Physiotherapie, Osteopathie, Nährstoffe, ordentliche Blutwerte. Und der Rücken schmerzt trotzdem weiter. Doch genau an dieser Stelle beginnt für Marc Richter, Heilpraktiker, die eigentliche Arbeit. Beim Nacken- und Rückenschmerz Kongress vertrat er die These, dass der Körper heilen könne, sobald ihn nichts mehr daran hindere, und dass drei typische Bremsen in der Therapie kaum jemand beachte. Sein Gespräch trug den Titel „Selbstheilungskräfte stärken“; das vollständige Interview sehen Sie kostenlos in der Aufzeichnung des Kongresses.
Zuerst die Bausteine, dann die Bremsen
Kann ein Körper heilen, dem das Material fehlt? Richter sagt: kaum. Selbstheilung habe zwei Voraussetzungen. Die erste klingt banal: Eiweiße, Fette, Kohlenhydrate, Vitamine, Mineralstoffe, der Stoff, aus dem Reparatur besteht. Deshalb beginne er bei jedem Patienten körperlich, mit Ernährung, Nährstoffen und Lebensstil, gesteuert über Laborwerte und Beschwerdebild.
Dann komme die zweite Voraussetzung, und die habe ihn in der Praxis lange beschäftigt. Menschen, bei denen alle Werte stimmen. Denen es besser geht. Bei denen die letzte Strecke aber nicht gelingt. Für diese Fälle nutzt er den Begriff Heilungsblockaden, drei an der Zahl: Rückstände alter Medikamente, ein Nervensystem im Alarmzustand und ungelöste emotionale Themen. Ebenso wichtig wie das Was ist ihm die Reihenfolge.
Ich habe einfach gelernt: Wenn du das Richtige zum falschen Zeitpunkt machst, ist es trotzdem das Falsche.

Drei Schranken auf dem Weg zur Reparatur: Marc Richter beschreibt, dass die Bausteine da sein müssen, bevor er nach dem sucht, was den Körper trotzdem bremst, und zwar in dieser Reihenfolge: Arzneimittel, Nervensystem, Emotionen.
Was die Studienlage zu Nährstoffen bei Gelenkbeschwerden hergibt, steht in unserem Artikel über Nahrungsergänzung bei Arthrose. Die erste Bremse hat mit Nährstoffen allerdings nichts zu tun. Sie steckt in der Patientenakte.
Bremse eins: Was alte Medikamente hinterlassen sollen
Vorweg etwas, das Richter selbst betont: In bestimmten Fällen seien Medikamente wichtig und könnten Leben retten. Seine These setzt eine Ebene tiefer an. Manche Arzneimittel hinterließen im Körper eine Art Schalterstellung, die auch nach dem Absetzen die Selbstheilung dämpfe. Die Idee stammt aus der Homöopathie: Deren Begründer Samuel Hahnemann habe beobachtet, dass seine Mittel bei Patienten unter frühen Medikamenten schlechter wirkten, und das Präparat homöopathisch aufbereitet nachgereicht. Richter macht es ähnlich. Er fragt alle Medikamente des Lebens ab, egal wie lange sie zurückliegen, und leitet sie homöopathisch aus, Nervensystem vor Hormonsystem, drei Mittel je acht Wochen. Als Beispiel nennt er Kortison, das nach seiner Deutung allgemein dämpfend wirke und so den Auslöser eines Rückenschmerzes zudecken könne, etwa nach einer Spritze in den Rücken. Über die Belege spricht er offen.
Da gibt es keine Studien zu, aber sehr, sehr viel Empirik.
An dieser Stelle muss die Redaktion einordnen. Arzneikrankheit und homöopathische Ausleitung sind Konzepte der Homöopathie; systematische Übersichtsarbeiten finden für homöopathische Mittel keine Wirkung über Placebo hinaus, und dauerhaft umgelegte Schalter, die sich homöopathisch zurückstellen lassen, sind wissenschaftlich nicht belegt. Verordnete Medikamente, ob Kortison oder Schmerzmittel aus der Gruppe der NSAR, werden nie ohne ärztliche Rücksprache abgesetzt oder verändert; ihre Rolle in der leitliniengerechten Versorgung zeigt unser Überblick zur Arthrose-Behandlung. Richters übriger Rat klingt nüchterner: vor einer Operation die Leber über Ernährung unterstützen und die eigene Medikamentengeschichte einmal aufschreiben.
Die zweite Bremse ist greifbarer. Sie sitzt zwischen den Ohren, und sie schläft nie.
Bremse zwei: Ein Nervensystem, das sich nicht sicher fühlt
Das Nervensystem nennt Richter den Oberboss und die Alarmanlage des Körpers. Es entscheide, in welchem Zustand wir gerade sind: Kampf oder Flucht, oder Ruhe und Verdauung.
Nur in dem parasympathischen Modus des Rest and Digest passiert eben auch Heilung, passiert Entgiftung, das Immunsystem kann gut arbeiten, Emotionen werden verarbeitet.
Warum bleiben so viele Menschen chronisch im Alarm? Die naheliegende Antwort heißt Stress: Chef, Familie, Terminkalender. Richter hält dagegen. Ein Teil der Belastung komme aus dem Körper selbst. Arbeiteten Augen, Gleichgewichtssinn oder Tiefensensibilität nicht sauber, sei das für das Nervensystem ein ständiger Unsicherheitsreiz, im Bett genauso wie im Urlaub. Der Körper antworte mit Schutzspannung, weil er jederzeit mit einem Sturz rechne.

Wenn dein Nervensystem die ganze Zeit Angst hat, ich werde fallen, wird es natürlich einfach mehr auf Spannung gehen, die Körperhaltung schon mal anpassen.
Dehnen lindere dann, sagt er, die Ursache liege aber woanders. Deshalb schickt er Patienten zu Therapeuten, die mit Augen- und Gleichgewichtsübungen arbeiten; wie so ein Training aussieht, zeigt im selben Kongress Daniel Müller mit visuellem Training bei Rückenschmerzen. Und je besser das Nervensystem arbeite, desto weniger Traumaarbeit brauche es später. Auch das begründe seine Reihenfolge.
Bleibt die dritte Bremse. Nach Richters Erfahrung ist sie die größte.
Bremse drei: Der Schmerz, der einen Job hat
Bei Trauma denken die meisten an Gewalt oder Katastrophen. Richter meint etwas Leiseres: Entwicklungstraumata, ein Aufwachsen mit Dach über dem Kopf, aber ohne emotionale Versorgung. Daraus entstehe ein innerer Antreiber (nicht gut genug) und ein Muster der Selbstsabotage, das ausgerechnet dann zuschlage, wenn es besser werde: Routinen brechen weg, das Unterbewusstsein liefert Vorwände. Dazu komme der Schmerz, der etwas einbringt.
Die haben einen sekundären Krankheitsgewinn durch ihren Schmerz, warum sie halt gewisse Sachen dann einfach nicht machen müssen.
Wer Rückenschmerzen hat, muss den Chef nicht nach mehr Gehalt fragen, so sein Beispiel. Als Beleg für die Verbindung zwischen Gefühlslage und Rücken zitiert er aus einer Fortbildung eine Übersichtsarbeit, nach der Unzufriedenheit am Arbeitsplatz der stabilste Zusammenhang mit Kreuzschmerzen sei. Die Arbeit nennt er nicht. Die Forschung kennt den Zusammenhang allerdings seit Jahrzehnten.

Zur Einordnung: In einer prospektiven Studie mit 3.020 Beschäftigten eines Flugzeugherstellers meldeten Personen, die ihre Arbeit „fast nie“ gern taten, 2,5-mal so häufig eine Rückenverletzung wie Kollegen, denen die Arbeit „fast immer“ Freude machte; das höchste Fünftel auf einer Persönlichkeitsskala 2,0-mal so häufig, die kombinierte Höchstrisikogruppe 3,3-mal so häufig wie die Gruppe mit dem geringsten Risiko. Quelle: Bigos SJ et al. 1991, Spine 16(1):1-6, PMID 1825891.
Richter erzählt außerdem von einer Patientin Mitte vierzig mit Hüftschmerzen seit ihren Zwanzigern und der Diagnose Arthrose, deren Beschwerden nach einer Traumatherapie-Sitzung verschwunden seien. Er selbst nennt das ein extremes Beispiel, nicht die Regel. Aus Sicht der Redaktion gehört dazu: Ein Einzelfall belegt keinen Mechanismus, eine Arthrose wird ärztlich abgeklärt und behandelt (was hinter Hüftarthrose steckt), und Traumatherapie gehört in approbierte psychotherapeutische Hände. Rückenschmerzen mit Warnzeichen wie Lähmungen, Blasenstörungen, Fieber oder Gewichtsverlust brauchen sofort ärztliche Abklärung.
Woran Sie erkennen können, ob Gefühle mitreden
Muss sich jetzt jeder mit Rückenschmerzen auf die Couch legen? Richter nennt vier Hinweise aus seiner Anamnese. Erstens: körperlich viel probiert, gute Therapeuten, gute Laborwerte, und der Rücken reagiert nicht. Zweitens: Konflikte mit Partner oder Eltern verstärken den Schmerz spürbar. Drittens der Blick zurück.
Wenn du sagst, meine Rückenschmerzen gehen los, und im halben Jahr vorher ist mein Papa verstorben, meine Katze verstorben und ich hatte ein schlimmes Ereignis, dann hast du ja auch noch mal einen Hinweis.
Viertens eine Bestandsaufnahme der Beziehungen: Arbeit, Partnerschaft, Familie, Freunde. Gibt es überall ein Geben und Nehmen, oder beutet jemand jemanden aus, und sei es unabsichtlich? Richter sagt selbst, dass diese Arbeit vielen zu weit gehe und manche mittendrin aufhörten. Er verlangt deshalb Eigenverantwortung, bevor er beginnt, und legt das Tempo in die Hand des Patienten. Schmerz ist für ihn zuerst einmal eines: eine Nachricht.
Schmerz ist einfach das beste Signal, das sagt: Hey, wir machen was falsch, bitte verändert was.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Marc Richter denkt Rückenschmerz nicht vom Wirbel her, sondern von der Frage, was den Körper an der Reparatur hindert. Seine Antwort: drei Bremsen und eine Reihenfolge, erst Material auffüllen, dann das Nervensystem beruhigen, dann die Gefühle anschauen. Sein erster Baustein, die homöopathische Ausleitung, ist wissenschaftlich nicht gestützt; das räumt er selbst ein. Die beiden anderen berühren Themen, die auch die Schmerzforschung ernst nimmt: ein Nervensystem im Alarm und die Rolle von Psyche, Arbeit und Beziehungen. Was Sie davon selbst prüfen können, kostet nichts: der Blick auf die Zeit vor den ersten Beschwerden und auf die eigenen Beziehungen.
Wie stark Erwartung allein auf Schmerz wirkt, vertieft im selben Kongress Jesko Streeck im Gespräch über Placebo und Nocebo.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Marc Richter ist Heilpraktiker, kein Arzt. Rückenschmerzen mit Warnzeichen wie Lähmungen, Blasenstörungen, Fieber oder Gewichtsverlust gehören sofort in ärztliche Abklärung; verordnete Medikamente werden nie ohne ärztliche Rücksprache abgesetzt oder verändert, und Traumatherapie gehört in psychotherapeutische Hände.
Häufige Fragen
Was versteht Marc Richter unter Heilungsblockaden?
Was ist mit der homöopathischen Ausleitung von Medikamenten gemeint?
Warum spielt das Nervensystem laut Richter eine Rolle bei Rückenschmerzen?
Was meint er mit Trauma, wenn es um Rückenschmerzen geht?
Woran kann man laut Richter erkennen, ob Gefühle am Rückenschmerz beteiligt sind?
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