Osteoporose hat bekannte Verdächtige: Wechseljahre, Alter, zu wenig Kalzium, zu wenig Bewegung. Doch einer fehlt auf den meisten Listen, obwohl er jeden Morgen im Badezimmerschrank wartet: die eigene Medikation. Beim Osteoporose Kongress (23. Oktober bis 1. November 2026) geht der Berliner Osteologe Dr. Stephan Kewenig unter dem Titel „Vorsicht Knochenschädlinge: Medikamente die du meiden solltest” dieser Spur nach. Wer eine Absetzliste erwartet, wird überrascht. Kaum ein Gedanke kehrt so oft wieder wie die Mahnung, kein Medikament ohne die verordnende Ärztin oder den verordnenden Arzt zu verändern. Dieser Artikel gibt das Interview journalistisch wieder, das vollständige Gespräch sehen Sie kostenlos im Kongress.

Der Magenschutz: unauffällige Knochendichte, trotzdem mehr Brüche

Warum redet ein Osteologe über Medikamente? Wer ein Mittel über Jahre täglich nimmt, sollte irgendwann fragen, ob das noch nötig ist, sagt Kewenig, erst recht, wenn es dem Knochen schadet. Bei vielen Wirkstoffen sei daran nichts zu rütteln: Kortison oder Antidepressiva setze niemand einfach ab, das bleibe den behandelnden Fachkollegen überlassen. Zwei Gruppen aber landen in seiner Sprechstunde regelmäßig auf dem Tisch. Die erste sind die Säurehemmer, medizinisch Protonenpumpenhemmer.

Vielleicht denken Sie jetzt: Dann schwächen diese Tabletten eben den Knochen. Genau das zeigen die Daten nicht.

Nahaufnahme eines dichten, gleichmäßigen Knochenbälkchennetzes, durch das eine einzelne scharfe Bruchlinie mit terrakottafarbenen Bruchkanten läuft
O-Ton aus dem Interview

Menschen, die das regelmäßig täglich über einen längeren Zeitraum nehmen, haben vermehrt Frakturen. So richtig, warum, weiß man gar nicht so genau. Das hat wahrscheinlich etwas mit der Calciumresorption zu tun, wobei die Knochendichte gar nicht schlechter ist bei den Patienten, die dauerhaft PPI nehmen.

Portrait von Dr. Stephan KewenigDr. Stephan KewenigFacharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie, Osteologe (DVO)

Die Beobachtung stamme aus großen Studien, die Erklärung fehle. Das Problem sieht Kewenig weniger im Wirkstoff als im Automatismus dahinter. Einmal angesetzt, laufe ein Säurehemmer oft zehn oder fünfzehn Jahre weiter, weil niemand mehr darüber spreche. Dabei gebe es außer wenigen Situationen, etwa nach einem blutenden Magengeschwür, praktisch keinen Grund für eine Dauereinnahme. Gelegentlich bei Sodbrennen sei das Mittel völlig in Ordnung, schädlich sei die tägliche Einnahme über Jahre. Sein Grundsatz: so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Eine solche Anpassung gehört allerdings in die verordnende Praxis, nicht in die Eigenregie. Darauf legt Kewenig mehrfach Wert.

Die zweite Gruppe wirkt auf den ersten Blick harmlos: Schilddrüsenhormone.

Schilddrüse und Kortison: wenn die Dosis den Knochen trifft

Ob eine Schilddrüsenüberfunktion vorliegt, gehöre zur osteologischen Basisuntersuchung. Häufig sei sie durch zu hoch dosierte Schilddrüsenhormone ausgelöst. Dann werde die Dosis angepasst oder die Endokrinologie hinzugezogen, denn eine Überfunktion sei für den Knochen ein „Mega-GAU”. Ein unterdrückter TSH-Wert stehe inzwischen als Risikofaktor in der Leitlinie.

Und dann Kortison. Wer erwartet, dass der Osteologe hier warnt, hört zunächst das Gegenteil.

O-Ton aus dem Interview

Ich sage immer, wir sollten Kortison nicht verfluchen, das ist ein absoluter Segen für die Menschheit, weil wir eben akut Beschwerden, rheumatologische Beschwerden, sonstige autoimmune, aggressive Verläufe von Erkrankungen innerhalb von wenigen Tagen massiv reduzieren können. Das Problem am Kortison ist einfach die langfristige Einnahme.

Dr. Stephan Kewenig

Die Grenze zieht er scharf: drei Monate. Kurze Stoßtherapien, die zügig reduziert werden, erhöhten die Frakturrate nicht. Wer dagegen drei Monate und länger täglich 7,5 Milligramm oder mehr einnehme (gerechnet als Äquivalent zum Referenzwirkstoff), brauche laut Leitlinie parallel einen Knochenschutz, in der Regel ein Bisphosphonat. Schon ab 2,5 Milligramm registriere der Knochen die Dauergabe, das zähle als Risikofaktor. Die kortisoninduzierte Osteoporose sei ein eigenes Krankheitsbild, das er heute vor allem bei älteren Menschen sehe, die wegen Rheuma oder Darmentzündungen über Jahre hohe Dosen erhielten. Dank neuer Medikamente sei das selten geworden.

Zwei Gewebeschnitte durch schwammartigen Knochen: links kräftige Bälkchen, rechts ausgedünnte Bälkchen mit tiefen Abbaugruben und vermehrten knochenabbauenden Zellen

Kortison greife in den Stoffwechsel der knochenabbauenden Zellen ein und aktiviere sie, der Knochen werde zügig abgebaut, beschreibt Dr. Kewenig. Abblocken lasse sich dieser Weg mit einem Bisphosphonat.

Zählt jedes Kortison? Nein, sagt er. Inhalative Sprays bei Asthma bewerte die neue Leitlinie nicht mehr als Risikofaktor, Cremes trage niemand über Monate großflächig auf. Und die Spritze ins schmerzende Gelenk, vor der sich viele fürchten?

O-Ton aus dem Interview

Eine systemische Osteoporose durch immer mal eine Injektion in irgendein Gelenk, auch wenn das höhere Dosen sind, davor muss man definitiv keine Sorge haben.

Dr. Stephan Kewenig

Ob die Spritze für das Gelenk sinnvoll sei, nennt er eine andere Diskussion. Was sie im Knie sonst bewirkt, lesen Sie im Artikel über Kortisonspritzen ins Knie.

Säulendiagramm: Bruchrisiko unter oralem Kortison nach Tagesdosis, Hüftbruch 0,99-fach bis 2,27-fach, Wirbelbruch 1,55-fach bis 5,18-fach

Zur Einordnung: In einer britischen Kohortenstudie mit 244.235 Anwendern oraler Kortison-Präparate lag das Hüftbruchrisiko unter 2,5 mg Tagesdosis (Prednisolon-Äquivalent) bei 0,99, also auf dem Niveau der Vergleichsgruppe. Ab 7,5 mg stieg es auf das 2,27-Fache, das Wirbelbruchrisiko auf das 5,18-Fache. Quelle: van Staa TP et al. 2000, Journal of Bone and Mineral Research 15(6): 993-1000, PMID 10841167.

Ganz anders liegt der Fall bei einer Gruppe von Frauen, bei der Kewenig nicht beruhigt, sondern drängt.

Brustkrebs-Therapie: wenn der Östrogenweg abgeschaltet wird

Aromatasehemmer schalten bei Brustkrebs die Östrogenbildung aus. Für den Knochen sei das ein „absolutes Desaster”, zumal viele Frauen erst durch die Chemotherapie in die Wechseljahre geraten. Die neue Leitlinie fordere deshalb zu Therapiebeginn eine Knochendichtemessung. Liege bereits eine Osteoporose oder eine höhergradige Osteopenie vor, werde medikamentös gegengesteuert, etwa mit einem Bisphosphonat. Bei guter Ausgangsdichte werde nach einem, spätestens zwei Jahren kontrolliert. Was der T-Score aussagt, erklärt unser Artikel zur Osteoporose-Diagnose.

Die nächste Kategorie funktioniert völlig anders.

Der Umweg über den Sturz

Antidepressiva und Opioide verändern die Knochendichte nach Kewenigs Darstellung kaum. Ihr Problem sei die Wachheit. Wer ein Opioid nimmt, oft im höheren Alter, spüre die Benebelung nach einer Weile nicht mehr, sei aber weniger aufmerksam als ohne Medikament. Mehr Stürze, mehr Brüche.

O-Ton aus dem Interview

Ich sage, meine meisten Patienten verabschiede ich damit: Bitte achten Sie darauf, nicht zu stürzen, trainieren Sie Ihr Gleichgewicht. Und das wird natürlich konterkariert durch eine Medikation, die einfach benebelt.

Dr. Stephan Kewenig

Wegnehmen könne man diese Mittel in der Regel nicht, niemand solle Schmerzen erleiden. Also gelte es, die Sturzgefahr anders zu drücken: Gleichgewichtstraining, Hilfsmittel, ein Blick auf Stolperfallen zu Hause. Praktische Ansätze bündelt unser Artikel zur Sturzprävention bei Osteoporose. Gängige nicht-opioide Schmerzmittel, darunter die NSAR, seien für den Knochen nach seiner Einschätzung unbedenklich.

Diabetes: gute Messwerte, trotzdem Brüche

Glitazone, eine Gruppe von Diabetesmedikamenten aus der Leitlinie, würden kaum noch verordnet, die neue Leitlinie habe das Thema entschärft. Das eigentliche Risiko sei die Erkrankung selbst: Bei schlecht eingestelltem Diabetes sähen Knochendichte und Labor unauffällig aus, und die Patienten brächen trotzdem. Warum, sei ungeklärt. Postmenopausale Frauen und Männer über 50 mit langjährigem, insulinpflichtigem Diabetes gehörten deshalb dringend zur Knochendichtemessung, würden aber selten geschickt. Ergänzend nutze er den Trabecular Bone Score, einen Strukturwert aus der Knochendichtemessung.

Die Liste durchgehen, aber nie allein

Zum Abschluss bittet der Moderator um einen Rat. Kewenig empfiehlt, Medikation und Grunderkrankungen in einen Online-Risikocheck für Osteoporose einzugeben und bei erhöhtem Risiko eine Basisuntersuchung machen zu lassen. Sein zweiter Rat betrifft die Polymedikation. Ab fünf Präparaten werde es unübersichtlich, und jedes Medikament sei letztlich ein unphysiologischer Eingriff. Deshalb lohne die regelmäßige Frage an Hausarzt und Fachärzte, ob alles noch nötig ist, das sei das Recht jedes Patienten. Dabei erzählt er von sich selbst: Sein Kardiologe habe ihm in Aussicht gestellt, das eigene Blutdruckmittel irgendwann weglassen zu können. Man habe es geprüft. Es habe nicht funktioniert. Genau so gehe es: prüfen, gemeinsam, mit Ergebnis.

Und dann der Satz, ohne den dieses Interview nicht auskommt.

O-Ton aus dem Interview

Selber sollte man es auch nicht machen, nicht einfach Dinge absetzen. Davon würde ich auch dringend abraten, sondern immer in der Absprache mit den behandelnden Kolleginnen und Kollegen.

Dr. Stephan Kewenig

Die Redaktion unterstreicht das ausdrücklich. Kein Medikament aus diesem Artikel darf eigenständig reduziert, pausiert oder abgesetzt werden, weder der Säurehemmer noch das Kortison, weder das Schilddrüsenhormon noch das Antidepressivum. Auch die bedarfsorientierte Einnahme eines Säurehemmers ist ein Vorschlag für das Gespräch in der verordnenden Praxis, keine Anleitung zum Selbermachen.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Kewenigs Liste ist kein Absetzplan, sondern eine Prüfliste. Beeinflussbar sind aus seiner Sicht vor allem der dauerhaft genommene Säurehemmer und die zu hoch dosierte Schilddrüsenmedikation. Kortison bleibt für ihn ein Segen, dessen Rechnung ab drei Monaten fällig wird; Sprays, Cremes und gelegentliche Gelenkspritzen nimmt er von der Sorge aus. Antidepressiva und Opioide wirken über den Sturz, nicht über die Dichte. Bei Diabetes trügt der gute Messwert. Über allem steht sein Rat, der zugleich der Rat dieser Redaktion ist: in jeder Sprechstunde nachfragen, ob jedes Medikament noch nötig ist. Aber nichts allein ändern.

Wie die knochenschützenden Medikamente wirken, die Kewenig als Gegengewicht zum Kortison nennt, erklärt Dr. Veronika Köppen-Ursic im Interview über Bisphosphonate. Was eine Knochendichtemessung leisten kann, vertieft Prof. Dr. Ralf Oheim im Gespräch über das Messen der Knochendichte.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder. Er ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Setzen Sie kein Medikament eigenständig ab und verändern Sie keine Dosis ohne Rücksprache. Besprechen Sie jede Frage zu Ihrer Medikation mit der verordnenden Ärztin oder dem verordnenden Arzt.

Häufige Fragen

Welche Medikamente können laut Dr. Kewenig dem Knochen schaden?
Er nennt vor allem Protonenpumpenhemmer bei täglicher Dauereinnahme, Kortison über mehr als drei Monate, zu hoch dosierte Schilddrüsenhormone, Aromatasehemmer in der Brustkrebstherapie sowie Antidepressiva und Opioide, die über eine erhöhte Sturzgefahr wirken. Diabetesmedikamente aus der Gruppe der Glitazone sieht er inzwischen als nachrangig.
Warum erhöhen Säurehemmer das Bruchrisiko, obwohl die Knochendichte normal bleibt?
Laut Dr. Kewenig ist das nicht abschließend geklärt. Große Studien zeigten bei täglicher Langzeiteinnahme mehr Frakturen, die Knochendichte sei aber unverändert. Vermutet werde ein Zusammenhang mit der Calciumaufnahme.
Ab wann wird Kortison für den Knochen kritisch?
Nach Dr. Kewenigs Darstellung beginnt das Problem bei einer Einnahme über drei Monate. Ab 7,5 Milligramm täglich sehe die Leitlinie parallel einen Knochenschutz vor, ab 2,5 Milligramm zähle die Dauergabe bereits als Risikofaktor. Kurze Stoßtherapien unter drei Monaten erhöhten die Bruchrate nicht.
Ist eine Kortisonspritze ins Gelenk schädlich für die Knochen?
Dr. Kewenig verneint eine systemische Osteoporose durch gelegentliche Gelenkinjektionen, auch bei höheren Dosen. Ob die Spritze für das Gelenk sinnvoll ist, nennt er eine andere Diskussion. Auch Kortisonsprays und Cremes seien nach der neuen Leitlinie nicht mit einer Tablettentherapie vergleichbar.
Darf ich ein knochenschädliches Medikament selbst absetzen?
Nein. Dr. Kewenig rät ausdrücklich davon ab, Medikamente eigenständig abzusetzen oder zu reduzieren. Jede Änderung gehöre in die Absprache mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten. Die Redaktion schließt sich dem an: Auch eine kleine Dosisanpassung beim Säurehemmer wird nur mit der verordnenden Praxis besprochen.
Was rät Dr. Kewenig Menschen mit Diabetes?
Ein schlecht eingestellter Diabetes sei für den Knochen tückisch, weil Knochendichte und Labor oft unauffällig aussehen und dennoch Brüche auftreten. Postmenopausale Frauen und Männer über 50 mit langjährigem, insulinpflichtigem Diabetes sollten nach seiner Empfehlung osteologisch untersucht werden, ergänzend mit dem Trabecular Bone Score.
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