Müde nach dem Essen, ein Ziehen in den Gelenken, dazu ein Bauch, der sich nach dem Mittag aufbläht. Die meisten legen das in drei Schubladen. Doch für Laszlo Schlindwein, Apotheker, gehören die drei Zettel in eine Akte. Beim Osteopathie Kongress erklärte er, warum er bei chronischen Beschwerden zuerst auf den Darm schaut, auch bei Muskeln und Gelenken. Sein Gespräch „Gesundheit liegt im Darm“ sehen Sie in voller Länge kostenlos im Kongress.
Warum ein Apotheker zuerst in den Bauch schaut
Achtzig bis neunzig Prozent des Immunsystems säßen im Darm, sagt Schlindwein und beruft sich auf Hippokrates. Von dort werde die Abwehr gesteuert, über die Darm-Hirn-Achse auch das Nervensystem; Zivilisationskrankheiten und Autoimmunerkrankungen hätten deshalb zumindest zum Teil mit dem Darm zu tun. Die Prozentzahl ist eine verbreitete, aber grobe Schätzung.
Sein Bild für das Organ stammt aus der Botanik.

Wir können uns den Darm eigentlich als größtes Ökosystem vorstellen. Wenn wir das Bild eines Regenwaldes nehmen: ein großer Regenwald, der bestimmte Merkmale hat. Wenn eins davon aus dem Gleichgewicht gerät, dann gerät der ganze Regenwald aus dem Gleichgewicht.
Drei Merkmale zählt er auf. Die Artenvielfalt entspricht den Darmbakterien, der Boden ist die Darmwand, das Klima ist das Milieu vom pH-Wert bis zu Giftstoffen. Deshalb hält Schlindwein wenig von der einen Maßnahme.
Was passiert, wenn der Boden bricht? Dafür hat er ein zweites Bild, von der Baustelle.
Ziegelsteine, Mörtel und ein Darm wie Schweizer Käse
Die Darmschleimhaut sei nur eine Zelle dick, zusammengehalten von engen Verbindungen zwischen den Zellen, den Tight Junctions.
Man kann es so sagen: Man hat die Ziegelsteine, und dazwischen ist der Mörtel. Und die halten sozusagen die Ziegelsteine zusammen. Wenn wir jetzt Stoffe zu uns nehmen, die diesen Mörtel lösen, dann hat man irgendwann Ziegelsteine, aber durch die Öffnungen kommen Stoffe zwischen den Zellen ins System.
Das Ergebnis nennt er mit dem Forscher Alessio Fasano einen Leaky Gut, einen durchlässigen Darm „wie ein Schweizer Käse“. Nahrungsbausteine und Bakterienbestandteile gerieten ins Blut, das Immunsystem antworte mit Entzündung. Als Mörtellöser zählt er Glyphosat, Gluten, Infektionen und Dauerstress auf, der die Erneuerung der Schleimhaut bremse. Fehlten zudem die Bakterien, die die schützende Schleimschicht bilden, fehle der Schutz.

Ziegelsteine und Mörtel im Schnitt: links die geschlossene Darmwand mit dicker Schleimschicht, rechts das Modell des durchlässigen Darms, wie Laszlo Schlindwein es beschreibt. Lösen sich die Zellverbindungen, gelangten Nahrungs- und Bakterienbausteine bis zur Blutbahn.
Ein Hinweis der Redaktion: Erhöhte Durchlässigkeit der Darmwand ist messbar; ob daraus ein Krankheitsbild folgt oder Autoimmunerkrankungen entstehen, ist in der Fachwelt offen. Dass ein Großteil der Menschen einen leichten Leaky Gut habe, ist Schlindweins Schätzung, keine Studienzahl.
Seine Phasen: steigende Durchlässigkeit, dann stille Entzündung, sichtbar etwa am hochsensitiven CRP, am Ende Allergien oder Autoimmunerkrankungen. Auch Gelenk- und Muskelbeschwerden könnten so unterhalten werden. Das ist sein Bogen zur Osteopathie, die in Deutschland kein geschützter Heilberuf ist und deren Studienlage sich je nach Beschwerdebild unterscheidet; was Osteopathen unter ihrem Ansatz verstehen, erklärt Stefan Rieth, MSc. Ost. im Interview „Was ist Osteopathie?“.
Und wenn es irgendwo wehtut? Schlindwein dreht die Blickrichtung um.
Nur weil an einer Stelle Entzündung ist, heißt es nicht, dass das das Problem ist. Wenn es brennt und die Feuerwehr ist da, heißt das nicht, dass die Feuerwehr der Grund für den Brand ist. Vielleicht ist die Feuerwehr nur da, um zu löschen. Wir müssen erst mal gucken, wer eigentlich den Brand gelegt hat.
Wer den Brandstifter sucht, landet bei ihm fast immer auf dem Teller.
Das Teufelsdreieck auf dem Teller
Vegan, vegetarisch, nur Fleisch? Schlindwein erteilt allen Lagern eine Absage.
Ernährung ist immer individuell. Es gibt nicht eine Ernährung, die für alle passt. Die gibt es einfach nicht. Aber es gibt bestimmte Dinge, die schon sehr häufig mit einem negativen Outcome einhergehen.
Wichtiger als das, was man esse, sei das, was man weglasse. Sein Teufelsdreieck: Erstens Weizen, bei Darm- oder Autoimmunproblemen zwei bis vier Wochen weglassen und beobachten; Gluten werde im Darm zu einem Abbauprodukt mit opioidähnlicher Wirkung, das er für das „Nudelkoma“ verantwortlich macht. Zweitens Kuhmilch, genauer das A1-Kasein; Schaf- und Ziegenmilch enthielten wie Muttermilch die A2-Form. Drittens raffinierter Zucker und hochverarbeitete Lebensmittel.
Das ist seine Position. Für eine opioidähnliche Wirkung von Gluten-Bruchstücken beim Menschen und für einen Unterschied zwischen A1- und A2-Kasein ist die Studienlage dünn. Eine Ernährungsumstellung mit Vorerkrankungen gehört in ärztliche Begleitung; was bei Gelenkbeschwerden belegt ist, steht im Artikel Grundlagen der Arthrose-Ernährung.
Weglassen ist die eine Hälfte. Für die andere braucht der Regenwald einen Gärtner.
Futter, Gärtner und viel Geduld
Für die Artenvielfalt setzt Schlindwein zuerst auf fermentierte, naturbelassene Lebensmittel, Bewegung, Tageslicht und weniger Stress. Erst danach kämen Ergänzungen. Präbiotika wie Akazienfaser oder Inulin seien das Futter der Darmbakterien. Klassische Probiotika sieht er skeptischer, weil ein großer Teil die Magensäure nicht überstehe. Sein Favorit sind sporenbildende Bakterien, die Gärtner des Regenwalds: Sie pflügten den Boden um und schafften ein Milieu für die guten Bakterien. Dafür gibt es bislang wenige Studien am Menschen. Was Darmbakterien aus Ballaststoffen herstellen, vertieft Schlindwein im Interview über kurzkettige Fettsäuren.
Eine solche Kur dauere zwei bis drei Monate; bis sich der Darm regeneriert habe, je nach Ausgangszustand ein bis zwei Jahre. Das Mikrobiom sei zudem individuell, geprägt von Geburt, Stillen und den ersten drei Lebensjahren; kein Präparat wirke bei allen.
Antibiotika: Feuer im Regenwald
Die schärfste Passage gilt einer Medikamentengruppe, die Schlindwein aus der Apotheke kennt.
Wenn es um Antibiotika geht: Klar, die haben eine Riesenrelevanz in der Medizin. Ich als Apotheker sehe da auch die Bedeutung, die können Leben retten. Wir müssen nur wirklich gucken, dass sie nur dann eingesetzt werden, wenn es wirklich absolut nicht anders geht. Es ist immer die Atombombe. Der ganze Regenwald wird einmal niedergebrannt.
Zu jeder Antibiotikatherapie empfiehlt er begleitend Prä- und Probiotika, weil Durchfall und ein durchlässiger Darm sonst verstärkt werden könnten. Die Redaktion ergänzt: Ein verordnetes Antibiotikum wird nie eigenmächtig abgesetzt oder verkürzt; begleitende Präparate gehören bei Vorerkrankungen oder geschwächtem Immunsystem in ärztliche Rücksprache.

Zur Einordnung: In einer Cochrane-Analyse von 31 randomisierten Studien mit 8.672 Teilnehmenden erkrankten 1,5 Prozent derjenigen, die neben Antibiotika Probiotika einnahmen, an einem Durchfall durch Clostridium difficile, gegenüber 4,0 Prozent in den Kontrollgruppen (relatives Risiko 0,40, 95-%-Konfidenzintervall 0,30 bis 0,52). In Studien mit einem Ausgangsrisiko über 5 Prozent lagen die Werte bei 3,1 gegenüber 11,6 Prozent. Die Autoren stufen die Sicherheit der Evidenz als moderat ein; der Nachweis des Keims im Stuhl wurde nicht verringert, und die Aussage gilt nicht für Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Quelle: Goldenberg JZ et al. 2017, Cochrane Database of Systematic Reviews 12:CD006095, PMID 29257353.
Bausteine für die Schleimhaut und ein Fehler aus eigener Erfahrung
Für den Boden, die Schleimhaut, nennt Schlindwein die Aminosäure Glutamin und Kollagen, das er wegen seines Glycin-Anteils als Regenerationsprotein für den Darm beschreibt, dazu Zink und B-Vitamine, wenn die Ernährung sie nicht abdecke. Bei allem gelte Qualität vor Menge.
Beim Zink wird er persönlich. Zink und Kupfer nutzten dieselben Transporter im Darm; wer nur Zink nehme, verdränge das Kupfer.
Vor vier, fünf Jahren, in meinen Anfangszeiten: Zink ist wichtig, immer fürs Immunsystem genommen. Dann habe ich meinen Spiegel messen lassen, und dann hatte ich einen Kupfermangel. Tatsächlich, weil ich öfter Zink in höheren Dosen eingenommen habe, ohne die Kupfersupplementation zu beachten.
Seine Oma sei vermutlich eine bessere „Biohackerin“ gewesen als er, sagt er mit Blick auf Knochenbrühe und Leber, die früher selbstverständlich auf den Tisch kamen. Die Redaktion ergänzt: Nahrungsergänzung bei Vorerkrankungen, in der Schwangerschaft oder neben Medikamenten nie ohne ärztliche Rücksprache; Zink- und Kupferspiegel misst das Labor. Was zu einzelnen Präparaten bei Gelenkbeschwerden belegt ist, lesen Sie im Artikel Supplemente bei Arthrose.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Laszlo Schlindwein denkt den Darm als Ökosystem mit drei Ebenen: Artenvielfalt, Boden, Klima. Chronische Entzündung, auch an Gelenken und Muskeln, ist für ihn oft die Feuerwehr, nicht der Brandstifter; den sucht er im Darm und dort zuerst auf dem Teller. Sein Programm: weglassen, füttern, Schleimhaut aufbauen, Geduld über Monate.
Vieles davon ist Modell, keine gesicherte Evidenz: Leaky Gut als Krankheitsursache, sporenbildende Bakterien, der Unterschied der Kaseine. Was auch ohne diese Modelle trägt: hochverarbeitete Lebensmittel reduzieren, Antibiotika nur nach Verordnung und vollständig einnehmen, Nährstoffspiegel messen statt raten. Wie sich Stoffwechselprobleme im ganzen Körper zeigen, beleuchtet Ursula Ehrhorn im Interview über chronische Stoffwechselprobleme aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Laszlo Schlindwein ist Apotheker, kein Arzt. Ernährungsumstellungen, Nahrungsergänzung und der Umgang mit verordneten Medikamenten, insbesondere Antibiotika, gehören in ärztliche Rücksprache; bei anhaltenden Bauchbeschwerden, Blut im Stuhl, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust suchen Sie zeitnah ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Warum schaut Laszlo Schlindwein bei Gelenk- und Muskelbeschwerden auf den Darm?
Was meint Schlindwein mit dem Regenwald im Bauch?
Welche drei Lebensmittel nennt Schlindwein sein Teufelsdreieck?
Was empfiehlt Schlindwein rund um eine Antibiotikatherapie?
Warum warnt Schlindwein davor, Zink allein einzunehmen?
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