Setzen Sie sich einmal gerade hin. Wie lange halten Sie das durch? Doch vom Stuhl fällt danach niemand, etwas anderes übernimmt die Haltung. Dieses Etwas sitzt nach Ansicht von Thomas Meier nicht im Rücken, sondern im Innenohr, in den Augen und in den Kapseln der kleinen Wirbelgelenke. Beim Nacken- und Rückenschmerz Kongress erklärte der Chiropraktiker, warum er Rückenschmerzen selten dort behandelt, wo sie wehtun. Dieser Artikel gibt die zentralen Aussagen des Gesprächs wieder.

Haltung lässt sich nicht befehlen

Warum bringt „Rücken gerade“ so wenig? Meier antwortet mit einer Beobachtung, die jeder Therapeut kenne.

O-Ton aus dem Interview

Wenn man einem Patienten sagt, setz dich mal gerade hin, wie lange sitzt der gerade? Der sitzt genau so lange gerade, bis er nicht mehr daran denkt. Aber dann fällt er nicht vom Stuhl, sondern die unbewusste Seite übernimmt die Haltung.

Thomas MeierChiropraktiker

Haltung sei ein Automatismus und immer Ausdruck dessen, was die Sinnesorgane liefern. Drei Quellen nennt er: das Gleichgewichtsorgan im Innenohr, das nach seiner Beschreibung die Streckmuskeln spannt und den Körper gegen die Schwerkraft aufrichtet, die Augen, und die Gelenkwahrnehmung, also die Meldung aus den Gelenkkapseln, wo der Körper gerade im Raum steht. Sein Satz dazu ist kurz.

3D-Nahaufnahme des Gleichgewichtsorgans im Innenohr mit drei petrolfarbenen Bogengängen, der Schnecke und einem terrakottafarben markierten Otolithenorgan, aus dem Vorhof zieht der gelbe Gleichgewichtsnerv
O-Ton aus dem Interview

Unser Gehirn kann nur arbeiten, so gut wie unsere Rezeptoren sind. Ich kann mich nur an meinem visuellen System orientieren, wenn das auch gut funktioniert.

Thomas Meier

Wie schief so ein Sensor liegen kann, zeigt er Patienten nach eigener Aussage mit Gleichgewichtstests. Viele fühlten sich dabei völlig in ihrer Mitte und stünden trotzdem weit daneben. Diesen Unterschied zu sehen, sei für Betroffene der erste Schritt.

Was passiert, wenn einer dieser Sensoren dauerhaft falsche Werte liefert, rechnet Meier an einem Kopf vor.

Fünf Kilo Kopf, ungleich verteilt

Sein Beispiel beginnt im Innenohr. Bei Störungen der Otolithen, kleiner Schwerkraftsensoren im Gleichgewichtsorgan, verdrehe sich nach seiner Erfahrung die Stellung der Augen leicht. Das Gehirn gleiche das aus, indem es den Kopf neigt, bis die Augen wieder waagerecht zum Horizont stehen. Ein Kopf wiege rund fünf Kilo. Sitze er mittig über dem Becken, gingen je zweieinhalb Kilo auf beide Beine. Neige er sich, würden daraus vier Kilo auf der einen und eines auf der anderen Seite. Die Rückenstrecker einer Seite müssten dauerhaft mehr leisten, ebenso Beinbeuger und Wade, am Ende stünden Beschwerden am Kreuzbein-Darmbein-Gelenk.

Frontales Skelettschema mit zur Seite geneigtem Kopf und schräger Augenachse, der Rückenstrecker auf der geneigten Seite ist verdickt und terrakottafarben, ein breiter Lastpfeil führt in das gleichseitige Bein

Ein schiefer Sensor, eine schiefe Statik: Thomas Meier beschreibt, wie eine verdrehte Augenachse zur Kopfneigung führt und eine Körperseite dauerhaft mehr Last trägt, bis hinunter ins Bein.

Vielleicht denken Sie jetzt: Dann eben die schwache Seite kräftigen. Genau da widerspricht Meier.

O-Ton aus dem Interview

Wenn ich einmal verstehe, dass Haltung immer nur ein Ausdruck ist von sensorischer Qualität und Bewegung auch immer nur das Ergebnis von sensorischer Qualität, dann wird mir klar: Wenn ich ein Missverhältnis habe und kräftige das, dann schleppe ich dieses Missverhältnis schlicht aufs nächste Level.

Thomas Meier

Gegen Krafttraining habe er nichts. Erst müssten die Systeme wieder miteinander sprechen, dann sei Kräftigung der nächste Schritt. Das ist Meiers Modell; der Zusammenhang zwischen Augenstellung, Kopfhaltung und Rückenschmerz ist bislang wenig untersucht. Was gezieltes Krafttraining für Knochen und Rumpf leisten kann, lesen Sie im Artikel Krafttraining bei Osteoporose.

Noch etwas überrascht seine Patienten: Eine Störung des Gleichgewichtsorgans müsse sich gar nicht als Schwindel zeigen. Reiseübelkeit, Höhenangst, Panikattacken zählt er auf; vieles davon kennten Betroffene, brächten es aber nicht mit ihrer Halswirbelsäule zusammen. Wie häufig echter Schwindel aus dem Gleichgewichtssystem ist, zeigt eine Befragung des Robert Koch-Instituts.

Säulendiagramm zur Häufigkeit vestibulären Schwindels in Deutschland: 7,4 Prozent der Erwachsenen irgendwann im Leben, 4,9 Prozent in den letzten zwölf Monaten, 1,4 Prozent neu aufgetreten je Jahr

Zur Einordnung: In einer neurotologischen Befragung von 4.869 Erwachsenen in Deutschland berichteten 7,4 Prozent, irgendwann im Leben Dreh-, Lagerungs- oder Schwankschwindel gehabt zu haben, 4,9 Prozent in den letzten zwölf Monaten, 1,4 Prozent neu im Jahr; bei 80 Prozent der Betroffenen folgte ein Arztbesuch, eine Unterbrechung des Alltags oder eine Krankschreibung. Quelle: Neuhauser HK et al. 2005, Neurology 65(6):898-904, PMID 16186531.

Ein Hinweis der Redaktion: Neu auftretender Schwindel, vor allem mit starken Kopfschmerzen, Doppelbildern, Sprachstörung, Taubheitsgefühl oder Schwäche in Arm oder Bein, ist ein Notfall und gehört sofort in ärztliche Hände. Wie ein Physiotherapeut Schwindel aus dem Nacken einordnet, beschreibt Magen Peshkepia im Kongress-Interview.

Das zweite System, das Meier bei jedem Patienten prüft, sind die Augen. Nicht die Sehschärfe.

Sehen ist mehr als Sehschärfe

Der Augenarzt untersuche das Auge als Struktur, sagt Meier: Dioptrien, Glaukom, Katarakt. Ihn interessiere das Funktionelle: ob beide Augen gleich schnell sind, ob das Paar sauber eine Zeile entlangwandert. Gesehen werde mit dem Gehirn, nicht mit dem Auge. Typische Zeichen aus seiner Praxis: falsch eingeschätzte Abstände, die übersehene Bordsteinkante, die Wurzel beim Joggen. Und eine Alltagsbeobachtung, die viele kennen.

O-Ton aus dem Interview

Es gibt Leute, die sagen, Lesen ist für mich das beste Einschlafmittel, weil ich auf den ersten zwei Seiten schon so müde bin, dass ich am besten das Buch weglege und einschlafe.

Thomas Meier

Für die Betroffenen sei das normal, für ihn ein Hinweis, dass die Augen als Paar nicht sauber arbeiten. Den Bogen zum Rücken schlägt er über die Bildschirmzeit. Wer stundenlang auf Handy und Tablet fixiere, beanspruche dauernd die inneren Augenmuskeln; diese seien nach seiner Darstellung mit den kleinen Muskeln der Halswirbelsäule verschaltet, das periphere Sehen und die Seitneigung des Halses gingen verloren. Diese Verschaltung ist Meiers Deutung aus der funktionellen Neurologie; als gesicherter Mechanismus gilt sie nicht. Wie ein Athletiktrainer visuelles Training in den Alltag holt, zeigt das Interview mit Daniel Müller aus demselben Kongress.

Bleibt die Frage, was ein Chiropraktiker mit all dem macht. Die naheliegende Antwort lautet: Wirbel einrenken. Meier hält davon nichts.

Es muss nicht knacken

Verschobener Wirbel, verrutschter Atlas, es muss knacken. Solche Sätze hört Meier oft. Seine Antwort fällt deutlich aus.

O-Ton aus dem Interview

Ein Wirbel per se verschiebt sich nicht. Wenn sich ein Wirbel verschiebt, dann hätte ich ein ganz anderes Problem. Da denken wir dann schon Richtung Querschnitt.

Thomas Meier

Was er stattdessen beschreibt, ist ein Funktionsverlust an einem Wirbelgelenk, vergleichbar mit zwei nassen Glasplatten, die aufeinander haften: verschieben geht noch, abziehen kaum. Die Gelenkkapsel verändere sich, ihre Nervenendigungen meldeten dem Gehirn kein brauchbares Signal mehr; er nennt das Dysafferenz. Die Antwort des Gehirns sei erhöhte Muskelspannung, der Schmerz komme meist zuletzt und oft weit entfernt, etwa als Schulterengpass bei einem Problem der Halswirbelsäule.

Die Behandlung, wie er sie versteht, sei eine schnelle, kurze Dehnung dieser Gelenkkapsel mit wenig Bewegungsumfang, idealerweise schmerzfrei. Am Kopf gerissen werde nicht, das Knacken sei ein Effekt bestimmter Techniken, kein Ziel. Vorher stehe ein Screening aus Haltungsanalyse, Gleichgewichtsprüfung und Augenbewegungsmessung.

Zwei Sätze der Redaktion gehören hierher. Das Konzept der funktionellen Neurologie und die Vorstellung einer Dysafferenz sind wissenschaftlich umstritten, belastbare Studien fehlen weitgehend. Und Manipulationen an der Halswirbelsäule beginnt niemand ohne ärztliche Rücksprache, erst recht nicht bei Osteoporose, Gefäßerkrankungen oder Blutverdünnern. Welche konservativen Wege sonst zur Wahl stehen, ordnet unser Überblick zur Arthrose-Behandlung ein.

Hausaufgaben von fünfzig Sekunden

Wer bei Meier in Behandlung ist, geht mit Hausaufgaben nach Hause. Zwei- bis dreimal am Tag, aber jeweils nur 30 bis 50 Sekunden, weil die betroffenen Systeme nach seiner Erfahrung extrem schnell ermüden. Gesteigert werde gemeinsam, von sicher zu unsicher und von leicht zu schwer, gerade bei Menschen mit Schwindel, weil dort Angst mitschwingt.

Dahinter stehen für ihn die Regeln der Neuroplastizität: Wiederholung, Bedeutsamkeit, Fehler machen dürfen. Bedeutsamkeit erzeuge er, indem er Patienten zeige, worum es jenseits des Symptoms geht.

O-Ton aus dem Interview

Insofern ist für mich Bewegung in gewisser Weise ein Äquivalent zu Freiheit.

Thomas Meier

Sein Bild dafür: eine Patientin, die nach zwanzig Jahren im selben Haus plötzlich einen Handlauf braucht. Wer sich ängstlich bewege, bewege sich langsamer, mit Folgen für Stresshormone und Stimmung. Sein Ziel klingt deshalb konkret: das Enkelkind wieder frei aus dem Bett heben, vier Stunden durch den Pfälzer Wald laufen statt nach zwanzig Minuten aufzuhören.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Thomas Meier dreht die übliche Reihenfolge um. Nicht die schmerzende Stelle steht bei ihm am Anfang, sondern die Frage, welche Sinnesmeldungen die Haltung formen: Gleichgewichtsorgan, Augen, Gelenkkapseln. Erst wenn diese Systeme zusammenarbeiteten, lohne sich aus seiner Sicht Kräftigung.

Seine Werkzeuge: Screening statt Schema, eine kurze Dehnung der Gelenkkapsel ohne Knacken, Hausaufgaben von unter einer Minute. Seine Deutungen zur Verschaltung von Augen, Innenohr und Nackenmuskeln hat die Forschung bislang kaum geprüft; sein Rat zu kurzen, häufigen Reizen kommt auch ohne sie aus. Wie eng Sehen und Haltung verknüpft sein können, vertieft Daniel Müller im Interview über visuelles Training.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Thomas Meier spricht als Chiropraktiker aus seiner Praxis. Bei Rückenschmerzen mit Warnzeichen wie Lähmung, Taubheit, Blasen- oder Darmstörung, Fieber oder plötzlichem Schwindel mit Kopfschmerz suchen Sie sofort ärztliche Hilfe; Manipulationen an der Halswirbelsäule und der Beginn eines Übungsprogramms gehören in ärztliche Rücksprache.

Häufige Fragen

Was versteht Thomas Meier unter funktioneller Neurologie bei Rückenschmerzen?
Nach seiner Beschreibung schaut die funktionelle Neurologie nicht zuerst auf die schmerzende Stelle, sondern auf die Sinnessysteme, die Haltung und Bewegung steuern: Gleichgewichtsorgan, Augen und die Gelenkwahrnehmung. Störungen dort könnten sich aus seiner Sicht über veränderte Muskelspannung bis in den Rücken auswirken.
Warum reicht es laut Meier nicht, sich einfach gerade hinzusetzen?
Weil Haltung nach seinen Worten unbewusst gesteuert wird. Man sitze genau so lange gerade, wie man daran denke; danach übernehme die unbewusste Seite wieder, und die richte sich nach dem, was die Sinnesorgane liefern.
Muss eine Störung des Gleichgewichtsorgans Schwindel machen?
Meier sagt nein. Viele seiner Patienten kennten eher Reiseübelkeit, Höhenangst, Panikattacken oder innere Unruhe und brächten das nicht mit ihren Nackenbeschwerden in Verbindung. Die Redaktion ergänzt: Neu auftretender Schwindel, vor allem mit Kopfschmerz, Doppelbildern, Sprachstörung oder Taubheitsgefühl, gehört sofort in ärztliche Abklärung.
Muss es beim Chiropraktiker knacken?
Nach Meiers Darstellung nicht. Das Knacken sei ein Effekt bestimmter Behandlungsarten, nicht das Ziel. Ihm gehe es um eine kurze, schnelle Dehnung der Gelenkkapsel mit wenig Bewegungsumfang, idealerweise schmerzfrei. Manipulationen an der Halswirbelsäule gehören aus Sicht der Redaktion nie ohne ärztliche Rücksprache auf den Plan.
Welche Übungen gibt Meier seinen Patienten mit?
Er beschreibt kurze Reize von 30 bis 50 Sekunden, zwei- bis dreimal am Tag, weil die betroffenen Systeme schnell ermüdeten. Die Übungen würden gemeinsam gesteigert, von sicher zu unsicher und von leicht zu schwer, gerade bei Menschen mit Schwindel.
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