Blähbauch, bleierne Müdigkeit, der erste Urlaubstag mit Schnupfen im Bett. Klingt nach Alltag. Doch für Dr. med.-univ. Birgit Dinnewitzer, Fachärztin für Allgemein- und Viszeralchirurgie, sind das Hinweise auf ein Immunsystem, das im Darm längst Überstunden schiebt. Beim Stille Entzündungen Kongress sprach sie mit Moderatorin Barbara Plaschka unter dem Titel „Stille Prozesse im Darm: Die verborgene Kraft deines Mikrobioms“ über Schleimschichten, Bakterien mit Reiselust und drei Basics, die aus ihrer Sicht vor jeder Kapsel kommen. Das ganze Gespräch gibt es dort als Aufzeichnung.
Was der Stuhlgang über den Darm verrät
Woran erkennt man einen gesunden Darm, ohne hineinzuschauen? Dinnewitzer schaut zuerst auf den Stuhlgang: geformt, mit Volumen, ohne Pressen, täglich oder wenigstens jeden zweiten Tag. Dass Leitlinien dreimal pro Woche als normal führen, sieht sie kritisch; in ihrer Praxis bleibe das selten ohne Folgen.
Der Schmerz des Darmes ist der Stuhl. Und wenn der schon mal passt, dann fehlt es schon mal nicht so weit.
Ihr zweiter Prüfstein ist das Toilettenpapier: Die Schleimhaut des Enddarms umhülle den Stuhl, so dass er weitgehend sauber abgehe; wer viel Papier brauche, bei dem passe etwas nicht. Bevor sie nach Ursachen suche, prüfe sie die Basics. Warum die Schleimschicht die Hauptrolle spielt, erklärt sie mit einem Bild vom Bau.
Kleber, Schleim und Touristen: die Darmbarriere
Die Darmwand stellt Dinnewitzer als Rohr aus dicht aneinandergepressten Zellen vor. Zwischen ihnen sitze ein Kleber, die Tight Junctions, der nur durchlasse, was der Körper brauche. Darüber liege eine dichte Schleimschicht wie eine Wand, darüber eine zweite, lockere, in der gute Bakterien wohnen und mit ihnen die Immunglobuline, für Dinnewitzer die Polizei des Darms. Rund 70 Prozent des Immunsystems, sagt sie, sitzen im Darm. Je besser der Schleim gerate, den die Darmzellen selbst bilden, desto mehr nützliche Bakterien siedelten sich an.

Zwei Zustände derselben Wand, wie Dr. Dinnewitzer sie beschreibt: Links halten dichter Schleim und fest verbundene Darmzellen die Barriere, rechts ist der Schleim ausgedünnt, die Zellen stehen auseinander und Nahrungsbestandteile erreichen die Blutbahn, wo Immunzellen reagieren.
Was, wenn der Schleim schwindet? Stressessen, Fast Food, Emulgatoren und Zucker nähmen den Bakterien das Futter, so Dinnewitzer, und sie zögen weiter. Stellenweise liege die Darmwand dann nackt.
Dieser Kleber da dazwischen, der verliert seine Funktion und dann gehen die Darmzellen auseinander. Also nicht im Sinne von einem Loch, das ist elektronenmikroskopisch winzig, aber sichtbar im Elektronenmikroskop.
Durch solche Spalten gelangten Nahrungsbestandteile ungefiltert in die Blutbahn, und das Immunsystem melde Eindringlinge. Ein Hinweis der Redaktion: Das ist Dinnewitzers Sicht aus der Praxis. Erhöhte Durchlässigkeit lässt sich messen, ob sie Ursache oder Folge von Entzündung ist, gilt als offen; ein Krankheitsbild „Leaky Gut“ ist nicht anerkannt. Die Chirurgin selbst spricht von Henne oder Ei; ihr Lieblingsbild für die Schleimschicht-Bewohner stammt vom Strand.

Bakterien sind wie Touristen. Die lassen gutes Geld da, wenn es ihnen gefällt, aber die gehen wieder und sagen: Ich gehe woanders hin. Gefällt mir hier nicht.
Punktuell gesundes Essen reiche deshalb nicht; wer zu spät komme, finde die Handtücher verteilt. Was aber tut das Immunsystem, wenn die Wand offen bleibt?
Ein Immunsystem im Dauerlauf
Zirkulierende Fremdteile fange der Körper zunächst still ab, sagt Dinnewitzer; das Problem sei die Dauer.
Wenn ich dauernd so eine Belastung habe und diese nackten, halb entzündeten Stellen im Darm überall habe und wenn die zu viel sind, dann ist mein Immunsystem die ganze Zeit am Pumpen.
Komme dann ein Virus, fehlten die Reserven, man liege sofort flach. Den Infekt am ersten Urlaubstag liest sie als Zeichen eines überlasteten Immunsystems. Der Darm markiere solche Baustellen mit Zonulin, einem im Stuhl nachweisbaren Molekül; für sie ein Puzzleteil, kein Urteil. Am Ende stünden Müdigkeit, Brain Fog und Nährstoffe wie Eisen, Zink oder Omega-3-Fettsäuren, die nicht mehr optimal aufgenommen würden. Echte Mangelkrankheiten seien hierzulande selten, es gehe um das Optimum.
Zur Einordnung: Zonulin-Tests im Stuhl sind nicht standardisiert und umstritten. Wie der Darm aus Sicht eines Fermentations-Experten bis in die Gelenke wirkt, schildert Paul Seelhorst im Interview über Darm und Gelenke.
Drei Basics, die vor jeder Kapsel kommen
Ernährung, Schlaf, Bewegung. Klingt bekannt, und Dinnewitzer weiß das. Trotzdem hake es in ihrer Praxis fast immer genau dort.
Beim Essen zählt sie den Teller aus: die Hälfte Gemüse und Vollkorn, ein Viertel Eiweiß, ein Viertel komplexe Kohlenhydrate. Die meisten äßen umgekehrt, Spaghetti mit Tomatensoße statt Tomatensoße mit Spaghetti. Verbote lehnt sie ab, 70 bis 80 Prozent gut reichten ihr; Dauerdiäten hält sie für kontraproduktiv. Dreimal täglich etwas Fermentiertes gehört für sie dazu: eine Olive, ein Joghurt, Sauerkraut, Kimchi. Was Essen im Gelenk bewirkt, fasst unser Artikel über Arthrose und Ernährung zusammen.
Beim Schlaf nennt sie sieben bis neun Stunden als Optimum und sechs Stunden als Grenze, unter der es krank werde. Wichtiger noch sei die Regelmäßigkeit: Wer am Wochenende nachschlafen müsse, dessen Rhythmus passe unter der Woche nicht. Nachts laufe die Reparatur, mit leerem Magen besser; ihr Richtwert sind vier Stunden zwischen letzter Mahlzeit und Schlaf.

Zur Einordnung: In einer Studie mit 164 gesunden Erwachsenen zwischen 18 und 55 Jahren wurde der Schlaf sieben Nächte lang per Aktigraphie gemessen, danach erhielten alle Teilnehmenden Rhinoviren als Nasentropfen. Wer weniger als 5 Stunden schlief, hatte eine 4,50-fache Chance auf eine klinische Erkältung, bei 5 bis 6 Stunden war sie 4,24-fach gegenüber Menschen mit mehr als 7 Stunden Schlaf; bei 6 bis 7 Stunden lag sie mit 1,66 nicht signifikant höher. Quelle: Prather AA et al. 2015, Sleep 38(9):1353-9, PMID 26118561.
Bewegung fällt bei ihr bescheiden aus.
Der Darm ist total genügsam, der braucht gar keinen Sport. Der braucht einfach nur Bewegung.
Spazieren reiche, am besten im Grünen; in der Stadt könne man zehn Minuten in eine Gehmeditation verwandeln und alles benennen, was man sieht. Das hole das Gehirn aus dem Überlebensmodus, erst dann verdaue der Darm richtig. Trinken gehöre dazu, über den Tag verteilt; zwei Liter am Abend seien Kreislaufspülung, keine Hilfe für den Stuhl.
Und Stress? Das Wort könne niemand mehr hören, räumt sie ein. Sie zielt deshalb auf die Stressresilienz statt auf die Bühne: einen Schirm aufspannen, an dem der Regen abläuft, konkret 15 Minuten Ruhe vor dem Schlafen, unbequem, aber nicht verhandelbar. Große Vorsätze hält sie für Selbstbetrug.
Laut oder still: Wann der Darm zum Arzt gehört
Nicht jede Entzündung im Darm ist still; eine Blinddarmentzündung übersehe man nicht, sagt Dinnewitzer. Als rote Flaggen nennt sie Blut im Stuhl, Durchfälle und Schmerzen, die einen nachts aufwecken. Wer dagegen aufwache und erst danach Schmerzen bekomme, zeige eher ein Reizdarmzeichen, weil Schmerz eine Bewertung des Gehirns sei. Bis zu 20 Winde am Tag seien normal; auffällig werde es bei starkem Geruch oder wenn der Blähbauch die Hose sprengt.
Die Redaktion ergänzt: Auch ungewollter Gewichtsverlust und Fieber gehören zeitnah in ärztliche Abklärung.
Und Probiotika aus der Kapsel? Gezielt eingesetzte Präparate bei bestimmten Beschwerden hält Dinnewitzer ärztlich für sinnvoll. Ein Produkt für alle funktioniere dagegen nicht: Stimme die Ernährung nicht, hätten die Neuankömmlinge Hunger und zögen weiter. Was Nahrungsergänzung bei Gelenkbeschwerden leisten kann, ordnet unser Artikel über Supplemente bei Arthrose ein. Ihr Maßstab ist am Ende keine Tabelle, sondern eine Frage.
Wir dürfen uns nicht fragen: Ist es gesund oder ungesund, schlecht oder gut? Wir dürfen uns fragen: Nährt mich das? Ist es gut für mich? Tut mir das wohl?
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Dinnewitzer denkt den Darm von der Schleimschicht her: Bleiben die Bakterien, halte die Barriere dicht und das Immunsystem im Normalbetrieb; Stressessen, Fertigprodukte, kurzer Schlaf und Bewegungsmangel vertrieben sie. Ihre Gegenmittel sind klein: Stuhlgang beobachten, Teller halb mit Gemüse füllen, dreimal am Tag etwas Fermentiertes, sieben Stunden Schlaf mit leerem Magen, ein Spaziergang, eine Viertelstunde Ruhe am Abend. Wer alles auf einmal ändern wolle, scheitere am eigenen Gehirn; wer klein anfange, summiere.
Ihre Deutung der Darmbarriere als Motor stiller Entzündungen bleibt eine These aus der Praxis, über die die Forschung noch diskutiert; ihre drei Basics decken sich mit dem, was ohnehin allgemein empfohlen wird.
Was stille Entzündungen überhaupt sind, erklärt Dr. med. Patrick Assheuer im Interview über stille Entzündungen aus demselben Kongress; warum Schlaf dabei wie eine nächtliche Müllabfuhr wirkt, vertieft Prof. Dr. med. h.c. Günther W. Amann-Jennson im Gespräch über Schlaf und Entzündung.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Blut im Stuhl, nächtliche Bauchschmerzen, anhaltender Durchfall, ungewollter Gewichtsverlust oder Fieber gehören zeitnah in ärztliche Abklärung. Nahrungsergänzungsmittel und Probiotika werden bei Vorerkrankungen, in der Schwangerschaft oder neben Medikamenten nur nach ärztlicher Rücksprache eingesetzt.
Häufige Fragen
Woran erkennt man laut Dr. Dinnewitzer, ob der Darm gesund ist?
Was versteht sie unter der Darmbarriere?
Wie hängt das mit stillen Entzündungen zusammen?
Welche drei Basics empfiehlt sie?
Braucht man Probiotika aus der Kapsel?
Wann gehört der Darm zum Arzt?
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