Tief durchatmen, dann wird es besser. Diesen Rat bekommt jeder, der gestresst wirkt. Doch genau dieser Atemzug sei oft der falsche, sagt ein Mann, der Atmen zu seinem Beruf gemacht hat. Beim Osteopathie Kongress erklärte Rolf Duda / Peakwolf, Atemcoach, Biohacker, warum er die Atmung als einzigen Zugang zum Autopiloten des Körpers sieht und was die Wim-Hof-Methode von der Buteyko-Atmung trennt. Sein Gespräch trug den Titel „Die Rolle der Atmung für unser Wohlbefinden“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.

Richtig oder falsch? Duda kennt nur bewusst und unbewusst

Atmen tun wir sowieso, was soll ein Atemcoach beibringen? Die Moderatorin fragte genau das.

O-Ton aus dem Interview

Richtiges und falsches Atmen würde ich so gar nicht sagen. Was es definitiv gibt, ist ein bewusstes oder ein unbewusstes Atmen.

Rolf Duda / PeakwolfAtemcoach, Biohacker

Die Atmung laufe wie Herzschlag, Hormone oder Muskelspannung über den Autopiloten des Körpers, erklärt er, und der folge gespeicherten Mustern: Wer als Kind gebissen wurde, reagiere auf jeden Hund mit schnellerem Puls und verändertem Atem. Nichts davon lasse sich abstellen. Mit einer Ausnahme: der Atmung. Wer bemerke, wie er gerade atmet, könne darüber in sein Nervensystem eingreifen.

Sein Werkzeug dafür ist ein Wecker. Drei- bis viermal am Tag, dazu die Frage: Passt mein Atemmuster zu dieser Situation? In Firmen sehe er Menschen am Schreibtisch mit hochgezogenen Schultern atmen, als käme ein Bus auf sie zu.

Wie überzeugt man Skeptiker, dass Atmen mehr ist als Luftholen? Duda greift ausgerechnet zur heftigsten Technik.

Der Türöffner heißt Wim Hof, und Duda empfiehlt ihn nicht täglich

Wer mit Atmung nichts anfangen kann, bekommt bei ihm zuerst die Methode des Niederländers Wim Hof: kräftig und schnell atmen, bis es kribbelt und leicht schwindelt, dann mit leerer Lunge die Luft anhalten. Danach fühlten sich die Leute tief entspannt und merkten, dass Atmung ihren Zustand verändert.

Duda verweist auf eine Studie, in der trainierte Versuchspersonen ein Endotoxin gespritzt bekamen. Sie existiert: Kox und Kollegen, 2014 in der Fachzeitschrift PNAS. Zwölf gesunde Freiwillige lernten zehn Tage lang Meditation, Atemtechnik und Kältereize, zwölf weitere nicht. Bei den Trainierten stieg das Adrenalin stark an, entzündungsfördernde Botenstoffe und grippeähnliche Symptome fielen geringer aus. Eine kleine Studie an Gesunden, keine Behandlungsstudie.

Seine Alltagsatmung ist das nicht, sagt er, und er müsse als Wim-Hof-Instructor jetzt aufpassen.

O-Ton aus dem Interview

Ich bin ein riesen Fan von der Wim-Hof-Atmung, weil sie eben auch ganz viel Gutes für mich tut. Aber als Atemtherapeut muss ich sagen, das ist auch eine sehr stressige Atmung. Das heißt, ich atme sehr schnell und bringe mein Nervensystem damit in einen hohen Erregungszustand.

Rolf Duda / Peakwolf

Die meisten Menschen hätten im Alltag genug Stress; noch mehr davon über die Atmung ins System zu holen, sei auf Dauer keine Lösung. Vorübergehend ja, täglich nein. Bei hohem Blutdruck warnt er ausdrücklich: Schnelles Atmen treibe Kohlendioxid aus, die Gefäße verengten sich, das Herz müsse stärker pumpen.

Ein Hinweis der Redaktion: Hyperventilation mit Atemanhalten kann zu Ohnmacht führen. Solche Übungen gehören nie ins Wasser oder hinters Steuer; bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schwangerschaft oder Epilepsie nur nach ärztlicher Rücksprache. Dudas Alltagswerkzeug ist ohnehin das genaue Gegenteil.

Das Gegenteil: Buteyko und der unterschätzte Stoff Kohlendioxid

Die Buteyko-Atmung will den Körper lehren, mehr Kohlendioxid auszuhalten. Das Gas gelte als böse, sagt Duda, dabei erfülle es lebenswichtige Aufgaben. Zwei nennt er.

O-Ton aus dem Interview

Wir atmen nicht, weil wir zu wenig Sauerstoff haben, sondern wir müssen dann atmen, wenn wir zu viel CO2 haben.

Rolf Duda / Peakwolf

Das sei die erste Aufgabe: Kohlendioxid löst den Atemzug aus. Die zweite: Es weite die Blutgefäße. Offene Gefäße bedeuteten weniger Pumparbeit fürs Herz, niedrigeren Puls und mehr Ausdauer. Wer viel Kohlendioxid abatme, verliere diesen Effekt. Was Training darüber hinaus für den Körper leistet, zeigt unser Artikel Krafttraining bei Osteoporose.

Vergleich zweier Blutgefäße im Querschnitt: links weit geöffnet mit vielen Kohlendioxid-Partikeln und ruhiger Atemkurve, rechts verengt mit wenigen Partikeln, angespannter Wand in Terrakotta und schneller Atemkurve

Zwei Gefäße, zwei Atemmuster: Bei ruhiger Atmung bleibe mehr Kohlendioxid im Blut und die Gefäße weit, bei schneller Atmung sinke der Kohlendioxidgehalt und die Gefäße verengten sich, beschreibt Rolf Duda die Grundidee der Buteyko-Schule.

Buteyko selbst habe daraus eine große These gemacht: Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes, Migräne und andere Zivilisationskrankheiten kämen daher, dass die westliche Welt zu wenig Kohlendioxid vertrage. Die Redaktion ordnet ein: Untersucht ist die Methode vor allem bei Asthma; für diese weite Deutung fehlen belastbare Belege. Wie eine zweite Kongressgästin sie beschreibt, lesen Sie im Interview über die Buteyko-Atmung.

Das Training habe einen Nachteil, räumt Duda ein: Es sei unangenehm. Den Punkt, an dem der Körper atmen will, gelte es nach oben zu schieben; der Lufthunger sei der Preis.

Zehnmal am Tag, an der Bootshaltestelle

Wie oft übt er das? Die Antwort überrascht die Wim-Hof-Fans in seinen Workshops regelmäßig.

O-Ton aus dem Interview

Wim Hof mache ich vielleicht so zwei-, dreimal die Woche. Buteyko mache ich aber zehnmal am Tag. Also das trainiere ich wirklich, so oft ich kann.

Rolf Duda / Peakwolf

Ohne App. Hier spricht der Biohacker: Wer etwas ändern wolle, sei drei Tage motiviert, dann hole ihn der Alltag ein. Deshalb suche das Biohacking die minimale wirksame Dosis und baue alles in Gewohnheiten um. An der Bootshaltestelle auf dem Weg ins Büro beginnt seine erste Übung, in der Straßenbahn die nächste, dann im Büro, beim Kaffeekochen. Dasselbe Prinzip trägt beim Thema Gewicht, wie unser Artikel Abnehmen bei Arthrose zeigt.

Eine persönliche Note gibt er dazu: Eine Corona-Infektion wenige Wochen vor dem Gespräch habe seine zuvor guten Atemwerte „in den Keller“ geschickt; seit sechs Wochen arbeite er sie wieder hoch.

Säulendiagramm zur Metaanalyse von Chaddha 2019: Langsames Atmen senkt den systolischen Blutdruck um 5,62 mmHg und den diastolischen um 2,97 mmHg gegenüber Kontrollgruppen

Zur Einordnung: In einer Metaanalyse von 17 randomisierten Studien senkte langsames Atmen mit höchstens zehn Atemzügen pro Minute, mindestens fünf Minuten an drei Tagen pro Woche über mindestens vier Wochen, den systolischen Blutdruck um 5,62 mmHg (95-%-Konfidenzintervall 7,86 bis 3,38) und den diastolischen um 2,97 mmHg (4,28 bis 1,66). Die Teilnehmer hatten Bluthochdruck oder dessen Vorstufe; die Autoren sprechen von einer moderaten Senkung bei hoher Heterogenität der Studien. Blutdruckmedikamente werden nie ohne ärztliche Rücksprache verändert. Quelle: Chaddha A et al. 2019, Complementary Therapies in Medicine 45:179-184, PMID 31331557.

Tief durchatmen? Für Duda der falsche Reflex

„Take a deep breath and relax“ sei nicht falsch, sagt Duda, aber aus dem Zusammenhang gerissen. Der Satz lenke auf das Einatmen, und Einatmen sei die Reaktion auf Gefahr: Wenn ein Bus auf den Zebrastreifen zurast, hole der Körper flach und schnell Luft in die Brust. Wer gestresst kräftig durchatme, wiederhole dieses Muster und melde dem Gehirn: Es gibt noch mehr Stress.

Umgekehrt funktioniere es. Kurz einatmen, dann bewusst lang ausatmen, in den Bauch, langsam. Das sage dem Nervensystem: Wir sind in Sicherheit. Am deutlichsten erlebe man das im Eiswasser. Der Körper reagiere dort mit Panik, zu Recht; wer die Kälte anerkenne und mit dem Atem antworte, spüre nach zehn bis zwanzig Atemzügen, wie der Stress sinke.

Wissenschaftliches 3D-Modell des unteren Brustkorbs von vorn, das Zwerchfell wölbt sich als entspannte Kuppel nach oben, die Lungenunterränder liegen transluzent darauf, der Sehnenspiegel ist terrakottafarben hervorgehoben
O-Ton aus dem Interview

Was wir beim Eisbad machen, ist lange ausatmen. Einatmen ist Stress, langes Ausatmen ist entspannt.

Rolf Duda / Peakwolf

Einsteigern empfiehlt er statt Eisbad eine kalte Dusche oder die Hände im Eiswasser. Die Redaktion ergänzt: Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Bluthochdruck gehört Eisbaden in ärztliche Rücksprache, und nie allein.

Eine Regel stellt Duda allen Techniken voran.

O-Ton aus dem Interview

Wenn man jetzt etwas Neues ausprobiert, egal ob das Buteyko ist oder auch die Wim-Hof-Atmung, das kann sich komisch anfühlen. Das darf sich aber nicht schlecht anfühlen.

Rolf Duda / Peakwolf

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Rolf Duda macht aus dem Atmen eine Frage der Aufmerksamkeit: nicht richtig oder falsch, sondern bemerkt oder unbemerkt. Sein Bild vom Autopiloten, in den nur die Atmung eine Tür hat, trägt das ganze Gespräch.

Drei Dinge bleiben. Der Wecker-Check kostet nichts. Die Wim-Hof-Atmung sieht Duda selbst als Ausnahme, bei hohem Blutdruck als Vorsichtsfall. Das lange Ausatmen ist für ihn die eigentliche Entspannungstechnik. Seine Erklärungen zu Kohlendioxid und Zivilisationskrankheiten bleiben die Sicht der Buteyko-Schule, keine gesicherte Medizin. Wie Neuroathletik-Trainer Lars Lienhard den Vagusnerv über andere Reize anspricht, lesen Sie in seinem Interview über Neuroathletiktraining aus demselben Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Rolf Duda ist Atemcoach und Biohacker, kein Arzt. Hyperventilation, Atemanhalten und Kaltwasser gehören bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Lungenerkrankungen, Schwangerschaft, Epilepsie oder Angststörungen in ärztliche Rücksprache, nie ins Wasser oder hinters Steuer; Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Bei Brustschmerz, Atemnot oder Bewusstseinsstörungen suchen Sie sofort ärztliche Hilfe.

Häufige Fragen

Gibt es laut Rolf Duda richtiges und falsches Atmen?
Nein, sagt Duda. Er unterscheidet zwischen bewusstem und unbewusstem Atmen. Die Atmung laufe wie Herzschlag, Hormone oder Muskeltonus über den Autopiloten des Körpers, sei aber als Einzige davon willentlich steuerbar. Wer sein Atemmuster bemerke, könne damit in den eigenen Zustand eingreifen.
Was ist die Wim-Hof-Atmung und für wen ist sie geeignet?
Duda beschreibt sie als kräftige, schnelle Atmung bis in die Hyperventilation mit anschließendem Atemanhalten. Er nutzt sie, um Menschen zu zeigen, wie stark Atmung wirkt, hält sie aber für eine stressige Technik, die er nicht täglich empfiehlt. Bei hohem Blutdruck rät er zur Vorsicht. Die Redaktion ergänzt: Hyperventilation mit Atemanhalten nie im oder am Wasser und nicht am Steuer; bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schwangerschaft oder Epilepsie nur nach ärztlicher Rücksprache.
Worum geht es bei der Buteyko-Atmung?
Nach Duda darum, mehr Kohlendioxid im Körper auszuhalten. Kohlendioxid sei der eigentliche Reiz zum Atmen und weite die Blutgefäße, deshalb müsse das Herz bei ruhiger Atmung weniger pumpen. Das Training bestehe aus dem Aushalten von Lufthunger und sei unangenehm. Die Redaktion ergänzt: Die Buteyko-Methode ist vor allem bei Asthma untersucht; für ihre weiter gehenden Erklärungen fehlen belastbare Belege.
Wie oft übt Rolf Duda selbst?
Wim-Hof-Atmung nach eigener Aussage zwei- bis dreimal pro Woche, Buteyko-Übungen etwa zehnmal am Tag. Er koppelt sie an feste Auslöser im Alltag, etwa den Weg ins Büro, die Straßenbahn oder das Kaffeekochen, weil gute Vorsätze sonst nach drei Tagen im Alltag untergingen.
Warum hält Duda „tief durchatmen“ für den falschen Rat?
Weil sich der Rat auf das Einatmen konzentriere, und Einatmen sei die Reaktion des Körpers auf Stress: flach, schnell, in die Brust. Wer gestresst tief einatme, bestätige dem Gehirn den Alarm. Sein Gegenvorschlag: langsam ausatmen, in den Bauch atmen. Das signalisiere dem Nervensystem Sicherheit.
Kann jeder Atemtechniken ausprobieren?
Grundsätzlich ja, sagt Duda, mit einer Regel: Neues dürfe sich komisch anfühlen, aber nicht schlecht. Wer die Signale des Körpers nicht deuten könne, brauche erst eine Referenz, etwa durch einen Coach oder Therapeuten. Die Redaktion ergänzt: Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenerkrankungen oder Angststörungen gehört der Einstieg in intensive Atemtechniken oder Eisbaden in ärztliche Rücksprache.
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