Herzschlag, Atemzug, Pulswelle: Der Körper hält Takt, ohne dass ihn jemand darum bittet. Doch was, wenn dieser Takt ins Stolpern gerät? Für Dr. Birgit Stein, Diplom-Lehrerin für Sport und Biologie, Sport-Therapeutin, Qi Gong-Lehrerin, ist Rhythmus kein Nebeneffekt von Bewegung, sondern der Kern der Sache. Beim Osteopathie Kongress erklärte sie, wie äußere Rhythmen die inneren stimmen sollen und weshalb weiche Knie ein Stoppsignal sind. Ihr Gespräch trug den Titel „Gesundheit durch effizientes Rhythmisieren“; vollständig sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Ein Körper voller Taktgeber
Was hat ein Herzschlag mit einer Qigong-Übung zu tun? Für Stein alles. Jeder Körper sei ein schwingungsfähiges System: Nervenaktivität, Blutfluss, Lymphbewegung, Herzschlag. Qigong versteht sie als Selbstorganisation dieses Systems. Über die Form einer Übung setze man einen Regulationsimpuls auf all diese Funktionen. Das Ziel nennt sie Vitalenergie, und sie definiert ihn nüchtern.
Vitalenergie würde ich im Moment so verstehen: Das ist die Anpassungsfähigkeit und die Reaktionsmöglichkeiten auf einen äußeren Reiz. Und diese Energie wird durch rhythmische Prozesse bereitgestellt.
Dass Rhythmen von außen ein System beeinflussen, habe sie schon in ihrer Promotion gesehen: Schulkinder mit zusätzlichen Bewegungsangeboten seien körperlich, emotional und intellektuell unterstützt worden. Selbst der November-Blues ist für sie ein solcher Rhythmus, klimatisch bedingt; der Übergang zur Depression sei allerdings fließend, da müsse man auf sich aufpassen.

Ich kann zum Beispiel über äußere Rhythmen innere Rhythmen entweder stabilisieren oder kreieren oder wiederfinden.
Ein Hinweis der Redaktion: Qi, Lebenskraft oder ein „bioelektromagnetisches Feld“, wie Stein es nennt, sind Begriffe der chinesischen Philosophie, keine Messgrößen der Physiologie. Dass Herzschlag, Atmung und Schlaf eigenen Rhythmen folgen, ist dagegen gut untersucht.
Rhythmus wirkt, sagt Stein. Die andere Hälfte heißt Dosis, und dort beginnt ein Missverständnis.
Sanft hören alle. Kraftvoll überhört fast jeder
Qigong gilt als Entspannungsmethode. Die Krankenkassen sortierten es genau dort ein, sagt Stein, und Entspannung sei auch das Erste, was Übende spürten. Nur bleibe es dabei nicht. Die Übung aktiviere, stimuliere, strukturiere um.
Alle hören immer das Sanft beim Qigong, und Kraftvoll fällt so ein bisschen hinten runter. Wenn ich den Reiz überstimuliere, antwortet das System auch mit einem möglicherweise sehr starken Reiz. Und dann ist immer die Frage: Will ich das oder will ich das nicht?
Ihr Bild dafür: Soldaten im Gleichschritt können eine Brücke zum Einsturz bringen. Rhythmus sei deshalb immer eine Frage der Dosis, wie viel umstimmenden Impuls man in ein System hineingibt. Ausgerechnet die Methode, die als sanft gilt, verlangt nach Steins Erfahrung das meiste Gespür für das Maß.
Wie viel ist richtig? Steins Antwort beginnt mit einem Metronom.
Gleichmäßig statt schneller
Als Beispiel nennt sie das Guolin-Qigong, ein System aus Gehübungen, das für Tumorpatienten entwickelt wurde, mit drei Gehübungen in unterschiedlichen Tempi. Den Rhythmus könne man sich wie in der Musik mit einem Metronom ins Ohr legen. Die Regel aller Qigong-Formen laute aber: gleichförmig bleiben. Rhythmus ja, Tempoveränderung nein. Erst dann kippe man in einen tranceähnlichen Zustand, in dem das Alltagsbewusstsein durch das Raster falle.

Ein Takt von außen trifft auf viele Takte innen: Herzschlag, Atmung, Blutfluss und Lymphbewegung haben eigene Rhythmen, und ein gleichmäßiger äußerer Rhythmus, etwa ein Schrittmaß oder ein Metronom, könne sie stabilisieren oder neu ordnen, beschreibt Dr. Birgit Stein.
Ein Hinweis der Redaktion: Bei Krebs ist Qigong höchstens eine Ergänzung; über Bewegung während einer Therapie entscheidet das behandelnde Team mit.
Das zweite Stichwort heißt Effizienz: Wie mache ich mir Bewegung leicht? Steins Maßstab unterscheidet sich vom Sport.
Also nicht schneller, höher, weiter, sondern mit so wenig Anstrengung wie möglich, so viel Effekt wie geht in dem Moment, wie mir mit meinem System möglich ist.
Muss man dafür Qigong lernen? Die Qigong-Lehrerin verneint.
Fünf Aspekte, die jede Bewegung zur Übung machen
Recken, Strecken, Körperwahrnehmung, Feldenkrais: All das zähle für Stein dazu. Wer sich in Bewegung wenig zutraue, dem empfiehlt sie Leitbahn-Dehnübungen, die dem bekannten Stretch-and-Relax nahe seien. Ihre zweite Empfehlung sind die acht Brokatübungen, Ba Duan Jin, ein nach ihren Worten über 900 Jahre altes System.

Zur Einordnung: In einer Metaanalyse von 12 randomisierten Studien mit 846 Teilnehmenden mit Kniearthrose lag der WOMAC-Schmerzwert nach Baduanjin-Übungen um 2,59 Punkte niedriger als in den Kontrollgruppen (95-%-Konfidenzintervall 0,97 bis 4,20), die Steifigkeit um 2,42 Punkte, die körperliche Funktion um 4,42 Punkte und der Gesamtwert um 11,27 Punkte. Die Autoren berichten keine unerwünschten Ereignisse, weisen aber auf hohe Heterogenität und methodische Schwächen der Einzelstudien hin. Quelle: Tian Y et al. 2025, Complementary Therapies in Medicine 88:103127, PMID 39828222.
Was unterscheidet eine Dehnung von einer Qigong-Übung? Fünf Aspekte, die Stein in ihren Kursen so weitergibt:
Körper locker. So locker, wie ich in dem Moment sein kann. Ich gebe das Bild von einem Schwamm, der nur Wasser aufsaugen kann, wenn er nicht unter Druck steht.
Zweitens: Atmung natürlich, kommen und gehen lassen wie im Gespräch. Drittens: Kopf leer, was nach Stein nicht Nichtdenken heißt, sondern dem eigenen Denken zuschauen. Viertens: Herz leicht, Gefühle fließen lassen, Wut, Trauer, Sorge, Freude. Fünftens: Achtsamkeit, beobachten, was die Bewegung gerade macht. Wer den ganzen Alltag wie eine Qigong-Übung lebe, so zitiert sie alte Schriften, brauche keine zusätzlichen Übungen. Wie Achtsamkeit für sich stehen kann, beschreibt Mascha Blankschyn im Interview über Achtsamkeit als heilendes Element.
Bleibt das Maß, und dazu erzählt Stein von einem Patienten, der ihre Empfehlung ignorierte.
Weiche Knie sind ein Stoppsignal
In China zucke niemand, wenn ein Lehrer „täglich dreimal“ sage; die klassische Theorie empfehle einmal täglich 30 Minuten, so Stein. Ein Maß für alle gebe es trotzdem nicht. Ein Reha-Patient mit chronischer Darmerkrankung habe statt dreimal fünfmal geübt, und es habe ihm gutgetan; Teilnehmer mit Diabetes übten dieselbe Form nur einmal am Wochenende, weil ihnen mehr zu viel werde. Für Stein haben beide recht: spüren, was es mit einem macht.
Und wenn es zu viel wird? Stein beschreibt ein Gefühl wie unter einer summenden Hochspannungsleitung. Schwindel, weiche Knie, Übelkeit, was gern als Nebenwirkung von Qigong beschrieben werde, sei für sie ein klassischer Überstimulationseffekt.
Wenn ich merke, mir wird flau im Magen oder die Knie werden weich, dann sollte ich die Praxis abbrechen, weil das würde das System nicht schaffen.
Wer in ihren Kursen blass um die Nase werde, bekomme den Rat zur Pause; ihr Ziel sei, Qigong gut verdaulich zu machen, damit die Leute dabeibleiben.
Ein Hinweis der Redaktion: Schwindel, Übelkeit, Blutdruckabfall oder Herzstolpern bei Bewegung sind Gründe für eine ärztliche Abklärung, nicht nur für eine Pause. Wer eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, Diabetes oder Osteoporose hat, spricht den Einstieg in ein Bewegungsprogramm mit Ärztin oder Arzt ab, auch wegen des Sturzrisikos; mehr dazu im Artikel über Ernährung und Bewegung bei Osteoporose.
Und Videos aus dem Netz? Ihr Problem seien eher die Acht-Minuten-Clips: Eine harmonische Regulation sehe sie erst bei rund 30 Minuten. Ihr Rat: ausprobieren und das Leichte nutzen, um das Schwere zu kultivieren. Was der Atem dabei leistet, vertieft Rolf Duda / Peakwolf im Interview über die Rolle der Atmung für unser Wohlbefinden.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Birgit Stein dreht den Blick auf Bewegung um: nicht schneller, höher, weiter, sondern gleichmäßig, effizient, dosiert. Qi und Lebensenergie bleiben dabei philosophische Begriffe; ihr Praxisrat funktioniert auch ohne sie.
Drei Dinge bleiben. Die fünf Aspekte, die aus jeder Dehnung eine Übung machen. Das Maß: Weiche Knie oder Schwindel beenden die Übung. Und ihr Schlusstipp, ein einziges Wort: Stetigkeit. Radfahren, Wandern, Walken, Joggen seien rhythmische, zyklische Bewegungsformen, die stabilisieren könnten, solange das Tempo gleich bleibt. Was Krafttraining für die Knochen leistet, zeigt Krafttraining bei Osteoporose; welche Bewegung bei Arthrose sinnvoll ist, der Überblick zur Arthrose-Behandlung. Was Osteopathie ist und wer sie ausüben darf, erklärt Stefan Rieth, MSc. Ost. im Interview „Was ist Osteopathie?“ aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Dr. Birgit Stein ist Sport-Therapeutin und Qi Gong-Lehrerin, keine Ärztin. Der Einstieg in Qigong oder ein anderes Bewegungsprogramm bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs, Osteoporose oder anderen Vorerkrankungen gehört in ärztliche Rücksprache; bei Schwindel, Übelkeit, Blutdruckabfall, Herzstolpern oder Brustschmerz unter Belastung suchen Sie ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Was meint Dr. Birgit Stein mit Rhythmus im Körper?
Ist Qigong nur eine Entspannungsmethode?
Wie oft und wie lange sollte man üben?
Woran erkennt man, dass Qigong zu viel wird?
Muss es Qigong sein, oder zählt auch Wandern und Radfahren?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
Passende Artikel, die dieses Thema vertiefen — lesen Sie sich Stück für Stück ins Thema ein.

Achtsamkeit macht nicht schmerzfrei. Was eine MBSR-Lehrerin stattdessen gelernt hat
Mascha Blankschyn lehrt Achtsamkeit und lebt mit Endometriose. Sie erklärt, warum Annehmen kein Aufgeben ist und wie ein kleiner Einstieg gelingt.
Artikel lesen →
Verspannungen gezielt lösen: Erst bewegen, dann drücken, dann dehnen
Sportwissenschaftler Maurice Calmano erklärt, warum er Verspannungen in drei Schritten angeht und wo die Faszienrolle an der Schulter scheitert.
Artikel lesen →
Tief durchatmen? Atemcoach Rolf Duda hält das für den falschen Reflex
Atmung sei der einzige Teil des Autopiloten, den wir steuern können, sagt Atemcoach Rolf Duda. Was Wim Hof, Buteyko und langes Ausatmen unterscheidet.
Artikel lesen →