Der Nacken ist steif, die Schulter zieht, der Atem geht flach. Die Brustwirbelsäule? Tut nicht weh. Doch genau dort sucht Susanne Goerke, Osteopathin F.O., Heilpraktikerin, Dozentin, häufig zuerst. Beim Osteopathie Kongress erklärte sie, warum Blockaden der Brustwirbelsäule so oft stumm bleiben und was Rippen, Zwerchfell und sogar der Magen damit zu tun haben. Ihr Gespräch trug den Titel „Ursachen für Blockaden im Brustwirbelsäulenbereich“; das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.
Was eine Blockade ist, und warum Osteopathen ein anderes Wort benutzen
Fragt man Patienten, was eine Blockade sei, kommt meist dieselbe Antwort: Da klemmt etwas. Goerke fasst das genauer.
Die Muskulatur wird sehr fest und verhindert zusätzlich die Bewegung, und es entsteht ein Schmerz. Das wird im herkömmlichen Sinn als Blockade bezeichnet. Wir nennen das häufig Dysfunktion.
Drei Merkmale gehören für sie dazu: verändertes Gewebe rund um den Wirbel, erhöhte Spannung in Bändern und kleinen Muskeln, ein Segment, das sich kaum noch bewegt. Genau das taste sie bei der Untersuchung ab.
Was Osteopathie im Kern will, erklärt Stefan Rieth in seinem Kongressgespräch Was ist Osteopathie?. Goerkes Pointe kommt aber erst jetzt: Die Brustwirbelsäule verhält sich anders als der Rest.
Die stumme Zone
Kreuzschmerz kennt jeder, Nackenschmerz auch. Der mittlere Rücken taucht selten auf. Goerke hat dafür eine Erklärung.
In der Brustwirbelsäule, das ist das Spannende, sind diese Dysfunktionen häufig ein bisschen stumm. Das heißt, die fallen erstmal gar nicht so auf. Häufiger merken die Patienten, dass das die Schulterschmerzen sind oder dass sie nicht so gut atmen oder dass sie sich auch manchmal gestresst fühlen.

Zur Einordnung: In einer Befragung von 34 902 dänischen Zwillingen zwischen 20 und 71 Jahren gaben 12 Prozent an, im vergangenen Jahr an mindestens 30 Tagen Schmerzen in der Lendenwirbelsäule gehabt zu haben, 10 Prozent nannten die Halswirbelsäule und 4 Prozent die Brustwirbelsäule. Ob hinter Nackenbeschwerden eine stumme Brustwirbelsäule steckt, untersucht die Studie nicht. Quelle: Leboeuf-Yde C et al. 2009, BMC Musculoskeletal Disorders 10:39, PMID 19379477.
Auf Nachfrage schätzt Goerke, dass bei rund 80 Prozent ihrer Patienten mit Kopfschmerzen oder Schulter-Nacken-Beschwerden die Brustwirbelsäule beteiligt sei; das ist ihr Praxiseindruck, keine Statistik. Die Reihenfolge laufe von unten nach oben: erst Lendenwirbelsäule oder Becken, die der Körper ausgleicht, dann Brustkorb und Schultern. Dort sei Schluss, darüber könne kaum noch etwas kompensieren. Eine Massage nehme kurz Spannung heraus, das Muster darunter erzeuge sie neu. Viele Patienten zuckten beim Abtasten der Brustwirbel überrascht zusammen: Dort habe doch nie etwas wehgetan.
Woher aber kommt Festigkeit in einer Region, die kaum jemand bewusst bewegt? Goerke zeigt auf etwas, das sich mit jedem Atemzug bewegt.
Rippen, Atem, Zwerchfell
Die Brustwirbelsäule steht nicht allein wie Hals- oder Lendenwirbelsäule. An jedem Brustwirbel setzen Rippen an, und Spannung aus einem Rippengelenk könne auf den Wirbel durchschlagen. Der Brustkorb wiederum atmet ständig. Deshalb interessiert Goerke sich besonders für das Zwerchfell, das vorn am Brustbein und hinten an der Lendenwirbelsäule befestigt ist.
Je gleichmäßiger dieses Atemmuster ist, je harmonischer das ist, umso harmonischer auch die Bewegungsweiterleitung in unseren Brustkorb, in unsere Brustwirbelsäule. Je mehr die Atmung stagniert, je mehr sie festgehalten wird, umso weniger Bewegung überträgt sich in die Brustwirbelsäule, und das macht fest.

Mit jedem Atemzug senkt sich die Zwerchfellkuppel und hebt sich wieder. Über seine Ansätze übe der Muskel dabei einen Zug auf die Wirbelsäule aus und lasse ihn wieder los, beschreibt Susanne Goerke; bleibe die Atmung flach und festgehalten, komme diese Bewegung in der Brustwirbelsäule nicht mehr an.
Viele Menschen hätten ein Einatemmuster: hohe Spannung, dauerhaft gehalten. Nacken-, Schulter- und Kopfschmerzen könnten dann mit einer Dysfunktion zusammenhängen, deren Ursprung im Brustkorb liegt.
Der Atem ist nicht der einzige Weg, auf dem Spannung in die Brustwirbelsäule gerät. Der zweite führt durch den Bauch.
Wenn der Magen im Rücken anklopft
Die Segmente der Brustwirbelsäule seien Organen zugeordnet, sagt Goerke: Verdauung, Atemwege, Herz. Es müsse keine schwere Krankheit sein, oft gehe es um eine Funktionsstörung in der Aufhängung eines Organs. Die Verbindung laufe über Nervenfasern zum Rückenmark, in beide Richtungen: Eine Fehlhaltung könne ein Organ stören, ein überlastetes Organ ein Segment festmachen.
Ihr Beispiel sind Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Wer etwa Laktose nicht vertrage, bekomme rasch Spannung und Blähgefühl im Magen. Das werde zurückgemeldet, und in Höhe des vierten bis sechsten Brustwirbels entstünden Schmerzen oder das, was Patienten Blockade nennen. Verräterisch sei die Formulierung „immer mal wieder“: Wer sich verhoben habe, nenne den Auslöser; wer es immer mal wieder habe, trage nach ihrer Erfahrung mehrere Ursachen zugleich.
Es gibt nicht diese eine Ursache, sondern unser Körper ist zum Glück in der Lage, unglaublich viel zu kompensieren. Das heißt, viele Einschränkungen, viele kleine Störungen merken wir gar nicht. Aber wenn sich die Belastungen summieren, so wie im Leben, irgendwann fällt das Kartenhaus, und wir können das eigentlich nicht mehr halten.
Ein Hinweis der Redaktion: Die Zuordnung von Wirbelsegmenten zu Organen ist ein osteopathisches Erklärungsmodell; belastbare Studien zur viszeralen Osteopathie fehlen. Schmerzen im Brustkorb, Atemnot oder anhaltende Beschwerden nach dem Essen gehören zuerst in ärztliche Abklärung.
Wie weit eine solche Kette reichen kann, zeigt ein Fall, den Goerke als eindrucksvoll beschreibt.
Der Arm schmerzt, die Ursache liegt im Bauch
Eine Frau habe ihr Kind zur Behandlung gebracht und selbst sichtbar unter Schmerzen gesessen: seit rund zehn Monaten starke Gefühlsstörungen, mal im rechten, mal im linken Arm. Nervenleitgeschwindigkeit und CT der Halswirbelsäule seien ohne Befund gewesen, am Ende habe es geheißen, das sei psychosomatisch.
Goerke fand nach eigener Beschreibung eine fast unbewegliche mittlere Brustwirbelsäule, ein stark angespanntes Zwerchfell und einen bretthart verdichteten Oberbauch. Auf Nachfrage kam heraus: Die junge Frau war Jahre zuvor wegen eines Darmverschlusses mit Bauchfellentzündung operiert worden. Goerke behandelte Oberbauchorgane, Zwerchfell und dann die Brustwirbelsäule. Noch am Abend habe die Patientin angerufen: Die Schmerzen seien um etwa 90 Prozent zurückgegangen.
Ihre Erklärung: Der Nerv, der das Zwerchfell versorgt, habe die Fehlspannung gemeldet, und weil das Nervengeflecht für die Arme direkt daneben liege, habe der Körper das Signal anders gedeutet. Aus Sicht der Redaktion bleibt das ein Einzelfall, kein Wirkbeleg. Gefühlsstörungen oder Schwäche in Armen oder Beinen gehören immer zuerst in ärztliche Abklärung, wie bei dieser Patientin geschehen.
Sitzen macht den Brustkorb zum Lastenträger
Die naheliegende Erklärung für einen festen mittleren Rücken wäre Fehlbelastung durch Heben oder Sport. Goerke nennt das Gegenteil: das Nichtstun.
Wir haben leider zwangsläufig fast alle sitzende Tätigkeiten, und in diesen sitzenden Tätigkeiten ist es so, dass unser Becken total aus dem Spiel genommen wird, unsere Beine auch, und das, was jetzt belastet wird, ist eben entsprechend unser Thorax.
Bildschirmarbeit verlagere die Präsenz nach oben, wach und aufmerksam sein erhöhe den Tonus. Das häufigste Muster: Rücken rund, Halswirbelsäule überstreckt. Welche Muskeln gedehnt und welche trainiert werden müssten, entscheide sich erst nach der Untersuchung; wer eine Übung nicht sauber ausführen könne, übe sich in den Schmerz hinein. Deshalb behandelt sie zuerst so, dass Bewegung wieder leicht geht. Was leicht gehe, mache man auch.
Drei Empfehlungen gibt sie fast allen mit. Erstens: leicht atmen, den Atem bewusst durch den Brustkorb laufen lassen und nach Stress drei-, viermal ruhig durchatmen. Zweitens: mindestens einmal am Tag 15 bis 20 Minuten zügig gehen, nicht joggen.

Erst wenn wir uns zügig bewegen, wenn wir zügig gehen, dreht unsere Wirbelsäule auch mit, und die Muskeln, die unsere Brustwirbelsäule stabilisieren, die sie halten und die sie bewegen, kommen überhaupt erst wieder in Aktivität.
Radfahren sei gut für die Kondition, halte die Brustwirbelsäule aber still. Drittens: sich zwischendurch nach rechts und links drehen und dabei atmen. Aus Sicht der Redaktion gilt: Wer akute Beschwerden, eine Osteoporose oder eine frische Verletzung hat, bespricht neue Bewegungsroutinen mit Ärztin, Arzt oder Therapeut. Welche Bewegung Knochen und Rücken im Alter guttut, lesen Sie in Osteoporose: Ernährung und Bewegung und im Artikel über Krafttraining bei Osteoporose.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Susanne Goerke dreht den Blick um: nicht dort suchen, wo es wehtut, sondern dort, wo es still geworden ist. Die Brustwirbelsäule ist für sie diese stumme Zone, über Rippen an den Atem gekoppelt, über Nerven mit dem Magen verbunden, durch Sitzen zum Lastenträger gemacht. Nacken, Schultern und Kopf zahlten die Rechnung.
Das ist ein osteopathisches Erklärungsmodell, keine gesicherte Diagnostik. Praktisch bleibt: auf den Atem achten, täglich zügig gehen, sich drehen, Warnzeichen ärztlich abklären lassen. Wie Osteopathie die Selbstregulation des Körpers unterstützen soll, erklärt Torsten Liem in seinem Kongressgespräch Wie Osteopathie wirkt und die Selbstheilung fördert.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Susanne Goerke ist Osteopathin und Heilpraktikerin, keine Ärztin. Osteopathische Behandlungen bei Vorerkrankungen gehören in ärztliche Rücksprache; bei Schmerzen im Brustkorb, Atemnot, Gefühlsstörungen oder Schwäche in Armen oder Beinen, Fieber oder Rückenschmerz nach einem Sturz suchen Sie sofort ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Was versteht Susanne Goerke unter einer Blockade der Brustwirbelsäule?
Warum merkt man eine Blockade in der Brustwirbelsäule oft nicht dort?
Was hat die Atmung mit der Brustwirbelsäule zu tun?
Kann der Magen Rückenschmerzen zwischen den Schulterblättern auslösen?
Welche Übungen empfiehlt Goerke für die Brustwirbelsäule?
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