Wer eine Osteoporose behandelt, wartet meist auf die nächste Knochendichtemessung. Bis dort eine Veränderung sichtbar wird, vergeht viel Zeit. Doch das Blut weiß es früher. Beim Osteoporose Kongress erklärte Christina Winzig, Molekularmedizinerin & Health Coach, welche Laborwerte den Knochenumbau abbilden und warum sie nach ihrer Erfahrung oft schon nach zwei bis drei Monaten verraten, ob eine Therapie oder eine Maßnahme greift. Das vollständige Gespräch über die Knochenumbau-Parameter sehen Sie kostenlos in unserem Kongress.
Zwei Zelltypen, eine Spur im Blut
Was misst ein Knochenumbau-Wert eigentlich? Winzig beginnt bei den Zellen. Osteoblasten bauen Knochen auf, Osteoklasten bauen ihn ab, und beide hinterlassen Spuren. Beim Aufbau werde Kollagen gebildet, dabei fielen Spaltprodukte an. Beim Abbau entstünden Bruchstücke desselben Kollagens, außerdem setzten die Zellen Enzyme frei. Alles davon lasse sich im Blut oder Urin messen. Fachleute sprächen vom Knochen-Turnover.
Der Vorteil gegenüber der Dichtemessung liege im Tempo.
Diese Umbauparameter erlauben uns teilweise eine Echtzeitdarstellung, weil sie auch viel schneller reagieren als die Knochendichte oder die Bildgebung, die wir nutzen, um Veränderungen feststellen zu können. Das dauert meistens deutlich länger, bis wir in der Dichtemessung Unterschiede sehen.

Zwei Zelltypen, zwei Spuren: Beim Aufbau geben Osteoblasten abgespaltene Kollagenstücke und Enzyme frei, beim Abbau setzen Osteoklasten Kollagenbruchstücke frei, beschreibt Christina Winzig. Beides wird als Aufbau- und Abbaumarker gemessen.
Eingesetzt würden die Werte als Basisprofil bei Verdacht auf Osteoporose, zum Therapie-Monitoring, zur Einschätzung des Bruchrisikos, zur Klärung, ob ein auffälliger Wert überhaupt aus dem Knochen stammt, und nach Brüchen oder Operationen.
Doch das Tempo hat einen Preis. Denn was schnell reagiert, reagiert auch auf Dinge, die mit dem Knochen nichts zu tun haben.
Empfindlich in beide Richtungen
Winzig nennt es biologische Variabilität. Manche Marker schwankten mit der Tageszeit, andere mit der letzten Mahlzeit. Dazu kämen Einflüsse wie eine akute Erkrankung, Sport am Vortag, ein Knochenbruch, Bettruhe oder Medikamente. Ihre Konsequenz ist nüchtern: Ein einzelner Wert sagt wenig.
Wir schauen immer den Kontext und den Verlauf der Werte an und niemals nur die Werte einzeln punktuell, ohne alles andere mit einfließen zu lassen.
Wie sieht so ein Verlauf aus? Unter einer Therapie, sagt Winzig, ließen sich meist nach zwei bis drei Monaten deutliche Veränderungen darstellen. Steige der Aufbauwert und bleibe der Abbauwert stabil, sei das ein gutes Zeichen, lange bevor eine Dichtemessung etwas zeige. Ob ein ansprechender Marker tatsächlich mit einem besseren Dichteverlauf einhergeht, wurde auch in Studien untersucht.

Zur Einordnung: In der TRIO-Studie erhielten 172 Frauen nach der Menopause (53 bis 84 Jahre) zwei Jahre lang orale Bisphosphonate plus Calcium und Vitamin D. Bei Frauen, deren Aufbaumarker P1NP über die Messunsicherheit hinaus gesunken war, nahm die Knochendichte an der Wirbelsäule um 6,2 Prozent zu, ohne dieses Ansprechen um 2,3 Prozent (Unterschied 3,9 Punkte, 95-%-Konfidenzintervall 1,6 bis 6,3). Über 70 Prozent der Frauen erreichten ein Ansprechen bei CTX und P1NP. Quelle: Naylor KE et al. 2016, Osteoporosis International 27(1):21-31, PMID 25990354.
Der Moderator Samuel Kochenburger, selbst in der Osteoporose-Beratung tätig, zog einen Alltagsvergleich: Wer sein Gewicht verfolgt, wiegt sich immer zur gleichen Zeit, sonst misst er die Pizza vom Wochenende statt den Trend. Winzig ergänzt, dass Labore unterschiedliche Testverfahren mit eigenen Referenzbereichen nutzten. Ihre Regel: morgens, nüchtern, gleiches Labor, gleiche Marker über den gesamten Verlauf.
Welche Werte meint sie konkret? Auf der Aufbauseite beginnt Winzig mit einem Enzym, das viele schon gesehen haben, ohne es zu wissen.
Die Aufbauseite: ein bekanntes Enzym, genauer gelesen
Die alkalische Phosphatase steht auf fast jedem Standardbefund. Dieser Gesamtwert stamme aus vielen Geweben, erklärt Winzig: Leber, Darm, Knochen, bei Schwangeren auch Plazenta. Erst die knochenspezifische Isoform, kurz BAP, zeige, was die Osteoblasten tun. Ihre Merkregel für die Praxis: Ist die Gesamt-AP erhöht, der Leberwert GGT normal und die BAP erhöht, spreche das für einen Ursprung im Knochen.
Ein niedriger Wert dagegen sei nicht automatisch ein Alarm.
Deswegen könnte sie auch erniedrigt sein, und das muss nicht immer etwas Krankheitsrelevantes sein, sondern tatsächlich einfach nur ein Wert, weil uns bestimmte Nährstoffe fehlen.
Das Enzym arbeite zink- und magnesiumabhängig, erklärt sie. Auch eine Schilddrüsenunterfunktion oder länger eingenommene Glukokortikoide könnten den Wert drücken. Bleibe er dauerhaft niedrig und sei ein Mangel ausgeschlossen, solle man ihn ernst nehmen und eine Hypophosphatasie abklären lassen. Welche Rolle Calcium und Vitamin D für den Knochen spielen, lesen Sie in unserem Artikel Calcium und Vitamin D bei Osteoporose.
Wichtiger noch ist ihr ein zweiter Wert: P1NP, ein Spaltprodukt, das entsteht, wenn Osteoblasten Kollagen vom Typ 1 aufbauen.
Ich sage immer gerne: Der P1NP-Wert ist eigentlich so ein Leitmarker, den messe ich eigentlich immer, und die anderen kommen dazu.
P1NP schwanke weniger mit Tageszeit und Ernährung als die Abbauwerte, sagt Winzig. Erhöhte Werte sähe man bei hohem Umbau, bei Schilddrüsenüberfunktion, bei zu viel Parathormon, bei Vitamin-D-Mangel und erwünscht als Antwort auf eine osteoanabole Therapie. Wie diese Wirkstoffe den Knochen aufbauen sollen, erklärt Prof. Dr. Ralf Oheim im Interview über osteoanabole Medikamente. Niedrige Werte passten zu Antiresorptiva, die den Umbau bremsen, zu einer Schilddrüsenunterfunktion oder zu bestimmten Medikamenten. Osteocalcin nimmt sie nur optional dazu: Das Vitamin-K-abhängige Knochenprotein sei bei Nierenschwäche schwer zu deuten, und seine untercarboxylierte Form steige erst bei ausgeprägtem Vitamin-K-Mangel.
Die Abbauseite: CTX und die Frage nach der Niere
Der bekannteste Abbauwert ist CTX, ein Bruchstück, das anfällt, wenn Osteoklasten Kollagen vom Typ 1 zerlegen. Winzig beschreibt erhöhte Werte bei hohem Umbau, nach Operationen oder Brüchen, bei Bettruhe, bei Vitamin-D-Mangel und bei eingeschränkter Nierenfunktion, weil die Bruchstücke über die Niere ausgeschieden werden. Ein besonderer Fall sei der Rebound nach einer Antikörpertherapie gegen den Knochenabbau: Werde der Wirkstoff Denosumab verspätet gegeben oder abgesetzt, könne der Abbau stark zunehmen und CTX deutlich steigen. Kochenburger wurde an dieser Stelle deutlich: Das Medikament nie eigenmächtig absetzen, sondern den Arzt fragen. Die Redaktion schließt sich an: Änderungen an einer Osteoporose-Medikation gehören ausnahmslos in ärztliche Hände.
Ihre Faustregel für Menschen in Behandlung:

Wenn wir Antiresorptiva bekommen, dann sollte das CTX spätestens so nach zwei bis drei Monaten wirklich deutlich sinken, sonst funktioniert die Therapie einfach nicht.
Das ist ihre Einschätzung aus der Beratung; ob eine Therapie angepasst wird, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der Arzt. Neben CTX nennt sie NTX, ein verwandtes Bruchstück, das gern im Urin gemessen werde, und TRAP5b, ein Enzym der Osteoklasten, das weniger schwanke und bei Nierenschwäche zusammen mit BAP und Parathormon robuster sei als CTX allein. Dann die Quervernetzer des Kollagens: DPD sei recht knochenspezifisch, PYD stamme auch aus Knorpel und werde eher bei Arthrose oder Rheuma mitgemessen; kollagen- oder gelatinereiche Mahlzeiten könnten PYD verfälschen. Was Ernährung darüber hinaus für den Knochen bedeutet, steht in unserem Überblick zu Ernährung und Bewegung bei Osteoporose.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Winzigs Programm ist überschaubar. Ein Aufbauwert, ein Abbauwert, dazu der Kontext aus Niere, Leber, Vitamin D, Mineralstoffen und Hormonen. Alles nüchtern, morgens, im selben Labor, und dann der Verlauf nach zwei bis drei Monaten. Ihr Bild vom Stoffwechsel bleibt hängen:
In einem Stoffwechsel gibt es viele verschiedene Spieler auf dem Spielfeld, und deswegen muss ich auch immer gucken: Ist nur mein einer Spieler kaputt, oder sind vielleicht mehrere so ein bisschen am Straucheln?
Kochenburger wunderte sich zum Schluss, wie wenige Frauen mit Osteoporose diese Werte je bestimmt bekommen hätten. Ob das in Ihrem Fall sinnvoll ist, klären Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt; die Werte ergänzen Dichtemessung und Bildgebung, sie ersetzen sie nicht. Welche Laborwerte Winzig für die Erstdiagnostik empfiehlt, erklärt sie in ihrem ersten Gespräch über Laborwerte in der Osteoporose-Diagnostik.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Christina Winzig ist Molekularmedizinerin und Health Coach; Laborwerte werden von Ärztin oder Arzt im Zusammenhang mit Befund und Krankengeschichte gedeutet. Osteoporose-Medikamente werden nie ohne ärztliche Rücksprache verändert oder abgesetzt.
Häufige Fragen
Was sind Knochenumbau-Parameter?
Wie schnell zeigen die Werte, ob eine Osteoporose-Therapie wirkt?
Welche Werte gehören aus ihrer Sicht in ein Grundprofil?
Warum sollen die Werte immer im gleichen Labor gemessen werden?
Was bedeutet eine niedrige knochenspezifische alkalische Phosphatase?
Was passiert mit den Werten, wenn eine Antikörpertherapie gegen Knochenabbau abgesetzt wird?
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