Wer Heilpflanzen nutzt, greift zu Blättern, Blüten oder Wurzeln. Die Knospe am kahlen Zweig übersehen fast alle. Doch genau dort sitzt für Karina Nouman, TEH-Praktikerin, Waldpädagogin, Dozentin, Autorin, das Konzentrat der ganzen Pflanze. Beim Pflanzenheilkunde Kongress erklärte sie, weshalb sie jedes Jahr im Vorfrühling Knospen sammelt, warum davon ein Fingerhut voll reicht und welche zwei Arten sie fürs Immunsystem heranzieht. Das Gespräch trägt den Titel „Mit Knospenkraft das Immunsystem stärken“ und ist in der Kongress-Aufzeichnung vollständig zu sehen.
Was in einer Knospe steckt, bevor sie aufspringt
Gemma heißt auf Lateinisch Knospe, daher der Name. Nouman nennt die Gemmotherapie selbst ein junges Gebiet der Pflanzenheilkunde: In den 1950er Jahren habe ein belgischer Arzt eine Methode entwickelt, die Inhaltsstoffe einer Knospe mit drei Flüssigkeiten vollständig herauszulösen. Das Ergebnis heißt Gemmomazerat.
Auf die Knospen kam sie nicht über Bücher, sondern beim Warten auf die ersten Frühlingskräuter, als ihr auffiel, wie viel ein Strauch dafür tut, dass sich seine Knospen öffnen.
Das ist ja auch ein Embryonalgewebe, das ist ja auch etwas ganz Junges, Frisches. Und dann habe ich mir gedacht, wenn da so viel Kraft drinnen steckt, dann muss doch eben in Knospen auch etwas drinnen stecken. Und mein Gefühl hat mir recht gegeben.
Ihr Bild vom Nährstoffstrom: Über die Wurzel hole die Pflanze Wasser, Mineralstoffe und Vitamine aus dem Boden, dazu kämen ätherische Öle, Gerb- und Bitterstoffe. All das lande in der Knospe, und dort komme etwas hinzu, was Blätter so nicht bieten: Proteine und Aminosäuren. Beim Rosmarin etwa gälten die Blätter als verdauungs- und konzentrationsfördernd; die Knospe habe aus ihrer Sicht dieselben Eigenschaften und wirke zusätzlich auf die Leber.

So beschreibt Karina Nouman die Knospe: Aus dem Zweig fließt alles hinein, was die Pflanze aus dem Boden holt, und im jungen Gewebe am Grund der Knospe kommen Proteine und Aminosäuren dazu. Deshalb spricht sie von der geballten Kraft der Pflanze in einem einzigen Fingerhut.
Welche Knospen sie fürs Immunsystem auswählt, ist schnell erzählt. Die eine wächst allerdings kaum irgendwo wild.
Zwei Knospen fürs Immunsystem
Da sind zwei, wenn es ums Immunsystem geht: zum einen die Schwarze Johannisbeere, in Österreich die schwarze Ribisel, und dann auch die Heckenrose, also die Wildrose, die Rosa canina.
Die Schwarze Johannisbeere hält Nouman für eine der am besten untersuchten Knospen. Wild finde man sie kaum, deshalb rät sie zum eigenen Garten oder zum Nachbarn. Im Gespräch fällt für das Mazerat der Beiname „natürliches Kortison“, den sie mit einer stark entzündungshemmenden Wirkung begründet. Sie setze es bei ersten Erkältungsanzeichen ein, bei Heuschnupfen, sobald Birke und Hasel grünen, bei chronischen Beschwerden und, wegen einer Wirkung auf das Nervensystem, in Phasen von Stress und Erschöpfung.
Die Heckenrose, aus deren Blüten später Hagebutten werden, beschreibt sie als antiviral, immunstärkend und antiallergisch und als eine der Knospen, die Kinder besonders gut vertragen. Wer immer wieder dieselben Halsschmerzen oder eine Bronchitis bekomme, könne mit ihr ansetzen. Aufgenommen werde ein Mazerat über die Mundschleimhaut, es lasse sich aber auch auf die Haut geben.
So weit die Erfahrung der Kräuterfrau. Zur Einordnung: Knospenextrakte sind bislang vor allem auf ihre Inhaltsstoffe hin untersucht, dazu kommen Labor- und Tierversuche. Klinische Studien am Menschen zu Abwehrkräften oder Allergien liegen nicht vor. Wie Sie Studien zu Pflanzenstoffen gewichten, zeigt unser Artikel zur Evidenz bei Nahrungsergänzung. Fieber, Atemnot oder eine Erkältung, die länger als eine Woche anhält, gehören in ärztliche Abklärung, mit oder ohne Knospe.
Bevor aus einer Knospe ein Mazerat wird, muss man sie finden. Das beginnt für Nouman nicht im Frühling.
Im Herbst schauen, im Vorfrühling sammeln
Wer im März sammeln will, geht im Oktober los. Im Herbst tragen Sträucher und Bäume noch Blätter, an denen sich die Art erkennen lässt; den Standort merkt man sich. Im Vorfrühling sei die Rinde braun und alles sehe gleich aus. Die Birke verrate sich mit ihrer weißen Rinde immerhin das ganze Jahr.
Dann kommt es auf den Moment an.
Nicht sofort, wenn der Frühling irgendwie da ist oder wenn jetzt der Schnee weg ist, sondern ich brauche wirklich den Zeitpunkt, wenn sie kurz vorm Aufspringen sind. Bedeutet Knospen sammeln, ich muss mich mit der Natur beschäftigen.
Springt die erste Knospe eines Zweigs auf, sind die geschlossenen Nachbarn reif. Die Menge überrascht dann viele.

Man braucht nicht viel von den Knospen. Man sagt ja immer, Knospen sammelt man im Fingerhut, weil eine Knospe das komplette Genmaterial der ganzen Mutterpflanze in sich trägt.
Zwei, drei Knospen je Pflanze, dann weitergehen, so ihre Regel; wo eine Knospe fehlt, wächst in diesem Jahr kein Blatt, ergänzte die Moderatorin. Nur Pflanzen, die man sicher kennt, kommen für Nouman in Frage. Die Redaktion schließt sich an: Kahle Zweige sind leichter zu verwechseln als blühende, einige Gehölze sind giftig, und in Schutzgebieten ist Sammeln untersagt.
Aus dem Fingerhut in die Küche.
Drei Zutaten, vier Wochen
Nouman braucht 40-prozentigen Alkohol, meist Korn oder Wodka, pflanzliches Bio-Glycerin aus Apotheke oder Naturkosmetikladen und Wasser. Das Glycerin löse Proteine und fettlösliche Stoffe und mache den Auszug süßlicher, der Alkohol löse den Rest, das Wasser verdünne. Die frischen Knospen werden zerkleinert und im Glas mit den drei Flüssigkeiten übergossen, wobei die Flüssigkeit die wenigen Gramm Knospen weit überwiegt. Vier Wochen dunkel und kühl, täglich schütteln, abseihen, in eine Sprühflasche.
Eingenommen wird in den Mund gesprüht, bei Bedarf mit Wasser oder Saft verdünnt. Faustregel: dreimal täglich drei Sprühstöße, bei akutem Heuschnupfen mit der Johannisbeere auch häufiger. Wer der Allergie zuvorkommen wolle, beginne schon im Oktober oder November; regionalen Honig empfiehlt sie in dieser Zeit ebenfalls, eine Überzeugung der Volksheilkunde ohne gesicherte Belege.
Bei Kindern wird sie vorsichtig: ab sechs Jahren die halbe Dosis, Säuglinge gar nichts, bei Kleinkindern der Kinderarzt. Der Grund ist der Alkohol. Die Redaktion ergänzt: Dasselbe gilt in Schwangerschaft und Stillzeit, bei Lebererkrankungen und für Menschen, die auf Alkohol verzichten müssen; wer eine Pollenallergie mit Asthma hat, bespricht solche Versuche vorher allergologisch. Fertige Mazerate gibt es nach Noumans Erfahrung in komplementär arbeitenden Apotheken.
Birke, Silberlinde, Hasel, Himbeere
Nach den Immun-Knospen kommen ihre Einsteiger. Die Birke steht vorn, weil man sie nicht verwechseln kann. Nouman pulverisiert die Knospen zu einem bitteren Gewürz, setzt ein Mazerat für ihre Frühjahrskur an, die aus ihrer Sicht ausschwemmend wirke und die Nieren stärke, und isst die Knospe schlicht frisch.
Ich gehe zur Birke hin, hole mir eine einzige Knospe, zerkaue die genüsslich, schlucke die dann und dann habe ich ein wahnsinnig tolles stoffwechselaktivierendes, reinigendes Mittel eingenommen aus der Natur.
Entgiftung ist dabei ihre Deutung; die Leber entgiftet fortlaufend selbst, eine Kur braucht sie medizinisch nicht. Dass Bitterstoffe die Verdauungssäfte anregen, ist dagegen alte Kräuterkunde. Was ein Arzt daraus macht, erklärt Dr. med. John Switzer im Gespräch über Wildkräuter, Mikrobiom und Mitochondrien aus demselben Kongress.
Die Silberlinde, erkennbar am silbrigen Blattrücken, nutzt Nouman bei Stress, Unruhe, Schlafstörungen und Ängsten, bei Kindern auch bei Albträumen. Die Hasel beschreibt sie als belebend bei Frühjahrsmüdigkeit und als Knospe für die Atemwege. Die Himbeere nennt sie die Frauenknospe, die vom Mädchenalter bis in die Wechseljahre das Hormonsystem harmonisieren soll; Studien dazu gibt es nicht, es ist überliefertes Wissen. Wie eine Apothekerin Heilpflanzen fürs Nervensystem einsetzt, lesen Sie bei Dr. rer. nat. Ursula Stumpf über Heilpflanzen für ein starkes Nervensystem. An einer Stelle wird die Kräuterfrau selbst sehr deutlich.
Natürlich, wenn ich Medikamente nehme, bitte immer eine Rücksprache halten. Darf ich etwas ergänzend aus der Natur dazu nehmen? Wir vergessen immer, Pflanzen sind stark, Knospen sind noch stärker.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Karina Nouman verschiebt den Blick vom Blatt zur Knospe. Im geschuppten Gebilde sieht sie das Konzentrat der Pflanze, angereichert um Proteine und Aminosäuren: Schwarze Johannisbeere und Heckenrose fürs Immunsystem, Birke und Hasel für den Frühling, Silberlinde für die Nerven, Himbeere für Frauen.
Ihre Regeln sind handfest: im Herbst Standorte merken, kurz vor dem Aufspringen sammeln, nie mehr als einen Fingerhut voll, nur sicher erkannte Arten, vier Wochen ziehen lassen, Kinder halbe Dosis, bei Medikamenten fragen. Was fehlt, ist der klinische Beleg. Wer ihre Erfahrung als Anregung für einen achtsamen Versuch nimmt und ernsthafte Beschwerden ärztlich abklären lässt, liest das Gespräch richtig. Wie eine Leitlinie einen Pflanzenstoff bewertet, zeigt unser Artikel über Curcumin und seine Dosierung.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Karina Nouman ist TEH-Praktikerin, keine Ärztin. Knospenmazerate enthalten Alkohol und gehören bei Kindern, in Schwangerschaft und Stillzeit, bei Lebererkrankungen, Allergien mit Asthma und neben Medikamenten nur nach ärztlicher Rücksprache zum Einsatz; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Anhaltende oder fieberhafte Infekte gehören in ärztliche Abklärung.
Häufige Fragen
Was ist Gemmotherapie nach Karina Nouman?
Welche Knospen setzt Nouman fürs Immunsystem ein?
Wie stellt man ein Gemmomazerat selbst her?
Dürfen Kinder Knospenmazerate bekommen?
Wann und wie sammelt man Knospen richtig?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
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