Knie, Hüfte, Finger: Wer Gelenkschmerzen hat, denkt an Knorpel und Knochen, selten an den Bauch. Doch genau dort setzt Sarita Preissl, Fachberaterin für Darmgesundheit und Mikronährstoffcoach, an. Beim Rheuma & Arthrose Online-Kongress sprach sie mit Kongress-Gastgeber Martin Auerswald unter dem Titel „Wie deine Darmflora deine Gelenke beeinflusst“ über eine Darm-Gelenk-Achse: Bakterien, Darmwand und ein Immunsystem, das aus ihrer Sicht im Bauch entscheidet, wie stark der Körper zu Entzündungen neigt. Das vollständige Gespräch sehen Sie kostenlos in unserem Kongress.

Eine Flasche Cola am Tag und das Gefühl, gesund zu sein

Preissl beginnt mit sich selbst. Jahrelang hielt sie sich für gesund, trank nach eigener Schilderung täglich eine große Flasche Cola, nahm Kortison gegen Heuschnupfen und Asthma und schlief nachts kaum. Erst die Darmprobleme, Schlafstörungen und Ängste ihrer Tochter kippten den Blick.

O-Ton aus dem Interview

Mir war nie bewusst, dass Gesundheit mit Ernährung, mit Lebensstil zusammenhängt. Das ist mir erst bewusst geworden, als meine Tochter auf die Welt gekommen ist.

Sarita PreisslFachberaterin für Darmgesundheit und Mikronährstoffcoach

Das Muster sieht sie bei vielen Klienten: Haarausfall bekommt ein Shampoo, Hautausschlag eine Creme, nach dem Warum fragt kaum jemand. Viele wünschten sich von ihr eine Pille und ein paar Nährstoffe. Damit komme man weit, aber wer seine Gewohnheiten nicht ändere, stehe in drei Jahren am selben Punkt. Was hat der Darm nun mit einem steifen Knie zu tun?

Was ein Gelenk braucht und wo der Darm mitredet

Darm-Haut-Achse, Darm-Hirn-Achse: Nach demselben Prinzip beschreibt Preissl eine Darm-Gelenk-Achse. Ihr Ausgangspunkt ist eine Bedarfsliste: Gelenke brauchen Vitamine, Mineralstoffe, Aminosäuren, ein ausgeglichenes Immunsystem, Ruhe. An jedem Punkt sitze der Darm mit am Tisch.

Ihr Paradebeispiel ist die Fettverdauung: Funktioniert sie schlecht, würden fettlösliche Nährstoffe wie Vitamin D ausgeschieden. Eisen, Zink und Kupfer würden bei gestörtem Darm schlechter aufgenommen, Darmbakterien bildeten Vitamin K2, und auch die Eiweißverdauung hänge am Darm, gerade bei Gelenkerkrankungen mit erhöhtem Aminosäurebedarf.

Schema der Darm-Gelenk-Achse: links ein Darmwandschnitt mit Bakterienrasen und Darmbarriere, darunter Immunzellen, von denen Botenstoffe über ein Blutgefäß zu einem Kniegelenk mit rot markierter Gelenkinnenhaut wandern

Die Darm-Gelenk-Achse, wie Sarita Preissl sie beschreibt: Darmflora und Darmbarriere entscheiden mit, ob die Immunzellen dahinter ruhig bleiben oder Botenstoffe ausschütten, die über das Blut bis zur Gelenkinnenhaut gelangen.

Der wichtigste Punkt ist das Immunsystem. Selbst die Ruhe verortet sie im Bauch: Serotonin werde überwiegend im Darm gebildet, bei vielen entzündungsfördernden Bakterien gelinge das schlechter. Entzündung und Erschöpfung vertieft sie im Gespräch über Mitochondrien und Erschöpfung aus dem Stille Entzündungen Kongress.

O-Ton aus dem Interview

Ein Großteil der Immunzellen sitzt im Darm. Wenn der Darm nicht gut ist, dann ist meistens auch das Immunsystem nicht gut.

Sarita Preissl

Zur Einordnung durch die Redaktion: „Rheuma“ ist ein Sammelbegriff für über 100 Erkrankungen: entzündlich-rheumatische wie rheumatoide Arthritis, Psoriasis-Arthritis und Morbus Bechterew, Gicht als Stoffwechsel-Rheuma, Fibromyalgie als Weichteilrheuma ohne Gelenkzerstörung; den Unterschied zur Arthrose erklärt Was ist Arthrose?. Eine veränderte Darmflora bei rheumatoider Arthritis beschreiben Studien tatsächlich, etwa eine Häufung des Bakteriums Prevotella copri bei frisch Erkrankten; ob Ursache oder Begleiterscheinung, ist offen.

Säulendiagramm aus der Studie von Scher 2013: Prevotella copri bei 75 Prozent der neu erkrankten, unbehandelten rheumatoiden Arthritis, 21,4 Prozent der Gesunden, 11,5 Prozent bei chronischer behandelter rheumatoider Arthritis und 37,5 Prozent bei Psoriasis-Arthritis

Zur Einordnung: In einer Untersuchung der New York University trugen 75 Prozent der Menschen mit neu aufgetretener, noch unbehandelter rheumatoider Arthritis das Darmbakterium Prevotella copri in nennenswerter Menge, gegenüber 21,4 Prozent der gesunden Kontrollpersonen, 11,5 Prozent bei länger bestehender, behandelter rheumatoider Arthritis und 37,5 Prozent bei Psoriasis-Arthritis. Die Studie zeigt einen Zusammenhang, keinen Ursachennachweis. Quelle: Scher JU et al. 2013, eLife 2:e01202, PMID 24192039.

Wie aber gelangt ein Problem aus dem Darm in ein Gelenk? Preissls Antwort führt über eine Folie, die sie im Gespräch zeigte.

Löcher in der Darmwand, 500 Alarmanlagen

Links auf der Folie: eine intakte Darmschleimhaut, gute Bakterien, Fresszellen und Interleukin-10, ein Botenstoff, der Entzündungen bremst. Rechts: viele schlechte Bakterien, eine geschwächte Schleimhaut und zwischen den Darmzellen winzige Lücken, der sogenannte löchrige Darm. Bakterien und Giftstoffe kämen hindurch, das Immunsystem schütte Interleukin-17, TNF-alpha und Interleukin-6 aus; die ersten beiden nennt sie starke Auslöser für Gelenkentzündungen, das dritte mache sie schmerzhafter.

O-Ton aus dem Interview

Diese Entzündungen sind im Endeffekt eigentlich so etwas Ähnliches wie eine Alarmanlage, damit der Körper einfach weiß, da passiert gerade irgendetwas. Das große Problem, das wir mittlerweile haben, ist, dass einfach überall die Alarmglocken schrillen.

Sarita Preissl

Ein Dieb im Einkaufszentrum lasse sich fassen, sagt sie. Bei 500 heulenden Alarmanlagen schieße der überforderte Wachmann irgendwann auf alles, was sich bewegt. So erklärt sie sich die Zunahme von Autoimmunerkrankungen. Wie ein zweiter Darm-Experte des Kongresses dieselbe Kette erzählt, lesen Sie bei Paul Seelhorst über Leaky Gut.

Ein Hinweis der Redaktion: Die Botenstoffe gibt es, gegen einige richten sich moderne Rheuma-Medikamente. Der „löchrige Darm“ als Krankheitsbild ist umstritten; ein Nachweis als Auslöser von Gelenkerkrankungen fehlt. Wer eine entzündlich-rheumatische Erkrankung hat, verändert Basismedikamente, Biologika oder Kortison niemals eigenmächtig, sondern nur in Rücksprache mit Rheumatologin oder Rheumatologe. Ein früher Behandlungsbeginn schützt die Gelenke; Darm und Ernährung begleiten nur.

Dann nennt Preissl einen Keim, den nach ihrer Erfahrung fast jeder in sich trägt.

TMAO: der Stoff, den Fäulniskeime bilden

E. coli, Klebsiella, Citrobacter: Diese Bakterien machen nach Preissls Darstellung aus Cholin und Carnitin in der Nahrung den Stoff TMAO. Menschen mit viel TMAO im Urin hätten in Studien mehr Herz-Kreislauf- und Gelenkprobleme, weil der Stoff die Ausscheidung von Cholesterin störe, das dann in den Gefäßen Entzündungen fördere. Mindestens einen dieser Keime finde sie bei geschätzt 95 Prozent ihrer Klienten, eine Zahl, die sie selbst als Behauptung aus ihrer Praxis kennzeichnet. Groß würden solche Fäulniskeime, wenn Antibiotika oder Konservierungsstoffe die schützende Flora schwächen.

Die naheliegende Konsequenz wäre, Fleisch, Fisch und Milchprodukte zu streichen. Preissl geht den Weg nicht mit.

O-Ton aus dem Interview

Aus meiner Sicht ist das aber keine Lösung, nur die Ernährung umzustellen, weil Fleisch-, Fisch-, Milchprodukte gehören für mich in eine ausgewogene Ernährung hinein.

Sarita Preissl

Kurzfristig könne der Verzicht helfen. Langfristig will sie die Keime zurückdrängen, vor allem mit Fermenten; Studien mit fermentierten Milchprodukten hätten gezeigt, dass die TMAO-Bildung so sinke. Radikale Ernährungsformen, ob rein pflanzlich oder nur Fleisch, hält sie für schlecht.

Aus Sicht der Redaktion: TMAO ist vor allem in der Herz-Kreislauf-Forschung untersucht, der Bezug zu den Gelenken ist Preissls Ableitung, und E. coli ist in normaler Menge ein regulärer Darmbewohner. Was die Forschung für belastbar hält, fasst Ernährung bei Arthrose zusammen.

Buttersäure, Fermente, Ballaststoffe: Preissls Werkzeugkasten

Wer nur Fleisch isst, füttert aus ihrer Sicht die falschen Bewohner. Denn Bakterien, die kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat bilden, brauchen Ballaststoffe aus Gemüse und Obst. Diese Fettsäuren versorgten die Darmzellen mit Energie und regten das bremsende Interleukin-10 an.

Ihre Alltagsliste ist unspektakulär: Apfelessig oder ein fermentiertes Getränk, Allicin aus Knoblauch, Resveratrol aus Trauben, rote und schwarze Beeren, Hagebutten, Heilpilze. Gestrichen werden verarbeitete Lebensmittel, Zusatzstoffe, Lektine, Phytinsäure und Gluten. Getreide und Hülsenfrüchte müsse man nicht verbannen, wohl aber traditionell zubereiten: keimen, lange einweichen, kräftig kochen.

Wissenschaftliche Grafikfigur beim Gehen auf einem Waldweg, das Skelett scheint durch, im Bauchraum ist der Darm als feine Linienzeichnung angedeutet, die Kniegelenke sind terrakottafarben markiert
O-Ton aus dem Interview

Lebensstil ist meiner Meinung nach die Nummer Eins heute bei dem Thema, auch wenn es um Darmgesundheit geht.

Portrait von Sarita PreisslSarita Preissl

Der größte Hebel liegt für sie außerhalb des Tellers. Stress nennt sie das Schlechteste für den Darm und rät sogar dazu, einen krank machenden Job zu überdenken. Warum nicht zu Hause kochen, warum nicht durch den Wald spazieren statt zur Eisdiele? Verzicht sei das falsche Wort. Welche Lebensmittel Dr. Sabine Paul im selben Kongress für die Gelenke empfiehlt, lesen Sie in ihrem Interview.

Hinweis der Redaktion: Probiotika, hoch dosierte Nährstoffe und der Verzicht auf ganze Lebensmittelgruppen gehören bei Rheuma oder Dauermedikation vorab in die ärztliche Sprechstunde. Wo Nahrungsergänzung Belege hat, ordnet unser Artikel zur Evidenz von Arthrose-Supplementen ein.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Zum Schluss warnt Preissl vor dem Tunnelblick: Wer im Darmbefund nur das eine fehlende Bakterium sucht, greife zu kurz.

O-Ton aus dem Interview

Ich würde wirklich empfehlen, immer an mehreren Baustellen zu arbeiten. Also nicht nur an dieser einen Baustelle.

Sarita Preissl

Ihre Baustellen heißen Nährstoffe, Bakterien, Darmschleimhaut, Stress, Sorgen und Ängste, und sie rät, sich Hilfe zu holen. Die Darm-Gelenk-Achse bestätigt die Forschung in einzelnen Gliedern, als ganze Kette gilt sie als offen. Ihr Praxisrat hängt daran nicht: Fermente, Gemüse, weniger Zusatzstoffe, weniger Stress, und der Wille, Gewohnheiten zu ändern.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Sarita Preissl ist Fachberaterin für Darmgesundheit und Mikronährstoffcoach, keine Ärztin. Darm-Gelenk-Achse und „löchriger Darm“ sind Forschungsfelder, keine gesicherten Diagnosen. Rheuma-Basistherapie, Biologika oder Kortison werden nie ohne Rücksprache mit Rheumatologin oder Rheumatologe verändert; Ernährungsumstellung und Nahrungsergänzung klären Sie bei Dauermedikation vorab ärztlich ab.

Häufige Fragen

Was versteht Sarita Preissl unter der Darm-Gelenk-Achse?
Sie überträgt das Prinzip der bekannten Darm-Hirn- und Darm-Haut-Achse auf die Gelenke: Der Darm bestimme, wie gut Vitamine, Mineralstoffe und Aminosäuren aufgenommen werden, wie ruhig das Immunsystem bleibt und wie stark der Körper zu Entzündungen neigt. Die Forschung untersucht solche Zusammenhänge, als gesicherte Ursachenkette gilt die Achse nicht.
Wie soll eine gestörte Darmflora Gelenkentzündungen fördern?
Nach Preissls Darstellung schwächt eine Dysbiose die Darmschleimhaut, zwischen den Darmzellen entstehen kleine Lücken, Bakterienbestandteile gelangen ins Gewebe, und Immunzellen schütten entzündungsfördernde Botenstoffe aus, die über das Blut auch die Gelenke erreichen. Der „löchrige Darm“ ist als eigenständiges Krankheitsbild wissenschaftlich umstritten.
Was ist TMAO und warum spricht Preissl darüber?
TMAO ist laut Preissl ein Stoffwechselprodukt bestimmter Darmbakterien wie E. coli, Klebsiella und Citrobacter, die Cholin und Carnitin aus der Nahrung umbauen. Der Stoff störe die Ausscheidung von Cholesterin und begünstige Gefäßentzündungen, die aus ihrer Sicht auch die Gelenke treffen. Untersucht ist TMAO vor allem in der Herz-Kreislauf-Forschung.
Muss man Fleisch, Fisch und Milchprodukte weglassen, um TMAO zu senken?
Nein, sagt Preissl. Kurzfristig könne eine Reduktion helfen, langfristig gehörten diese Lebensmittel für sie zu einer ausgewogenen Ernährung. Sie setzt lieber daran an, die ungünstigen Keime zurückzudrängen, etwa mit fermentierten Lebensmitteln, für die sie Studien zur TMAO-Bildung nennt.
Welche Lebensmittel empfiehlt Preissl für die Darmflora?
Fermentiertes wie Apfelessig oder fermentiertes Gemüse, Ballaststoffe aus Gemüse als Futter für Buttersäure-bildende Bakterien, Pflanzenstoffe wie Allicin aus Knoblauch und Resveratrol aus Trauben, rote und schwarze Beeren, Hagebutten und Heilpilze. Getreide und Hülsenfrüchte empfiehlt sie traditionell zubereitet: keimen, einweichen, lange kochen. Die Redaktion ergänzt: Bei Rheuma-Medikation gehören Ernährungsumstellung und Nahrungsergänzung vorab in die ärztliche Sprechstunde.
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