Der Nacken ist steif, also wird der Nacken behandelt. Klingt logisch. Doch für Jesse de Groodt, D.O., BSc., Ost. Med., Osteopath (HONS), Frequenz- und Nährstofftherapeut, ist der Ort des Schmerzes selten der Ort der Ursache. Beim Osteopathie Kongress erklärte er, warum ein Osteopath bei Nackenbeschwerden die Niere abtastet und bei Knieproblemen nach der Blase fragt. Sein Gespräch trug den Titel „Osteopathische Herangehensweise an körperliche Symptome“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Schmerz ist die Warnlampe, nicht der Defekt
Was macht ein Osteopath anders als jemand, der die schmerzende Stelle knetet? De Groodt nennt Schmerz das Alarmsystem Nummer eins des Körpers, und er hält wenig davon, dieses Signal schnell abzuschalten.
Wenn ich auf der Autobahn fahre und merke, dass das Benzinlämpchen brennt, dann wird es mir auch nicht in den Sinn kommen, anzuhalten und das Lämpchen rauszuschrauben und wegzuschmeißen, sondern dann weiß ich, da gibt es ein klares Signal, dass ich Benzin brauche.
Bei einem Dauerschmerz laute die Frage darum nicht, wie man ihn loswird, sondern was ihn erzeugt: ein Gefäß, ein Nerv, eine Gelenkkapsel oder der Stoffwechsel. Ein Hinweis der Redaktion: Die ärztliche Diagnose bleibt der erste Schritt, verordnete Schmerzmittel setzt niemand ohne Rücksprache ab, und Schmerzen mit Lähmungen, Blasenstörungen, Fieber oder nach einem Sturz gehören sofort in ärztliche Hände.
Wo aber sucht er dann?
Die Belastbarkeit entscheidet, nicht der eine Auslöser
Ein einzelner Auslöser mache selten krank, so seine Beobachtung aus über zwanzig Jahren.
Ich glaube, die meisten Symptome haben nicht nur eine Ursächlichkeit, sondern sind entstanden aufgrund der Tatsache, dass der Patient ein bisschen an Belastbarkeit verloren hat.
Mehrere Faktoren drückten diese Grenze nach unten, bis eine kleine Belastung genüge. Sein Ziel sei, sie wieder anzuheben: Durchblutung, Nervenwege, Stoffwechsel, Haltung. Dann greife die Selbstregulation, die er die beste Apotheke des Körpers nennt.
Vom Zwerchfell in den Nacken: der Umweg über die Niere
Faszien umhüllen nach de Groodts Darstellung jede Struktur im Körper und tragen die Gefäße. Ziehe eine Faszie abnormal, würden die Gefäße darin leicht zusammengedrückt, wie ein verdrehter Gartenschlauch; Versorgung und Abtransport liefen schlechter.
Sein Beispiel ist die Niere. Sie hänge in einer Faszienhülle, die bis zum Zwerchfell reiche. Mit jedem Atemzug senke sich das Zwerchfell um ungefähr drei Zentimeter, die Niere fahre mit; bei rund 20.000 Atemzügen kommt er auf etwa 600 Meter am Tag. Nach einem Infekt oder einem Schleudertrauma könne die Hülle durch kleine Einblutungen verkleben.

Der Umweg vom Nacken zur Niere, wie Jesse de Groodt ihn beschreibt: Die Nierenfaszie hängt am Zwerchfell, das Zwerchfell wird vom Zwerchfellnerv aus der Halswirbelsäule versorgt. Verklebe die Hülle, könne die Spannung über diesen Nerv im Nacken ankommen.
Die Aufhängung der Niere werde vom Zwerchfellnerv mitversorgt, und der stamme aus dem dritten bis fünften Halswirbel.
Retraktionen im Bereich der Niere können dafür verantwortlich sein, dass Leute permanent Nackenbeschwerden haben. Und dann gelingt es nicht, da lokal etwas zu machen, sondern dann muss man zum Beispiel die Niere mobilisieren.
Dass sich die Niere beim Atmen bewegt, ist gemessen; die 600 Meter sind sein Überschlag. Ob eine schlecht bewegliche Niere Nackenschmerzen unterhält und ob Hände das ertasten können, ist nicht belegt: Eine systematische Übersicht von 2018 fand für Diagnosetechniken und Wirksamkeit der viszeralen Osteopathie keine belastbaren Belege (Guillaud et al., BMC Complementary and Alternative Medicine).

Zur Einordnung: In einer MRT-Studie verschob sich die linke Niere bei normaler Atmung um 2 bis 24 Millimeter, die rechte um 4 bis 35 Millimeter; bei tiefer Atmung waren es 10 bis 66 Millimeter links und 10 bis 86 Millimeter rechts. Die Bewegung selbst ist belegt, ihre Rolle bei Nackenschmerzen nicht. Quelle: Moerland MA et al. 1994, Radiotherapy and Oncology 30(2):150-4, PMID 8184113.
Die zweite Station verbindet kaum jemand mit seinem Knie.
Knieprobleme aus der Blase? Die Kette durch das Becken
De Groodt zeigt das Becken von innen. An der Seitenwand der Blase liege ein Muskel, der die Hüfte nach außen dreht. Nach einer Blasenentzündung könne die Immunreaktion die Faszien dort verkleben, der Muskel verspanne, der Fuß drehe auf der Liege nach außen. Durch einen Tunnel in diesem Muskel liefen zudem ein Gefäß zur Hüftpfanne und ein Nerv zur Innenseite des Knies; werde der gedrückt, reagiere die Muskulatur beim Sport verzögert und schütze die Bänder schlechter. Knieprobleme aus der Blase? Absolut, antwortet er auf die Nachfrage der Moderatorin.
Das ist ein osteopathisches Erklärungsmodell. Hüftarthrose entsteht nach heutigem Wissen aus mehreren Faktoren wie Alter, Gewicht, Fehlstellungen und Veranlagung; ein verklebter Beckenmuskel zählt nicht dazu. Mehr in den Artikeln über Hüftarthrose und erste Anzeichen einer Arthrose. Wiederkehrende Blasenentzündungen gehören in ärztliche Abklärung.

Jeder Körperteil wirkt zum Vorteil eines anderen. Und dass alle Körperteile optimal funktionieren, ist notwendig für die Effizienz des ganzen Körpers.
Solche Ketten laufen bei ihm in beide Richtungen: vom blockierten Fuß bis in den Nacken, vom asymmetrischen Kiefergelenk bis zum verspannten Nacken am Morgen. Sein Test für zu Hause: Zähne schließen und prüfen, ob sie gleichmäßig aufeinandertreffen, dann das Becken etwas kippen und erneut schließen. Nach seiner Erfahrung berührt sich dann nur noch eine Seite.
Das Abonnement beim Therapeuten
Der praktischste Gedanke betrifft den Darm. Fehlten Enzyme oder Nährstoffe wie B-Vitamine oder Zink, würden Frucht- und Milchzucker nicht im Dünndarm aufgenommen, sondern im Blinddarm vergoren. Die Schwellung könne den Blinddarm mit dem Hüftbeuger verkleben, der ziehe das Becken nach vorn, und die unteren Lendenwirbel blockierten. Man könne das Gelenk lösen. Aber:
Dann kann man sozusagen mit dem Patienten ein Abonnement abschließen, weil er wird jede Woche zurückkommen müssen, um das Gelenk wieder erneut befreien zu lassen, weil eben die unterliegenden Mechanismen noch nicht korrigiert sind.
Deshalb fragten Osteopathen nach Verdauung und Stuhlgang, ergänzt die Moderatorin. Dazu komme, so de Groodt, dass jedes Organ über Nerven in einen Abschnitt des Rückenmarks funke: Eine belastete Leber melde sich zwischen den Schulterblättern, ein verstopfter Darm im unteren Rücken.
Der Kopf bleibt waagerecht, koste es, was es wolle
Jedes Gelenk habe eine bis drei dominante Bewegungsrichtungen, erklärt de Groodt. Werde eines fixiert, müssten alle Gelenke mit derselben Dominanz den Verlust ausgleichen, denn über allem stehe ein Gesetz des Gehirns: Der Blick bleibt waagerecht nach vorn. Wer sich nach einer Bauchoperation leicht beuge, um die Narbe zu entlasten, halte den Kopf trotzdem waagerecht, und Sprunggelenke, Knie und Wirbelsäule passten sich an. Der Arm komme nur noch bis 160 Grad hoch, weil die letzten 20 Grad aus Rippen und Wirbelsäule kämen; wer trotzdem höher greife, reize die Schleimbeutel der Schulter. Seine Konsequenz: Um die Schulter zu befreien, arbeite er im Bauchraum.
Zum Werkzeugkasten gehören nach seinen Worten auch Manipulationen an den Kopfgelenken, für die er Gegenanzeigen wie nicht intakte Gefäße nennt. Die Redaktion ergänzt: Manipulationen an der Halswirbelsäule gehören nur in die Hände qualifizierter Therapeuten und nie ohne ärztliche Abklärung bei Warnzeichen wie Schwindel, Sehstörungen, Taubheit oder plötzlichem heftigem Kopfschmerz.
Was Hände messen und Geräte nicht
Wie findet ein Osteopath all das? Nicht per Bild.
Wir tasten das Gewebe ab und prüfen das Gewebe auf Qualität. Die Elastik kann man mit keinem Gerät feststellen. Das geht nur über Fingerspitzengefühl.
Seine Schlussbotschaft ist Vorbeugung: Wirbelsäule und Organe so regelmäßig prüfen lassen wie die Zähne beim Zahnarzt. Ob das bei Beschwerdefreiheit nützt, ist nicht untersucht.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Jesse de Groodt liest den Körper wie ein Netz. Der Schmerz ist für ihn eine Warnlampe, die auf eine Ursache irgendwo im System zeigt; er sucht sie in Faszien, Organaufhängungen, Nervenverbindungen und Statik.
Drei Dinge bleiben. Schmerz nicht nur dämpfen, sondern nach seinem Grund fragen, der zuerst ärztlich geklärt gehört. Belastbarkeit statt den einen Auslöser im Blick behalten. Und die Einordnung: Die Bewegung der Niere ist gemessen, die viszeralen Ursache-Folge-Ketten sind Erfahrungswissen, für das belastbare Studien fehlen. Was Osteopathie grundsätzlich ausmacht, erklärt Stefan Rieth im Interview „Was ist Osteopathie?“ aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Jesse de Groodt ist Osteopath, kein Arzt. Osteopathische Behandlungen, insbesondere Manipulationen an der Halswirbelsäule, gehören in die Hände qualifizierter Therapeuten und bei Warnzeichen nie ohne ärztliche Abklärung; bei Schmerzen mit Lähmungen, Gefühlsstörungen, Störungen von Blase oder Darm, Fieber, Schwindel oder nach einem Sturz suchen Sie sofort ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Warum behandelt ein Osteopath nicht dort, wo es wehtut?
Wie soll die Niere Nackenschmerzen auslösen?
Was meint de Groodt mit dem Abonnement beim Therapeuten?
Welchen Selbsttest nennt de Groodt für den Zusammenhang von Becken und Kiefer?
Ist Osteopathie wissenschaftlich belegt?
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