Die Harnsäure liegt am oberen Rand, der Hausarzt sagt: noch im Bereich. Doch für Dr. Jens Freese, Sportwissenschaftler, Systemischer Coach, klinischer Psycho-Neuro-Immunologe, beginnt genau dort das Gespräch über die Gelenke. Bei unserem Rheuma & Arthrose Online-Kongress vertrat er eine These, die der klassischen Gicht-Beratung widerspricht: Nicht das Fleisch treibe die Harnsäure nach oben, sondern der Zucker, genauer der Fruchtzucker. Sein Gespräch trägt den Titel „Gelenkschädigende Lebensmittel und die Wahrheit über Harnsäure“; das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.

Ein Laborwert, den kaum jemand kommentiert

Laborwerte liest Freese in fester Reihenfolge: zuerst die Harnsäure.

O-Ton aus dem Interview

Ich sehe immer Laboranalysen von Patienten, die zur Beratung kommen, wo ich dann immer frage: Was hat Ihr Hausarzt denn dazu gesagt? Und dann kommt meistens nichts. Die sind noch so halbwegs in der Range.

Portrait von Dr. Jens FreeseDr. Jens FreeseSportwissenschaftler, Systemischer Coach, klinischer Psycho-Neuro-Immunologe

Harnsäure habe einen evolutionsbiologischen Vorteil, sagt Freese, aber einen Nachteil, sobald der Wert dauerhaft hoch liege. Aus den Zahlen lese er heraus, wie jemand isst, denn so weit stiegen sie nur unter einer bestimmten Ernährung. Sein Rat: die Harnsäure so tief wie möglich halten. Dass Naturvölker keine Arthrose kennen, führt er auch auf niedrige Harnsäurewerte zurück; belastbare Daten dazu sind rar.

Zur Einordnung durch die Redaktion: Rheuma ist ein Sammelbegriff für über 100 Erkrankungen, darunter entzündlich-rheumatische wie die rheumatoide Arthritis, die Psoriasis-Arthritis oder Morbus Bechterew, die Gicht als Stoffwechsel-Rheuma und die Fibromyalgie als Weichteilrheuma ohne Gelenkzerstörung. Bei der Gicht ist der Weg von der Harnsäure ins Gelenk gesichert, Kristalle lösen den Anfall aus. Ob hohe Harnsäure auch eine Arthrose antreibt, wie Freese meint, ist nicht belegt.

Säulendiagramm: relatives Gichtrisiko bei Männern nach zuckergesüßten Softdrinks, 1,00 bei weniger als einem im Monat, 1,29 bei fünf bis sechs pro Woche, 1,45 bei einem pro Tag, 1,85 bei zwei oder mehr pro Tag

Zur Einordnung: In einer prospektiven Kohorte von 46.393 Männern ohne Gicht traten über zwölf Jahre 755 Neuerkrankungen auf. Gegenüber weniger als einem zuckergesüßten Softdrink im Monat lag das relative Gichtrisiko bei fünf bis sechs pro Woche bei 1,29, bei einem pro Tag bei 1,45 und bei zwei oder mehr pro Tag bei 1,85; Diät-Softdrinks zeigten keinen Zusammenhang. Quelle: Choi HK, Curhan G 2008, BMJ 336(7639):309-12, PMID 18244959.

Woher aber kommt die Harnsäure, wenn nicht aus dem Steak?

Der Fruktose-Flaschenhals

Die klassische Lehre kennt Freese gut: Purine aus Fleisch, Innereien und Meeresfrüchten werden zu Harnsäure, also purinarm essen. Für ihn sind das vielleicht 20 Prozent der Wahrheit, sagt er. Der Rest laufe über Fruchtzucker, der im Körper denselben Abbauweg nehme wie die Purine und ebenfalls als Harnsäure ende.

Er nennt es den Flaschenhals: Softdrinks, Sirupe, der Zuckerguss auf dem Kuchen in der Mittagspause und viele Fertigprodukte laufen auf denselben Stoffwechselweg zu, bis er überlastet ist. Neben Harnsäure entstünden dabei Triglyzeride und weitere Blutfette.

Schema eines Flaschenhalses im Stoffwechsel: Fruchtzucker und Purine laufen in der Leber in einer Engstelle zusammen, daraus treten Harnsäurekristalle und Fetttröpfchen in ein Blutgefäß, das zu einem Kniegelenk führt

Der Flaschenhals, wie Dr. Jens Freese ihn beschreibt: Fruchtzucker und Purine münden in der Leber in denselben Abbauweg. Wird er überlastet, entstehen Harnsäure und Blutfette, und die Harnsäure kann als Kristall im Gelenk landen.

Freese argumentiert mit der Evolution.

O-Ton aus dem Interview

Fructose haben wir früher immer nur temporär aufgenommen, nämlich über die Süßigkeiten in der Natur. Das waren Beerenfrüchte, das war Obst. Aber wann ist das reif? Das ist nur zu ganz bestimmten Saisons reif und auf gar keinen Fall über zwölf Monate.

Dr. Jens Freese

Ein paar Wochen Beerenzeit hält er für unproblematisch. Zwölf Monate Glukose-Fruktose-Sirup aus Fertigprodukten nicht. Die Redaktion ordnet ein: In der Gicht-Forschung stehen purinreiche Kost, zuckergesüßte Getränke und Alkohol nebeneinander als Risikofaktoren; eine purinarme Ernährung bleibt Teil ärztlicher Beratung, ob sie zu Ihnen passt, klären Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Was passiert, wenn der Wert Jahr für Jahr oben bleibt?

Wo die Kristalle landen

Harnsäure sei für den Körper schwer loszuwerden, sagt Freese. Ab einer bestimmten Konzentration falle sie als Kristall aus.

3D-Nahaufnahme in ein aufgeschnittenes Gelenk, in der rosé gefärbten Gelenkinnenhaut stecken nadelförmige terrakottafarbene Harnsäurekristalle, darüber liegt die glatte petrolfarbene Knorpeloberfläche
O-Ton aus dem Interview

Diese Harnsäure können wir nur sehr schlecht entgiften. Irgendwann kristallisiert sie aus. Und diese Auskristallisationsprodukte sind dann fast nicht mehr auflösbar für den Organismus. Die werden gerne in die Bindegewebe abgeschoben und liegen genau da, wo die Inflammation am Gelenk anfängt.

Portrait von Dr. Jens FreeseDr. Jens Freese

Daraus leitet er eine Reihenfolge ab: erst Arthritis, dann Arthrose. Die Entzündung komme zuerst, die Bewegung nehme ab, über Jahre verliere der Knorpel seine Federung, und erst dann komme der Schmerz.

Ein Hinweis der Redaktion: Ein plötzlich heißes, geschwollenes Gelenk, womöglich mit Fieber, gehört zeitnah in ärztliche Abklärung. Harnsäuresenkende Medikamente bei Gicht ändert oder beendet niemand eigenmächtig. Dasselbe gilt bei entzündlichem Rheuma für Basistherapie (DMARDs, Biologika) und Kortison: Anpassungen nur in Rücksprache mit Rheumatologin oder Rheumatologe, denn ein früher Behandlungsbeginn schützt die Gelenke. Ernährung ist Ergänzung, nie Ersatz.

Warum Knorpel so wenig verzeiht? Eine Zahl.

Knorpel verzeiht wenig

Schleimhaut erneuert sich in zwei Tagen, Muskel in vier bis sechs Wochen, Knochen in drei bis sechs Monaten, so zählt Freese auf. Knorpelzellen dagegen, seine Zahl, in 100 bis 200 Jahren, also praktisch nie.

O-Ton aus dem Interview

Knochenzellen brauchen so etwa drei bis sechs Monate, bis sie sich einmal erneuert haben. Wenn wir Knorpelzellen verlieren, dann haben wir sie verloren. Von daher tun wir gut daran, die Knorpelzellen erst gar nicht zu verlieren und sie bestmöglich zu ernähren.

Dr. Jens Freese

Ernähren heißt hier zweierlei. Knorpel, Bänder und Sehnen haben keine eigenen Kapillaren; versorgt werden sie durch Diffusion, und die entsteht nach Freese nur durch Druck, Zug und Entlastung, kurz: Bewegung. Deshalb hält er das Wort „Verschleiß“ für falsch: Wer den ganzen Tag sitze, habe zu wenig bewegt, nicht zu viel.

Der zweite Weg führt über den Darm: Was im Knorpel ankomme, müsse zuerst die Darmbarriere passieren, und Zucker reize genau diese. Dass eine durchlässige Darmwand bis ins Gelenk wirkt, ist Freeses Sicht; ein Beleg für die ganze Kette fehlt. Wie ein anderer Kongressgast dieselbe Frage angeht, lesen Sie im Gespräch mit Paul Seelhorst über Darm und Gelenke.

Und die „knorpelaufbauende Spritze“? Knorpel könne man nicht aufbauen, sagt Freese. Hyaluron gebe für eine Weile Puffer und baue sich binnen zwölf Monaten ab; einen Gelenkersatz verschiebe das um ein paar Jahre. Was die Medizin dazu sagt, steht im Überblick zur Arthrose-Behandlung.

Öl aus dem Feuer

Welche Lebensmittel schlagen auf die Gelenke? Freeses Formel: alles, was Entzündung fördert. Industriezucker in jeder Form, ob Haushaltszucker, Glukose-Fruktose-Sirup oder Agavensirup. Dazu Öle mit vielen entzündungsfördernden Fettsäuren wie Sonnenblumen-, Distel- und Maiskeimöl; seine Alternative ist Olivenöl.

Beim Fleisch bleibt er differenziert. Gegenüber Zucker sei es nicht das eigentliche Problem; bei gereiztem Darm lasse er es in Sanierungsphasen zeitweise weg, ohne die essenziellen Aminosäuren zu vergessen. „Fleisch böse, Hülsenfrüchte gut“ hält er für zu einfach.

Und die Sportler mit ihren Zuckergels? Der arbeitende Muskel könne Fruktose verwerten, der sitzende nicht.

O-Ton aus dem Interview

Der Triathlet hat kein Problem, aber der Büroathlet hat ein Riesenproblem.

Dr. Jens Freese

Zum Schluss die andere Seite: entzündungsdämpfende Polyphenole wie Quercetin, Resveratrol und Curcumin. Freeses Bild dafür stammt aus der Feuerwehr.

O-Ton aus dem Interview

Wir müssen Öl aus dem Feuer nehmen, und wir müssen Löschwasser ins Feuer geben, sonst kann der Waldbrand sich nicht auslöschen. Und häufig sehe ich, dass nur die eine Seite der Medaille gemacht wird.

Dr. Jens Freese

Die Redaktion ergänzt: Dosierungen nennt das Gespräch nicht; hoch dosierte Pflanzenstoffe gehören bei Vorerkrankungen oder Medikamenten in ärztliche Rücksprache. Welche Lebensmittel Dr. Sabine Paul den Gelenken empfiehlt, lesen Sie im Interview über Doping für die Gelenke; die Grundlagen fasst der Artikel zur Ernährung bei Arthrose zusammen.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Hohe Harnsäure ist für Dr. Jens Freese vor allem ein Zuckerproblem, und der Weg der Kristalle ins Bindegewebe ist in seiner Darstellung der Anfang der Entzündung im Gelenk. Seine Schlüsse: Industriezucker und Sirupe reduzieren, Sonnenblumen-, Distel- und Maiskeimöl gegen Olivenöl tauschen, Fleisch mit Blick auf den Darm dosieren statt verteufeln, Polyphenole dazunehmen und dem Knorpel täglich Bewegung geben.

Dass Purine nur ein Fünftel der Wahrheit seien und Harnsäure die Arthrose antreibe, ist seine These, nicht Stand der Leitlinien; was daran für Sie zählt, klären Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Wie Freese Belastung für Knochen und Knorpel einordnet, vertieft sein zweites Gespräch über Arthrose als Lebensstil-Frage.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Dr. Jens Freese ist Sportwissenschaftler und klinischer Psycho-Neuro-Immunologe, kein Arzt. Bei Gicht, entzündlichem Rheuma oder Arthrose gehören Ernährungsumstellungen in ärztliche Begleitung; harnsäuresenkende Medikamente, Basistherapie und Kortison werden nie ohne Rücksprache verändert. Ein heißes, geschwollenes Gelenk mit Fieber ist ein Fall für die zeitnahe ärztliche Abklärung.

Häufige Fragen

Warum achtet Dr. Jens Freese so stark auf den Harnsäurewert?
Nach seiner Erfahrung verrät der Wert, wie jemand isst, weil er nur unter einer bestimmten Ernährung so hoch steige. Dauerhaft hohe Harnsäure könne auskristallisieren, und die Kristalle lagerten sich dort ab, wo Gelenkentzündungen beginnen. Er rät, den Wert so niedrig wie möglich zu halten. Was für Sie ein sinnvoller Zielwert ist, klärt Ihre Ärztin oder Ihr Arzt.
Kommt Harnsäure nicht vor allem aus Fleisch und Purinen?
Freese hält die Purin-Erklärung für unvollständig. Fruchtzucker werde in der Leber über denselben Weg abgebaut und ende ebenfalls als Harnsäure; das sei seit 2007 publiziert. Die Redaktion ergänzt: In der Gicht-Forschung gelten purinreiche Kost, zuckergesüßte Getränke und Alkohol nebeneinander als Risikofaktoren.
Welche Lebensmittel nennt Dr. Freese als schädlich für die Gelenke?
Alles, was aus seiner Sicht Entzündungen fördert: Industriezucker in jeder Form, also Haushaltszucker, Glukose-Fruktose-Sirup und auch Agavensirup, sowie Öle mit vielen entzündungsfördernden Fettsäuren wie Sonnenblumen-, Distel- und Maiskeimöl. Zum Braten und für Salate empfiehlt er Olivenöl.
Sollte man bei Gelenkbeschwerden auf Fleisch verzichten?
Fleisch ist für Freese im Vergleich zu Zucker nicht das Hauptproblem. Bei einem gereizten Darm könne hoher Fleischkonsum die Ammoniak- und Leberbelastung erhöhen, deshalb lasse er es in Darmsanierungsphasen zeitweise weg, ohne die essenziellen Aminosäuren zu vergessen. Hülsenfrüchte als Ersatz hätten ebenfalls ihre Tücken; Schwarz-Weiß-Denken lehnt er ab.
Kann Knorpel wieder aufgebaut werden?
Nach Darstellung von Freese nicht. Knorpelzellen erneuerten sich in Zeiträumen von 100 bis 200 Jahren, verlorene Zellen seien verloren. Hyaluron-Injektionen könnten das Gewebe für eine Weile anreichern, der Effekt baue sich nach seiner Erfahrung binnen zwölf Monaten wieder ab und verschiebe einen Gelenkersatz höchstens um einige Jahre.
Weiterlesen

Damit kommen Sie einen Schritt weiter

Passende Artikel, die dieses Thema vertiefen — lesen Sie sich Stück für Stück ins Thema ein.

Alle Artikel zu Rheuma ansehen →