Gast desselben Kongresses Vitalpilze einordnet, lesen Sie im Interview mit Martin Auerswald über Vitalpilze bei chronischen Rückenschmerzen.

Spazieren statt Dehnen

Und was hat ihm selbst geholfen? Seine Antwort widerspricht einem verbreiteten Ratschlag. Den verkürzten Hüftbeuger wollte er zunächst kräftig aufdehnen, weil der ihn in die Schonhaltung zog. Der Körper hielt noch mehr gegen. Also ließ er das Dehnen weg.

Wissenschaftliche Grafikfigur im zügigen Spaziergang mit durchscheinendem Skelett und terrakottafarben markierter Lendenwirbelsäule vor gestaffelten Baum- und Hügelsilhouetten
O-Ton aus dem Interview

Übermäßiges Dehnen, was oft von großen Rückenschmerztherapeuten auch propagiert wird, hat für mich persönlich danach nicht so gut funktioniert. Die durchblutungssteigernden Maßnahmen, Spazierengehen und so, haben mir wirklich sehr, sehr gut geholfen und waren relativ schnell lindernd.

Martin Krowicki

Dazu kamen Schlaf, hochgelagerte Beine, Ruhe und Infrarotlicht, passive Maßnahmen statt forcierender Übungen. Nach etwa einer Woche sei alles wieder auf null gewesen. Heute hebt er wieder Kreuz, ohne Angst, und genau das hält er für den wichtigsten Punkt.

O-Ton aus dem Interview

Ich denke, das ist auch das Wichtigste, was man mitnehmen muss und sich auch bewahren muss: dass man da schnell diese Angst wieder verliert, wieder reingeht ins Training, Dinge dann besser macht.

Martin Krowicki

Ein Hinweis der Redaktion: Was einem trainierten Ausdauersportler ohne Diagnose geholfen hat, ist kein Rezept. Der Wiedereinstieg ins Training nach akuten Rückenschmerzen wird ärztlich oder physiotherapeutisch begleitet. Wie das bei Bandscheibenproblemen aussehen kann, erklärt Felix Kade im Interview über Training bei Bandscheibenproblemen.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Martin Krowicki dreht die Reihenfolge um. Bevor er über Kapseln spricht, spricht er über das volle Fass: zu viel Training, zu viel Umbruch, zu wenig Puffer. Seinen Rückenschmerz versteht er als Ventil, nicht als Defekt; eine ärztliche Untersuchung ersetzt diese Deutung nicht.

Bei den Mikronährstoffen zieht sich ein Muster durch: messen statt raten, beim Omega-3-Index wie beim Vitamin D, und Vitalstoffe als Begleiter neben Bewegung, Schlaf und Erholung. Die Studien, die er zitiert, sind unterschiedlich belastbar, die Heilpilze nennt er selbst einen Versuch. Sein praktischster Satz kommt am Ende: die Angst vor der Bewegung schnell wieder loswerden. In Begleitung, nicht im Alleingang.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Martin Krowicki ist Coach, kein Arzt. Nahrungsergänzungsmittel ersetzen keine Behandlung; ihre Einnahme neben Dauermedikamenten wird mit Ärztin oder Arzt abgestimmt, verordnete Schmerzmittel werden nie ohne Rücksprache verändert. Rückenschmerzen mit Ausstrahlung ins Bein, Taubheit, Lähmungen, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust sind sofort ärztlich abzuklären.

Häufige Fragen

Wie erklärt Martin Krowicki seine eigenen Rückenschmerzen?
Nach seiner Schilderung kamen mehrere Belastungen zusammen: die heiße Phase der Ironman-Vorbereitung, der Wechsel aus der Anstellung in die Selbstständigkeit und die Abgabe der Doktorarbeit. Beim Kreuzheben mit Widerstandsbändern habe es ihn dann erwischt. Er versteht das als Schutzreflex eines überlasteten Körpers, nicht als Bandscheibenschaden; untersuchen ließ er sich nicht. Die Redaktion ergänzt: Schmerzen mit Ausstrahlung ins Bein, Taubheit oder Lähmung gehören in ärztliche Abklärung.
Was haben Rückenschmerzen laut Krowicki mit Entzündung zu tun?
Krowicki sieht Entzündung als gemeinsamen Nenner von Rückenschmerz, Bandscheibendegeneration und Arthrose. Mikronährstoffe wie Omega-3-Fettsäuren und Curcumin wirkten nach seiner Darstellung auf entzündliche Signalwege im Körper. Er betont zugleich, dass eine Vitalstofftherapie immer begleitend bleibe und nie die einzige Maßnahme sein solle.
Warum empfiehlt Krowicki, den Omega-3-Index zu messen?
Weil die Ausgangslage sehr unterschiedlich sei. Wer den eigenen Omega-3-Index kenne, könne gezielt auffüllen statt zu raten. Er beruft sich auf Professor von Schacky, nach dem Menschen mit niedrigem Index am ehesten von einer Einnahme profitierten. Studien, die den Index vorher nicht erfassten, seien deshalb schwer zu deuten.
Welchen Vitamin-D-Wert hält Krowicki für ausreichend?
Eine konkrete Zahl nennt er im Gespräch nicht verlässlich. Sein Punkt ist ein anderer: Ein Wert am unteren Rand des Referenzbereichs gelte in der Praxis oft als in Ordnung, er selbst würde eher die Mitte oder das obere Drittel anstreben. Die Redaktion ergänzt: Ob und wie viel Vitamin D jemand einnimmt, wird nach Blutwert mit Ärztin oder Arzt festgelegt.
Was hält Krowicki von Heilpilzen bei Rückenschmerzen?
Er nennt Reishi und Cordyceps ausdrücklich einen Impuls. Studien zu Rückenschmerzen habe er dazu nicht gefunden, nur eine kleine Untersuchung zu Arthrose. Wer in einer Sackgasse stecke, könne es aus seiner Sicht ausprobieren; als belegte Therapie stellt er die Pilze nicht dar.
Was hat Krowicki in seiner Schmerzwoche selbst geholfen?
Spaziergänge, viel Schlaf, hochgelagerte Beine und Ruhe, dazu seine Mikronährstoffe. Kräftiges Dehnen des Hüftbeugers habe die Schonhaltung eher verstärkt, deshalb habe er es weggelassen. Nach etwa einer Woche sei er beschwerdefrei gewesen und trainiere heute wieder ohne Angst.
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