Die Diagnose Osteoporose kommt, und der erste Blick geht auf den Teller: mehr Calcium, weniger Zucker, vielleicht ganz auf Pflanzenkost umsteigen. Doch genau hier setzt Samuel Kochenburger, Osteoporose-Experte, Ernährungsmediziner & Vizepräsident OSD e.V, den Rotstift an. Wer sich gesund ernährt habe und trotzdem Knochenschwund bekam, könne mit derselben Ernährung die Krankheit kaum stoppen. Beim Osteoporose Kongress erklärte er unter dem Titel „Die Grenzen gesunder und veganer Ernährung“, was Ernährungstherapie aus seiner Sicht von gesunder Ernährung trennt. Das vollständige Gespräch sehen Sie kostenlos in unserem Kongress.
„Bitte ernähr dich nicht gesund“
Der erste Tipp seines Vortrags klingt wie ein Scherz. Gemeint ist er ernst. Kochenburger rechnet vor: Wer sich ungesund ernährt, bekommt Osteoporose. Wer sich gesund ernährt, bekommt sie auch. Fleischesser, Veganer, Sportler, Frauen ohne Hormonmangel: In seiner Beratung sitzen sie alle.
Wenn wir sagen, ich habe mich gesund ernährt und bekomme die Krankheit, dann kann die Konsequenz nicht sein: Ich mache jetzt weiter meine gesunde Ernährung, und dann wird das schon die Krankheit in den Griff bekommen. Das wird nicht so richtig hinhauen.
Dasselbe gelte für Sport, Nahrungsergänzung und Hormone. Entscheidend sei nie, ob man etwas tut, sondern wie. Gesunden rät er zu einer Knochendichtemessung ab 40, bei Risikofaktoren früher, dazu Krafttraining und die Grundversorgung mit Calcium, Vitamin D, Phosphor und Protein.
Die naheliegende Antwort auf die Diagnose lautet trotzdem fast immer: mehr Calcium. Kochenburger hält dagegen. Die Menge mache das Gift, jeder Nährstoff könne in hohen Mengen schaden; bei Calcium nennt er Nierensteine, Verdauungsbeschwerden und Gefäßverkalkung. Ein Mangel sei genauso unerwünscht. Es gehe nie nur um das Ob, sondern um das Wie viel. Den Forschungsstand fasst unser Artikel Calcium und Vitamin D zusammen.

Zu viel, zu wenig, optimal: So beschreibt Samuel Kochenburger das Bild einer echten Ernährung. Von manchen Nährstoffen nehme man zu viel auf, von manchen zu wenig, bei vielen liege man schon richtig. Nahrungsergänzung fülle nach seiner Logik nur die Lücke bis zum Zielbereich, nicht mehr.
Womit die Frage im Raum steht, die viele Betroffene beschäftigt: Was ist mit vegan?
Vegan und knochenstark: geht das?
Kochenburger geht das Thema vorsichtig an. In seiner Familie gebe es Veganer, er selbst esse zeitweise wochenlang vegan. Seine Lesart der Studien: Eine pflanzenbasierte Ernährung könne den Knochen schaden, aber nicht, weil sie vegan ist, sondern je nachdem, wie sie gemacht wird. Es gebe die „Joghurtveganer“ mit sehr ungesunder Kost, und es gebe die durchdachte, knochenstarke vegane Ernährung.
Ich kann mich vegan ernähren und trotzdem diese knochenstarke Ernährung haben. Das geht. Ich muss eben verstehen: Jede Einschränkung von Lebensmitteln hat eine Konsequenz.
Ohne Fisch fehlten die Omega-3-Fettsäuren aus dem Meer, ohne Milchprodukte sinke die Calciumzufuhr, ohne Fleisch werde Protein knapper. Wer das wisse, könne gegensteuern. Zwei Verwechslungen will er vermeiden: Tierliebe oder Klimaschutz seien gute Gründe, aber keine Knochengesundheit. Und wer von Fast Food auf vegan umstelle und sich prompt besser fühle, erlebe nicht die Wirkung des Veganen, sondern das Ende von Zucker, schlechten Fetten und Bewegungsmangel.

Zur Einordnung: In der britischen EPIC-Oxford-Kohorte mit rund 55.000 Teilnehmenden und 17,6 Jahren Nachbeobachtung hatten Veganer gegenüber Fleischessern ein 2,31-fach erhöhtes Risiko für Hüftbrüche (95-%-Konfidenzintervall 1,66 bis 3,22), Fischesser und Vegetarier lagen bei 1,26 und 1,25. Das entsprach bei Veganern 14,9 zusätzlichen Hüftbrüchen je 1.000 Personen in zehn Jahren. Nach zusätzlicher Anpassung an Calcium- und Proteinzufuhr blieben die Unterschiede abgeschwächt bestehen. Quelle: Tong TYN et al. 2020, BMC Medicine 18:353, PMID 33222682.
Bleibt ein Rätsel: Warum merken so viele Betroffene nicht, dass ihr Weg nicht funktioniert?
Der Erfolg, den niemand spürt
Eine Kundin von Kochenburger hatte Arthrose und Osteoporose zugleich. Die Arthrose schmerzte, sie brauchte zeitweise Schmerzmittel. Dann stellte sie auf vegane Kost um, und die Gelenkschmerzen gingen zurück. Für sie das Signal: richtiger Weg. Anderthalb Jahre später zeigte die Knochendichtemessung deutlich schlechtere Werte.
Das ist ein Riesenproblem, dass wir in dieser Ernährungstherapie generell bei der Osteoporose den Erfolg nicht direkt spüren. Wir haben keine Schmerzen in den Knochen, wenn die Knochendichtemessung schlechter wird.
Osteoporose tue in der Regel erst weh, wenn ein Knochen bricht. Deshalb hält Kochenburger das Bauchgefühl bei dieser Krankheit für trügerisch. Sein Gegenbeispiel ist eine andere Kundin, deren T-Wert an der Lendenwirbelsäule innerhalb von anderthalb Jahren von minus 3,5 auf minus 2,7 stieg. Ein Hinweis der Redaktion: Einzelfälle belegen in keine Richtung, was Ernährung bei Osteoporose leisten kann.
Wenn das Gefühl nicht taugt, was dann? Kochenburgers Antwort ist unspektakulär und aufwendig.
Analyse statt Blindflug
Eine Ernährungsform allein, ob vegan, Paleo, basisch oder bio, sei keine Therapie. Ernährungstherapie ziele nach seiner Beschreibung auf konkrete Ergebnisse: ausreichende Zufuhr knochenrelevanter Nährstoffe, Muskelaufbau, weniger Stürze und Brüche, mehr Lebensqualität. Gesunde Ernährung sei für die meisten dagegen vor allem Vermeidung.
Eine einfache Ernährungsform ist keine Ernährungstherapie, es steckt mehr dahinter.
Der Kern seiner Methode ist eine Analyse dessen, was jemand in den letzten Wochen tatsächlich gegessen hat, Fehlersuche wie in der Autowerkstatt. Erst wenn klar sei, wovon zu viel, wovon zu wenig und wovon genug aufgenommen wird, werde die Ernährung angepasst, so wenig wie irgend möglich. Ein strikter Plan helfe nicht, weil ihn niemand länger als drei Wochen durchhalte; irgendwann wolle der Ehemann wieder sein Schnitzel.
Alle machen irgendwie ein bisschen Calcium und ein bisschen Vitamin D, achten auf weniger Zucker und vielleicht ein bisschen mehr Obst und Gemüse. Das machen alle. Aber jede Ernährung ist verschieden. Und trotzdem machen alle irgendwie das Gleiche.
Erst danach komme die Nahrungsergänzung, und nur dort, wo trotz optimierter Ernährung eine Lücke bleibt. Vitamin D nennt er als Nährstoff, der sich über Essen kaum decken lasse; hier bleibe der Bluttest der Maßstab. Dass ein Mann mit 130 Kilo und eine schlanke Frau mit viel Sonne im Jahr dasselbe Standardschema nähmen, hält er für den Kardinalfehler. Er selbst setze Nahrungsergänzung umfangreich ein, aber abgestimmt auf Ernährung und Laborwerte und mit ärztlicher Begleitung.
Muskeln spielen in seinem Konzept eine Rolle, die man von einem Ernährungsmediziner kaum erwartet.

Wir bauen Muskulatur auf, die extrem wichtig ist für Osteoporose: einmal dieser mechanische Schutz der Knochen. Um den Oberschenkel herum haben wir sehr viel Muskeln, und die schützen mechanisch einfach den Knochen.
Protein sei dafür der unterschätzte Nährstoff; in seinen Analysen habe noch keine Frau zwischen 40 und 80 therapeutische Mengen erreicht. Wie Training den Knochen stärkt, lesen Sie im Artikel Krafttraining gegen Osteoporose; Dr. Frank Schifferdecker-Hoch beschreibt im Kongress ein maßgeschneidertes Sportprogramm für starke Knochen. Die Redaktion ergänzt: Bei bekannter Osteoporose gehört jeder Trainingseinstieg in Rücksprache mit Ärztin oder Arzt, mit Blick auf Sturz- und Bruchrisiko.
Nachweis statt Nachbarin
Sein fünfter Tipp richtet sich gegen eine Gewohnheit aus vielen Telefonaten: eine Vibrationsplatte kaufen, weil sie irgendwie helfen wird; ein Präparat nehmen, weil eine Bekannte es empfiehlt. Nachweis bedeute Studien, nicht die Broschüre des Herstellers. Von Kombiprodukten mit festem Nährstoffverhältnis rät er ab.
Überraschend deutlich wird er bei Medikamenten. Wenn ein Arzt eines verordne, wisse er, dass das Bruchrisiko hoch ist. Wer das Medikament ablehne, brauche eine echte Therapie als Ersatz, und lieber ein Medikament als eine schlecht gemachte Ernährungstherapie. Zur Einordnung der Redaktion: Die Leitlinie des Dachverbands Osteologie (DVO) knüpft die Empfehlung für Medikamente an ein aus Knochendichte, Alter und Risikofaktoren berechnetes Bruchrisiko; ob und wie lange behandelt wird, entscheidet die Ärztin oder der Arzt. Dort gehört auch die Frage nach einer Hormonersatztherapie hin; im Kongress bespricht Dr. Nicole Weirich Nutzen und Risiken des Hormonersatzes.
Was unterscheidet die Erfolgreichen von den Verunsicherten? Kochenburger nennt vier Haltungen: die Diagnose akzeptieren, sich mit Filter informieren, einen Plan machen und nach ein bis zwei Jahren ehrlich Bilanz ziehen. Werte nicht besser? Dann sei das kein Grund zu verzweifeln, sondern das Signal, etwas zu ändern.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Samuel Kochenburger dreht die übliche Reihenfolge um: erst messen, dann ändern, dann ergänzen, statt ein Etikett zu wählen und zu hoffen. Sein zentrales Argument ist eine Frage: Wie soll die Ernährung, die die Krankheit nicht verhindert hat, sie hinterher aufhalten? Sein Gegenentwurf ist Handwerk: Analyse, kleine Anpassungen, gezielte Ergänzung, Muskelaufbau, Knochendichtemessung als Erfolgsmesser. Wie Ernährung und Bewegung zusammenspielen, vertieft unser Artikel Knochen stärken mit Ernährung und Training.
Am Ende des Gesprächs wird er grundsätzlich. Wozu das alles?
Es ist nicht der T-Wert. Es ist ein Blatt Papier. Das machst du aus einem anderen Grund. Du machst das, weil du deine Enkel auf den Arm nehmen möchtest. Du machst das, weil du Sport treiben möchtest. Du machst das, weil du die Welt erkunden möchtest.
Wer diesen Grund kenne, so Kochenburger, dem fielen viele Entscheidungen leichter.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ernährungsumstellung, Nahrungsergänzung in höherer Dosierung und Trainingsbeginn bei Osteoporose gehören in ärztliche Begleitung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache abgesetzt oder verändert. Bei plötzlichem Rückenschmerz nach einem Sturz suchen Sie bitte ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Warum sagt Samuel Kochenburger, gesunde Ernährung reiche bei Osteoporose nicht?
Ist vegane Ernährung schlecht für die Knochen?
Woran merkt man, ob die Ernährung den Knochen hilft?
Was versteht Kochenburger unter einer Analyse der Ernährung?
Wie steht Kochenburger zu Osteoporose-Medikamenten?
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