Sie treiben Sport, essen bewusst, fühlen sich fit. Osteoporose? Das trifft die gebeugte Großmutter, nicht Sie. Doch genau diese Sicherheit hält Samuel Kochenburger für den größten Trugschluss rund um den Knochen. Beim Wechseljahre Kongress sprach Samuel Kochenburger, B.Sc., M.Sc. (Osteoporose-Experte, Ernährungsmediziner & Vizepräsident OSD e.V) darüber, weshalb Osteoporose in den Wechseljahren jahrelang unbemerkt bleibt und warum er bei einer Diagnose zuerst nach Kalorien fragt, nicht nach Kalzium. Sein Gespräch trug den Titel „Morsche Knochen: so vermeidest du Osteoporose in den Wechseljahren“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Eine von 30, später jede Vierte
Wann beginnt Osteoporose? Zwischen 45 und 55 leide etwa eine von 30 Frauen daran, sagt Kochenburger, ab 65 jede vierte. Dazwischen liegt die Menopause, für ihn der Hauptgrund: Östrogen sei das wichtigste Hormon für den Knochen, und mit seiner Wirkung schwinde der Schutz. Männer erreichen nach seiner Darstellung bis etwa 30 eine höhere maximale Knochendichte; der Abbau treffe auch sie, nur später und von höherem Niveau aus. Die eine von 30 hält er zudem für zu niedrig gegriffen: Gemessen werde spät, rund neun Millionen Menschen in Deutschland hätten die Krankheit, viele ohne es zu wissen.

Zur Einordnung: In der RKI-Befragung GEDA 2014/2015 berichteten 4,4 Prozent der Frauen zwischen 45 und 64 Jahren eine ärztlich diagnostizierte Osteoporose in den letzten zwölf Monaten, ab 65 Jahren 24,0 Prozent; bei Männern waren es 1,9 und 5,6 Prozent. Die Zahlen beruhen auf Selbstangaben von 12.270 Frauen und 10.074 Männern und erfassen nur erkannte Fälle. Quelle: Robert Koch-Institut, GEDA 2014/2015-EHIS, Journal of Health Monitoring 2017; 2(3).
Still, bis der erste Knochen bricht
Was fühlt eine Frau mit niedriger Knochendichte? Nichts, sagt Kochenburger.
Diese Krankheit, wir nennen das auch eine stille Krankheit. Wir merken das nicht, haben kein Gefühl in den Knochen. Das fühlt sich genauso an wie eine ganz gesunde Knochendichte.
Viele seiner Kundinnen hätten sich ihr Leben lang gesund ernährt, Sport getrieben und seien von der Diagnose überrumpelt worden. Sein Schluss ist unbequem: Ohne Messung könne niemand ausschließen, die Krankheit zu haben. Der gebeugte Rücken sei eine Spätfolge, kein Frühzeichen. Symptome gebe es erst mit dem Bruch.

Symptome sind immer mit der Fraktur verbunden. Das heißt, wenn ich im Wirbelkörperbereich eine Fraktur habe, dann habe ich auch Rückenschmerzen. Das geht nicht anders. Die Wirbelkörper brechen, ich werde kleiner, weil die Wirbelsäule einsackt.
Danach drohe eine Abwärtsspirale: Bruch, acht Wochen Pause, Muskelabbau, nächster Bruch. Viele Frauen sagten ihm, sie hätten das Vertrauen in ihren Körper verloren. Ein Hinweis der Redaktion: Plötzlicher Rückenschmerz nach einem Sturz, spürbarer Größenverlust oder ein Bruch bei geringer Belastung gehören zeitnah in ärztliche Abklärung.
Der T-Wert: Ihr Knochen im Vergleich mit einer 30-Jährigen
Die Messung, die er so oft empfiehlt, dauert nach seinen Worten zehn Minuten in einem Gerät ähnlich einem CT; die Strahlenbelastung vergleicht er mit einem einstündigen Flug. Gemessen werde an Lendenwirbelsäule, Hüfte und Oberschenkel.

Drei Messorte, ein Vergleichswert: Die Knochendichtemessung erfasst Lendenwirbelsäule, Hüfte und Oberschenkelhals und setzt das Ergebnis ins Verhältnis zur Dichte junger gesunder Erwachsener, beschreibt Samuel Kochenburger. Je negativer der T-Wert, desto weniger dicht der Knochen.
Das Ergebnis heißt T-Wert. Er zeige, wie weit die eigene Knochendichte von der eines gesunden jungen Menschen desselben Geschlechts abweicht, also vom Knochen zur eigenen Bestzeit. Wer mit 40 misst, habe später einen Vergleichswert.
Eine Alternative ohne Strahlung? Bluttests zeigten, was im Knochenstoffwechsel gerade passiert, ersetzten die Messung aber nicht; Ultraschall am Handgelenk könne falsche Ergebnisse liefern. Kochenburger hat Messungen schon verschenkt, erzählt er, weil sie nur gut ausgehen könne. Und wenn die Diagnose mit 55 kommt? Dann liegt die Erklärung scheinbar auf der Hand. Kochenburger warnt genau davor.
Nicht jede Osteoporose nach 50 kommt von den Wechseljahren
Die postmenopausale Osteoporose sei die häufigste Form, aber nicht die einzige. Bekomme eine Frau mit 60 die Diagnose, sei die Versuchung groß, alles auf die Hormone zu schieben. Er lässt Laborwerte bestimmen. Als Auslöser nennt er Kortison, Chemotherapie und Aromatasehemmer bei Brustkrebs, außerdem Protonenpumpenhemmer, also Magensäureblocker, bei denen das Risiko nach seinen Worten steige; bei den Krankheiten eine Überfunktion von Schilddrüse oder Nebenschilddrüse.
Dann ein Satz, den man von einem Kritiker der Polypharmazie nicht erwartet: Niemand nehme Kortison aus Spaß, man müsse abwägen und dürfe ein Medikament nicht streichen, nur weil es auf einer Liste steht. Die Redaktion unterstreicht das: Verordnete Medikamente werden nie eigenmächtig abgesetzt oder verändert, sondern nur in Rücksprache mit Ärztin oder Arzt.
Erst Kalorien, dann Protein, dann Kalzium
Wer Osteoporose hört, denkt an Kalzium. Kochenburger fängt woanders an. Protein, Kalzium und Phosphat seien die drei Baustoffe des Knochens. Davor aber stehe etwas Banaleres.
Auch der Knochenaufbau, das ist ein unglaublich energieraubender Prozess. Und wenn ich dann jeden Tag herkomme und mir kaum Kalorien gönne, weil ich Salat esse, irgendwelches Gemüse, aber kaum Kalorien habe, dann kann ich keinen Muskelaufbau betreiben und auch keinen Knochenaufbau.
Beim Protein nennt er als seine Zielgröße 1,5 Gramm je Kilogramm Körpergewicht; viele Frauen lägen nach seiner Erfahrung bei 0,5 bis 0,8 Gramm, gnadenlos zu wenig. Beim Kalzium nennt er 1.200 bis 1.500 Milligramm am Tag; der Knochen bestehe nur zu etwa einem Drittel daraus. Ein Blutwert helfe dabei wenig.
Der Blutkalziumwert hat keine Aussage darüber, wie ich versorgt bin mit Kalzium über die Ernährung. Wenn das, was reingeht, zu wenig ist und trotzdem im Blut ausreichend ist, dann hast du ein Problem, weil dann wird aktuell Knochen abgebaut, um den Blutspiegel konstant zu halten.
Deshalb analysiert er die Ernährung selbst. Kalziumräuber wie Kaffee schrecken ihn nicht: Drei Tassen am Tag seien in Ordnung, wer genug Kalzium aufnehme, müsse nichts streichen. Bei den Vitalstoffen zielt er auf einen Vitamin-D-Spiegel um 80 Nanogramm pro Milliliter, nach seinen Worten am oberen Rand des Referenzbereichs, und nennt Vitamin K2, Bor, Silizium, Omega-3-Fettsäuren, Magnesium und Zink. Bei Bor und Silizium sei unklar, warum sie wirken, räumt er ein; die Studienlage ist dünn, hoch dosierte Nahrungsergänzung gehört in ärztliche Rücksprache. Alle Zahlen sind seine Angaben, keine Empfehlung der Redaktion. Was die Forschung zu Kalzium und Vitamin D sagt und wie Ernährung und Bewegung zusammenwirken, steht in unseren Grundlagenartikeln; welche Nährstoffe Dr. Martin Krowicki im Osteopathie Kongress für den Knochen nennt, im Interview mit Krowicki.
Bleibt der Sport. Und da reicht Bewegung allein nicht.
Der Knochen braucht einen Reiz, der wächst
Radfahren und Schwimmen seien gut fürs Herz, aber kaum ein Reiz für den Knochen, sagt Kochenburger. Der brauche Belastung, die sich steigern lässt.
Wir möchten beim Sport einen intensiven Reiz haben, der immer intensiver wird, und der Knochen merkt: Ich werde da immer mehr belastet, ich muss mich anpassen. Wenn das nicht passiert, dann werde ich brechen. Also jetzt mal lieber Knochenaufbau.
Den perfekten Plan gebe es nicht, nur den, den man über Jahre durchhält. Ein Hinweis der Redaktion: Bei bekannter Osteoporose oder nach einem Wirbelbruch gehört der Trainingsbeginn in Rücksprache mit Ärztin oder Arzt, mit Blick auf Sturz- und Bruchrisiko; die Studienlage fasst unser Artikel zum Krafttraining bei Osteoporose zusammen.
Zur Therapie mit bioidentischen Hormonen sagt Kochenburger „ja und ja“: Sie könne vorbeugen und behandeln, brauche aber Laborwerte, eine Gefäßuntersuchung und den Ausschluss von Gegenanzeigen wie Brustkrebs unter Antihormontherapie. Hormonersatz hat Nutzen und Risiken; die DVO-Leitlinie führt ihn als eine Option, die Ärztin oder Arzt individuell abwägen. Sein Fazit ist schlicht.
Schritt Nummer eins: Diagnose akzeptieren. Schritt Nummer zwei: aktiv werden, irgendwas verändern. Und Schritt Nummer drei: überprüfen, wie erfolgreich bin ich. Bin ich nicht erfolgreich, Plan ändern, irgendwas machen, aber nicht aufgeben.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Für Samuel Kochenburger ist Osteoporose in den Wechseljahren vor allem ein Wissensproblem: Der Knochen sendet kein Signal, wer sich auf sein Körpergefühl verlässt, erfährt von der Krankheit erst beim ersten Bruch. Seine Antwort: Knochendichte messen, möglichst ab 40, und Ursachen jenseits der Hormone suchen.
In der Therapie dreht er die Reihenfolge um: erst genug Energie und Protein, dann Kalzium und Phosphat, dazu Krafttraining mit wachsendem Reiz und bei passender Laborlage Hormone in ärztlicher Hand. Kaffee muss dafür niemand aufgeben. Was davon zu Ihnen passt, klären Sie mit Ärztin oder Arzt.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Eine ärztliche Approbation von Samuel Kochenburger nennt das Gespräch nicht; seine Zahlen zu Protein, Kalzium und Vitamin D sind keine Empfehlung der Redaktion. Medikamente werden nie ohne ärztliche Rücksprache verändert; Training bei Osteoporose, hoch dosierte Nahrungsergänzung und Hormontherapie gehören in ärztliche Begleitung. Bei Rückenschmerz nach einem Sturz, Größenverlust oder Lähmungen suchen Sie zeitnah ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Woran merkt man Osteoporose in den Wechseljahren?
Was sagt der T-Wert bei der Knochendichtemessung aus?
Ab welchem Alter sollte man die Knochendichte messen lassen?
Reicht eine Blutuntersuchung statt der Knochendichtemessung?
Warum sind Kalorien und Protein für die Knochen so wichtig?
Hilft eine Hormontherapie gegen Osteoporose nach den Wechseljahren?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
Passende Artikel, die dieses Thema vertiefen — lesen Sie sich Stück für Stück ins Thema ein.

Frühe Menopause: Wenn der Knochenschutz Jahre zu früh wegfällt
Dr. Patrick Bantsich erklärt, warum eine frühe Menopause Knochen und Gefäße trifft, welche Laborwerte zählen und was Frauen ansprechen sollten.
Artikel lesen →
Osteoporose und Psyche: Was Stress mit den Knochen macht und wie Sie der Angst begegnen können
Psychologin Antonia Bringe erklärt, wie Stress auf Knochen wirkt und wie Betroffene mit Angst, Unsicherheit und Motivationstiefs umgehen können.
Artikel lesen →
Beginnt Osteoporose im Darm? Barriere, Ballaststoffe und der Reiz, den Knochen brauchen
Kalzium nützt dem Knochen nur, wenn es ankommt. Dr. rer. nat. Jens Freese über Darmbarriere, Ballaststoffe und die Reize, die Knochen brauchen.
Artikel lesen →