Wer die Diagnose Osteoporose bekommt, hält meist schon einen Laborzettel in der Hand: Blutbild, Kalzium, Vitamin D, alles im grünen Bereich. Doch diese Werte sagen über den Knochen weniger, als viele denken. Beim Osteoporose Kongress erklärte Christina Winzig, Molekularmedizinerin & Health Coach, warum ein normaler Kalziumwert beruhigen kann, während der Knochen Substanz verliert, und welche Werte nach ihrer Erfahrung auf fast keinem Befund stehen. Ihr Vortrag „Wichtige und neue Laborwerte in der Osteoporose-Diagnostik“ ist in voller Länge in unserem Kongress zu sehen.
Zwei Fragen an jeden Laborzettel
Winzig beginnt mit einer Unterscheidung, die das ganze Gespräch prägt: Werte für die Diagnostik sind nicht dieselben wie Werte für die Verlaufskontrolle. Und eine zweite Trennung ist ihr wichtig: primäre oder sekundäre Osteoporose, also Knochenschwund ohne fassbare Ursache oder als Folge einer anderen Krankheit.
Ich will nur nochmal hier verdeutlichen, dass die Osteoporose nicht rein was Genetisches ist, sondern so ein Zusammenspiel aus Genetik und Umweltfaktoren.
Gerade die sekundäre Form solle im Labor immer mitgedacht werden. Wer die Ursache finde, könne sie behandeln. Kochenburger ergänzte aus seiner Praxis: Bei Frauen in den Wechseljahren lande die Diagnose schnell in der Schublade „postmenopausal“, ohne dass jemand nach anderen Gründen suche. Winzig stimmte zu: Schon in der Perimenopause, bei manchen ab Mitte vierzig, lohne der Blick auf bestimmte Werte.

Zur Einordnung: In einer Querschnittsstudie am Mount Sinai Hospital in New York wurden 173 postmenopausale Frauen mit Osteoporose untersucht, die keine bekannte Grunderkrankung und keine knochenschädigenden Medikamente hatten. Bei 55 von ihnen (32 Prozent) fand das Labor eine zuvor unerkannte Störung des Knochen- oder Mineralstoffwechsels, am häufigsten Störungen des Kalziumhaushalts und eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen. Vier Tests (Kalzium im 24-Stunden-Urin, Kalzium im Serum, Parathormon, TSH bei Frauen unter Schilddrüsenhormon) hätten 47 dieser 55 Fälle erkannt. Quelle: Tannenbaum C et al. 2002, J Clin Endocrinol Metab 87(10):4431-7, PMID 12364413.
Welche Werte gehören auf den ersten Zettel? Winzig fängt bei der Basis an, und schon dort kippt eine vertraute Annahme.
Kalzium: Der Wert, der zu spät Alarm schlägt
Das Blutbild sei ein allgemeiner Suchtest für Entzündungen, Blutarmut oder bösartige Erkrankungen, nicht für den Knochen selbst. Näher dran seien die Mineralien. 99 Prozent des Kalziums lägen im Skelett, und dieser Speicher werde angezapft, wann immer der Körper das Mineral anderswo brauche. Der Blutwert zeige deshalb nur, ob der Haushalt gerade kippt. Auf die Frage des Moderators, ob ein normaler Wert etwas über die Ernährung aussage, antwortete Winzig eindeutig.
Der Körper versucht den Kalziumwert wirklich sehr lange stabil zu halten. Wenn der Wert dann schon ausbricht, ist das eine Red Flag, wo man sagt: Oh, da muss was zugrunde liegen, weil da passt dann was nicht. Diese Elektrolyte versucht der Körper auf Teufel komm raus stabil zu halten.

Vier Organe, ein Regelkreis: Christina Winzig beschreibt, wie Parathormon aus den Nebenschilddrüsen Kalzium aus dem Knochen löst, während Niere und Darm über Ausscheidung und Aufnahme mitsteuern. Solange dieser Kreis den Blutwert stabil hält, bleibt der Verlust am Knochen im Labor unsichtbar.
Kochenburger zog daraus einen Schluss, den Winzig teilte: Ein hoher Kalziumwert bei knapper Zufuhr sei eher ein Warnsignal, weil das Kalzium dann vermutlich aus dem Knochen stamme. Weiter auf Winzigs Basisliste: Phosphat, Entzündungswerte wie CRP, die alkalische Phosphatase als Hinweis auf Knochenumbau, die Gamma-GT als Gegenprobe für die Leber und Kreatinin, weil eine unerkannte Nierenschwäche den Knochen mitreiße.
Und Vitamin D? Der untere Referenzwert sei ein Querschnitt gesunder Menschen, kein Zielwert für jemanden mit Knochenschwund, sagten beide. Das ist ihre Sicht als Praktiker; welche Zielwerte für Sie gelten und ob eine Einnahme sinnvoll ist, klären Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Das Zusammenspiel beider Nährstoffe erklärt der Artikel Calcium und Vitamin D.
Damit ist die Basis abgehakt. Die spannenderen Werte, sagt Winzig, kommen erst jetzt.
Die Hormone hinter dem Knochenschwund
Schilddrüse zuerst. Ein sehr niedriges TSH, ob durch Hormonpräparate oder eine Überfunktion, gelte als Warnzeichen für den Knochen; Winzig misst deshalb immer die Schilddrüsenhormone dazu. Was das für Betroffene heißt, vertieft Dr. med. univ. Berndt Rieger im Interview über Schilddrüse und starke Knochen. Ein Hinweis der Redaktion: Eine Schilddrüsenmedikation wird nie eigenmächtig verändert.
Dann die vier kleinen Drüsen an der Rückseite der Schilddrüse. Ihr Parathormon stelle dem Körper Kalzium parat, indem es das Mineral aus dem Knochen löst; eine Überfunktion sei ein klassischer Grund für eine sekundäre Osteoporose. Der Moderator wurde dringlich: Bei Klientinnen mit jahrelanger Diagnose finde er immer Kalzium und Blutbild auf dem Befund, aber fast nie Parathormon. Winzig beschrieb, was passiert, wenn dieser Wert fehlt.

Man kann sich dann so anstrengen, versuchen dem Knochen alles zu geben und die Reize zu setzen, damit er sich aufbaut und mineralisiert. Aber du hast dann irgendwo an der übergeordneten Stelle noch was, was da rumhämmert, und das macht halt munter weiter.
Als Nächstes das Cortisol. Zu viel davon, etwa bei einem Cushing-Syndrom oder unter langjähriger Kortison-Therapie, bremse die Kalziumaufnahme im Darm und rege den Knochenabbau an. Kochenburger fragte, ob auch Dauerstress zähle.
Für mich ist es ein ganz klares Ja: Wenn jemand permanent gestresst ist und wirklich sehr langfristig erhöhte Cortisolwerte hat, ist es ein Risikofaktor.
Zum Schluss das Östradiol, das den Knochen nach Winzigs Worten vor Abbau schütze und nach den Wechseljahren fehle. Sie hält bei erhöhtem Risiko eine bioidentische Hormontherapie für prüfenswert. Das ist ihre Sicht; Nutzen und Risiken einer Hormonersatztherapie werden ärztlich individuell abgewogen, die Studienlage ist je nach Alter, Präparat und Dauer unterschiedlich. Dr. Nicole Weirich diskutiert diese Frage im Interview Hormonersatz: Knochenretter oder Gesundheitsrisiko?. Überraschend fand Winzig das FSH: Hohe Spiegel seien bei Frauen nach der Menopause mit geringerer Knochendichte verbunden gewesen. Auf einem Osteoporose-Befund habe sie den Wert noch nie gesehen.
Knochenumbau im Doppelpack messen
Jetzt zu den Werten, die den Knochen bei der Arbeit zeigen. Für den Abbau nennt Winzig die Crosslinks im Urin, die Beta-CrossLaps im Blut (CTX, ein Bruchstück des Knochenkollagens), NTX sowie TRAP5b, ein Enzym aus den Osteoklasten. Für den Aufbau die knochenspezifische alkalische Phosphatase (Ostase), das Osteocalcin und P1NP, ein Nebenprodukt der Kollagenbildung. Erhöhte Abbaumarker bedeuteten immer auch ein höheres Bruchrisiko.
Kochenburger misst Beta-CrossLaps und P1NP stets zusammen, zu Beginn und nach Monaten: Eine Einzelmessung sei schwer einzuordnen, im Verlauf aber zeige sich, ob mehr Aufbau und weniger Abbau stattfinde. Winzig sieht darin auch etwas Menschliches.
Ich finde das für den Patienten ein schönes Feedback, dass die ganzen Anstrengungen, Bemühungen und Anpassungen dann auch was bringen. Dann sieht man es schwarz auf weiß, weil so wirklich merkt man das bei den Knochen nicht.
Einen Sonderfall räumte sie ein: Osteocalcin könne auch steigen, wenn der Körper einen starken Abbau nur zu kompensieren versuche; sie liest es eher als Umbaumarker. Wie sich der Umbau im Labor sichtbar machen lässt, vertieft Winzig in einem zweiten Gespräch desselben Kongresses über Knochenumbau und Laborwerte.
Bleibt die Frage, die Kochenburger aus eigener Erfahrung stellte: Warum kommen bei denselben Markern so oft Werte heraus, die nicht zusammenpassen?
Wann Blut abnehmen, und was man sich sparen kann
Die Antwort liegt oft in der Uhrzeit. Viele Marker folgten einem Tagesrhythmus, sagt Winzig, einige seien zudem instabil und müssten schnell verarbeitet werden.
Bei den meisten ist es frühmorgens der wichtigste Zeitpunkt, dass ich sie messe, und nicht nachmittags oder abends.
Konkret: nüchtern und spätestens gegen neun Uhr. Kochenburger frage bei auffälligen Werten zuerst nach der Abnahmezeit, und oft sei es Vormittag mit Kaffee gewesen. Winzig nannte weitere Störgrößen: hartes Krafttraining am Vortag, ein Knochenbruch, der die Marker über Monate anhebt, andere Erkrankungen. Wer trainiert, was bei Osteoporose aus Sicht der Redaktion in ärztliche Rücksprache und mit Blick auf das Sturzrisiko gehört, legt die Blutabnahme also nicht auf den Tag danach. Was Training für den Knochen leisten kann, steht im Artikel Krafttraining bei Osteoporose.
Zwei Themen streifte Winzig nur kurz. Die Kalzium-Isotopie, ein neuer Test, der aus dem Verhältnis leichter und schwerer Kalziumatome im Blut auf Auf- oder Abbau schließt, habe sie im Labor noch nie gesehen. Und Gentests? Bestimmte Varianten im Kollagen-Gen und im Vitamin-D-Rezeptor seien mit höherem Risiko verbunden, aber Assoziation heiße nicht Ursache. Ihr Rat zum Ende hatte deshalb zwei Seiten: Laborwerte nutzen, um den eigenen Stand zu kennen und Fortschritte zu sehen. Aber nicht wahllos alles messen lassen.
Wer zu viel misst, der misst viel Mist.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Christina Winzig macht aus dem Laborzettel ein Werkzeug mit zwei Funktionen. In der Diagnostik soll er Ursachen aufdecken, und dafür braucht es nach ihrer Erfahrung mehr als Blutbild und Kalzium: Parathormon, Schilddrüsenhormone, Nierenwerte, Cortisol, bei Frauen auch Östradiol und FSH. Im Verlauf sollen Abbau- und Aufbaumarker im Paar zeigen, ob Ernährung, Bewegung und Therapie den Knochen erreichen.
Ihre Haltung ist nüchtern: Ein Wert im Referenzbereich ist für sie kein Freispruch, ein Wert außerhalb kein Urteil, sondern ein Hinweis. Welche Bausteine Ernährung und Bewegung beisteuern, lesen Sie im Artikel Ernährung und Bewegung bei Osteoporose. Und wer Werte deuten lassen will, tut das nach Winzigs Rat nicht mit der Suchmaschine, sondern mit Menschen, die täglich damit arbeiten.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Christina Winzig ist Molekularmedizinerin und Health Coach; welche Laborwerte im Einzelfall sinnvoll sind und was sie bedeuten, klärt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt. Medikamente, auch Schilddrüsen- oder Hormonpräparate, werden nie ohne ärztliche Rücksprache begonnen, verändert oder abgesetzt; ein Bewegungsprogramm bei Osteoporose gehört in ärztliche oder physiotherapeutische Begleitung.
Häufige Fragen
Welche Laborwerte gehören laut Christina Winzig zur Basis bei Osteoporose?
Warum reicht ein normaler Kalziumwert im Blut nach Winzigs Ansicht nicht aus?
Was ist Parathormon und warum sollte es bestimmt werden?
Welche Marker zeigen Knochenabbau und Knochenaufbau an?
Worauf ist bei der Blutabnahme für Knochenmarker zu achten?
Ersetzen Laborwerte die Knochendichtemessung?
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