Blähbauch nach dem Essen, tagelang Verstopfung, dann ohne Vorwarnung Durchfall, nachmittags ein Kopf wie in Watte. Wer damit zum Arzt geht, hört oft: Reizdarm, damit müssen Sie leben. Doch Jannik Benz, Heilpraktiker, hält das für zu früh. Beim Myzel Kongress erklärte er im Gespräch „Heilpilze bei Verdauungsproblemen? Das musst du vorher wissen“, warum er hinter vielen Reizdarm-Diagnosen eine Fehlbesiedlung des Dünndarms vermutet, wie er sie testet und weshalb Heilpilze bei ihm erst spät an die Reihe kommen. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.

Eine Diagnose, mit der viele leben gelernt haben

Was stört Benz am Wort Reizdarm? Nicht die Beschwerden, die seien real. Ihn stört das Endgültige.

O-Ton aus dem Interview

Reizdarm ist so eine Endstation, und ich möchte zeigen, dass es aber ein neues Ticket gibt, eine neue Abfahrt, eine neue Haltestelle. Und die heißt einfach sehr oft SIBO, also Dünndarm-Fehlbesiedlung.

Jannik BenzHeilpraktiker

Der Dünndarm ist bei Gesunden vergleichsweise keimarm, die große Bakterienwelt sitzt im Dickdarm. Bei einer Fehlbesiedlung habe sich das verschoben.

3D-Innenansicht eines aufgeschnittenen Dünndarms mit rosé gefärbten Zotten, auf denen terrakottafarbene Bakterienkolonien sitzen und kleine Gasbläschen aufsteigen
O-Ton aus dem Interview

Letztendlich sind es Bakterien, die eigentlich im Dickdarm sind, aber die haben irgendwie einen Weg in den Dünndarm geschafft.

Jannik Benz

Diese Bakterien vergärten vor allem Kohlenhydrate, sagt Benz. Was im Dickdarm erwünscht sei, richte im Dünndarm Schaden an. Er nennt eine Zahl: Bis zu 80 Prozent der Menschen mit Reizdarm-Diagnose hätten auch einen positiven SIBO-Test. Zusammenfassende Studien kommen auf deutlich weniger, dazu weiter unten.

Verstopfung heute, Durchfall morgen

Die Symptomliste, die Benz zeigt, liest sich wie die eines Reizdarms: Blähbauch durch die Gase. Winde, die nicht abgehen. Aufstoßen, Übelkeit, Bauchkrämpfe. Und ein Wechsel, der ratlos macht.

O-Ton aus dem Interview

Ich verstehe die Menschen, dass die absolut frustriert sind und keinen Plan haben, was sie tun sollen, weil ganz viele haben Verstopfungen, tagelang, und plötzlich dann Durchfälle.

Jannik Benz

Wer dann auf Flohsamen, Chiasamen und viel Ballaststoffe umstelle, erlebe nach seiner Erfahrung manchmal das Gegenteil von Besserung, weil die Bakterien im Dünndarm mitessen. Ohne diese Störung bleibt Ballaststoffreichtum eine Grundregel, siehe Ernährung bei Arthrose.

Schema eines Dünndarmquerschnitts mit Darmzotten, auf denen terrakottafarbene Bakterien Kohlenhydrate vergären und Gasbläschen freisetzen, die Schleimhautbarriere darunter ist lückig und lässt nur wenige Nährstoffe in die Blutgefäße

Falscher Ort, falsche Gärung: Bakterien im Dünndarm vergären Kohlenhydrate zu Gasen, die Schleimhaut wird dauerhaft gereizt und die Barriere durchlässig, so beschreibt es Jannik Benz. Am Ende kämen Eisen, B-Vitamine und fettlösliche Vitamine nicht mehr richtig im Körper an.

Die Folgen reichten über den Bauch hinaus, sagt Benz: Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, der Nebel im Kopf nach dem Mittagessen. Und weil die gereizte Schleimhaut ihre Barriere nicht mehr voll halte, würden Eisen, B-Vitamine und fettlösliche Vitamine schlechter aufgenommen; Nahrungsergänzung produziere dann vor allem teuren Stuhl. Bleibt die Frage, wie die Bakterien an den falschen Ort gelangen.

Wo die falschen Bakterien herkommen

Die Antwort, die Benz für die wichtigste hält, klingt unspektakulär: Der Darm bewegt sich zu wenig.

O-Ton aus dem Interview

Motilität heißt die Bewegung des Darmes, und die ist bei vielen Leuten eingeschränkt, weil sie einfach extrem gestresst sind.

Jannik Benz

Deshalb gehöre die Beruhigung des Nervensystems für ihn immer dazu, durch Atemübungen, Meditation oder Heilpilze, außerdem ein paar Schritte nach dem Essen. Weitere Ursachen aus seiner Liste: fehlende Verdauungsenzyme; Verwachsungen oder eine Klappe zwischen Dünn- und Dickdarm, die nicht schließt; Medikamente wie Säureblocker, Antibiotika und Schmerzmittel. Zu wenig Magensäure hält er für unterschätzt, weil Betroffene ihr Aufstoßen meist als zu viel Säure deuten.

Ein Hinweis der Redaktion: Verordnete Säureblocker setzt niemand auf eigene Faust ab. Die unten gezeigte Meta-Analyse fand zwischen Säureblockern und SIBO übrigens keinen statistischen Zusammenhang.

Zucker trinken, Atem messen

Eine Probe aus dem oberen Dünndarm sei nur per Endoskopie zu gewinnen und im Alltag kaum üblich, sagt Benz. Er nutzt einen Atemgastest für zu Hause: Man trinkt eine Lösung mit Laktulose, einem Zucker, den der Körper nicht aufnimmt, und gibt über 180 Minuten alle 20 Minuten eine Atemprobe ab, gemessen werden Wasserstoff und Methan.

Die Logik dahinter: Weil im Dünndarm kaum Bakterien erwartet werden, dürfte die Laktulose erst nach etwa 90 bis 100 Minuten im Dickdarm vergoren werden. Steigt die Wasserstoffkurve schon bei Minute 40, sitzen die Bakterien zu weit oben. Methan stamme von Archaeen, urtümlichen Mikroorganismen, und passe zur Verstopfung, Wasserstoff eher zu Durchfall.

Säulendiagramm aus einer Meta-Analyse: positiver SIBO-Befund per Atemtest bei 35,5 Prozent der Reizdarm-Patienten und 29,7 Prozent der Kontrollpersonen, per Dünndarmkultur bei 13,9 gegenüber 5,0 Prozent

Zur Einordnung: Eine Meta-Analyse von 25 Studien mit 3.192 Reizdarm-Patienten und 3.320 Kontrollpersonen fand per Atemtest bei 35,5 Prozent der Reizdarm-Patienten einen positiven SIBO-Befund, aber auch bei 29,7 Prozent der Kontrollen. Mit einer Kultur aus dem Dünndarm waren es 13,9 gegenüber 5,0 Prozent. Die Autoren sehen einen Zusammenhang, bewerten die Qualität der Belege aber als niedrig, unter anderem wegen der begrenzten Aussagekraft der Tests. Quelle: Shah A et al. 2020, Am J Gastroenterol 115(2):190-201, PMID 31913194.

Als Beispiel nennt Benz eine 72-jährige Klientin mit Dauer-Blähbauch, schwerem Stuhlgang und ohne Antrieb für ihre Gymnastik; der Test habe Wasserstoff und Methan gezeigt, dazu Mängel an Vitamin D und Selen. Nach drei Monaten mache sie wieder Gymnastik und wache mit klarem Kopf auf. Ein Einzelfall. Und ein positiver Test allein ist, wie das Diagramm zeigt, noch keine Diagnose.

Erst die Bakterien, dann alles andere

Was tun bei positivem Test? Es gebe verschreibungspflichtige Antibiotika, für die ein Arzt nötig sei. Sein Weg führt über pflanzliche Stoffe mit antimikrobieller Wirkung: Oreganoöl, Allicin aus Knoblauch, Granatapfel, Nelke, Zimt, dazu eine Rezeptur aus ätherischen Ölen, die eine Apotheke für ihn anfertigt; die Bezeichnung lassen wir bewusst weg. Was jeder wissen müsse: Es wird erst einmal unangenehm.

O-Ton aus dem Interview

Wenn wir Bakterien zerstören, entstehen Gase, und diese Bakterienreste binden auch Wasser. Das heißt, Symptome werden häufig verstärkt, Durchfall und Blähungen entstehen.

Jannik Benz

Herxheimer-Reaktion nennt er das. Sie erklärt auch seine Warnung vor Küchenexperimenten mit Oreganoöl. Heilversprechen gebe er keine, sagt er ausdrücklich, dafür gebe es zu viele Faktoren.

Aus Sicht der Redaktion gehört dazu: Hochkonzentrierte ätherische Öle sind keine harmlosen Hausmittel. Bei Blut im Stuhl, Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust oder Darmbeschwerden, die nach dem 50. Lebensjahr neu auftreten, steht die ärztliche Abklärung vor jedem Atemtest. Wie Nahrungsergänzung einzuordnen ist, zeigt Supplemente bei Arthrose: Was die Evidenz sagt.

Heilpilze kommen erst zum Schluss

Jetzt der Twist für einen Pilz-Kongress: Benz setzt Heilpilze bei Verdauungsproblemen nicht am Anfang ein. Igelstachelbart (Hericium) und Reishi könnten aus seiner Sicht Nervensystem und Darmschleimhaut helfen, aber erst nach erfolgreicher Behandlung der Fehlbesiedlung. Denn Pilze wirkten auch präbiotisch, also als Futter für genau die Bakterien, die man loswerden will.

O-Ton aus dem Interview

Es ist ganz wichtig, dass man alles, was hier gut ist und was man machen kann, nicht auf einmal macht. Und deswegen ist es, glaube ich, wichtig, dass man einen Experten hat, einen Behandler, der sich dem annimmt, der da Bescheid weiß.

Jannik Benz

Dasselbe gelte für Prä- und Probiotika: erst gegen Ende, langsam dosiert. Die Humanstudien zu Heilpilzen bei Darmbeschwerden sind klein. Welche Inhaltsstoffe in Heilpilzen stecken, erklärt Philip Rebensburg im Interview über die Wirkstoffe der Heilpilze, wie Reishi auf das Nervensystem wirken soll, Martin Auerswald im Interview über Reishi und den Vagusnerv, beide aus demselben Kongress.

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Beim Essen rät Benz zum Durchatmen. Von der Low-FODMAP-Ernährung hält er wenig: keine Therapie, nur Symptomlinderung, und schnell eine Mangelernährung. Stattdessen: Essenspausen von vier bis fünf Stunden, in Ruhe essen, gründlich kauen, viel Wasser, den ersten Kaffee nicht nüchtern.

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Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Jannik Benz dreht die Reihenfolge um. Nicht Diät, Flohsamen und Pilzkapseln auf Verdacht, sondern erst die Frage, ob im Dünndarm Bakterien sitzen, die dort nicht hingehören. Dann Atemtest, antibakterielle Phase, Wiederaufbau mit Bewegung, Essenspausen und Nervensystem, und erst zum Schluss Heilpilze. Sein Rahmen heißt 5-R-Regel der funktionellen Medizin: Reduce, Replace, Repair, Repopulate, Rebalance.

Seine 80 Prozent sind eine Praxiszahl, keine Studienzahl; die Forschung findet bei Reizdarm etwa jeden dritten Atemtest positiv, aber auch fast jeden dritten bei Gesunden. Wie Darm und Gelenke zusammenhängen, lesen Sie im Interview mit Paul Seelhorst über Darm und Gelenke.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Jannik Benz ist Heilpraktiker, kein Arzt. Anhaltende Verdauungsbeschwerden, Blut im Stuhl, Fieber, ungewollter Gewichtsverlust oder neu auftretende Darmbeschwerden im höheren Alter werden ärztlich abgeklärt. Pflanzliche antimikrobielle Mittel, Heilpilze und andere Nahrungsergänzungsmittel ersetzen keine Behandlung und gehören bei Vorerkrankungen, in der Schwangerschaft oder unter Medikamenten in ärztliche Rücksprache; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.

Häufige Fragen

Was ist eine Dünndarm-Fehlbesiedlung, und was hat sie mit Reizdarm zu tun?
Laut Jannik Benz handelt es sich um Bakterien, die eigentlich in den Dickdarm gehören, sich aber im Dünndarm angesiedelt haben. Dort vergären sie Kohlenhydrate, es entstehen Gase, die Schleimhaut wird gereizt. Die Symptome ähnelten denen eines Reizdarms so stark, dass er bei jeder Reizdarm-Diagnose einen SIBO-Test empfiehlt. Zusammenfassende Studien sehen den Zusammenhang, halten die Beweislage aber für schwach.
Wie wird eine Dünndarm-Fehlbesiedlung nach Benz festgestellt?
Er nutzt einen Atemgastest: Man trinkt eine Laktulose-Lösung und gibt über drei Stunden alle 20 Minuten eine Atemprobe ab. Steigen Wasserstoff oder Methan schon deutlich vor der Passage in den Dickdarm an, spreche das für Bakterien im Dünndarm. Eine Probe aus dem Dünndarm per Endoskopie sei aufwendig und im Alltag kaum üblich.
Warum empfiehlt Benz Heilpilze nicht sofort bei Verdauungsproblemen?
Aus seiner Sicht wirken Pilze auch präbiotisch, könnten also die falsch angesiedelten Bakterien mitfüttern. Igelstachelbart und Reishi setzt er deshalb erst nach einer erfolgreichen Behandlung der Fehlbesiedlung ein, dann für Nervensystem und Darmschleimhaut. Die Humanstudien dazu sind klein.
Was hält Benz von einer Low-FODMAP-Ernährung bei SIBO?
Wenig. Sie lindere allenfalls Symptome, beseitige die Fehlbesiedlung aber nicht und führe schnell zu Mangelernährung. Er rät stattdessen zu Essenspausen von vier bis fünf Stunden, ruhigem Essen, gutem Kauen und viel Wasser. In Leitlinien zum Reizdarm gilt eine zeitlich begrenzte Low-FODMAP-Phase unter Anleitung dagegen als Option; das bleibt eine Frage für die behandelnde Praxis.
Warum kann es nach dem Start einer Behandlung erst einmal schlechter werden?
Benz beschreibt die sogenannte Herxheimer-Reaktion: Werden Bakterien abgetötet, entstünden Gase, und die Bakterienreste bänden Wasser. Blähungen und Durchfall könnten vorübergehend zunehmen. Die Redaktion ergänzt: Pflanzliche antimikrobielle Mittel wie Oreganoöl sind keine harmlosen Hausmittel und gehören in fachliche Begleitung.
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