Reishi, Shiitake, Igelstachelbart: Wer Heilpilze als Kapsel oder Pulver kauft, denkt an Fernost. Doch der Reishi wächst auch in heimischen Wäldern, sagt Lee-Roy Tanner, B.Eng., Mykologe beim MRCA, Natur-Wald-Pilz - Pädagoge bei den Tyroler Glückspilzen, Wissenschaftlicher Beirat der Mycoverse Foundation. Er hat ihn dort gefunden. Beim Myzel Kongress erklärte er im Gespräch „Pilze zwischen Kunst, Ökosystem und Innovation“, wie ein wilder Pilz vom Waldboden in die Petrischale kommt und warum die Herkunft eines Heilpilzes für ihn keine Nebensache ist. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.
Ein eigenes Königreich, näher am Tier als an der Pflanze
Was ist ein Pilz? In seiner Gärtnerlehre lautete die Antwort: ein Feind. Dort ging es um Pilzkrankheiten, erzählt Tanner, im Studium kamen Pilze gar nicht mehr vor. Diese Lücke schließt er heute so:
Die Pilze bilden ein ganz eigenes Königreich. Die hat man früher zu den Pflanzen gezählt, mittlerweile weiß man, dass sie das definitiv nicht sind. Sie sind sogar uns Menschen und den Tieren viel ähnlicher als Pflanzen: Sie verdauen organisches Material, produzieren dabei CO2 und bestehen eher aus chitinähnlichen Verbindungen anstatt aus Zellulose.
Was im Wald als Pilz auffällt, ist nach seiner Beschreibung nur der Fruchtkörper. Der Organismus liege im Verborgenen, als Geflecht feiner Fäden im Holz und im Boden. Im Kreislauf des Waldes sind Pilze für ihn die Zersetzer, die totes Material wieder in Nährstoffe aufspalten.
Doch wie holt man einen Organismus, der zum größten Teil unsichtbar im Holz steckt, in ein Labor?
Vom Waldboden in die Petrischale
Zwei Wege gebe es, sagt Tanner. Der eine läuft über Sporen, sei aber schwer steril zu halten, weil ein Pilz aus dem Wald voller Bakterien und fremder Sporen sei. Deshalb brauche es ein Labor mit HEPA-Filter und sterilem Luftstrom. Der zweite Weg ist der übliche:
Die gängigste Variante ist tatsächlich: Ich sammle einen Fruchtkörper aus dem Wald, ich bringe ihn ins Labor, schneide ihn vor diesem sterilen Luftstrom auf und entnehme mit dem Skalpell eine kleine Probe aus dem Inneren, wo womöglich von außen keine Mikroorganismen, Bakterien oder andere Sporen dazugekommen sind.
Das Gewebestück komme in eine Petrischale mit Malzextrakt-Agar, bei Wildfunden mitunter mit einem Antibiotikum gegen Bakterien. Aus dem Stück wachse neues Myzel. So sei der Pilz in Kultur gebracht.

Vier Schritte vom Wald in die Kultur, wie Lee-Roy Tanner sie beschreibt: Der Fruchtkörper wird unter sterilem Luftstrom aufgeschnitten, eine Probe aus dem Inneren kommt auf den Nährboden, und daraus wächst ein neues Myzel.
Der Clou liegt für Tanner darin, dass der Pilz seine Eigenschaften mitbringt. Ein Austernseitling, der im Wald bei niedrigen Temperaturen fruchtet, tue das auch in der Kultur und brauche weniger Energie in der Produktion. Zugleich könne man Pilze an ein Substrat gewöhnen, etwa an Kaffeesatz, indem man dem Nährboden schrittweise mehr davon beimischt. Meister der Evolution nennt er sie deshalb.
Diese Anpassungsfähigkeit hat einen uralten Grund: eine Partnerschaft, ohne die es nach Tanners Worten keinen einzigen Baum gäbe.
Der Deal, aus dem die Welt gewachsen ist
Kindern erklärt er es mit einem Bild: Pflanzen hätten sich im Wasser entwickelt, Pilze an Land. In der Gezeitenzone hätten sie sich getroffen, und der Pilz habe der Pflanze sinnbildlich die Hand gereicht. Was jeder davon hat, fasst Tanner so zusammen:
Der Pilz hilft der Pflanze, Nährstoffe aufzunehmen, die für die Pflanze ohne den Pilz gar nicht verfügbar wären. Und das Gentleman-Agreement zwischen Pilz und Pflanze ist, dass der Pilz danach von der Pflanze Traubenzucker kriegt, Zucker, den er selber nicht herstellen kann. Das ist dieser Deal, aus dem die Welt gewachsen ist.
Bei Neupflanzungen von Bäumen werde Mykorrhiza deshalb heute gegen Trockenstress eingesetzt.
Hier setzt Tanners Kritik an der Landwirtschaft an. Pestizide und Fungizide störten diese Verbindung; sei der Pilz tot, brauche die Pflanze Dünger, ein Dauerauftrag, aus dem eine ganze Industrie entstanden sei. Das ist die Sicht eines Pilzforschers; wie weit Mykorrhiza-Präparate Dünger in der Praxis ersetzen, wird in der Agrarforschung noch untersucht.
Je tiefer er eindringe, sagt Tanner, desto kleiner komme ihm sein Wissen vor.
Der Reishi vor der Haustür
Viele halten den Reishi, den glänzenden Lackporling, für einen rein asiatischen Pilz. Tanner hat ihn im Regenwald von Borneo gefunden und ebenso in den Wäldern seiner Heimat, in denselben Breitengraden. Pilze gebe es überall, und sie bräuchten wenig: Wasser, totes organisches Material und ein passendes Temperaturfenster.
Die Temperatur sei zugleich der Grund, warum Säugetiere sich gegen Pilzkrankheiten wehren könnten: Die hohe Körpertemperatur setze den meisten Pilzen eine Grenze. Mit dem Klimawandel, so seine Sorge, könnten Pilze lernen, mit Wärme umzugehen. Dann folgt der Satz, der das ganze Gespräch trägt:

Je mehr ich über die Welt der Pilze gelernt habe, umso mehr weiß ich: Wir wissen nichts, wir kratzen immer noch an der Oberfläche. Es ist wirklich ein ganzer Kosmos, den es noch zu entdecken gibt.
Wie groß dieser Kosmos ist, hat die Forschung grob abgeschätzt; die Zahlen unten ordnen das ein. Tanner zieht daraus eine praktische Folgerung: Jeder, der sich mit Pilzen beschäftige, könne noch etwas entdecken, das niemand weiß.
Für ihn ist das auch eine Frage der Haltung. Die Pilzszene beschreibt er als Lernende auf Augenhöhe; wer glaube, schon alles zu wissen, komme nicht weiter.

Zur Einordnung: Rund 120.000 Pilzarten sind wissenschaftlich anerkannt. Die tatsächliche Zahl schätzen Hawksworth und Lücking auf 2,2 bis 3,8 Millionen; damit wären bestenfalls 8 Prozent, im ungünstigsten Fall 3 Prozent aller Pilzarten benannt. Quelle: Hawksworth DL, Lücking R 2017, Microbiology Spectrum 5(4), PMID 28752818.
Herkunft, Reinheit und ein Rennsitz aus Pilz
Was folgt daraus für Menschen, die Heilpilze als Nahrungsergänzung nehmen? Tanner versteht Mykotherapie als vorbeugende Stärkung des Immunsystems und verweist neben der chinesischen Medizin auf Europa: Ötzi habe den Birkenporling bei sich getragen, ob als Medizin, sei allerdings nicht erwiesen. Die Redaktion ergänzt: Ob Heilpilze das Immunsystem beeinflussen, ist am Menschen nur in kleinen Studien untersucht; eine vorbeugende Wirkung ist nicht belegt.
Worauf Tanner bei der Herkunft achtet, hat mit seiner Arbeit am MRCA zu tun:
Viel wird importiert aus Fernost, wo wir nicht wissen, auf welchen Substraten die Pilze angebaut sind. Und dann kann es natürlich passieren, dass sie die Schadstoffe auf den Substraten aufnehmen.
Sein Team arbeite deshalb streng biozertifiziert; eine Stiftung aus dem Umfeld des MRCA setze sich für verbindliche Standards ein. Aus Sicht der Redaktion gehört dazu: Wer Heilpilze nimmt, bespricht das bei Medikamenten, Autoimmunerkrankungen oder in der Schwangerschaft mit der behandelnden Praxis; wild gesammelte Pilze kommen nur nach fachkundiger Bestimmung in die Küche. Was Studien zu Nahrungsergänzung allgemein aussagen, lesen Sie im Überblick zu Supplementen bei Arthrose. Wie ein Biologe die Inhaltsstoffe der Pilze einordnet, erklärt Philip Rebensburg im Interview über Heilpilz-Wirkstoffe aus demselben Kongress.
Für Tanner reicht die Pilzforschung weit über Kapseln hinaus. Mit der Universität Innsbruck arbeite das MRCA an Werkstoffen aus Myzel: Autorennsitz, Möbel, Schallschutzplatten, gewachsen aus Abfall wie Sägespänen oder Karton, schwer entflammbar und kompostierbar. Ein zweites Feld nennt er Mykoremediation: Pilze, die Umweltgifte in belasteten Böden lösen. Seine Einschätzung, alle Kunststoffe ließen sich heute durch Pilze ersetzen, ist eine Zukunftsvision, keine Marktrealität.
Am meisten am Herzen liegen ihm die Kinder. In Pilz-Detektiv-Workshops schickt er Schulklassen in den Wald, damit sie staunen und forschen. Seine Lektion aus den Jahren im Wald ist schlicht:
Das Grundlegendste, was uns Pilze beibringen, ist, uns zu vernetzen, Informationen auszutauschen und zu kooperieren.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Lee-Roy Tanner erzählt Pilze nicht nach Anwendungsgebiet, sondern nach Herkunft. Sie sind für ihn ein eigenes Königreich, näher an Mensch und Tier als an der Pflanze, und im Wald Teil eines uralten Tauschgeschäfts mit den Bäumen. Der Weg ins Labor ist kurz: ein Fruchtkörper, ein Skalpell, eine Schale mit Nährboden.
Für den Alltag heißt das aus seiner Sicht: Wer Heilpilze nimmt, sollte wissen, auf welchem Substrat sie gewachsen sind. Seine Aussagen zur Immunstärkung sind Erfahrung und Tradition, keine gesicherte Medizin. Wie Pilze in der Küche als Ballaststoff wirken sollen, beschreibt Eva Fauma im Interview über Heilpilze und Entgiftungsorgane aus demselben Kongress; Grundregeln für eine entzündungsarme Küche stehen in unseren Ernährungsgrundlagen bei Arthrose.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Lee-Roy Tanner ist Mykologe und Pilzzüchter, kein Arzt. Heilpilze und andere Nahrungsergänzungsmittel ersetzen keine Behandlung; ihre Einnahme wird bei Medikamenten, Autoimmunerkrankungen, in der Schwangerschaft und bei Vorerkrankungen ärztlich abgestimmt. Wild gesammelte Pilze werden nur nach fachkundiger Bestimmung verwendet; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.
Häufige Fragen
Warum sagt Lee-Roy Tanner, Pilze seien keine Pflanzen?
Wie kommt ein wilder Pilz ins Labor?
Was ist Mykorrhiza, und warum ist sie ihm so wichtig?
Wächst der Reishi wirklich auch in Europa?
Worauf sollte man beim Kauf von Heilpilzen achten?
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