Wer seit Jahren mit Schmerzen im Rücken, in den Gelenken oder im Nacken lebt, hat den Zahnarzt selten auf der Liste der Verdächtigen. Zähne tun weh oder eben nicht. Doch beim Schmerzkongress vertrat Dr. Dominik Nischwitz, Spezialist für Biologische und Aesthetische Zahnmedizin, eine steile These: Ein großer Teil chronischer Beschwerden habe seine Quelle im Mund, in alten Metallen, wurzelbehandelten Zähnen und stillen Herden im Kieferknochen. Sein Interview trug den Titel „Zahnstörfelder: Die am meisten unterschätzte Ursache chronischer Krankheiten“. Eines vorweg: Die Störfeld-Lehre ist in der Hochschulzahnmedizin umstritten. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.

Zähne als Organe: Was ein Zahnarzt mit dem Knie zu tun haben soll

Was hat ein Zahnarzt mit einem schmerzenden Knie zu schaffen? Nischwitz antwortet knapp: eigentlich fast alles. Zähne seien für ihn Organe wie Leber oder Darm, mit eigener Blut-, Nerven- und Lymphversorgung. Und sie hätten einen direkten Draht nach oben.

Wissenschaftliche Grafikfigur von der Seite mit durchscheinendem Skelett, ein Backenzahn im Unterkiefer terrakottafarben markiert, von dort zieht eine gelbe Nervenlinie zum Hirnstamm und die Wirbelsäule hinab zu den markierten Gelenken
O-Ton aus dem Interview

So ein Zahn ist die Verlängerung von eurem Hirn. Der beginnt quasi hier hinten im Hirnstamm und ist an den fünften Hirnnerv, den Nervus trigeminus, angeschlossen.

Dr. Dominik NischwitzSpezialist für Biologische und Aesthetische Zahnmedizin

Über diesen Nerv seien die Zähne mit dem ganzen Körper verschaltet und könnten zu Nacken-, Gelenk- oder Bauchbeschwerden beitragen; von der alleinigen Ursache will er selbst nicht sprechen, eher von einem Zusammenhang.

Dann fällt die Zahl, die das Gespräch prägt: Mindestens 70 Prozent der Ursachen chronischer Erkrankungen lägen im Mund. Nischwitz beruft sich auf seine Lehrer, unter ihnen Dietrich Klinghardt, Thomas Rau und Joachim Mutter. Die Moderatorin hakt nach, das klinge sehr hoch. Und der Zahnarzt rudert selbst ein Stück zurück.

O-Ton aus dem Interview

Da gibt es keine genauen Studien. Das ist wahrscheinlich einfach eher empirisch. Das ist das, was ich jahrelang gelernt habe, was ich auch ungefähr mit unterschreiben kann.

Dr. Dominik Nischwitz

Er nennt dann 50 bis 70 Prozent für sein Klientel, fast nur chronisch Kranke und Leistungssportler. Ein Erfahrungswert also, keine Statistik. Was er in diesen Mündern findet, sortiert er in drei Gruppen.

Drei Störfelder und ein Wort, das er selbst nicht mag

Bevor Nischwitz seine Liste aufmacht, räumt er mit dem eigenen Vokabular auf.

O-Ton aus dem Interview

Das ist ein blödes Wort eigentlich. Störfelder kommen aus der Komplementärmedizin und stehen für nichts anderes als Strukturveränderung.

Dr. Dominik Nischwitz

Gemeint seien Dinge, die Zahnärzte eingebaut hätten, um Zähne zum Kauen zu erhalten, die aus seiner Sicht aber den Körper belasten. Erste Gruppe: Metalle, allen voran Amalgam, das zur Hälfte aus Quecksilber bestehe. Metalle könnten nach seiner Darstellung Allergien auslösen, giftig wirken oder im Zeitalter des Mobilfunks als Antenne dienen. Dazu komme ein Batterie-Effekt zwischen verschiedenen Metallen im Speichel; sein Bild dafür ist eine Schiffsschraube, die jahrelang im Salzwasser rostet. Studien dazu erwähnt er ohne Quelle, die Redaktion gibt diese Aussagen allein als seine Position wieder. Zur Einordnung: In der EU darf Dentalamalgam seit Januar 2025 mit wenigen Ausnahmen nicht mehr gelegt werden, begründet vor allem mit dem Umweltschutz; intakte Altfüllungen gelten nach Einschätzung der Fachgesellschaften nicht als Grund zur Entfernung.

Die zweite Gruppe beschäftigt ihn deutlich länger. Und sie beginnt mit einem Lob.

Der wurzelbehandelte Zahn: Schmerzbehandlung mit Spätfolgen?

Den Schmerz vor einer Wurzelbehandlung vergleicht Nischwitz mit einem Amputationsschmerz. Deshalb hält er den Eingriff zunächst für richtig.

O-Ton aus dem Interview

Eine Wurzelbehandlung, rein handwerklich gesehen, ist erstmal eine Schmerzbehandlung. Und wunderbar, weil das kauft euch Zeit. Weil die Schmerzen sind die Hölle.

Dr. Dominik Nischwitz

Das Problem liege danach. Ohne Nerv und Blutversorgung sei der Zahn totes Gewebe im Knochen, durchzogen von unzähligen feinen Kanälchen im Zahnbein, deren Länge er pro Wurzel auf etwa einen Kilometer beziffert. Dort siedelten sich Bakterien aus dem Mund an und blieben unerreichbar.

O-Ton aus dem Interview

Unser Immunsystem ist nicht in der Lage, in diese Kanälchen reinzukommen, weil die Makrophagen einfach zu groß sind. Die Bakterien sind da drin wie die Maus im Mauseloch und die Katze hockt drumherum.

Dr. Dominik Nischwitz

Längsschnitt durch einen wurzelgefüllten Zahn im Kieferknochen: die helle Wurzelfüllung im Hauptkanal, seitlich feine Dentinkanälchen mit pflaumenfarbenen Bakterien, außen eine große Fresszelle, die nicht in die Kanälchen passt, und kleine Botenstoffpunkte, die in ein Blutgefäß wandern

Die Maus im Mauseloch: Dr. Nischwitz beschreibt, wie Bakterien in den feinen Kanälchen eines wurzelgefüllten Zahns sitzen, während die Fresszellen des Immunsystems außen bleiben müssen. Die Dauerreaktion darauf setze Botenstoffe frei, die über das Blut den ganzen Körper erreichen. Die Hochschulzahnmedizin bewertet fachgerecht wurzelgefüllte Zähne anders, nämlich als erhaltenswert.

Die Katze, das Immunsystem, gebe aber nicht auf. Sie reagiere mit einer chronischen Entzündung und schütte Zytokine wie TNF-alpha aus, die in der Forschung mit chronischen Schmerzen an ganz anderen Körperstellen in Verbindung gebracht würden. Und das alles, so sein Punkt, ohne dass es wehtut.

O-Ton aus dem Interview

Bei den meisten Leuten ist es allerdings so, dass es irgendwo subklinisch abläuft. Am Anfang tut es vielleicht weh, aber dann gewöhnt sich der Körper daran, dass es eh da ist, schaltet die Rezeptoren runter.

Dr. Dominik Nischwitz

Solche Herde würden häufig erst im Röntgenbild entdeckt, als Zufallsbefund, mitunter nach Jahren. Wie oft ein wurzelgefüllter Zahn an der Wurzelspitze tatsächlich einen Entzündungsbefund zeigt, hat die Forschung gezählt.

Säulendiagramm: Anteil der Zähne mit apikaler Parodontitis im Röntgenbild, 39 Prozent bei wurzelgefüllten Zähnen, 3 Prozent bei nicht behandelten Zähnen, 5 Prozent über alle Zähne

Zur Einordnung: In einer Meta-Analyse aus 114 Studien mit 639.357 Zähnen von 34.668 Personen zeigten 39 Prozent der wurzelgefüllten Zähne im Röntgenbild eine Entzündung an der Wurzelspitze (95-%-Konfidenzintervall 36 bis 43 Prozent), bei nicht behandelten Zähnen waren es 3 Prozent (2 bis 3), über alle Zähne 5 Prozent (4 bis 6). Die Mehrheit der wurzelgefüllten Zähne war also unauffällig, und ob ein solcher Befund Beschwerden andernorts auslöst, beantwortet die Studie nicht. Quelle: Tibúrcio-Machado CS et al. 2021, Int Endod J 54(5):712-735, PMID 33378579.

Die Gegenposition gehört hier dazu: Die wissenschaftliche Zahnmedizin sieht einen fachgerecht wurzelgefüllten Zahn als erhaltenswert an und empfiehlt bei einem Herd an der Wurzelspitze zunächst die Erneuerung der Wurzelfüllung, nicht die Entfernung. Einen Beleg, dass solche Zähne Schmerzen im Knie oder Rücken auslösen, gibt es in dieser Form nicht. Nischwitz selbst räumt ein, dass die Universitäten die Wurzelbehandlung als funktionierende Schmerztherapie lehren und dass das handwerklich nicht falsch sei. Bei Schwellung, Fieber oder anhaltendem Kieferschmerz führt der Weg ohnehin zeitnah in die Zahnarztpraxis.

Bleibt die dritte Gruppe, die am wenigsten bekannte: Herde dort, wo gar kein Zahn mehr ist.

Stille Herde im Kieferknochen

Nach einer Zahnentfernung soll sich die Lücke im Knochen schließen. Gelinge das nicht, entstehe nach Nischwitz ein weicher, chronisch entzündeter Bereich im Kiefer. Sein Vergleich: ein Haus, das modernisiert werden soll, ohne Handwerker und ohne Baustoffe. Als fehlende Baustoffe nennt er Protein, Vitamin D3 und K2.

O-Ton aus dem Interview

Das Problem hier ist, dass auf Dauer eine Höhle entsteht und darin die ganzen Mikroorganismen wieder leben.

Dr. Dominik Nischwitz

Für diese Bereiche kursiert der Begriff NICO, geprägt in den 1980er-Jahren vom amerikanischen Pathologen Jerry Bouquot. Nischwitz hält ihn für irreführend, weil das N für Neuralgie stehe, einen Nervenschmerz, den die meisten Betroffenen gar nicht hätten. Er bevorzugt die Bezeichnung des Münchner Zahnarztes Johann Lechner: fettig-degenerative Osteonekrose des Kieferknochens, kurz FDOK. Typische Orte seien die Bereiche entfernter Weisheitszähne. Auch hier: meist kein Schmerz, meist ein Zufallsbefund.

Wie ein Heilpraktiker dieselbe Frage nach stillen Herden im Körper stellt, lesen Sie im Gespräch mit Reinhard Clemens über Entzündungsherde als Schmerzursache aus demselben Kongress.

Was er rät, und was die Redaktion ergänzt

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, ob Sie Ihre alte Wurzelfüllung anschauen lassen sollten. Nischwitz bremst hier selbst. Panik sei fehl am Platz, wer topfit sei, habe keinen Handlungsbedarf. Seine Reihenfolge: erst Ernährung, Schlaf, Bewegung, Zeit in der Natur. Wer das geordnet habe und trotzdem chronische Schmerzen behalte, könne den Mund als mögliche Quelle abklären lassen, mit einem dreidimensionalen Röntgenbild.

Was ein konsequenter biologischer Zahnarzt dann anbiete, beschreibt er offen: den toten Zahn schonend entfernen, das Zahnfach reinigen und mit Ozon desinfizieren, den Bereich mit Neuraltherapie behandeln und die Lücke möglichst sofort mit einem Keramikimplantat stützen. Seine Patienten bereiteten sich vier bis acht Wochen mit Ernährungsumstellung, Protein und Mikronährstoffen wie Vitamin D3 und K2 vor.

Das ist sein Behandlungskonzept, keine Empfehlung dieses Artikels. Die Redaktion ergänzt: Eine Zahnentfernung ist nicht rückgängig zu machen, eine fachzahnärztliche Zweitmeinung davor ist der Normalfall. Ozon- und Neuraltherapie sowie die Störfeldsanierung sind Verfahren der Komplementärmedizin ohne gesicherten Wirknachweis für Schmerzen andernorts. Nahrungsergänzung gehört bei Vorerkrankungen in ärztliche Rücksprache; was zu Vitamin D untersucht ist, steht in unserem Artikel über Calcium und Vitamin D, der Stand zu Ernährung und Gelenken in den Grundlagen der Arthrose-Ernährung. Wie René Gräber Gifte als eine von vier Wurzeln chronischer Schmerzen einordnet, zeigt sein Interview über ganzheitliche Schmerzbetrachtung.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Dr. Nischwitz will den Mund als Teil des Körpers verstanden wissen, nicht als Werkstatt für Kauwerkzeuge. Seine drei Störfelder, Metalle, tote Zähne und Herde im Kieferknochen, sind aus seiner Sicht mögliche Dauerreize für das Immunsystem. Am stärksten ist das Gespräch dort, wo er ehrlich wird: Die 70 Prozent sind ein Erfahrungswert, die Wurzelbehandlung eine sinnvolle Schmerztherapie, und wer fit ist, braucht nichts zu unternehmen.

Für die Redaktion bleibt: Die Störfeld-These ist eine Sicht der biologischen Zahnmedizin, die Hochschulzahnmedizin teilt sie nicht, und kein Zahn wird auf Verdacht behandelt. Wie Nischwitz denselben Gedanken auf entzündete Gelenke anwendet, lesen Sie in seinem Interview über Zähne, Kiefer und Gelenke aus dem Rheuma & Arthrose Online-Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche oder zahnärztliche Beratung. Die dargestellte Sicht auf Zahnstörfelder ist in der wissenschaftlichen Zahnmedizin umstritten. Entscheidungen über Zahnentfernungen, Füllungswechsel oder Eingriffe am Kiefer treffen Sie nur nach fachzahnärztlicher Abklärung; Änderungen an Ernährung, Nahrungsergänzung oder Therapie besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Häufige Fragen

Was versteht Dr. Nischwitz unter einem Zahnstörfeld?
Er nennt den Begriff selbst unglücklich. Er stamme aus der Komplementärmedizin und meine nichts anderes als eine Strukturveränderung im Mund: Metalle, wurzelbehandelte Zähne oder nicht verheilte Bereiche im Kieferknochen, die nach seiner Sicht das Immunsystem dauerhaft beschäftigen könnten. In der Hochschulzahnmedizin ist dieses Konzept umstritten.
Stimmt es, dass 70 Prozent aller chronischen Krankheiten im Mund beginnen?
Dr. Nischwitz führt die Zahl auf seine Lehrer zurück und räumt im Gespräch ein, dass es dafür keine genauen Studien gebe; es sei ein Erfahrungswert, er selbst nennt 50 bis 70 Prozent für sein Klientel chronisch Kranker. Belegt ist die Zahl nicht.
Warum hält Dr. Nischwitz wurzelbehandelte Zähne für problematisch?
Nach seiner Darstellung ist ein wurzelbehandelter Zahn abgestorbenes Gewebe ohne Blut- und Nervenversorgung. In den feinen Kanälchen der Zahnwurzel könnten sich Bakterien ansiedeln, an die Fresszellen des Immunsystems nicht herankämen. Die Folge sei eine stille Entzündung mit Botenstoffen, die im ganzen Körper wirkten. Die Hochschulzahnmedizin sieht fachgerecht wurzelbehandelte Zähne dagegen als erhaltenswert an.
Merkt man einen solchen Herd im Kiefer?
Meist nicht, sagt Dr. Nischwitz. Am Anfang könne es wehtun, dann gewöhne sich der Körper daran und schalte die Schmerzrezeptoren herunter. Viele Befunde seien Zufallsdiagnosen im Röntgenbild. Bei Schwellung, Fieber oder anhaltenden Schmerzen im Kiefer gehört die Abklärung aus Sicht der Redaktion sofort in die Zahnarztpraxis.
Was ist FDOK oder NICO?
Dr. Nischwitz beschreibt damit chronisch entzündete, weiche Bereiche im Kieferknochen, die entstehen könnten, wenn nach einer Zahnentfernung kein fester Knochen nachwächst. Er bevorzugt den Begriff FDOK, weil NICO einen Nervenschmerz unterstellt, den die meisten Betroffenen gar nicht hätten. Dieses Krankheitsbild ist in der wissenschaftlichen Zahnmedizin nicht allgemein anerkannt.
Sollte man bei chronischen Schmerzen den Mund untersuchen lassen?
Dr. Nischwitz rät ausdrücklich davon ab, in Panik zu geraten. Wer chronisch krank sei, seine Ernährung, seinen Schlaf und andere Grundlagen aber bereits geordnet habe und trotzdem nicht fitter werde, könne den Mund als mögliche Quelle abklären lassen, etwa mit einem dreidimensionalen Röntgenbild. Ob ein Befund behandelt wird, entscheidet sich nur nach fachzahnärztlicher Beratung.
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