Wer die Diagnose Osteoporose bekommt, hört früher oder später ein Wort: Bisphosphonate. Doch was die Tablette oder die Infusion im Knochen eigentlich tut, können die wenigsten Patienten erklären. Die Überraschung: Das Medikament baut keinen Knochen auf. Es hindert Zellen daran, ihn abzutragen. Dr. Veronika Köppen-Ursic hat über diese Wirkstoffgruppe geforscht und verordnet sie heute in der Klinik. Für den Osteoporose Kongress, der vom 23. Oktober bis 1. November 2026 online stattfindet, sprach sie unter dem Titel „Bisphosphonate: So wirken diese Knochenmedikamente wirklich” über Wirkweise, Nebenwirkungen und Therapiepausen. Dieser Artikel gibt das Gespräch journalistisch wieder. Vorab: Es geht um verschreibungspflichtige Arzneimittel. Ob und wie lange eine Therapie passt, entscheidet allein das Gespräch mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt.

Erst das Fundament, dann die Stufen

Braucht jede Osteoporose ein Medikament? Nein, sagt Köppen-Ursic, und verweist auf die Leitlinie des Dachverbands Osteologie (DVO). Sie berechnet das Risiko, sich in den nächsten drei Jahren einen Knochen zu brechen, aus Alter, Geschlecht, Knochendichte, Vorerkrankungen und knochenbelastenden Medikamenten. Wie die Messung abläuft, erklärt unser Artikel zur Knochendichtemessung.

Daraus ergeben sich nach ihrer Darstellung Stufen. Über drei Prozent gehe es um die Basistherapie, bei jüngeren Frauen gegebenenfalls um Hormone. Über fünf Prozent werde ein Medikament erwogen, das den Abbau hemmt. Über zehn Prozent ein knochenaufbauendes. Eines betont sie mehrfach: Ohne das Fundament aus Ernährung, Calcium, Vitamin D, Bewegung und Sturzprophylaxe brauche man mit dem Rest gar nicht anzufangen.

Was Bisphosphonate im Knochen tun, erklärt Köppen-Ursic ihren Patienten mit einem Bild aus der Küche.

Ein Schutzmantel, an dem sich die Abbauzellen verschlucken

Die Wirkstoffe seien chemisch so gebaut, dass sie sehr fest an die Knochenoberfläche binden und sich wie ein Schutzmantel darüberlegen. Dann kommt der Gegenspieler.

O-Ton aus dem Interview

Wenn jetzt so ein kleiner, hungriger Osteoklast kommt und sich da ein Stückchen von deinem Knochen nehmen will, dann nimmt er einen Happs, verstoffwechselt das, und dann stört das Bisphosphonat die Stoffwechselprozesse dieser knochenabbauenden Zelle. Letztendlich stirbt die knochenabbauende Zelle.

Dr. Veronika Köppen-UrsicFachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie

Bei Osteoporose seien die Abbauzellen deutlich aktiver als ihre aufbauenden Gegenstücke; das Medikament verschiebe das Verhältnis zurück Richtung Balance. Vielleicht denken Sie jetzt: Dann wächst der Knochen also wieder. Genau hier setzt sie ein Fragezeichen. Ab- und Aufbauzellen kommunizieren ständig; fallen die einen weg, würden auch die anderen weniger angeregt. Der gesamte Umbau werde gedrosselt, und das sei gewollt.

Drei Schritte auf Zellebene: Eine Abbauzelle setzt sich auf eine Knochenoberfläche mit dünner Wirkstoffschicht, nimmt ein Stück davon auf und zerfällt danach.

Bremse statt Aufbau: Nach Köppen-Ursics Beschreibung legt sich der Wirkstoff wie ein Schutzmantel über die Knochenoberfläche. Nimmt eine Abbauzelle davon auf, gerät ihr Stoffwechsel durcheinander und sie stirbt ab.

O-Ton aus dem Interview

Ich möchte die Knochenstruktur erhalten. Das ist ganz wichtig, dass man das weiß, bevor man eine Therapie macht. Das kann nicht die Osteoporose komplett heilen.

Dr. Veronika Köppen-Ursic

Bleibt die Frage, wie der Wirkstoff überhaupt zum Knochen gelangt. Der Weg ist erstaunlich störanfällig.

Tablette oder Infusion: zwei Wege, dieselbe Wirkstoffgruppe

Zum Schlucken gibt es nach ihren Worten zwei Substanzen, Alendronsäure und Risedronsäure, meist wöchentlich. Der Haken: Bisphosphonate seien „ein bisschen zäh” in der Aufnahme. Sie brauchen ein saures Magenmilieu, konkurrieren mit Calcium um dasselbe Transportsystem und dürfen wegen ihrer eigenen Säure nicht in der Speiseröhre hängen bleiben. Daraus folgen strikte Einnahmeregeln. Wer bettlägerig ist, Magenprobleme hat oder die Wochenroutine vergisst, sei mit der Tablette schlecht bedient.

Für diese Fälle gibt es die Infusion, mit Ibandronsäure alle drei Monate oder Zoledronsäure einmal im Jahr. Dafür könne eine Akute-Phase-Reaktion auftreten, grippeähnlich, nach ihrer Schätzung bei zwei bis drei von zehn Patienten, von Spritze zu Spritze schwächer. Entscheidend sei, dass Patienten das vorher wissen.

Und was ist besser? Köppen-Ursic weicht bewusst aus. Die Tablette gebe ängstlichen Patienten Kontrolle, die Infusion wirke schneller und komme bei hohem Risiko eher infrage. Krankenkassen sähen die orale Form gern, weil sie am billigsten sei. Am Ende entscheide der Mensch, denn das passendste Präparat bringe nichts, wenn es nicht genommen wird. Doch selbst die passende Therapie soll nicht endlos laufen. Der Grund klingt zunächst widersprüchlich.

Der Twist: Warum der Schutz irgendwann Pause braucht

Knochen bekommt im Alltag ständig winzige Risse, die der normale Umbau repariert. Genau diesen Umbau bremst das Medikament.

Feines Gitter aus Knochenbälkchen in starker Vergrößerung, an einer Kreuzungsstelle ziehen sich haarfeine Risse durch die Oberfläche.
O-Ton aus dem Interview

Wenn ich die Bisphosphonate ganz, ganz lange gebe, dann habe ich so einen Effekt, der eher zu einer Versprödung des Knochens führt. Er wird paradoxerweise zu hart, zu trocken, und ich habe eine Ansammlung von diesen Mikrofrakturen, die meinen Knochen dann wiederum schwächen.

Portrait von Dr. Veronika Köppen-UrsicDr. Veronika Köppen-Ursic

In sehr seltenen Fällen könne daraus ein atypischer Bruch des Oberschenkelschafts entstehen. Deshalb halte sie nach etwa drei Jahren, in einer Bandbreite von zwei bis fünf, ein sogenanntes Drug Holiday für sinnvoll: ein bis zwei Jahre Pause, in denen sich der Knochenstoffwechsel einpendelt. Danach werde neu bewertet, denn Osteoporose bleibe chronisch. Die Basistherapie kenne dabei keinen Urlaub.

Was aber, wenn der eigene Arzt nach drei Jahren nichts von einer Pause sagt?

O-Ton aus dem Interview

Ich würde erst einmal empfehlen, dass man das Gespräch mit dem Arzt sucht. Das ist ja doch eine medikamentöse Therapie, dass man da auch mit dem Behandler spricht. Wenn man sich da unwohl fühlt, kann man sich ruhig eine Zweitmeinung holen.

Dr. Veronika Köppen-Ursic

Bisphosphonate seien zwar die einzige Osteoporose-Medikation, bei der sie keinen Rebound fürchte, weil der Schutz wegen der festen Bindung nur allmählich nachlasse. Hinter einer Fortsetzung stecke aber oft ein Grund, etwa ein weiterhin hohes Risiko. Die Redaktion schließt sich an: Eigenmächtiges Absetzen ist keine Option, jede Änderung gehört in die Sprechstunde.

Nebenwirkungen in Zahlen statt in Gerüchten

Häufig seien Magenbeschwerden unter der Tablette und die Akute-Phase-Reaktion nach der Infusion. Dann kommen die beiden Komplikationen, vor denen sich viele fürchten. Für den atypischen Oberschenkelbruch nennt sie aus ihrer Forschungszeit ein Risiko von etwa eins zu 10.000 Patientenjahren, also 1.000 Behandelte über zehn Jahre.

O-Ton aus dem Interview

Ich finde es ganz wichtig, dass man sich, wenn man so mit Zahlen um sich wirft, auch wirklich verdeutlicht, was das bedeutet. Das ist schon sehr, sehr selten: in zehn Jahren ein Knochenbruch bei 1.000 Leuten.

Dr. Veronika Köppen-Ursic

Selten heiße nicht harmlos, ein solcher Bruch bedeute eine Operation mit Folgen. Die zweite Komplikation ist die Kieferosteonekrose, eine nicht heilende Wunde im Mund mit Beteiligung des Kieferknochens. Bei Osteoporose-Patienten liege das Risiko unter 0,1 Prozent, ganz anders als bei Krebspatienten, die denselben Wirkstoff weit höher dosiert erhalten; dieser Unterschied gehe in der Angst vieler Patienten verloren. Bei gepflegtem Zahnstatus sei das Risiko minimal. Als Gegenanzeigen nennt sie eine Allergie, eine deutlich eingeschränkte Nierenfunktion und einen zu niedrigen Calciumspiegel. Einen Überblick über alle Wirkstoffgruppen gibt unser Artikel zur medikamentösen Osteoporose-Therapie.

Gastgeber Samuel Kochenburger stellt dann die ehrlichste Frage: Was würdest du deiner Mutter raten? Erfüllte sie die Kriterien der Leitlinie, würde Köppen-Ursic ihr durchaus zu einem Bisphosphonat raten, obwohl sie selbst über die Nebenwirkungen geforscht habe. Fünf von hundert Brüche in drei Jahren gegen einen atypischen Bruch bei 10.000: Aus ihrer Sicht liege das Nutzen-Risiko-Verhältnis klar auf der Seite des Nutzens. Das ist ihre persönliche Einschätzung, keine Empfehlung für den Einzelfall. Häufiger als die Nebenwirkung erlebe sie die Endlosschleife: Patienten, die jahrelang wiederkommen, ohne sich zu entscheiden, während die Knochendichte sinkt. Gegen eine Therapie dürfe man sich entscheiden, aber bewusst. Warten sei keine Entscheidung.

Säulendiagramm aus der Fracture Intervention Trial: neue Wirbelbrüche im Röntgenbild bei 8,0 Prozent der Frauen unter Alendronat gegenüber 15,0 Prozent unter Placebo, Wirbelbrüche mit Beschwerden 2,3 gegenüber 5,0 Prozent, alle Brüche mit Beschwerden 13,6 gegenüber 18,2 Prozent, jeweils innerhalb von 36 Monaten.

Zur Einordnung: In der Fracture Intervention Trial erhielten 2.027 Frauen mit niedriger Knochendichte und mindestens einem Wirbelbruch drei Jahre lang Alendronat oder ein Placebo. Neue Wirbelbrüche im Röntgenbild traten bei 8,0 Prozent der Frauen unter Alendronat und bei 15,0 Prozent unter Placebo auf. Die Studie stammt aus den 1990er Jahren und untersuchte eine bestimmte Gruppe, ihre Zahlen lassen sich nicht auf jede Patientin übertragen. Quelle: Black DM et al. 1996, The Lancet, Band 348, PMID 8950879.

Der Blick über das Rezept hinaus

Zwei kleine Kinder, die Klinik, ein Instagram-Account, den sie nur „intermittierend” bespielt: Zeit ist knapp, auch in der Sprechstunde, in der sie nach eigener Beschreibung zu viel über Medikamente reden muss. Dabei beginne Prävention in der Kindheit; was bis zur Pubertät nicht an Knochen aufgebaut werde, komme später nicht mehr dazu. Ihr eigentliches Feld nennt sie Tertiärprävention: verhindern, dass nach dem ersten Bruch ein zweiter folgt. Von den Menschen, die sich wegen Osteoporose Hüfte oder Wirbelkörper brechen, bekämen in Deutschland nicht einmal zehn Prozent eine spezifische Therapie, je nach Quelle nur fünf.

O-Ton aus dem Interview

Das finde ich ein richtiges Armutszeugnis, weil niemand kriegt einen Herzkatheter und einen Stent eingesetzt und hat danach nicht sein ASS.

Dr. Veronika Köppen-Ursic

Ihre praktischen Tipps kosten nichts: der Einbeinstand beim Zähneputzen, weil hinter den meisten Brüchen ein Sturz stehe. Früh anfangen und das Umfeld mitnehmen. Und Stolperfallen beseitigen: Teppichkanten festkleben, Türschwellen markieren, ein Nachtlicht, weniger Alkohol, die Brille tragen. Die Knochendichte brauche Monate, ein vermiedener Sturz wirke sofort. Mehr dazu in unserem Artikel zur Sturzprävention bei Osteoporose.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Bisphosphonate sind in Köppen-Ursics Darstellung kein Aufbaumittel, sondern eine Bremse für den Knochenabbau, die den Umbau drosselt und deshalb nach einigen Jahren eine geplante Pause verlangt. Erst das Fundament aus Ernährung, Calcium, Vitamin D, Bewegung und Sturzschutz, dann eine Therapie nach dem berechneten Frakturrisiko. Nebenwirkungen benennt sie mit Zahlen im Verhältnis zum Bruchrisiko. Und: Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung. Beginn, Pause oder Ende einer Therapie gehören nach ihrer Überzeugung ins Gespräch mit dem Behandler, notfalls mit Zweitmeinung.

Wie das Frakturrisiko gemessen wird, erklärt Prof. Dr. Ralf Oheim im Interview über die Knochendichtemessung. Welche anderen Medikamente dem Knochen schaden können, beschreibt Dr. Stephan Kewenig im Gespräch über knochenschädliche Medikamente. Beide Interviews stammen aus demselben Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bisphosphonate sind verschreibungspflichtige Arzneimittel. Beginnen, pausieren oder beenden Sie eine Therapie nie ohne Rücksprache mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem behandelnden Arzt.

Häufige Fragen

Ab wann kommen laut Dr. Köppen-Ursic Medikamente bei Osteoporose infrage?
Sie orientiert sich an der Leitlinie des Dachverbands Osteologie, die das Frakturrisiko für die nächsten drei Jahre berechnet. Ab etwa fünf Prozent werde eine Therapie erwogen, die den Knochenabbau hemmt, ab etwa zehn Prozent eine knochenaufbauende. Voraussetzung sei in jedem Fall die Basistherapie aus Ernährung, Calcium, Vitamin D, Bewegung und Sturzprophylaxe.
Wie wirken Bisphosphonate nach Darstellung von Dr. Köppen-Ursic?
Die Wirkstoffe binden nach ihrer Beschreibung fest an die Knochenoberfläche. Nehmen knochenabbauende Zellen (Osteoklasten) davon auf, wird ihr Stoffwechsel gestört und sie sterben ab. Der Knochenabbau werde so gebremst, der gesamte Knochenumbau gedrosselt. Heilen könne das Medikament die Osteoporose nicht, es solle die vorhandene Struktur erhalten.
Tablette oder Infusion: Was ist laut der Orthopädin besser?
Weder noch, sagt sie. Die Tablette gebe Patienten viel Kontrolle, verlange aber strikte Einnahmeregeln und einen verträglichen Magen. Die Infusion wirke schneller und komme deshalb bei hohem Frakturrisiko eher infrage, könne anfangs aber eine grippeähnliche Reaktion auslösen. Sie entscheide das individuell mit der Patientin oder dem Patienten.
Was ist ein Drug Holiday und warum gibt es das bei Bisphosphonaten?
Dr. Köppen-Ursic beschreibt eine geplante Therapiepause von ein bis zwei Jahren nach etwa drei Jahren Behandlung. Weil Bisphosphonate den Knochenumbau drosseln, könnten sich bei sehr langer Anwendung kleine Ermüdungsrisse ansammeln und den Knochen paradoxerweise schwächen. In der Pause erhole sich der Stoffwechsel, die Basistherapie laufe weiter.
Darf man Bisphosphonate einfach selbst absetzen?
Sie rät klar zum Gespräch mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt und, bei Unsicherheit, zu einer Zweitmeinung. Bisphosphonate lösten zwar keinen abrupten Rückschlag am Knochen aus, weil ihr Schutz nur langsam nachlasse. Die Entscheidung über Pause oder Fortsetzung gehöre aber in die Sprechstunde, nicht ins Alleingang.
Welche seltenen Nebenwirkungen nennt Dr. Köppen-Ursic?
Atypische Brüche des Oberschenkelschafts, die sie aus ihrer Forschungszeit mit etwa einem Fall je 10.000 Patientenjahre beziffert, und Kieferosteonekrosen, die bei Osteoporose-Patienten nach ihrer Angabe unter 0,1 Prozent liegen. Ein gepflegter Zahnstatus und ein erfahrener Zahnarzt bei Eingriffen senkten das Risiko weiter.
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