Wer die Diagnose Osteoporose bekommt, hört zuerst zwei Wörter: Calcium und Vitamin D. Von Fett spricht selten jemand. Doch beim Osteoporose Kongress vom 23. Oktober bis 1. November 2026 rückt ein Allgemeinmediziner genau das in den Mittelpunkt. Sein erster Rat hat dabei nicht einmal mit Omega-3 zu tun: Er räumt zuerst das Sonnenblumenöl aus der Küche. Bastian Hölscher sprach dort unter dem Titel „Wie Omega 3 deine Knochen stärkt: Nutzen und Hintergründe” über Fettsäuren, Messwerte und die Frage, warum Leinöl allein nicht genügt. Dieser Artikel gibt das Gespräch journalistisch wieder, mit O-Tönen und in indirekter Rede. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.
Eine Medizin, die nach dem Essen fragt
Warum landet ein Hausarzt bei Fettsäuren? Beim Tierarzt, erzählt Hölscher, sei die erste Frage, was man dem Hund füttere. Beim Arzt für Menschen komme diese Frage praktisch nie vor.
Die funktionelle Medizin ist eigentlich genau das, was man von seinem Arzt erwartet. Der guckt sich an: Gibt es irgendwas in deinem Lebensumfeld, was dich krank macht, was wir verbessern können?
Schichtdienst, Fluglärm, Lebensmittel, die kein Vorfahre als Nahrung erkannt hätte: An diesen Schrauben will er zuerst drehen. Genau dort beginnt seine Geschichte über Fett. Und die dreht sich zunächst gar nicht um Omega-3.
Das Verhältnis, nicht die Kapsel
Pflanzenöle wie Sonnenblumen- und Rapsöl seien stark Omega-6-lastig, und Omega-6-Fettsäuren wirkten entzündungsfördernd, sagt Hölscher. Bei Naturvölkern liege das Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3 bei eins zu eins. Wer in Sonnenblumenöl brät und Fertigprodukte isst, in denen es fast überall steckt, verschiebe dieses Verhältnis weit in Richtung Entzündung. Dass er zugleich die Theorie von gesättigten Fetten als Herzinfarkt-Ursache für hinterfragbar hält, ist seine Position; Fachgesellschaften sehen das zurückhaltender.
Die naheliegende Lösung wäre: Omega-3 dazunehmen, fertig. Hölscher widerspricht.
Ich kann natürlich sagen: Gut, dann nehme ich mir halt Omega-3, dann ist es wieder ausgeglichen. Das kann man durchaus tun, halte ich aber für keine richtig gute Empfehlung. Also erst mal versuche ich, Omega-6 in der Ernährung zu reduzieren, also diese ganzen Pflanzenfette runterzufahren, und Omega-3 zu verbessern.
Zwei Ausnahmen nennt er: Leinöl als pflanzliche Omega-3-Quelle und Olivenöl mit seiner Sonderstellung. Wichtig ist ihm die Oxidation. Ein frisch kalt gepresstes Öl sei etwas anderes als eines, das im Regal in der Sonne stand und dann in die Fritteuse kommt.
Wie Omega-3-Fettsäuren im Körper zu entzündungsauflösenden Botenstoffen werden, beschreibt unser Artikel über Omega-3 und Resolvine. Bleibt die Frage, warum der Leinöl-Löffel am Morgen trotzdem nicht reicht.
ALA, EPA, DHA: die Umwandlungsfalle
Hier kommt der Twist des Gesprächs. Streng nach Nomenklatur gilt nur die pflanzliche Alpha-Linolensäure (ALA) als essenzielle Omega-3-Fettsäure, weil der Körper daraus EPA und DHA herstellen kann. Genau das, sagt Hölscher, sei in der Praxis das Problem. Die Studien gingen auseinander, die Umwandlungsrate liege nach seiner Einschätzung aber nur bei etwa fünf Prozent.
Die sind der wissenschaftlichen Nomenklatur nach nicht essentiell, weil der Körper könnte sie aus ALA machen. Aber in der Praxis macht er das viel zu wenig, als dass wir in der Ernährung darauf verzichten können.
Hölscher glaubt das nicht nur, er misst es. Patienten, die jeden Morgen zwei Esslöffel Leinöl in den Quark rühren, hätten hohe ALA-Werte. EPA und DHA lägen trotzdem nicht dort, wo er sie gern hätte.
Dieser Index ist sein zentrales Werkzeug; einen guten Wert sieht er zwischen 10 und 12 Prozent. Dann folgt ein Satz, den er selbst als Eingeständnis formuliert.

Dass der Omega-3-Anteil an den Gesamtfettsäuren irgendwie im Bereich 10, 11 ist, habe ich bei Menschen, die nicht supplementieren, eigentlich noch nie gesehen, muss ich einfach fairerweise so sagen.
Bastian HölscherDer Gastgeber des Kongresses bestätigt das aus seiner eigenen Praxis. Wenn Ernährung allein selten reicht: Was dann?
Fisch, Alge oder Kapsel
Hölschers Reihenfolge: zuerst Fleisch von Tieren aus Weidehaltung, weil dort das Fettsäure-Verhältnis besser sei, dazu Fisch. Dann messen, ein halbes Jahr umstellen, nachmessen. Erst wenn der Index nicht kommt, hält er ein Präparat für sinnvoll, und er nennt es offen einen Convenience-Faktor. Worauf er achtet: Schwermetalle herausgefiltert, natürliche Triglycerid-Form, und man solle es schmecken, weil oxidiertes Öl sich verrate. Für Vegetarier und Veganer sei Algenöl die bessere Wahl, teurer und etwas weniger bioverfügbar, aber gut.
Und was hat das mit dem Knochen zu tun? Hölscher räumt selbst ein, dass diese Frage im Gespräch lange offen blieb.
Der Bogen zum Knochen
Zwei Wege beschreibt er. Der erste läuft über die Entzündung.
Die Grundidee von Omega-3 und Omega-6 in einem Ausgleich ist natürlich, dass ich Entzündungsprozesse reduziere. Und Entzündungen können auch den Knochenabbau befördern. Von daher ist das ein Mechanismus.

Links Gleichgewicht, rechts Verschiebung. Ein Überschuss an Omega-6 fördere stille Entzündungen, und Entzündungen könnten den Knochenabbau befördern: So beschreibt Bastian Hölscher den ersten Weg vom Fett zum Knochen.
Der zweite Weg führt über die Zellmembran. Eine Zelle, die gut mit Omega-3 gesättigt sei, lasse Nährstoffe leichter hinein und Giftstoffe leichter hinaus. Belege dafür präsentiert er im Gespräch nicht; er beschreibt es als Grundidee seines Ansatzes.
Und die Schlagzeilen, die vor Omega-3 warnen? Studien an herzvorerkrankten Menschen hätten unter Omega-3-Einnahme mehr Vorhofflimmern gezeigt. Seine Kritik: Niemand habe vorher den Omega-3-Index bestimmt, die Dosen seien hoch gewesen, verwendet worden sei eine veresterte Form, die der Körper nicht kenne. Er selbst umgehe das Problem, indem er misst, die natürliche Form wählt und im Zielbereich bleibt.
Aus Sicht der Redaktion gehört hier ein Hinweis dazu: Wer eine Herzerkrankung hat, Gerinnungshemmer einnimmt oder vor einer Operation steht, bespricht Omega-3-Präparate vorher ärztlich. Höhere Dosen können die Blutungsneigung beeinflussen.
Das unterschätzte Organ
Am Ende geht es kaum noch um Fett. Der Gastgeber berichtet von Osteoporose-Patientinnen, die in seinen Ernährungsanalysen auf 15 Gramm Protein am Tag kommen. Hölscher setzt an einem Punkt an, den viele nicht erwarten: Je weniger sich ein Mensch bewege, desto mehr Protein müsse er essen. Der Körper sei ökonomisch und baue Muskeln ab, die wochenlang nichts getan haben, sobald Leber oder Niere Protein brauchen. Ein Gartenlandschaftsbauer, den er auf einem Seminar traf, brauche weniger Protein als er selbst am Schreibtisch. Für den Knochen zählt aus seiner Sicht vor allem eines: Zug.
Es muss was am Knochen ziehen, damit der Knochen den Reiz hat: Ich bleibe hier. Das ist der Muskel.
Mehr Muskulatur bedeute weniger Stürze und im Fall eines Sturzes mehr Polster vor dem Bruch. Wie sich dieser Reiz setzen lässt, lesen Sie im Artikel über Krafttraining bei Osteoporose und im Kongress-Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Kemmler über Krafttraining und Vibration.
Bei den Proteinquellen wird Hölscher deutlich. Tierische Proteine seien fast immer doppelt so gut bioverfügbar wie pflanzliche; wer kein Tier essen möchte, könne auf Molken- oder Ziegenkasein und Kollagen ausweichen. Vegane Ernährung lehnt er bei Osteoporose ab und nennt sie zusammen mit Inaktivität als das, was man vermeiden solle. Diese Position ist umstritten: Ernährungsfachgesellschaften halten eine gut geplante pflanzliche Ernährung mit gezielter Ergänzung für möglich, der Kongress widmet der Frage ein eigenes Interview. Eine Ernährungsumstellung bei Osteoporose gehört in jedem Fall in die ärztliche Rücksprache. Welche Bausteine zusammenwirken, zeigt unser Überblick zu Ernährung und Bewegung bei Osteoporose.
Die menschliche Seite liefert Hölscher selbst: Die neue Küche habe die Geschirrschublade weit hinten. Anfangs habe ihn das genervt. Heute denke er: gut, dann bewegst du dich halt.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Hölschers Reihenfolge ist das Eigentliche: erst Omega-6 aus der Küche, dann Weidefleisch und Fisch, dann messen, und erst wenn der Omega-3-Index unter 10 bleibt, ein Präparat in natürlicher Form. Leinöl allein bringe den Index nach seiner Erfahrung nicht dorthin. Für den Knochen sieht er Omega-3 als Entzündungsbremse und die Zellmembran als Türöffner für Nährstoffe.
Seine drei Empfehlungen bei Osteoporose: tierbasierte Ernährung mit guten Proteinen und Omega-3, Muskeltraining, Vitamin D. Zu meiden: Inaktivität. Den Bogen zu Vitamin D schlägt der Gastgeber selbst im Kongress-Interview mit Samuel Kochenburger über Vitamin D, K und Magnesium.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Omega-3-Präparate in höherer Dosierung können die Blutgerinnung beeinflussen: Klären Sie die Einnahme bei Herzerkrankungen, unter Gerinnungshemmern oder vor einer Operation vorab ärztlich ab. Ernährungsumstellungen bei Osteoporose gehören in die ärztliche Rücksprache.
Häufige Fragen
Hilft Omega-3 bei Osteoporose?
Reicht Leinöl als Omega-3-Quelle?
Was ist der Omega-3-Index und welcher Wert gilt als gut?
Fischöl, Algenöl oder einfach mehr Fisch essen?
Ist Omega-3 wegen Vorhofflimmern gefährlich?
Warum spricht ein Omega-3-Interview so viel über Protein und Muskeln?
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