Ein bunter Streifen auf dem Kreuz, und der Rücken soll sich besser anfühlen? Viele kennen Kinesiotape nur aus Sportübertragungen und halten es für Dekoration. Doch Oliver Derigs, Physiotherapeut, hält das Kleben für den kleinsten Teil der Sache. Beim Nacken- und Rückenschmerz Kongress erklärte er, wie Kinesiotape aus seiner Sicht auf Haut und Nervensystem wirkt, wie lange ein Streifen hält und weshalb er keinen einzigen anlegt, wenn danach keine Bewegung folgt. Sein Gespräch trug den Titel „Kinesiotape für Jedermann“; die vollständige Aufzeichnung sehen Sie im Kongress.
Zwei Richtungen Dehnung und ein paar Falten
Was unterscheidet das Kinesiotape vom weißen Sporttape, das ein Sprunggelenk stillstellt? Derigs zieht im Gespräch einen Streifen vom Trägerpapier und dehnt ihn: längs und quer. Auf der Haut ziehe sich das Material zur Mitte zusammen und werfe darunter kleine Falten, im Ultraschall sichtbar bis in die Faszie. Genau diese Falten mache man sich zunutze. Auf dem Markt seien die Bänder seit knapp fünfzig Jahren, richtig bekannt erst seit den Olympischen Spielen 2012, als Athleten aus allen Nationen bunt beklebt antraten und kaum jemand wusste, wozu.
Mit der Anatomie allein sei das nicht erklärt, sagt Derigs. Sein Modell hat zwei Hälften. Die größere liegt nicht unter dem Tape, sondern im Kopf.
Neunzig Prozent im Kopf
Das eine Feld nennt Derigs mechanisch: Die Falten schafften Platz, entlasteten das Gewebe vom Druck und veränderten die Verteilung der Gewebsflüssigkeit, die die Schichten gegeneinander gleiten lasse. Das andere Feld ist ihm wichtiger.
Bei den Wirkmechanismen würde ich in zwei Felder unterteilen. Einmal haben wir einen neurologischen Effekt und einmal haben wir einen mechanischen Effekt. Auf der neurologischen Seite ist es so: Tape ist ein taktiler Reiz, eine Berührung auf der Haut. Wir stimulieren Rezeptoren in der Haut und in den tiefer liegenden Schichten, die dann Informationen an das Gehirn geben.
Das Gehirn treffe daraus eine Entscheidung: eine Bewegung korrigieren, die Haltung verändern, etwas unterlassen. Rund neunzig Prozent des Erfolgs seien neurologisch begründet, eine Schätzung aus seiner Praxis, keine Messgröße. Dass viele Studien zum Taping negativ ausfallen, spricht Derigs selbst an; die meisten stellten aus seiner Sicht die falschen Fragen.

Haut, Falte, Rezeptor, Nerv: So beschreibt Oliver Derigs den Weg vom Tape ins Gehirn. Der elastische Streifen hebt die Haut nach seiner Darstellung in kleine Falten, entlastet das Gewebe darunter und reizt zugleich Rezeptoren, deren Meldung über Nervenbahnen zum Gehirn läuft.
Bleibt die Frage, was das mit dem Rücken zu tun hat. Derigs’ Antwort beginnt beim Aufwachen.
Schmerz hemmt das Fühlen, Tape soll es zurückholen
Sie wachen auf, der untere Rücken ist wie eingefroren, und Sie wissen nicht, warum. Für Derigs ist Schmerz zunächst ein Warnsignal: Der Körper verlange eine Änderung, beim Gewicht im Training, beim Bewegungsausmaß oder bei der Qualität einer Bewegung. Das Nervensystem wolle schützen und bremse deshalb die Lendenwirbelsäule aus. Und damit, so sein Modell, noch etwas anderes.
Die Motorik wird gehemmt, und die Motorik und die Sensorik, also das Fühlen, sind aber miteinander gekoppelt. Das bedeutet, gleichzeitig wird dann auch das Fühlen gehemmt. Und unser Weg mit dem Tape ist es, diesen Weg rückwärts zu gehen.
Das Tape solle die Sensorik wieder anschalten, vereinfacht gesagt den Schalter im Gehirn umlegen, der Bewegung zulässt. Über die Bewegung bekomme das Gehirn Sicherheit und habe keinen Grund mehr, das Warnsignal aufrechtzuerhalten. Ein Erklärungsmodell aus der Schmerzwissenschaft, das Derigs auf das Tape überträgt, kein für das Tape nachgewiesener Mechanismus. Daraus folgt sein wichtigster Satz.
Für mich ist Tape eine Möglichkeit, ein Türöffner zur aktiven Bewegung zu sein.
In Praxen und Fitnessstudios sehe er immer wieder Menschen mit Gewichten trainieren, denen die Beweglichkeit für eine saubere Ausführung fehle; so trainiere man ein fehlerhaftes Muster ein. Mit Tape wolle er die Mobilität schaffen, damit die Übung im vorgesehenen Ausmaß gelingt. Ohne Bewegung danach sei der Streifen für ihn nur ein Pflaster, das man irgendwann abzieht.

Die Zielsetzung sollte doch viel mehr sein: Wir erarbeiten ein neues Bewegungsausmaß, oder wir erarbeiten eine Bewegung mit weniger bis gar keinen Schmerzen. Und das Ganze im Gehirn zu verfestigen, das sollte das Ziel sein.
Wer dieselbe Tür von der Trainingsseite öffnen will, findet bei Felix Kade Antworten: Training bei Bandscheibenproblemen.
Wie belastbar ist das Faltenmodell? Eine brasilianische Arbeitsgruppe hat es geprüft und Tape mit Zug gegen Tape ohne Zug verglichen, also mit und ohne Hautfalten.

Zur Einordnung: In einer randomisierten Studie mit 148 Erwachsenen mit chronischen unspezifischen Kreuzschmerzen erhielt eine Gruppe über vier Wochen acht Anlagen Kinesiotape mit Zug, sodass sich Hautfalten bildeten, die andere dasselbe Tape ohne Zug. Nach vier Wochen lag der Unterschied beim Schmerz bei minus 0,4 Punkten (95-%-Konfidenzintervall minus 1,3 bis 0,4) und bei der Alltagseinschränkung bei minus 0,3 Punkten (minus 1,9 bis 1,3), also kein statistisch bedeutsamer Vorteil für die Falten. Die Autoren sehen damit den vorgeschlagenen Wirkmechanismus in Frage gestellt. Eine systematische Übersicht über elf Studien fand bei chronischem Kreuzschmerz für die meisten Vergleiche keinen Vorteil von Kinesiotape gegenüber anderen Maßnahmen (Luz Júnior MAD et al. 2019, Spine 44(1):68-78, PMID 29952880). Quelle: Parreira PdC et al. 2014, J Physiother 60(2):90-6, PMID 24952836.
Selbst kleben: zwei Risiken, fünf Tage, eine Stunde Wartezeit
Darf man sich das selbst auf den Rücken kleben? Derigs sagt ja. Gelenkmanipulationen an Mitmenschen verböten sich für Laien, beim Tape sei das Risiko überschaubar.
Es gibt zwei Optionen. Entweder das, was ich mir erwünscht habe als Ergebnis, tritt nicht ein, weil ich irgendwas nicht optimal gemacht habe in der Anlage. Und das Weitere ist, ich könnte zum Beispiel auf den Kleber allergisch reagieren. Das sind die beiden Gefahrenpunkte, die es gibt.
Seine Regeln: Haut fettfrei und sauber, den Kleber nicht berühren, starke Behaarung trimmen. Nach etwa einer Stunde sei der Kleber ausgehärtet, dann seien Sport, Schwimmen und Sauna kein Hindernis. Fünf bis sieben Tage könne ein Streifen halten, bei fettiger Haut manchmal nur drei; wechseln müsse man ihn nicht, solange er anliegt. Wer am Rücken nicht hinkommt, lasse sich helfen; der Moderator lässt sich nach eigener Aussage von seiner Frau tapen.
Auch bei akuten Beschwerden, vom Hexenschuss bis zum Bandscheibenvorfall, würde Derigs tapen, um die Aufmerksamkeit des Gehirns in die Region zu lenken. Bei jahrelangem Rückenschmerz seien die Strukturen aus seiner Sicht längst verheilt; das Gehirn habe nur nie die Chance bekommen, die Region neu zu bewerten. Das ist seine Deutung, für den Einzelfall gilt sie nicht automatisch.
Ein Hinweis der Redaktion: Ein Bandscheibenvorfall gehört zuerst in ärztliche Hände, ebenso Rückenschmerzen mit Lähmungen, Taubheit, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust. Und wer im Gespräch heraushört, dass Derigs Medikamente lieber meidet: Verordnete Schmerzmittel werden nie ohne Rücksprache abgesetzt. Was die gängige Wirkstoffgruppe leistet, erklärt unser Glossar zu NSAR.
Drei Anlagen, ein Material
Schmerz, Haltung, Schwellung: In diese drei Richtungen unterteilt Derigs die Anlagen. Das Material bleibe gleich, der Unterschied liege in der Position beim Kleben. Für die Haltungsanlage bringe er den Rücken in die Stellung, in der jemand gern stehen würde; das Tape erinnere dann daran. Für die Schmerzanlage dehne er die Struktur vor, um mehr Rezeptoren zu aktivieren.
Bei Schwellungen schneidet er den Streifen in schmale Beine und legt ihn fächerförmig auf. Wo das Tape liege, werde die Haut leicht angehoben, daneben bleibe der Druck; dieser Wechsel solle Flüssigkeit im Gewebe zu den Lymphknoten bewegen. Als Beleg erzählt er von einem Bekannten mit großem Bluterguss am Oberschenkel nach einem Treppensturz, der nach dem Ausschluss eines Bruchs in der Notaufnahme getapt habe und vier Tage später weniger Verfärbung sah. Eine Anekdote, kein Beweis.
Blau kühlt nicht: Was die Farben können
Vielleicht haben Sie sich gefragt, ob das rote Tape wärmt und das blaue kühlt. Derigs hat genau das einmal gelernt.
Ich habe früher Dinge gelernt wie: Ein blaues Tape wird kalt und ein rotes Tape wird warm. Am Ende sind das alles baumwollfarbene Tapes am Anfang, die eingefärbt werden.
Eine Wirkung nach Farbe rechnet er den Streifen nicht zu, Psychologie aber schon: Wer eine Farbe ablehne, bekomme sie nicht auf die Haut. Sein meistverkauftes Motiv zeigt Einhörner. Wie stark Erwartung den Schmerz formt, erklärt Jesko Streeck im Interview über Placebo und Nocebo; wo Physiotherapie in der konservativen Behandlung steht, zeigt unser Überblick zur Arthrose-Behandlung.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Oliver Derigs nimmt dem Kinesiotape das Geheimnis. Ein elastischer Streifen, der die Haut in Falten legt und Rezeptoren reizt; was daraus wird, entscheide das Gehirn und danach die Bewegung. Kleben allein hält er für vertan.
Sein Modell ist die Sicht eines Therapeuten, der zugleich Tape verkauft; in der Studie von Parreira und Kollegen machte es keinen Unterschied, ob das Tape Falten warf oder nicht. Sein Praxisrat kommt ohne das Modell aus: nicht kleben und warten, sondern kleben und bewegen. Wie Beweglichkeit ganz ohne Tape entsteht, zeigt Dominik Barkow im Interview über Mobility bei chronischen Schmerzen.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Oliver Derigs ist Physiotherapeut und Anbieter von Kinesiotape, kein Arzt. Kinesiotape bei Rückenschmerzen, nach Verletzungen oder bei Vorerkrankungen gehört in ärztliche oder physiotherapeutische Begleitung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Rückenschmerzen mit Lähmungen, Taubheit, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust sind sofort ärztlich abzuklären.
Häufige Fragen
Wie soll Kinesiotape nach Oliver Derigs bei Rückenschmerzen wirken?
Kann man sich Kinesiotape selbst auf den Rücken kleben?
Wie lange bleibt ein Kinesiotape auf der Haut?
Warum legt Derigs kein Tape ohne Bewegung?
Wirkt ein blaues Tape anders als ein rotes?
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