Müde aufwachen, tagsüber unkonzentriert, abends zu aufgedreht zum Einschlafen: Viele Menschen über 50 halten das für Stress oder fürs Alter. Doch für Prof. Dr. med. h.c. Günther W. Amann-Jennson, Psychologe, Leiter des Instituts für Schlafforschung und Bioenergetik, wissenschaftliche Leitung von SAMINA, steckt dahinter oft eine Reinigung, die nachts nicht zu Ende kommt. Beim Stille Entzündungen Kongress beschrieb er den Schlaf als Müllabfuhr des Körpers. Sein Gespräch trägt den Titel „Wie die nächtliche Müllabfuhr deines Körpers stille Entzündungen löscht“; die vollständige Aufzeichnung ist im Kongress zu sehen.

Jede Zelle hinterlässt Abfall

Was hat ein Kraftwerk mit einer Körperzelle gemeinsam? Für Amann-Jennson die Antwort darauf, warum wir schlafen müssen.

O-Ton aus dem Interview

Überall, wo Energie erzeugt wird, entsteht in irgendeiner Form ein Müll, ein Abfall. Und in unserem Organismus ist das genau das Gleiche. Jede Zelle von diesen Billionen, die wir haben, erzeugt jede Sekunde eine Art von Müll. Und irgendwo muss das wieder aus dem System hinaus.

Prof. Dr. med. h.c. Günther W. Amann-JennsonPsychologe, Leiter des Instituts für Schlafforschung und Bioenergetik, wissenschaftliche Leitung von SAMINA

Tagsüber sei der Stoffwechsel zu beschäftigt, um gründlich aufzuräumen. Das eigentliche Reinigungsprogramm laufe nachts über mehrere Systeme: das Lymphsystem, das weiße Blutkörperchen zu den „Baustellen“ schicke, dazu Leber, Niere und Haut. Entzündung selbst hält er nicht für den Feind, sondern für einen sinnvollen Mechanismus, den er mit einem Bild erklärt, das zunächst verkehrt klingt.

O-Ton aus dem Interview

Sobald irgendwo ein Problem auftaucht in unserem Körper, kommt sofort die Feuerwehr, die macht dann ein bisschen Feuer. Die macht es eigentlich umgekehrt: Die löscht nicht, die macht Feuer.

Prof. Dr. med. h.c. Günther W. Amann-Jennson

Heikel werde es erst, wenn eine Entzündung nicht mehr wehtut, nicht auffällt und trotzdem weiterschwelt.

Ob die eigene Nacht diese Arbeit leistet, prüft Amann-Jennson mit einem Test, der keine Minute dauert.

Drei Fragen, dreißig Punkte

Die Schlafmedizin kenne viele Messgrößen, räumt er ein. Bei seinen Vorträgen reduziert er das auf drei Fragen: Wie bin ich gestern eingeschlafen? Wie habe ich durchgeschlafen? Wie bin ich heute Morgen aufgewacht? Jede Frage bekommt null bis zehn Punkte, zehn ist die beste Note. Die erste Frage wiegt für ihn am schwersten.

O-Ton aus dem Interview

Ich sage immer: Wie der Start, so das Rennen. Das heißt, wenn das Einschlafen schwierig ist, dann ist auch der übrige Schlaf in der Regel schwierig.

Prof. Dr. med. h.c. Günther W. Amann-Jennson

Den „Superschläfer“ erkennt er am Morgen: sofort klar im Kopf, in zehn Sekunden aus dem Bett. Die Auswertung: 30 Punkte sind die Höchstnote, 27 zählt er noch zu den sehr guten Schläfern, bei 24 solle man über seinen Schlaf nachdenken, ab 21 und darunter sei es nach seinen Worten „höchste Eisenbahn“.

Ein Hinweis der Redaktion: Ein Selbsttest ersetzt keine Diagnostik. Wer über Wochen schlecht schläft, nachts Atemaussetzer bemerkt oder tagsüber gegen den Schlaf kämpft, lässt das ärztlich abklären.

Und wenn die Punktzahl niedrig ausfällt? Dann geschehe im Körper mehr als Müdigkeit.

Was zu wenig Schlaf mit Entzündungen macht

Die Verbindung hält er für gut belegt: Schlechter Schlaf treibe Entzündungsprozesse an. Man nehme Menschen den Schlaf und messe danach die Entzündungsreaktionen. Bei weniger als sechs Stunden Schlaf verändere sich zudem die Aktivität von über 700 Genen, darunter gerade solche, die Entzündungen in Schach hielten.

Säulendiagramm: Nach einer Woche mit 8,5 Stunden Schlaf zeigten 1.855 Gene im Blut einen Tagesrhythmus, nach einer Woche mit 5,7 Stunden nur noch 1.481

Zur Einordnung: In einer Studie der Universität Surrey verbrachten 26 Erwachsene je eine Woche mit 8,5 und eine Woche mit 5,7 Stunden Schlaf pro Nacht. Nach der kurzen Woche waren 711 Gene im Blut herauf- oder herunterreguliert, und die Zahl der Gene mit einem Tagesrhythmus sank von 1.855 auf 1.481; betroffen waren unter anderem Prozesse der Entzündungs- und Immunantwort. Quelle: Möller-Levet CS et al. 2013, PNAS 110(12):E1132-41, PMID 23440187.

Der Schlaf ist für ihn nur eine Stellschraube. Ein Überschuss an Omega-6-Fettsäuren aus Samenölen wie Sonnenblumenöl verschiebe das Verhältnis zu Omega-3, das aus seiner Sicht die Zellen schütze. Bewegung halte die Durchblutung bis in die kleinsten Gefäße in Gang, die Sauerstoff bringe und Abfall abhole. Dazu kämen Luftverschmutzung, Schadstoffe in Lebensmitteln und das eigene Denken: Wer viel grüble, zeige nach Studien, die er anführt, höhere Entzündungswerte. Mehr zur Verbindung von Entzündung und Altern steht im Artikel Chronische Entzündung und Inflammaging, zur Wirkung von Omega-3 im Beitrag zu Omega-3 und Resolvinen.

Sein wichtigstes Kapitel gilt einem Organ mit eigenem Reinigungsweg.

Die Waschmaschine im Kopf

Amann-Jennson verweist auf Arbeiten der frühen 2010er-Jahre, zunächst an Mäusen: Im Tiefschlaf würden die Zwischenräume zwischen den Nervenzellen weiter, und die Gehirnflüssigkeit schieße wie ein kleiner Tsunami durch das Gewebe. Wissenschaft sei nie endgültig, betont er selbst; er gebe den Stand von heute wieder.

O-Ton aus dem Interview

Auch im Gehirn, das ja sehr aktiv ist, entsteht durch den Gehirnstoffwechsel Abfall. Und dieser Abfall legt sich eben auf diesen Neuronen fest. Das ist wie eine Plaque, und diese Plaque wird dann weggespült und über das Entsorgungssystem des Körpers ausgeschieden.

Prof. Dr. med. h.c. Günther W. Amann-Jennson

Zwei Ausschnitte aus dem Gehirngewebe im Vergleich: im Wachzustand liegen die Nervenzellen eng mit terrakottafarbenen Ablagerungen, im Tiefschlaf sind die Zwischenräume geweitet und aquamarinblaue Gehirnflüssigkeit spült die Ablagerungen aus

Tag und Nacht im Gehirngewebe, wie Amann-Jennson es beschreibt: Wach liegen die Nervenzellen dicht, Stoffwechselreste bleiben auf ihnen liegen. Im Tiefschlaf weiten sich die Zwischenräume, die Gehirnflüssigkeit strömt hindurch und nimmt die Ablagerungen mit.

Als Verursacher nennt er Beta-Amyloid und Tau-Proteine. Bleibe die Plaque liegen, könne sich das Gewebe nicht mehr selbst reparieren; besonders früh treffe das den Hippocampus, den Sitz des Gedächtnisses. Wer gut schlafe, habe messbar weniger Beta-Amyloid im Gehirnwasser. Im Tiefschlaf finde sich dort außerdem mehr Melatonin, das er als stärkstes Antioxidans des Körpers bezeichnet. Beides zusammen nennt er die Waschmaschine des Gehirns. Die Redaktion ergänzt: Der Zusammenhang wird intensiv erforscht; ob guter Schlaf eine Demenz verhindern kann, ist nicht bewiesen.

Ob diese Waschmaschine anspringt, entscheidet sich für Amann-Jennson nicht erst im Bett.

Der Schlaf beginnt am Morgen

Seine Routine schildert er offen: Balkontür auf, in die Sonne blinzeln, um die innere Uhr zu stellen, zehn Kniebeugen, Tiere versorgen, Frühstück machen. Über den Tag kommen fünf- bis sechstausend Schritte und kurze Meditationen dazu. Das klingt nach Morgenprogramm, ist für ihn aber Schlafpflege.

Wissenschaftliche Grafikfigur in der Kniebeuge vor einer geöffneten Balkontür, durch die Morgenlicht in Bernstein und Creme fällt, mit durchscheinendem Skelett und terrakottafarben markierten Kniegelenken
O-Ton aus dem Interview

Der gesunde Schlaf beginnt nicht in der Nacht. Der beginnt am Morgen, wenn ich das erste Mal meine Augen aufmache. Dann beginnt mein Schlaf.

Prof. Dr. med. h.c. Günther W. Amann-Jennson

Am Abend sieht er das Hauptproblem: Wir hätten keinen Feierabend mehr, Fernsehen und andere Aktivitäten hielten den Sympathikus, den Aktivitätsnerv, bis ins Bett wach. Entzündungen fänden aus seiner Sicht vor allem in diesem angespannten Zustand statt; regenerieren könne der Körper nur, wenn nachts der Parasympathikus mit dem Vagusnerv übernehme.

O-Ton aus dem Interview

Jetzt lege ich mich ins Bett und träume davon, dass jetzt der Parasympathikus kommen soll. Er kommt nicht.

Prof. Dr. med. h.c. Günther W. Amann-Jennson

Wie sich das vegetative Nervensystem über den Atem beeinflussen lässt, zeigt David Römmler im Interview über Atemtraining und Nervensystem aus demselben Kongress; was Stresshormone mit Gelenken machen, lesen Sie unter Stress, Cortisol und Arthrose.

Zum Schlafplatz wird er deutlich: 120 Tage im Jahr schlafe jeder Mensch, also sei das Schlafzimmer der wichtigste Raum der Wohnung. Es solle dunkel und gut gelüftet sein, mit einer Unterlage, die die Wirbelsäule entlastet und die feinen Gefäße nicht abpresst. Darüber hinaus vertritt er Konzepte, die in der Schlafmedizin nicht Standard sind: schräges Liegen, Körpererdung gegen elektromagnetische Felder, Bettwaren, die Infrarotstrahlung reflektieren. Die Redaktion ordnet ein: Dafür gibt es überwiegend kleine und herstellernahe Untersuchungen, die Wirkung elektromagnetischer Felder auf den Schlaf ist umstritten, und Amann-Jennson vertreibt solche Systeme selbst.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Aus Sicht von Günther W. Amann-Jennson ist Schlaf keine Pause, sondern die Schicht, in der der Körper aufräumt: in den Zellen, in den Organen und zwischen den Nervenzellen. Wer zu wenig oder gestört schlafe, lasse diesen Prozess ausfallen und fördere stille Entzündungen.

Seine Hebel sind schlicht: die Nacht ehrlich mit drei Fragen bewerten, morgens Licht und Bewegung, abends ein echter Feierabend, ein dunkles, gelüftetes Schlafzimmer. Seine Aussagen zu Schlafsystemen sind Herstellerperspektive. Wer dauerhaft schlecht schläft, klärt die Ursache ärztlich ab.

Wie stille Entzündungen entstehen, erklärt Dr. med. Patrick Assheuer im Interview über stille Entzündungen aus demselben Kongress; wie Mitochondrien in die Erschöpfung geraten, vertieft Sarita Preissl im Interview über Mitochondrien.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Prof. Dr. med. h.c. Günther W. Amann-Jennson ist Psychologe und Schlafforscher, kein Arzt, und zugleich Anbieter von Schlafsystemen. Anhaltende Schlafstörungen, Atemaussetzer im Schlaf oder ausgeprägte Tagesmüdigkeit gehören in ärztliche Abklärung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.

Häufige Fragen

Was meint Günther W. Amann-Jennson mit der nächtlichen Müllabfuhr?
Nach seiner Darstellung erzeugt jede Zelle bei der Energiegewinnung Abfall, der wieder aus dem Körper muss. Tagsüber sei der Stoffwechsel dafür zu beschäftigt, das gründliche Reinigungsprogramm über Lymphsystem, Leber, Niere, Haut und die Spülung des Gehirns laufe im Schlaf.
Wie funktioniert der Schlaftest mit drei Fragen?
Amann-Jennson lässt Einschlafen, Durchschlafen und Aufwachen der letzten Nacht mit je null bis zehn Punkten bewerten. 30 Punkte seien die Höchstnote, 27 zähle noch zu den sehr guten Schläfern, bei 24 solle man über seinen Schlaf nachdenken, ab 21 und darunter sei es aus seiner Sicht dringend. Die Redaktion ergänzt: Anhaltende Schlafprobleme gehören in ärztliche Abklärung.
Kann schlechter Schlaf stille Entzündungen verstärken?
Laut Amann-Jennson ja. Er verweist auf Studien, in denen Menschen der Schlaf entzogen wurde und die Entzündungsreaktionen danach messbar anstiegen. Bei weniger als sechs Stunden Schlaf verändere sich zudem die Aktivität von über 700 Genen, darunter solche, die Entzündungen in Schach hielten.
Was passiert laut Amann-Jennson nachts im Gehirn?
Er beschreibt, dass sich im Tiefschlaf die Zwischenräume zwischen den Nervenzellen weiten und die Gehirnflüssigkeit dann Ablagerungen wie Beta-Amyloid fortspüle. Zugleich finde sich im Tiefschlaf mehr Melatonin in der Gehirnflüssigkeit, das er als starkes Antioxidans bezeichnet. Ob guter Schlaf eine Demenz verhindern kann, ist damit nach Einschätzung der Redaktion nicht belegt.
Was rät Amann-Jennson für einen besseren Schlaf?
Der Schlaf beginne für ihn am Morgen: Tageslicht aufnehmen, sich bewegen, über den Tag Schritte sammeln. Abends brauche der Körper einen echten Feierabend, damit der Parasympathikus übernehmen könne. Das Schlafzimmer solle dunkel und gut gelüftet sein. Seine Empfehlungen zu Schlafsystemen, Körpererdung und Schräglage sind Herstellerperspektive und in der Schlafmedizin nicht Standard.
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