Wer mit Arthrose lebt und ein paar Kilo zu viel trägt, hat den Satz schon gehört: Abnehmen würde den Gelenken helfen. Doch gewusst haben das die meisten längst. Beim Rheuma & Arthrose Online-Kongress vertrat Felix Klemme, Abnehm-Coach, Sportwissenschaftler und Autor, deshalb eine unbequeme These: Das Problem sitzt nicht im Wissen, sondern in dem, was Menschen über sich selbst glauben. Sein Gespräch trug den Titel „Abnehmen für die Gelenke und warum dich eine Opferhaltung nicht weiter bringt“; das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.

Das Wissen ist da. Warum kommt es nicht an?

Muss man Menschen mit Übergewicht und kaputten Knien erst erklären, dass beides zusammenhängt? Klemme winkt ab. Seine Klienten wüssten das.

O-Ton aus dem Interview

Wenn da 100 Kilo draufdrücken oder nur 70 Kilo draufdrücken, dann macht das einen Unterschied. Die Dämpfung hat einfach weniger zu puffern.

Felix KlemmeAbnehm-Coach, Sportwissenschaftler, Autor

Säulendiagramm der IDEA-Studie: Knieschmerz nach 18 Monaten 3,6 Punkte bei Diät plus Bewegung, 4,8 Punkte bei Diät allein, 4,7 Punkte bei Bewegung allein, Skala 0 bis 20

Zur Einordnung: In der IDEA-Studie mit 454 übergewichtigen Erwachsenen ab 55 Jahren mit Kniearthrose lag der selbst berichtete Knieschmerz nach 18 Monaten bei 3,6 Punkten, wenn Diät und Bewegung kombiniert wurden, gegenüber 4,8 Punkten mit Diät allein und 4,7 Punkten mit Bewegung allein (Skala 0 bis 20). Die kombinierte Gruppe hatte im Mittel 10,6 kg abgenommen, die Diätgruppe 8,9 kg, die Bewegungsgruppe 1,8 kg. Quelle: Messier SP et al. 2013, JAMA 310(12):1263-73, PMID 24065013.

Die eigentliche Arbeit beginne danach. Warum wendet jemand nicht an, was er längst weiß? Genau dort setze Coaching an, sagt Klemme. Seine Beobachtung aus rund zehn Jahren Praxis:

O-Ton aus dem Interview

Die meisten Menschen wissen, was sie tun sollten. Sie tun es nur nicht, und sie tun es oft nicht, weil sie unbewusste Programme in sich haben, die sie daran hindern, genau das zu tun.

Felix Klemme

Ein solches Programm sei zum Beispiel der Glaubenssatz, etwas bringe sowieso nichts, weil der Arzt gesagt habe, es sei nicht heilbar. Wie Fettgewebe über die reine Last hinaus auf Gelenke wirkt, lesen Sie in unserem Artikel über viszerales Bauchfett und Arthrose.

Was aber passiert im Kopf, wenn eine Diagnose wie ein Endurteil klingt?

Der Teufelskreis nach der Diagnose

Worte wirken. Für Klemme war das der Grund, vom Sport ins Coaching zu wechseln. Mit den Worten einer Diagnose könne man Menschen die Hoffnung nehmen, sagt er. Für das Thema Gewicht heißt das aus seiner Sicht:

O-Ton aus dem Interview

Wenn der Arzt sagt, das ist nicht heilbar, das ist nicht veränderbar, dann entsteht sofort im schlimmsten Fall ein neues Bild: Dann brauche ich ja auch nicht mehr abzunehmen. Und dann bewegst du dich in einem echt fiesen Teufelskreis.

Felix Klemme

Der Kreis schließe sich über das Essen. Wer sich hilflos fühle, esse gegen das schlechte Gefühl an oder belohne sich damit. Klemme nennt das Opferhaltung, und das Tückische sei, dass die Betroffenen sie gar nicht bemerkten. Das Gehirn höre ein paar Worte, baue ein Bild und leite ein Verhalten daraus ab, alles unterhalb der bewussten Wahrnehmung.

Kreisschema mit fünf Stationen: Diagnose, Resignation, Essen als Trost, mehr Gewicht und Gelenklast, bei der ein Lastpfeil auf ein Kniegelenk drückt

Vom Urteil zum Kilo: Felix Klemme beschreibt, wie eine als endgültig verstandene Diagnose in Resignation kippt, das Essen zum Trost wird und am Ende mehr Gewicht auf den Gelenken liegt. Ein Kreis, den die Betroffenen nach seiner Erfahrung selbst kaum bemerken.

Ein Hinweis der Redaktion: Eine ärztliche Diagnose bleibt die Grundlage jeder Behandlung, und verordnete Schmerzmittel setzt niemand ohne Rücksprache ab. Klemmes Punkt zielt auf die innere Deutung einer Diagnose, nicht auf ihren medizinischen Wert.

Der Ausweg? Die naheliegende Antwort lautet: positiv denken. Klemme hält davon wenig.

Warum ein Mantra nicht reicht

Vielleicht haben Sie es selbst versucht: jeden Morgen ein aufbauender Satz vor dem Spiegel. Klemmes Fazit dazu fällt nüchtern aus.

O-Ton aus dem Interview

Das Mantra allein ist nicht ausschlaggebend dafür, dass du wirklich in eine Veränderung gehst. Dir immer nur mental etwas zu sagen, heißt noch lange nicht, dass dein Körper darauf wirklich reagiert. Eine Realitätsveränderung geht immer nur über Denken und Fühlen.

Felix Klemme

Seine Alternative ist langsamer. Er lässt Klienten die schnellen Gedanken von damals entzerren: Was habe ich im Moment der Diagnose über mich gedacht? Welche Zukunft habe ich mir ausgemalt? Wer das in Ruhe durchgehe, spüre, wie der Körper auf jeden Gedanken reagiere, und könne erst dann etwas ändern.

Klemme geht in seiner Deutung weiter: Die innere Haltung wirke bis auf die Zellebene, selbst Stammzellen reagierten auf solche Gedankenbilder. Das ist seine Perspektive aus Coaching und Psychoneuroimmunologie; eine Studienlage dafür nennt das Gespräch nicht. Sein praktischer Rat hängt daran nicht: sich begleiten lassen, weil vieles allein nicht gehe, und das Umfeld bewusst wählen, weil auch dessen Pessimismus wirke.

Was Stress im Körper mit den Gelenken zu tun hat, beleuchtet unser Artikel über Stress, Cortisol und Arthrose. Klemme selbst zieht aus all dem eine überraschend einfache Konsequenz: zwei Fragen.

Zwei Fragen statt einer Diagnose

Klemme bildet inzwischen selbst Coaches aus. Zwei Fragen gibt er allen mit.

O-Ton aus dem Interview

Die eine Frage ist: Was fehlt dir? Und die andere Frage ist: Was brauchst du? Und dann ist die entscheidende Frage: Tust du alles dafür, was du wirklich brauchst? Und löst du dich wirklich von dem, was dir zu viel ist?

Felix Klemme

Statt „Sie haben Arthrose“ würde er Menschen lieber sagen: Dir fehlt dieser Nährstoff. Dir fehlt ein Mensch, mit dem du ehrlich sprichst. Dir fehlt Zeit in der Natur. Aus solchen Sätzen ließen sich Handlungen ableiten, aus einer Diagnose allein nicht. Die Moderatorin ergänzte, eine Diagnose werde schnell Teil der Identität („ich habe Arthrose“), und wer sich so definiere, müsse beim Gesundwerden ein Stück davon loslassen. Wie ein Arzt denselben Blick auf den ganzen Menschen fasst, zeigt Dr. med. Ulrich Frohberger im Interview über ganzheitliche Orthopädie.

Bleibt die Frage, wie aus Fragen Bewegung wird. Klemme beginnt ausgerechnet mit einem Wort, das viele nicht hören wollen.

Erst das Müssen, dann das Wollen

Das Wort heißt „müssen“. Zwischen dem Jetzt und dem Ziel liege eine Strecke, sagt Klemme, auf der bestimmte Dinge einfach zu tun sind; das Wollen dürfe dabei hinten anstehen. Seine Frage lautet nicht „Worauf habe ich Lust?“, sondern: Welche Bewegung hat den geringsten Widerstand? Spazierengehen, wenn es geht. Schmerzen die Knie zu sehr, dann Schwimmen. Wer nicht gern schwimmt, fährt Rad. Und wer nur schwimmen kann, schwimmt eben.

Beim Umfang ist er vorsichtiger, als man es von einem Trainer erwartet.

Wissenschaftliche Grafikfigur im ruhigen Gehschritt mit durchscheinendem Skelett und terrakottafarben markierten Kniegelenken vor gestaffelten Hügellinien
O-Ton aus dem Interview

Es macht wenig Sinn, von 0 auf 100 zu starten. Wenn du vorher gar keine Bewegung gemacht hast und jetzt hast du das Ziel, ich bewege mich jeden Tag eine Stunde, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es überhaupt nicht funktioniert.

Portrait von Felix KlemmeFelix Klemme

Also kürzer, nicht täglich, sondern jeden zweiten oder dritten Tag, und Raum zum Steigern lassen. Wer sofort mit der höchsten Dosis starte, habe kein Ziel mehr vor sich. Ein zweiter Punkt: der Vergleich mit dem früheren Ich. „Jetzt ist immer jetzt“, sagt er. Ausgangspunkt sei der Körper, in dem man heute steckt, nicht der von vor zwanzig Jahren. Dazu rät er zu einem Trainingspartner mit demselben Ziel oder zu professioneller Begleitung, die einen nicht herunterzieht.

Aus Sicht der Redaktion gehört ein Satz dazu: Bei Arthrose, Rheuma oder Osteoporose wird der Trainingsbeginn ärztlich oder physiotherapeutisch abgestimmt, gerade bei akut entzündeten Gelenken; eine Gewichtsabnahme bei Vorerkrankungen gehört in ärztliche Begleitung. Welche Strategien dabei tragen, steht im Artikel Abnehmen bei Arthrose.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Felix Klemme dreht die Reihenfolge um. Nicht erst Ernährungsplan und Sportprogramm, sondern erst die Frage, welches innere Programm bisher verhindert hat, dass beides ankommt. Übergewicht bei Gelenkproblemen beschreibt er aus seiner Coaching-Erfahrung weniger als Wissenslücke denn als Folge einer Haltung, die sich nach einer niederschmetternden Diagnose einschleichen kann.

Seine Werkzeuge sind unspektakulär: alte Gedanken in Ruhe entzerren, zwei ehrliche Fragen stellen, die Bewegung mit dem geringsten Widerstand wählen, klein beginnen, sich begleiten lassen. Seine Thesen zur Wirkung von Gedanken auf Zellebene muss jede Leserin und jeder Leser selbst einordnen. Sein Praxisrat funktioniert auch ohne sie.

Wie viel Lebensstil im Verlauf einer Arthrose steckt, vertieft Dr. Jens Freese im Interview über Arthrose und Lebensstil aus demselben Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Felix Klemme ist Coach und Sportwissenschaftler, kein Arzt. Eine Gewichtsabnahme oder der Beginn eines Bewegungsprogramms bei Arthrose, Rheuma oder anderen Vorerkrankungen gehört in ärztliche Begleitung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.

Häufige Fragen

Warum nehmen viele Menschen mit Gelenkproblemen trotz besseren Wissens nicht ab?
Nach Felix Klemmes Erfahrung fehlt es selten am Wissen. Die meisten wüssten, was sie tun sollten, und täten es trotzdem nicht, weil unbewusste Glaubenssätze sie bremsen, zum Beispiel die Überzeugung, an der Situation lasse sich ohnehin nichts ändern.
Welche Rolle spielt die Diagnose beim Abnehmen?
Klemme beschreibt, dass ein als endgültig empfundenes Urteil wie „nicht heilbar“ eine Kette auslösen könne: Resignation, dann der Gedanke, Abnehmen lohne sich nicht mehr, dann Essen gegen das schlechte Gefühl. Er nennt das eine Opferhaltung, die vielen gar nicht bewusst sei.
Reicht positives Denken oder ein Mantra, um Gewohnheiten zu ändern?
Aus Sicht von Klemme nicht. Er habe mit Mantras wenig gute Erfahrungen gemacht, weil sich der Körper nicht allein über Gedanken umstimmen lasse. Veränderung brauche nach seiner Überzeugung Denken und Fühlen zusammen, und oft eine Begleitung.
Wie fängt man mit Bewegung an, wenn die Knie schmerzen?
Klemme rät, die Bewegungsform mit dem geringsten Widerstand zu wählen: Spazierengehen, wenn das geht, sonst Schwimmen oder Radfahren. Klein anfangen, nicht täglich, sondern jeden zweiten oder dritten Tag, und sich Raum zum Steigern lassen. Die Redaktion ergänzt: Bei Arthrose gehört der Einstieg ins Training in ärztliche oder physiotherapeutische Rücksprache.
Was meint Felix Klemme mit den Fragen „Was fehlt dir?“ und „Was brauchst du?“
Er nutzt die beiden Fragen in seiner Coaching-Arbeit als Alternative zum Denken in Diagnosen. Wer sie ehrlich beantworte, komme auf konkrete Mängel und Bedürfnisse, etwa einen fehlenden Nährstoff, fehlenden Austausch oder zu wenig Zeit in der Natur, und daraus ließen sich Handlungsschritte ableiten.
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