Überall tut es weh, und kein Befund erklärt es. Wer nach Jahren endlich die Diagnose Fibromyalgie bekommt, hält das Wort oft für eine Antwort. Doch für Dr. Petra Wiechel, Expertin für biologische Medizin und Chefärztin der Swiss Mountain Clinic, ist es genau das nicht. Beim Schmerzkongress sprach sie im Interview „Die wahren Ursachen von Fibromyalgie und deren Behandlung“ darüber, warum sie den Begriff in ihrer Klinik nicht benutzt und wo sie stattdessen sucht: im Darm, im Mund, im Stresshaushalt. Das vollständige Gespräch sehen Sie kostenlos im Kongress.

Ein Wort, das nichts erklärt

Was steckt hinter dem Begriff? Wiechel dreht die Frage um. Das Wort sei erfunden worden, weil man eine Gruppe chronischer Schmerzbilder nicht einordnen konnte.

O-Ton aus dem Interview

Erst mal muss man wissen, dass es dieses Wort nie gab. Aber was es gab, waren chronische Schmerzbilder. Und weil man diese Schmerzbilder nicht einordnen konnte, hat man ihnen ein Wort gegeben. Und jetzt heißt das Wort Fibromyalgie.

Dr. Petra WiechelExpertin für biologische Medizin und Chefärztin der Swiss Mountain Clinic

Sie erinnert sich an ihre ersten Begegnungen mit dem Begriff, vor rund 15 Jahren. Patienten drängten in die Spezialsprechstunde, sie überwies. Dreimal.

O-Ton aus dem Interview

Dreimal kamen die Menschen zurück mit einem Antidepressivum, weil es natürlich die Muskeln entspannt, und mit einem Schmerzmittel. Und ich hatte keine Antworten auf all die Fragen, warum dieser Mensch überhaupt chronische Schmerzen hat.

Dr. Petra Wiechel

Damals habe sie begonnen, neue Wege zu suchen. Wie viele Menschen das Syndrom trifft, zeigt eine Bevölkerungsstichprobe aus Deutschland.

Säulendiagramm: Fibromyalgie nach modifizierten ACR-2010-Kriterien bei 2,1 Prozent der deutschen Bevölkerung, 2,4 Prozent der Frauen und 1,8 Prozent der Männer

Zur Einordnung: In einer Zufallsstichprobe von 2.445 Menschen aus der deutschen Bevölkerung erfüllten 2012 rund 2,1 Prozent die modifizierten ACR-2010-Kriterien für Fibromyalgie, 2,4 Prozent der Frauen und 1,8 Prozent der Männer; der Unterschied war statistisch nicht signifikant. Quelle: Wolfe F et al. 2013, Arthritis Care Res 65(5):777-85, PMID 23424058.

Ein Hinweis der Redaktion: Fibromyalgie ist eine Ausschlussdiagnose. Wer neue, anhaltende Schmerzen hat, dazu Fieber, Gewichtsverlust, Lähmungen oder geschwollene Gelenke, braucht zuerst eine ärztliche Abklärung.

Wo also anfangen, wenn nicht beim Namen? Wiechels Antwort ist seit drei Jahrzehnten dieselbe.

Zuerst der Darm

3D-Nahaufnahme dicht stehender Darmzotten mit Kapillaren im Inneren, eine Gruppe verkürzter Zotten terrakottafarben hervorgehoben
O-Ton aus dem Interview

Ich bin seit 1991 die, die alles sowieso nur über den Darm behandelt, weil der Darm die Wurzel bei der Pflanze Mensch ist.

Dr. Petra Wiechel

Eine Darmspiegelung reiche dafür nicht, sagt sie; die Koloskopie diene dem Tumorscreening. Sie setzt auf eine umfassende Stuhlanalyse: pH-Wert, Pilzbelastung, Verdauungsrückstände, Leistung von Leber und Bauchspeicheldrüse und die Schleimhautimmunität, gemessen am sekretorischen IgA.

Der Kern ihrer Erklärung ist die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut. Normalerweise werde alles, was im Darm liegt, mehrfach kontrolliert, bevor es in den Körper darf. Verliere die Schleimhaut diese Kontrollfunktion, gelangten Stoffwechselgifte, Bakterien, Pilze und Parasiten ins Gewebe, und das Abwehrsystem müsse sich Tag für Tag damit auseinandersetzen. Umgangssprachlich heißt das Konzept Leaky Gut.

Zweigeteilter Querschnitt der Darmschleimhaut, links dicht geschlossene Zellen, rechts klaffende Lücken, durch die Bakterien ins Gewebe gelangen und Immunzellen anlocken

So beschreibt Dr. Wiechel den Weg vom Darm zum Dauerschmerz: Eine dicht schließende Schleimhaut kontrolliert, was in den Körper darf. Wird die Barriere durchlässig, gelangen Bakterien und Stoffwechselprodukte ins Gewebe und beschäftigen das Immunsystem, aus ihrer Sicht der Anfang einer stillen Entzündung.

Wie belastbar ist das? Dass die Darmbarriere durchlässiger werden kann, ist gut beschrieben. Ob ein „Leaky Gut“ als eigenständige Ursache chronischer Schmerzen taugt, ist offen; die Studienlage ist dünn, und die deutsche Fibromyalgie-Leitlinie kennt das Konzept nicht. Wiechel vertritt hier die Sicht der biologischen Medizin.

Der Darm ist für Wiechel aber nur die eine Hälfte. Die andere beginnt mit einer Frage, die kein Labor beantwortet.

Wer sitzt da eigentlich?

Bevor Wiechel nach Ursachen suche, wolle sie wissen, wer vor ihr sitzt. Drei Menschen brächten drei Konstitutionen mit; was der eine spielerisch wegstecke, sei für den anderen ein großes Thema. Und jeder trage Druck, Kummer oder Trauer unterschiedlich lange mit sich herum. Eine Arbeit, die man nicht liebt, dazu Sorgen zu Hause: Daraus entstehe eine Erschöpfungskaskade.

An deren Ende sieht sie die Nebennieren. Die produzierten Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin, und dieselben Hormone regulierten Entzündungen. Erschöpften sie, werde das Wenige zu viel, und der Körper könne selbst harmlose Entzündungen nicht mehr ausgleichen. Die Redaktion ergänzt: Eine „Nebennierenschwäche“ ist keine anerkannte Diagnose. Die Endokrinologie kennt die Nebenniereninsuffizienz als seltene, messbare Erkrankung, aber kein Erschöpfungsstadium dazwischen.

Wichtiger als jedes Etikett ist ihr an dieser Stelle die Richtung, in die der Körper arbeitet.

O-Ton aus dem Interview

Unser Körper hat keinen Plan für Fibromyalgie, sondern unser Körper will eigentlich in der höchsten Anstrengung immer wieder versuchen, dieser Belastung irgendwo Herr zu werden. Und da braucht er Hilfe.

Dr. Petra Wiechel

Zähne, Amalgam und das Puzzle der Belastungen

Eine ganzheitliche Diagnostik schließe immer die Zähne ein, sagt Wiechel. Erstens Amalgam: Das Füllmaterial enthalte Quecksilber und Zinn, werde durch Wärme, Kälte und Säure im Mund fortlaufend ausgewaschen und lagere sich in Bindegewebe, Schilddrüse, Leber und Nieren ab. Bei einem chronisch Kranken dürfe es aus ihrer Sicht nicht mehr im Mund sein. Zweitens tote und wurzelbehandelte Zähne: Ein toter Zahn zerfalle, dabei entstünden Schwefelverbindungen, und Mikroorganismen gelangten von dort in den Körper, was das Immunsystem täglich Leistung koste.

Beides ist umstritten. Dass entzündete Zahnwurzeln das Immunsystem beschäftigen, ist unstrittig; dass Amalgam oder wurzelbehandelte Zähne Fibromyalgie auslösen, ist nicht belegt, und zahnärztliche Fachgesellschaften halten intakte Füllungen für die meisten Menschen für unbedenklich. Wie ein Zahnmediziner dieselbe Theorie begründet, lesen Sie im Interview mit Dr. Dominik Nischwitz über Zahnstörfelder aus demselben Kongress; Wiechel empfiehlt sein Buch ausdrücklich.

Ein Hinweis der Redaktion: Wiechel selbst betont, dass eine Amalgamentfernung nur unter Schutzmaßnahmen und mit fachlicher Begleitung stattfinden dürfe. Wer darüber nachdenkt, bespricht das mit Zahnarzt und Hausarzt. Ausleitungskuren gehören nie in Eigenregie.

Zum Puzzle zählt sie auch Umwelt und Essen: Luftqualität, Aluminium in Alltagsprodukten, Fertigkost, Zusatzstoffe. Gluten nennt sie als möglichen Entzündungstreiber und rät, Brot einmal konsequent wegzulassen; zugleich vermisst sie bei vielen entzündungsregulierende Bausteine wie Omega-3-Fettsäuren oder Vitamin E aus Nüssen. Was die Studienlage dazu hergibt, steht im Artikel über Supplemente bei Arthrose.

Wie wird aus diesem Puzzle ein Plan? Wiechel beginnt nicht mit der Therapie, sondern mit der Reihenfolge.

Erst die Reihenfolge, dann die Therapie

Das eine schaffe die Voraussetzung für das nächste, sagt Wiechel. So entstehe Krankheit, und so löse sie sich auch wieder. Deshalb entgifte sie niemanden, der noch Amalgam im Mund habe: zuerst der Zahnarzt, dann die Störfelddiagnostik, dann die Ausleitung. Vorher oder parallel den Darm aufbauen, das Umfeld anschauen, die Ernährung anpassen. Welche Grundregeln einer entzündungsarmen Kost die Leitlinien stützen, lesen Sie in unseren Grundlagen der Arthrose-Ernährung.

Bei der Ausleitung prüfe sie, ob der Körper überhaupt entgiften könne, etwa ob genug Selen da sei; dazu viel Trinken, Sauna, Unterstützung für Leber und Nieren. Vieles davon sei nicht schwer, es fordere nur Mitmachen und Umdenken. Wie das im Alltag klingt, erzählt sie an einem Anruf.

O-Ton aus dem Interview

Da rief eine Dame an und fragte mich: Behandeln Sie Fibromyalgie? Und da sagte ich ihr: Nein, nein, das behandle ich nicht. Na, dann herzlichen Dank, dann kann ich ja nicht kommen. Und dann sagte ich ihr: Sie können sehr gerne kommen, aber ich möchte doch Sie behandeln. Lassen Sie uns doch schauen, warum Sie chronische Schmerzen haben.

Dr. Petra Wiechel

Die Patientin sei zwei statt einer Woche geblieben und habe am Ende bemerkt, dass sie seit drei Tagen kein Schmerzmittel mehr gebraucht habe. Eine Einzelbeobachtung aus der Klinik, keine Studie. Und für Leserinnen und Leser gilt: Schmerzmittel oder Antidepressiva setzt niemand ohne Rücksprache mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt ab. Ihr Schlusswort richtet Wiechel an alle, die zuhören.

O-Ton aus dem Interview

Gesundheit ist weder ein Geschenk noch eine göttliche Gabe, sondern nur eine persönliche Aufgabe. Wir Ärzte sind nur Begleiter.

Dr. Petra Wiechel

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Dr. Petra Wiechel bietet keine Fibromyalgie-Therapie an, und genau das ist ihr Punkt. Sie sucht bei jedem chronischen Schmerzbild nach Belastungen, die der Körper nicht mehr ausgleicht: Darmbarriere zuerst, dann Zähne, dazu Stress, Ernährung und Umfeld. Vieles davon ist Erfahrungsmedizin aus mehr als 30 Jahren Praxis; Leaky Gut, Nebennierenschwäche und Zahnstörfelder bleiben wissenschaftlich umstritten. Ihre unstrittige Botschaft trägt trotzdem: den Menschen ernst nehmen, nicht das Etikett.

Wie stille Entzündungsherde chronische Schmerzen unterhalten können, ergänzt Reinhard Clemens im Interview über stille Entzündungsherde aus demselben Kongress. Woran eine selbst betroffene Ärztin das Syndrom erkennt, lesen Sie im Interview mit Annette Johnson aus dem Entzündungskongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Konzepte zu Darmdurchlässigkeit, Nebennierenschwäche, Amalgam und Zahnstörfeldern sind die Sicht der Expertin und wissenschaftlich umstritten. Chronische Schmerzen gehören in ärztliche Abklärung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert, Amalgamentfernung und Ausleitung nur mit zahnärztlicher und ärztlicher Begleitung.

Häufige Fragen

Warum benutzt Dr. Petra Wiechel den Begriff Fibromyalgie nicht?
Nach ihrer Darstellung gab es das Wort früher nicht, wohl aber chronische Schmerzbilder, die niemand einordnen konnte. Der Name sei nachträglich vergeben worden und erkläre nichts. In ihrer Klinik sei die Diagnose der Name des Patienten; sie wolle verstehen, warum genau dieser Mensch chronische Schmerzen entwickelt hat.
Welche Rolle spielt der Darm in ihrer Erklärung?
Wiechel beschreibt eine durchlässig gewordene Darmschleimhaut, durch die Bakterien, Pilze und Stoffwechselgifte in den Körper gelangten. Das Abwehrsystem müsse sich ständig damit auseinandersetzen, eine stille Entzündung entstehe. Dieses Leaky-Gut-Konzept ist in der Forschung umstritten; die Fibromyalgie-Leitlinie kennt es nicht.
Was untersucht sie statt einer Darmspiegelung?
Eine Koloskopie diene laut Wiechel dem Tumorscreening und sage wenig über das Gleichgewicht im Darm. Sie lässt eine umfassende Stuhlanalyse machen: pH-Wert, Pilzbelastung, Entzündungszeichen an der Schleimhaut, Leistung von Leber und Bauchspeicheldrüse, Verdauungsrückstände und das sekretorische IgA als Maß für die Schleimhautimmunität.
Was hat Fibromyalgie mit den Zähnen zu tun?
Aus Wiechels Sicht gehören die Zähne in jede ganzheitliche Diagnostik. Amalgamfüllungen sowie tote und wurzelbehandelte Zähne sieht sie als dauernde Belastung für das Immunsystem. Sie betont zugleich, dass eine Amalgamentfernung nur unter Schutzmaßnahmen und mit Begleitung erfolgen dürfe. Ein Zusammenhang mit Fibromyalgie ist wissenschaftlich nicht belegt.
Womit sollte man nach ihrer Erfahrung anfangen?
Wiechel denkt in Prioritäten: erst den Darm aufbauen und die Barriere schließen, dann die Zähne sanieren, erst danach Belastungen ausleiten. Parallel Ernährung, Umfeld, Stress und Schlaf anschauen. Die Redaktion ergänzt: Chronische Schmerzen gehören in ärztliche Abklärung, und Schmerzmittel oder Antidepressiva werden nie ohne Rücksprache abgesetzt.
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