Wer seit Jahren mit Rückenschmerzen oder steifen Gelenken von Praxis zu Praxis zieht, kennt den Wunsch: Endlich soll jemand das wegmachen. Doch genau dieser Wunsch führt in die Irre, sagt Prof. Dr. Gerald Hüther, Neurobiologe und Autor. Im Osteopathie Kongress erklärte er, warum kein Arzt und kein Osteopath einen Menschen gesund machen kann, was ungelöste Beziehungsprobleme im Gehirn anrichten und weshalb eine Behandlung ohne Vertrauen ins Leere läuft. Sein Gespräch trug den Titel „Gute Beziehungen als heilsames Element“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.

Das Gehirn ist nicht zum Denken da

Was macht ein Gehirn den ganzen Tag? Denken steht bei Hüther nicht an erster Stelle. Schon vor der Geburt lerne es, alles zu regulieren, was im Körper abläuft, bis hin zur Bewegung: Aus dem Muskelzucken des Ungeborenen werde erst dann Bewegung, wenn Nervenzellen gelernt hätten, das Zucken zu kontrollieren.

O-Ton aus dem Interview

Das ist die Aufgabe des Hirns. Das ist nicht zum Denken da, das ist dazu da, dass im Körper alles klappt und dass wir uns nicht auf Dinge einlassen, die uns dann am Ende umbringen.

Prof. Dr. Gerald HütherNeurobiologe und Autor

Warum geht diese Fähigkeit verloren? Wer als Kind riesige Probleme mit den Eltern hat oder als Erwachsener dauernd Theater mit dem Chef, trage eine Unruhe im Gehirn mit sich herum, sagt Hüther. Diese erfasse die älteren Hirnbereiche, die den Körper regulieren, und störe vier große Regelsysteme: das Hormonsystem, Herz und Kreislauf, das autonome Nervensystem aus Sympathikus und Parasympathikus und das Immunsystem. Dann könnten die Selbstheilungskräfte nicht mehr richtig arbeiten.

Kettenschema vom Gehirn zum Rücken: ein ungelöstes Problem, eine terrakottafarbene Unruhezone im Gehirn, die sympathische Nervenkette am Rückenmark, ein verkürzter Rückenmuskel und ein Lendenwirbelsegment mit blockiertem Facettengelenk

Vom Kopf in den Rücken: Gerald Hüther beschreibt, wie ein ungelöstes Problem Unruhe im Gehirn erzeugt, die die Regulation über das autonome Nervensystem durcheinanderbringt. Eine Blockade sei am Ende nichts anderes als eine Verwicklung, die sich verspannt und verklemmt hat.

Was heißt das für alle, die Hilfe suchen? Hüthers Konsequenz klingt zunächst wie eine Absage.

Der Einzige, der heilen kann

„Ich, Arzt, mache dich gesund“: Diese Vorstellung nennt Hüther absurd, alternative Heiler eingeschlossen.

O-Ton aus dem Interview

Der Einzige, der sich heilen kann, ist diese betreffende Person selbst. Was der Arzt, der Heiler oder der Osteopath versuchen kann, ist, Bedingungen zu schaffen, in denen diese Selbstheilungskräfte ihre ursprüngliche Kraft zurückfinden.

Prof. Dr. Gerald Hüther

Die Moderatorin, die selbst osteopathisch arbeitet, sah darin die Haltung ihres Fachs bestätigt: Osteopathen verstünden sich als Wegbegleiter, die einen Raum halten, damit der Mensch wieder in seine Selbstregulation kommt.

Warum aber kommt gut gemeinter Rat so selten an? Weil er auf etwas trifft, das Hüther Verwicklung nennt.

Verwicklungen: Wenn alte Lösungen zur Last werden

Kinder finden Lösungen für ihre Probleme, und diese verankern sich im Gehirn als Haltung: immer die Ersten sein, alles kontrollieren, bewundert werden wollen. Eine Zeit lang hätten sie geholfen, sagt Hüther, später identifiziere sich der Mensch damit. Wer verlange, damit aufzuhören, verlange fast, dass er sich einen Arm absägt. Belohnung und Bestrafung änderten daran nichts; sobald sie wegfallen, mache jeder weiter wie zuvor. Niemand könne einen anderen verändern, nur ihm helfen, dass er selbst wieder gesund werden will. Den Bogen zur Osteopathie zog Hüther selbst.

O-Ton aus dem Interview

So eine Blockade ist eben auch eine Verwicklung. Da hat sich irgendwas verspannt und verklemmt. Dann ist man darin verwickelt. Und wenn es gelingt, so eine Verwicklung aufzulösen, dann blüht der betreffende Patient plötzlich wieder auf.

Prof. Dr. Gerald Hüther

Die Moderatorin ergänzte aus der Praxis: Blockaden, die immer wieder auftreten, ließen sich selten einfach wegbehandeln; meist müsse sich etwas am Leben ändern. Wie Osteopath Torsten Liem die Selbstregulation beschreibt, lesen Sie im Interview über Osteopathie und Selbstheilung. Was aber fehlt, damit ein Mensch einen Vorschlag überhaupt annehmen kann?

Objekt oder Mensch: Was in der Behandlung kippt

Ohne eine verlässliche, vertrauensvolle Beziehung höre der andere gar nicht zu, sagt Hüther. Den Gegenentwurf nennt er Objektbeziehung. Mache eine Mutter ihr Kind zum Objekt ihrer Erwartungen und Bewertungen, lerne das Kind, nur angepasst gemocht zu werden. In der Praxis heiße das: Wer Patienten zum Objekt seiner Diagnosen und Behandlungspläne macht, erreicht sie nicht mehr. Viele Patienten merkten das kaum noch und sagten dem Arzt, der gemeinsam etwas gestalten will: Schreiben Sie mir das Rezept. Zwei Objekte, so Hüther, behandelten sich dann gegenseitig.

Für Menschen mit chronischen Schmerzen ist ein weiterer Gedanke zentral. Die Wissenschaft müsse alles zum Objekt machen und objektive Befunde suchen, sagt Hüther. Das, womit ein Patient in die Praxis komme, sei etwas anderes.

O-Ton aus dem Interview

Das, womit der Patient kommt, das ist nie objektiv. Das ist immer subjektiv. Das ist ein Leiden. Und nicht ein Leiden, das man auf einer Skala von 1 bis 10 irgendwo ankreuzen kann.

Prof. Dr. Gerald Hüther

Die evidenzbasierte Medizin, der Hüther hier kritisch begegnet, versteht sich selbst als Verbindung aus Studienlage, ärztlicher Erfahrung und den Werten des Patienten. Wie das Bio-Psycho-Sozial-Modell chronischen Schmerz erklärt, zeigt Felix Kade im Interview zum Bio-Psycho-Sozial-Modell.

Säulendiagramm der Studie von Fuentes 2014: Schmerzrückgang nach einer Sitzung 1,83 cm bei echtem Interferenzstrom mit begrenzter Beziehung, 1,03 cm bei Scheinstrom mit begrenzter Beziehung, 3,13 cm bei echtem Strom mit verstärkter Beziehung, 2,22 cm bei Scheinstrom mit verstärkter Beziehung

Zur Einordnung: In einer experimentellen Studie mit 117 Erwachsenen mit chronischem Kreuzschmerz erhielten vier Gruppen eine einzige Sitzung Interferenzstrom, echt oder als Scheinbehandlung, jeweils mit begrenzter oder verstärkter therapeutischer Beziehung. Die Schmerzintensität sank im Mittel um 1,83 cm (echter Strom, begrenzte Beziehung), 1,03 cm (Scheinstrom, begrenzte Beziehung), 3,13 cm (echter Strom, verstärkte Beziehung) und 2,22 cm (Scheinstrom, verstärkte Beziehung) auf der numerischen Schmerzskala. Gemessen wurde die Sofortwirkung im Labor, nicht der Verlauf über Wochen. Quelle: Fuentes J et al. 2014, Physical Therapy 94(4):477-89, PMID 24309616.

Zwei Grundbedürfnisse und der Gärtner in Herrn Müller

Woran erkennt man eine gute Beziehung? Hüther beginnt bei zwei Grundbedürfnissen, mit denen jeder Mensch auf die Welt kommt: Verbundenheit, weil wir neun Monate in engster Verbindung mit einem anderen Organismus gewachsen sind, und Autonomie, das Bedürfnis, eigener Gestalter zu sein. Werde eines davon verletzt, passe im Gehirn etwas nicht mehr zusammen.

Aufgeschnittenes 3D-Modell eines Gehirns von der Seite mit Hirnstamm und austretendem gelbem Vagusnerv, im Bereich von Zwischenhirn und Hirnstamm eine terrakottafarben aufgeladene Zone
O-Ton aus dem Interview

Das Verletzen eines Grundbedürfnisses führt dazu, dass im Hirn etwas nicht passt. Eine Erwartungshaltung trifft auf eine Möglichkeit, die da nicht zusammenpasst. Das erzeugt im Hirn eine Inkohärenz. Die Nerven fangen an, durcheinander zu feuern. Das verbraucht eine Unmenge von Energie, und das hält kein Hirn lange aus.

Prof. Dr. Gerald Hüther

Die Lösung des Gehirns bestehe oft darin, das eigene Bedürfnis zu unterdrücken. Sein Beispiel trifft das Thema Bewegung: Ein Kind, das in der Schule still sitzen soll, spüre nach vier oder fünf Tagen sein Bewegungsbedürfnis kaum noch. Es könne jetzt den ganzen Tag sitzen, und gesund sei das nicht. Was Bewegung im Alter für Knochen und Gelenke leistet, lesen Sie im Artikel Ernährung und Bewegung bei Osteoporose.

Für Therapeuten hat Hüther eine unbequeme Bedingung: Wer einem Menschen helfen will, müsse ihn mögen. Und wenn die Chemie nicht stimmt? Die Moderatorin riet, sich einen anderen Therapeuten zu suchen. Hüther nannte das die Energiesparvariante und schlug vor, in jedem Menschen etwas zu suchen, das man mögen kann: Vielleicht züchte der unangenehme Herr Müller zu Hause Gemüse. Dann lade man den Gärtner in ihm ein, und der Rest komme hinterher.

Liebevoll zu sich selbst: der Alltagstipp

Nach einem sofort umsetzbaren Rat gefragt, nannte Hüther eine einzige Frage: Tut mir das, was ich gerade tue, wirklich gut? Beim Essen, beim Fernsehen, bei den Menschen, mit denen man seine Abende verbringt. Wer danach handle, erlebe sich wieder als Gestalter des eigenen Lebens und bekomme Kontakt zu seinen Bedürfnissen, etwa dem Wunsch, draußen spazieren zu gehen. Viele hielten das für egoistisch. Hüther dreht es um.

O-Ton aus dem Interview

Es geht ja nicht darum, liebevoll zu anderen zu sein. Das ist man automatisch. Wenn ich liebevoll zu mir selbst bin, bin ich auch liebevoll zu anderen.

Prof. Dr. Gerald Hüther

Warum Wissen allein selten reicht, um eine Gewohnheit zu ändern, beschreibt der Artikel Abnehmen bei Arthrose.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Gerald Hüther stellt die Frage nach der Heilung vom Kopf auf die Füße: Nicht die Behandlung heilt, sondern der Mensch, dessen Regulation wieder in Ruhe arbeiten kann. Ungelöste Beziehungsprobleme sind in seiner Lesart eine Störung, die Hormonsystem, Kreislauf, autonomes Nervensystem und Immunabwehr erreicht. Das ist seine Sicht als Hirnforscher; die Studien zur therapeutischen Beziehung stützen zumindest, dass der Rahmen einer Behandlung am Ergebnis mitwirkt.

Drei Dinge bleiben. Eine Behandlung braucht Vertrauen, in beide Richtungen. Eine Blockade, die wiederkehrt, verdient neben der ärztlichen Abklärung die Frage, was im Leben dahintersteckt. Und die Frage, ob einem etwas gut tut, kostet nichts. Wie Dauerstress zum Krankheitsauslöser wird, vertieft Prof. Dr. med. Michael Sadre-Chirazi-Stark im Interview über die Auswirkungen von zu viel Stress aus demselben Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Prof. Dr. Gerald Hüther ist Neurobiologe, kein Arzt. Osteopathische Behandlungen bei Osteoporose, in der Schwangerschaft oder nach frischen Verletzungen gehören in qualifizierte Hände und in ärztliche Rücksprache; bei Brustschmerz, Lähmungen, Gefühlsstörungen, Störungen von Blase oder Darm, Fieber oder plötzlichem Rückenschmerz nach einem Sturz suchen Sie sofort ärztliche Hilfe. Verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.

Häufige Fragen

Warum sagt Gerald Hüther, dass niemand einen anderen Menschen gesund machen kann?
Aus Hüthers Sicht ist das Gehirn von Geburt an darauf angelegt, alle Vorgänge im Körper zu regulieren und gesund zu halten. Heilung geschehe deshalb immer im Menschen selbst. Arzt, Heiler oder Osteopath könnten Bedingungen schaffen, in denen diese Selbstheilungskräfte ihre Kraft zurückfinden, mehr nicht. Die Redaktion ergänzt: Eine ärztliche Diagnose und Behandlung bleibt bei Beschwerden die Grundlage; Hüthers Punkt betrifft die Haltung, nicht den Verzicht auf Medizin.
Wie sollen Beziehungsprobleme den Körper krank machen?
Hüther beschreibt, dass ungelöste Konflikte, etwa mit den Eltern oder am Arbeitsplatz, eine Unruhe im Gehirn erzeugen. Diese erfasse die älteren Hirnbereiche, die den Körper steuern, und störe vier Regelsysteme: Hormonsystem, Herz und Kreislauf, das autonome Nervensystem aus Sympathikus und Parasympathikus sowie das Immunsystem. Dann könnten die Selbstheilungskräfte nicht mehr richtig eingesetzt werden. Das ist sein neurobiologisches Erklärungsmodell.
Was hat eine osteopathische Blockade mit Beziehungen zu tun?
Hüther nennt eine Blockade eine Verwicklung: Etwas habe sich verspannt und verklemmt, ähnlich wie eine in der Kindheit gefundene Lösung, die den Menschen später einengt. Die Moderatorin ergänzte aus osteopathischer Praxis, dass wiederkehrende Blockaden selten einfach wegbehandelt werden könnten; oft müsse sich grundsätzlich etwas am Leben ändern. Anhaltende oder wiederkehrende Beschwerden gehören unabhängig davon in ärztliche Abklärung.
Was meint Hüther mit Objektbeziehung in der Praxis?
Wer sein Gegenüber zum Objekt eigener Erwartungen, Bewertungen und Absichten mache, verletze dessen Bedürfnis nach Autonomie, sagt Hüther. In der Praxis heiße das: Patienten zum Objekt von Diagnosen und Behandlungsplänen zu machen. Umgekehrt behandelten viele Patienten den Arzt ebenfalls wie ein Objekt („Schreiben Sie mir das Rezept“). Aus seiner Sicht braucht jede Behandlung eine verlässliche, vertrauensvolle Beziehung, sonst höre der andere gar nicht zu.
Was kann man tun, wenn die Chemie mit dem Therapeuten nicht stimmt?
Die Moderatorin riet, sich dann einen anderen Therapeuten zu suchen. Hüther nannte das die Energiesparvariante und empfahl Therapeuten, in jedem Menschen etwas zu suchen, das man mögen kann, etwa den Gärtner in einem sonst schwierigen Herrn Müller. Wer allerdings ausdrücklich nicht wolle, den würde er ohne Groll wegschicken, weil er nur mit Menschen arbeiten könne, die wollen.
Welchen Alltagstipp gibt Gerald Hüther?
Er empfiehlt eine einzige Frage: Tut mir das, was ich gerade tue, wirklich gut? Beim Essen, beim Fernsehen, bei der Wahl der Menschen, mit denen man Zeit verbringt. Wer danach handle, erlebe sich wieder als Gestalter des eigenen Lebens und bekomme Kontakt zu seinen Bedürfnissen, etwa dem Wunsch, spazieren zu gehen. Liebevoll zu sich selbst zu sein hält er nicht für egoistisch, sondern für die Voraussetzung, es auch zu anderen zu sein.
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