Kalk in den Herzkranzgefäßen. Für viele klingt das nach der ganzen Geschichte des Herzinfarkts: Ablagerung, Verengung, irgendwann der Verschluss. Doch Prof. Dr. med. Clemens von Schacky, Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Angiologie, sucht die Gefahr woanders. Nicht der harte Kalk reiße die Gefäßwand auf, sondern ein weicher, entzündeter Herd unter der Gefäßinnenhaut, der lange still bleibt. Beim Stille Entzündungen Kongress erklärte der Kardiologe, wie solche Herde entstehen, was ein Blutwert namens Omega-3-Index damit zu tun hat und warum er lieber misst als schätzt. Sein Interview trägt den Titel „Herzinfarkt verstehen: Warum dein Omega-3-Spiegel über Leben und Tod entscheidet“; das vollständige Gespräch sehen Sie im Kongress.

Der Riss, nicht der Kalk

Was passiert in den Minuten vor einem Herzinfarkt? Von Schacky beginnt nicht bei der Verengung, sondern bei einem winzigen Entzündungsherd. In der Gefäßwand könnten sich stille Entzündungen abspielen, kleine entzündliche Bereiche unter dem Häutchen, das die Gefäße von innen auskleidet. Im ungünstigen Fall reiße dieses Häutchen, das entzündliche Gewebe bekomme Kontakt zum fließenden Blut, und das Blut stocke, wie bei einem Schnitt in den Finger beim Kochen. In einem engen Herzkranzgefäß verschließe genau dieses Gerinnsel den Weg.

O-Ton aus dem Interview

Wir wissen, dass die Herzinfarkte hauptsächlich an diesen instabilen Plaques stattfinden, von ihnen verursacht werden und nicht, wie wir lange gedacht haben, von Kalk.

Prof. Dr. med. Clemens von SchackyFacharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Angiologie

Kalk dagegen sei nicht aktiv, keine Entzündung, und deshalb weniger wichtig, als man lange dachte. Wer die stillen Entzündungen in der Gefäßwand reduziere, senke aus seiner Sicht auch die Zahl der Infarkte; als Wege nennt er die ärztlich verordneten Statine und den Ausgleich eines Omega-3-Mangels. Die Redaktion ergänzt: Herzmedikamente werden nie ohne ärztliche Rücksprache verändert, und Brustschmerz, Atemnot oder neu aufgetretenes Herzstolpern gehören sofort in ärztliche Abklärung.

Bleibt die Frage, wie eine Fettsäure aus dem Meer an einem solchen Herd etwas ändern soll. Von Schackys Antwort führt in jede einzelne Zelle.

Wir sind Zellen, und Zellen brauchen Baumaterial

Omega-3-Fettsäuren seien ein wesentlicher Bestandteil der Zellmembran, sagt von Schacky, und der Mensch bestehe nun einmal aus Zellen, sehr vielen Zellen. Nur mit einer bestimmten Menge dieser Fettsäuren in der Membran arbeite eine Zelle optimal. Da der Körper seine Zellen ständig erneuere, er nennt das Zellmauser, brauche jede neue Zelle das passende Baumaterial. Auf die Entzündung wirkten Omega-3-Fettsäuren nach seiner Darstellung über die Genexpression, also darüber, welche Entzündungsmoleküle eine Zelle überhaupt herstellt. Sein Wort dafür ist nicht „hemmen“, sondern „korrekt kalibrieren“: funktionierende Infektabwehr ja, überschießender Zytokinsturm nein.

Zellmembran eines roten Blutkörperchens im Querschnitt als Doppelschicht mit eingelagerten Fettsäureketten und einem Ionenkanal, der die Membran durchspannt

Baumaterial mit Folgen: Von Schacky beschreibt Omega-3-Fettsäuren als festen Bestandteil jeder Zellmembran. In diesem Fettsäuremilieu sitzen auch die Ionenkanäle, die den Herzrhythmus steuern, und das Milieu entscheide mit, ob sie ordentlich arbeiten.

Die naheliegende Annahme lautet: Wer regelmäßig Fisch isst oder Kapseln nimmt, ist versorgt. Von Schacky hält genau das für den Denkfehler. Der Beitrag seiner Arbeitsgruppe seien die Spiegelmessungen gewesen, und die hätten etwas Unbequemes gezeigt.

O-Ton aus dem Interview

Es ist eigentlich ziemlich wurscht, was sich jemand in den Mund steckt, aber es ist entscheidend, wie viel in einem Menschen drin ist.

Prof. Dr. med. Clemens von Schacky

Der Grund liege in der Bioverfügbarkeit. Die Aufnahme brauche Galle und Bauchspeicheldrüsensekret und unterscheide sich von Person zu Person um den Faktor 13. Dieselbe Menge sei für den einen zu viel, für den anderen zu wenig. Daraus folge für ihn zweierlei: Omega-3-Fettsäuren gehörten zur Hauptmahlzeit, und ohne Messung wisse niemand, wo er steht.

Messen lässt sich der Spiegel also. Was aber ist der richtige Wert?

Acht bis elf: der Zielbereich und seine Obergrenze

Der Omega-3-Index ist, so von Schacky, definiert als EPA plus DHA in der Membran der roten Blutkörperchen, gemessen mit einer festgelegten Methode. Als seine Gruppe den Wert definierte, habe sie die Daten aus der Kardiologie durchgesehen: Über acht sei gut gewesen. Dann fiel ihm etwas auf: Über elf tue sich nichts mehr.

Als Arzt, nicht als Ernährungsforscher, habe er daraus eine Grenze gemacht. In der Biologie gebe es oft des Guten zu viel. Jahre später hätten Daten gezeigt, dass oberhalb von elf Prozent eine Neigung zu Vorhofflimmern beginne; seltener könnten Blutungen auftreten. Der größte Nutzen liege zwischen acht und elf, darüber gebe es keinen Zusatznutzen, nur Nebenwirkungen.

Säulendiagramm aus zehn Kohortenstudien: Omega-3-Index im obersten Fünftel 8,3 Prozent, im Mittel 6,1 Prozent, im untersten Fünftel 4,2 Prozent, gestrichelte Linie beim Zielwert 8 Prozent

Zur Einordnung: In einer Auswertung von zehn Kohortenstudien lag der Omega-3-Index im Mittel bei 6,1 Prozent (Standardabweichung 2,1). Das unterste Fünftel der Teilnehmenden lag im Median bei 4,2 Prozent, das oberste bei 8,3 Prozent. Je Standardabweichung höherem Index betrug die Hazard Ratio für tödliche koronare Herzkrankheit 0,85 (95-%-KI 0,80 bis 0,91); die Autoren stützen daraus Zielmarken von unter 4 Prozent (höheres Risiko) und über 8 Prozent (niedrigeres Risiko). Beobachtungsdaten, kein Ursachenbeweis; der Erstautor ist an einem Labor für Fettsäuremessungen beteiligt. Quelle: Harris WS, Del Gobbo L, Tintle NL 2017, Atherosclerosis 262:51-54, PMID 28511049.

Eine Bestätigung fand er später an unerwarteter Stelle: Die Plazenta versuche über aktive Fettsäurepumpen, das ungeborene Kind auf einen Omega-3-Index im Zielbereich einzustellen. Für ihn ein Hinweis, dass dieser Bereich kein Zufall ist.

Warum aber überhaupt messen, wenn der Körper sonst so vieles selbst regelt? Von Schackys Antwort hat es in sich.

Blick in ein Blutgefäß mit dicht strömenden roten Blutkörperchen, eines davon aufgeschnitten mit sichtbarer Membran und eingelagerten Fettsäureketten
O-Ton aus dem Interview

Die Natur war so freundlich, uns einen Durst mitzugeben, aber sie hat uns kein Warnsystem mitgegeben für Vitamin D oder Omega-3-Fettsäuren. Deswegen muss man messen und dann weiß man es.

Prof. Dr. med. Clemens von Schacky

Leinöl, Walnüsse und der Lachs, der Veganer wurde

An dieser Stelle räumte die Moderatorin, seit über 20 Jahren Ernährungsberaterin, einen eigenen Irrtum ein: Lange habe sie antientzündliche Ernährung mit Leinöl, Walnüssen und Brokkoli gleichgesetzt. Von Schacky erklärt, woher das kommt. Die ersten Omega-3-Studien seien an Nagetieren gemacht worden, und die wandeln pflanzliche Omega-3-Fettsäure problemlos in die langkettigen Formen um. So stand es in allen Lehrbüchern. Beim Menschen sei der erste Umbauschritt schlecht und der zweite so gut wie unmöglich.

O-Ton aus dem Interview

Da brauchen wir die Algen, die können das, oder die Nagetiere, aber wer ist schon ein Nagetier.

Prof. Dr. med. Clemens von Schacky

Auch der Fischteller sei nicht mehr, was er war. Der Zuchtlachs bekomme aus Kostengründen pflanzliches Futter, sei also, wie von Schacky spöttelt, zum Veganer geworden. Übrig blieben Makrele, Hering und Sardine; Thunfisch und Schwertfisch reicherten dagegen Methylquecksilber an. Welche Rolle Fettsäuren in einer entzündungsarmen Ernährung spielen, zeigt unser Artikel zu den Grundlagen der Arthrose-Ernährung; eine nüchterne Bilanz zur Studienlage zieht der Überblick Supplemente bei Arthrose.

Zwölf Kanäle für einen Herzschlag

Wer im Fernsehen einen Fußballspieler zusammenbrechen sieht, denkt an ein Ausnahmeereignis. Von Schacky ordnet es anders ein: Der plötzliche Herztod stehe hinter etwa 10 bis 15 Prozent aller Todesfälle und treffe Athleten nach seiner Darstellung doppelt so häufig. Sein Erklärungsweg führt zurück zur Zellmembran. Für jeden Herzschlag brauche es zwölf Ionenkanäle, Eiweiße in der Membran, die die elektrische Spannung der Herzzelle steuern. Sie arbeiteten nur sauber, wenn sie im richtigen Fettsäuremilieu sitzen.

Und warum sind die Studien dann so uneinheitlich? Über 40.000 Publikationen gebe es, darunter mehr als 6.000 Interventionsstudien, viele von Nicht-Experten geplant. Die Kapsel sei morgens ohne fettreiche Mahlzeit geschluckt worden, Teilnehmende ohne Mangel könnten keinen Effekt zeigen, und eine feste Dosis sei wie ein Medikament getestet worden, obwohl die Spiegel zwangsläufig überlappen.

O-Ton aus dem Interview

Wenn ihr methodische Böcke schießt, dann kann nichts Einheitliches herauskommen.

Prof. Dr. med. Clemens von Schacky

Aus der Perspektive der Spiegel seien die Ergebnisse auf einmal einheitlich. Das ist seine Lesart, und sie ist nicht unumstritten: Die europäischen Leitlinien zur Herzschwäche haben, wie er selbst einräumt, die Omega-3-Empfehlung der amerikanischen Kardiologen nicht übernommen. Wie Entzündungswerte im Blut gelesen werden, erklärt Bastian Hölscher im Interview über Entzündungswerte im Blut aus demselben Kongress.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Prof. von Schacky verschiebt den Blick: weg vom Kalk, hin zum entzündeten Herd unter der Gefäßinnenhaut; weg von der Frage, was jemand isst, hin zu dem, was in seinen Zellen ankommt. Sein Werkzeug ist der Omega-3-Index, sein Zielbereich acht bis elf Prozent, und die Obergrenze nimmt er so ernst wie den Mangel. Das ist die Position eines Forschers, der das Feld seit 40 Jahren prägt und Widerspruch kennt. Was er selbst für sein Herz tut, sagt er ohne Umweg.

O-Ton aus dem Interview

Die Omega-3-Spiegel müssen stimmen, man darf nicht rauchen und man muss körperlich aktiv bleiben.

Prof. Dr. med. Clemens von Schacky

Weil kaum ein Beruf heute körperlich sei, führe der Weg ins Fitnesszentrum. Ob und wie Sie Ihren Omega-3-Index bestimmen und beeinflussen, besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt; bei Blutverdünnern, Herzrhythmusstörungen oder in der Schwangerschaft gehört eine Nahrungsergänzung nie ohne ärztliche Rücksprache in den Alltag. Wie stille Entzündungen entstehen, ordnet Dr. med. Patrick Assheuer im Interview über stille Entzündungen aus demselben Kongress ein; was Entzündung im Gelenk anrichtet, erklärt unser Grundlagenartikel Arthrose: Was ist das?.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Herzbeschwerden wie Brustschmerz, Atemnot oder anhaltendes Herzstolpern gehören sofort in ärztliche Abklärung. Verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert; auch der Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln gehört bei Vorerkrankungen, Blutverdünnung oder Schwangerschaft in ärztliche Begleitung.

Häufige Fragen

Was ist der Omega-3-Index?
Laut Prof. von Schacky ist der Omega-3-Index der Anteil der beiden langkettigen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA in der Membran der roten Blutkörperchen, angegeben in Prozent aller Fettsäuren. Er hat den Wert mitentwickelt und betont, dass zur Definition auch eine bestimmte Messmethode gehört.
Welchen Omega-3-Index hält Prof. von Schacky für sinnvoll?
Er nennt einen Zielbereich von 8 bis 11 Prozent. Nach seiner Darstellung zeigten die Daten aus der Kardiologie oberhalb von 11 Prozent keinen weiteren Nutzen, dafür eine Neigung zu Vorhofflimmern und, seltener, zu Blutungen. Die Redaktion ergänzt: Ob und wie ein Wert verändert wird, gehört in ärztliche Hände.
Reichen Leinöl und Walnüsse als Omega-3-Quelle?
Aus Sicht von Prof. von Schacky nicht. Die pflanzliche Alpha-Linolensäure werde vom Menschen im ersten Schritt schlecht und im zweiten Schritt so gut wie gar nicht in EPA und DHA umgewandelt. Als Fischquellen nennt er Makrele, Hering und Sardine; Zuchtlachs enthalte heute deutlich weniger Omega-3 als früher.
Warum kommen Omega-3-Studien zu so unterschiedlichen Ergebnissen?
Prof. von Schacky führt das auf die Methodik zurück: Kapseln seien oft morgens ohne fettreiche Mahlzeit eingenommen worden, viele Teilnehmende hätten gar keinen Mangel gehabt, und es sei eine feste Dosis statt eines Zielspiegels untersucht worden. Das ist seine Position; andere Fachleute bewerten die Studienlage zurückhaltender.
Was tut Prof. von Schacky selbst für sein Herz?
Er nennt drei Dinge: den Omega-3-Spiegel im Zielbereich halten, nicht rauchen und körperlich aktiv bleiben, bei einem Schreibtischberuf notfalls im Fitnessstudio.
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