Das Enkelkind glüht, der Fiebersaft steht im Schrank, und die Frage hängt im Raum: geben oder abwarten? Wer Kinder oder Enkel betreut, kennt dieses Zögern. Doch ausgerechnet die Zahl auf dem Thermometer ist für Christina Strauch, Heilpraktikerin mit Schwerpunkt auf ganzheitlicher Kinderheilkunde, der falsche Maßstab. Beim Pflanzenheilkunde Kongress erklärte sie, welche Heilpflanzen für Kinder sie bei Erkältung, Fieber, Bauchweh, Unruhe und Angst einsetzt, und weshalb dabei auch der Teddy behandelt wird. Ihr Gespräch trägt den Titel „Wie du mit Heilpflanzen deinen inneren Arzt aktivierst und deinem Kind schnell helfen kannst“ und ist in der Kongress-Aufzeichnung vollständig zu sehen.

Die beste Erkältung ist die, die nicht kommt

Kindergarten, Spielgruppe, erste Fremdbetreuung: Spätestens dann, sagt Strauch, gehe es bei fast allen Kindern mit den Erkältungen los. Ihr Ansatz beginnt vorher.

O-Ton aus dem Interview

Die beste Erkältung ist immer die, die gar nicht erst kommt. Wir können mit der Kraft der Heilpflanzen schon ganz viel vorbeugend tun.

Christina StrauchHeilpraktikerin mit Schwerpunkt auf ganzheitlicher Kinderheilkunde

Ihr Werkzeug ist der Diffusor: Nadelöle, Zitrone, Orange oder Eukalyptus, fünf bis zehn Tropfen, die Kinder bleiben im Raum. Eukalyptus allerdings nicht unter vier Jahren. In der Erkältungszeit kommt morgens etwas Kokosöl in die Nase, das Erreger aus ihrer Sicht am Eintritt hindert.

Ein Hinweis der Redaktion: Mentholhaltige Öle wie Pfefferminze oder Eukalyptus gehören bei Säuglingen und Kleinkindern nicht ins Gesicht oder an die Nase, weil sie Atemnot auslösen können; Strauchs Altersgrenze zeigt in dieselbe Richtung.

Kommt die Erkältung trotzdem, folgt für viele Eltern das Wort, das sie fürchten.

Fieber: die Zahl oder das Kind?

Strauch sagt es ohne Umschweife: Sie lässt Kinder fiebern. Fieber sei aus ihrer Sicht die Antwort des Körpers auf Erreger, die sich bei niedrigen Temperaturen wohler fühlten. Woran erkennt sie, dass eingegriffen werden muss?

O-Ton aus dem Interview

Es zählt weniger die Temperatur, die auf dem Fieberthermometer steht, sondern es zählt viel mehr der Zustand des Kindes.

Christina Strauch

Geht ein Kind noch zur Toilette und ist es ansprechbar, lässt sie auch hohe Temperaturen laufen. Ein Kind mit 38 Grad, das nicht mehr richtig reagiert, brauche dagegen Hilfe. Ihr Fiebertee: Linden- und Holunderblüten zu gleichen Teilen, ein Teelöffel auf 150 Milliliter, mit Deckel gezogen, damit die ätherischen Öle bleiben; vor dem Trinken klopft sie auf den Deckel, damit die Tröpfchen zurückfallen. Wird es den Eltern zu viel, wäscht sie das Kind mit abgekühltem Pfefferminztee von der Körpermitte nach außen ab oder legt 20 Minuten lang Pulswickel mit Rosenblütenhydrolat an.

Botanische Tafel mit Lindenblüte, Holunderblüte und Pfefferminze, darunter eine Teetasse mit aufgelegtem Deckel

Drei Pflanzen für den Fiebertag, wie Christina Strauch sie einsetzt: Linden- und Holunderblüten als Tee zum Schwitzen, Pfefferminze als kühlende Waschung. Der Deckel auf der Tasse hält nach ihrer Beschreibung die ätherischen Öle im Getränk.

Bei Schmerzen bringt Strauch Weidenrinde oder Mädesüß ins Spiel. Hier setzt die Redaktion einen Riegel: Beide enthalten Salicylate, Verwandte des Aspirin-Wirkstoffs, und die werden bei Kindern mit fieberhaften Virusinfekten wegen des gefährlichen Reye-Syndroms gemieden. Also nie ohne kinderärztliche Rücksprache. Allgemein gilt: Fieber bei Säuglingen unter drei Monaten, Fieber über drei Tage, Trinkverweigerung, Apathie, Hautausschlag, Nackensteife oder ein Fieberkrampf sind Gründe für den sofortigen Arztbesuch. Wie Heilpflanzen-Dosierungen bei Erwachsenen belegt werden, zeigt unser Artikel zu Curcumin und der AWMF-Dosierung.

Und wenn das Kind den Tee gar nicht will?

Der Teddy bekommt auch einen Wickel

Strauch hält das für lösbar.

O-Ton aus dem Interview

Grundsätzlich haben Kinder Heilpflanzen gerne, wenn man sie mit einbezieht. Das ist so ein ganz wichtiger Punkt. Man kann sie ja schon beim Ernten mit einbeziehen.

Christina Strauch

Kinder geben die Kräuter in die Tasse, das heiße Wasser bleibt Erwachsenensache. Sie bekleben Gläser, malen Etiketten. Und das Kuscheltier bekommt dieselbe Behandlung, Pulswickel inklusive. Schmeckt der Tee trotzdem nicht, mischt Strauch Fruchtsaft dazu oder süßt mit Honig. Dabei nennt sie eine harte Grenze: kein Honig vor dem ersten Geburtstag, weil er Sporen von Botulismus-Bakterien enthalten kann, mit denen ein Säugling noch nicht fertig wird. Ihr zweiter Rat: wählen lassen. Kinder wüssten oft intuitiv, was sie brauchen; „Tee oder Sirup?“ wirke besser als Vorsetzen.

Vom Kopf zum Bauch.

Minze fürs Auto, Karotten für den Darm

Strauch ist selbst seekrank. Bei Reiseübelkeit reicht ihr ein Sträußchen Pfefferminze zum Daranriechen, ältere Kinder kauen die Blätter; im Auto tut es ein Taschentuch mit je einem Tropfen Pfefferminz- und Zitronenöl. Die Krause Minze hält sie bei Schwindel für einen Tick wirksamer. Gegen Übelkeit gibt es einen Tee aus Kamille, Melisse und Pfefferminze, fünf bis sieben Minuten gezogen, kürzer als für Erwachsene.

Bei Durchfall kocht sie die Karottensuppe nach Moro: 500 Gramm Karotten in einem Liter Wasser eineinhalb Stunden köcheln, pürieren, auf einen Liter auffüllen, ein gestrichener Esslöffel Salz. Beim langen Kochen entstünden kleine Zuckermoleküle, die den Andockstellen der Darmschleimhaut ähnelten, so dass Bakterien daran haften und ausgeschieden würden. Alternativ nennt sie Heidelbeertee.

Die Redaktion ergänzt: Durchfall trocknet Kleinkinder rasch aus. Trinkt ein Kind nicht mehr, wirkt es schlapp oder bleibt die Windel trocken, gehört es umgehend in ärztliche Behandlung; eine Suppe ersetzt dann keine Elektrolytlösung. Welche pflanzlichen Mittel bei Erwachsenen Studien hinter sich haben, sortiert unser Artikel zur Evidenz von Supplementen bei Arthrose.

Bleibt der Abend. Der ist für Kinder, sagt Strauch, etwas anderes als für uns.

Lavendelfüße und ein Duft, der nach Mama riecht

Warum schlafen Kinder so schwer ein? Strauchs Antwort hat mit Abschied zu tun, nicht mit Müdigkeit.

O-Ton aus dem Interview

Für Kinder ist immer in dem Moment, wo die Nacht kommt, ein Abschied. Kinder können damit noch nicht so umgehen. Das heißt, es endet etwas und es passiert etwas Neues, Ungewisses. Und Kinder brauchen Rituale.

Christina Strauch

Ihr Ritual hieß Lavendelfüßchen: Lavendelöl in Basisöl, höchstens ein Prozent, also ein bis zwei Tropfen auf einen Esslöffel, damit abends die Füße massiert. Gegen die Trennungsangst ihrer Tochter füllte sie ihre eigene Duftmischung, die sie wie Parfüm trägt, in einen Roller und legte ihn mit einem Foto von beiden in den Rucksack; die Erzieherin wusste Bescheid. Welches Öl, sei zweitrangig, solange das Kind den Duft mit Mutter oder Vater verbinde. Wie eine Apothekerin Lavendel bei Erwachsenen einsetzt, lesen Sie im Interview mit Dr. rer. nat. Ursula Stumpf.

Mikroskopische Visualisierung der Drüsenschuppen auf einem Lavendelblütenblatt mit austretenden Öltröpfchen
O-Ton aus dem Interview

Was ich immer im Haus habe, ist ätherisches Lavendelöl. Es ist stark beruhigend. Lavendel ist das Schweizer Taschenmesser der Aromatherapie.

Christina Strauch

Was in die Hausapotheke gehört

Es brauche nicht viel, sagt Strauch: Zwiebel, Lavendelöl, Strohblumenhydrolat (Immortelle) für blaue Flecken, Rosenblütenhydrolat sowie getrocknete Pfefferminze, Kamille, Fenchel, Thymian, Heidelbeeren, Melisse und Spitzwegerich, ihr Hustenmittel und die Pflanze für unterwegs.

O-Ton aus dem Interview

Wenn ein Kind gestochen wird, muss man sich nur umgucken. Spitzwegerich gibt es fast überall. Man hat es immer zur Hand.

Christina Strauch

Für Husten setzt sie Spitzwegerich kalt an, über Nacht in Wasser, am nächsten Tag leicht erwärmt; der Auszug lege sich wie ein Film über den gereizten Hals. Aus Spitzwegerich oder blühendem Thymian schichtet sie mit Honig ein Glas voll, das Spitzwegerich-Glas vergräbt sie mit den Kindern für einige Wochen im Garten. Den Honig gibt sie vom Löffel, nie in Tee über 38 Grad.

Säulendiagramm aus einem Cochrane-Review: Honig senkt die Hustenhäufigkeit bei Kindern gegenüber keiner Behandlung um 1,05 Punkte, gegenüber Placebo um 1,62 Punkte, gegenüber Diphenhydramin um 0,57 Punkte und gegenüber Dextromethorphan nur um 0,07 Punkte auf einer 7-Punkte-Skala

Zur Einordnung: Ein Cochrane-Review über sechs randomisierte Studien mit 899 Kindern ab zwölf Monaten fand, dass Honig die Hustenhäufigkeit gegenüber keiner Behandlung um 1,05 Punkte und gegenüber Placebo um 1,62 Punkte auf einer 7-Punkte-Skala senkte; gegenüber dem Hustenstiller Dextromethorphan betrug der Unterschied nur 0,07 Punkte, gegenüber Diphenhydramin 0,57 Punkte. Die Kinder wurden meist nur eine Nacht behandelt. Quelle: Oduwole O et al. 2018, Cochrane Database of Systematic Reviews 4:CD007094, PMID 29633783.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Christina Strauch beschreibt Heilpflanzen für Kinder weniger als Medizinschrank denn als Familienprojekt: vorbeugen mit Duft, beim Fieber auf das Kind statt auf die Zahl schauen, Tees mit Deckel ziehen, Kinder ernten und wählen lassen, den Teddy mitbehandeln, abends ein festes Ritual. Vieles davon ist eher Pädagogik als Pharmakologie, und genau das scheint ihr Punkt zu sein.

Die Redaktion hat drei Grenzen gezogen, die im Gespräch fehlen: Salicylat-Pflanzen bei fiebernden Kindern, mentholhaltige Öle bei Kleinkindern und Fieber oder Durchfall bei Säuglingen gehören in kinderärztliche Hände. Was Erwachsenen bei unruhigen Nächten helfen kann, beschreibt Ruby Nagel im Interview über Schlafprobleme und Heilpflanzen aus demselben Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Christina Strauch ist Heilpraktikerin, keine Ärztin. Fieber, Durchfall oder anhaltender Husten bei Säuglingen und Kleinkindern gehören in kinderärztliche Abklärung; Heilpflanzen, ätherische Öle und Honig werden bei Kindern nur nach Rücksprache mit Kinderärztin oder Kinderarzt eingesetzt, verordnete Medikamente nie eigenmächtig weggelassen.

Häufige Fragen

Welche Heilpflanzen empfiehlt Christina Strauch bei Fieber?
Sie mischt Linden- und Holunderblüten zu gleichen Teilen, einen Teelöffel auf 150 Milliliter Wasser, und lässt den Tee mit Deckel ziehen, damit die ätherischen Öle nicht entweichen. Dazu nutzt sie Waschungen mit abgekühltem Pfefferminztee und Pulswickel mit Rosenblütenhydrolat. Fieber bei Säuglingen unter drei Monaten und Fieber mit Warnzeichen gehören aus Sicht der Redaktion immer in kinderärztliche Hände.
Ab welchem Alter dürfen Kinder Honig im Tee bekommen?
Laut Strauch nicht vor dem ersten Geburtstag, weil Honig Sporen von Botulismus-Bakterien enthalten kann, mit denen das unreife Immunsystem eines Säuglings nicht fertig wird. Ab einem Jahr nutzt sie Honig, um Tees für Kinder schmackhafter zu machen.
Was ist die Karottensuppe nach Moro und wie bereitet Strauch sie zu?
Nach ihrer Beschreibung kocht man 500 Gramm Karotten in einem Liter Wasser rund eineinhalb Stunden, püriert sie, füllt wieder auf einen Liter auf und gibt einen gestrichenen Esslöffel Salz dazu. Durch das lange Kochen entstünden kleine Zuckermoleküle, an die sich Durchfallerreger im Darm anlagern könnten. Anhaltender Durchfall bei Kleinkindern wird ärztlich abgeklärt, weil Kinder rasch austrocknen.
Wie stark verdünnt Strauch ätherische Öle für Kinder?
Auf höchstens ein Prozent, also grob ein bis zwei Tropfen ätherisches Öl auf einen Esslöffel Basisöl. Damit massiert sie abends die Füße. Die Redaktion ergänzt: Mentholhaltige Öle wie Pfefferminze oder Eukalyptus gehören bei Säuglingen und Kleinkindern nicht in den Gesichts- und Nasenbereich.
Was hilft nach Strauchs Erfahrung gegen Reiseübelkeit bei Kindern?
Ein Sträußchen Pfefferminze zum Daranriechen, ältere Kinder dürfen die Blätter kauen. Alternativ ein Tropfen Pfefferminz- und Zitronenöl auf einem Taschentuch. Die Krause Minze hält sie bei Schwindel und Übelkeit sogar für etwas wirksamer als Pfefferminze.
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