Das Knie schmerzt, also wird das Knie geröntgt. So läuft es fast immer. Doch beim Rheuma & Arthrose Online-Kongress lenkt ein Gesprächspartner den Blick deutlich weiter nach oben: in den Mund. Dr. Dominik Nischwitz, biologischer Zahnmediziner und Bestsellerautor, hält Metalle, wurzelbehandelte Zähne und schlecht verheilte Kieferbereiche für mögliche Dauerreize, die das Immunsystem beschäftigen und Gelenke mit in die Entzündung ziehen könnten. Sein Interview trägt den Titel „Wie Zähne und Kiefer deine Gelenke entzünden”. Dieser Artikel gibt das Gespräch mit O-Tönen und in indirekter Rede wieder. Vorweg: Diese Sicht ist in der Zahnmedizin umstritten. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.

Warum ein Zahnarzt über schmerzende Knie spricht

Sein Leitsatz seit Jahren: Gesund beginnt im Mund. Der Mund sei der Eingang in den Körper. Wer Gelenkschmerzen habe, suche die Ursache meist dort, wo es wehtut. Genau das hält er für den Denkfehler.

O-Ton aus dem Interview

Ich glaube, meistens denkt man immer, da, wo es wehtut, ist auch das Problem. Aber ich kann aus meiner Erfahrung sagen, das sind jetzt schon über zehn, fast fünfzehn Jahre: Da, wo das Symptom ist, ist so gut wie nie die Ursache.

Dr. Dominik NischwitzBiologischer Zahnmediziner, Bestsellerautor

Seine Kritik trifft zuerst den eigenen Berufsstand. Konventionelle Zahnmedizin sei ein Hightech-Handwerk mit engem Ziel: kauen können, keine Schmerzen, gutes Aussehen.

O-Ton aus dem Interview

Zähne werden nicht als Organe gesehen oder als Teile des Körpers, die woanders Probleme auslösen können. Es ist hartes Material, auf dem man kauen will.

Dr. Dominik Nischwitz

Bleibt die Frage, auf welchem Weg ein Zahn überhaupt ein Kniegelenk erreichen soll.

Der Nerv, der Mund und Gehirn verbindet

Die Antwort von Nischwitz ist anatomisch. Zähne seien eine Verlängerung des Gehirns, ähnlich wie die Augen. Ein großer Hirnnerv, der Nervus trigeminus, versorge Ober- und Unterkiefer und leite in beide Richtungen. Sitze an einem wurzelbehandelten Zahn eine Entzündung, verteilten sich Botenstoffe und Bakterien nach seiner Darstellung binnen 24 Stunden über Lymphe, Blut und Nervenbahn im ganzen Körper.

Dann die Physiologie: Das Immunsystem wehre Pilze, Viren und Bakterien ab und kommuniziere über Botenstoffe, die Zytokine. Eine Arthritis sei in diesem Bild der eigene Körper, der sich wehrt. Der Unterschied liege in der Dauer.

Nahaufnahme an einer Zahnwurzelspitze: Bakterien und Botenstoffe treten aus dem Spalt in ein Blutgefäß und eine Lymphbahn im Kieferknochen über
O-Ton aus dem Interview

Eine akute Infektion führt zu einer akuten Entzündung. Das brauchen wir auch, damit wir heilen. Das Problem ist: Bei einer Arthritis oder Arthrose ist es ein chronischer Prozess. Und dann ist es quasi jeden Tag ein bisschen, über zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre.

Portrait von Dr. Dominik NischwitzDr. Dominik Nischwitz

Wie solche leisen Dauerentzündungen die Gelenke belasten, beschreibt unser Artikel über chronische Entzündung und Inflammaging. Warum das Immunsystem ausgerechnet die Gelenke angreife, hält Nischwitz für eine Frage mit vielen Antworten: Genetik, Umwelt, Lebensstil. Und eine, die seiner Erfahrung nach kaum jemand auf dem Zettel hat.

Drei Störquellen, die er im Mund sucht

Nischwitz nennt drei Befunde, deren Wirkung auf den Körper aus seiner Sicht unterschätzt wird: Metalle im Mund, wurzelbehandelte Zähne, die er tote Zähne nennt, und nach Zahnentfernungen nicht verheilte Kieferbereiche, kurz FDOK oder NICO.

Zu den Metallen zählt er alte Amalgamfüllungen, die zur Hälfte aus Quecksilber bestünden, außerdem Edelmetallkronen und Titanimplantate. Wurzelbehandelte Zähne seien aus seiner Sicht abgestorbenes Gewebe, von dem Bakterien und Entzündungsmediatoren ausgehen könnten. Die Kieferherde beschreibt er als weichen, degenerierten Knochen, der nach dem Zahnziehen nicht verheilt sei und fast nie schmerze, weshalb Betroffene nichts merkten.

Drei Zahnpositionen im Kieferschnitt nebeneinander: Zahn mit Metallfüllung, wurzelbehandelter Zahn mit Entzündungsherd an der Wurzelspitze und Zahnlücke mit nicht verheiltem Kieferknochen

Drei Befunde, die Dr. Nischwitz als mögliche Störquellen im Mund beschreibt: Metall in der Füllung, ein wurzelbehandelter Zahn mit Herd an der Wurzelspitze und ein nach Zahnentfernung nicht verheilter Kieferbereich. Die Hochschulzahnmedizin teilt diese Deutung nicht allgemein.

Als Selbsttest schlägt er drei Fragen vor: Gab es je Metall beim Zahnarzt? Eine Wurzelbehandlung? Wurden Weisheitszähne entfernt? Wer eine davon mit Ja beantworte, habe nach seiner Lesart zumindest Potenzial für ein Störfeld. Er beruft sich zudem auf eine Aussage der WHO, wonach 70 Prozent der Ursachen chronischer Erkrankungen in der Mundhöhle lägen; die Redaktion konnte diese Zahl in dieser Form nicht nachprüfen.

Die Störfeld-These wird in der biologischen Zahnmedizin vertreten. Die Hochschulzahnmedizin teilt sie nicht allgemein und sieht fachgerecht wurzelbehandelte Zähne als erhaltenswert an. Ob ein Zahn entfernt, eine Füllung getauscht oder ein Kieferbereich operiert wird, entscheidet sich ausschließlich nach fachzahnärztlicher Abklärung des Einzelfalls. Nischwitz selbst warnt im Gespräch ausdrücklich davor, nach dem Interview zum Zahnarzt zu laufen und alles herausreißen zu lassen. Das nennt er Blödsinn. Es gehe zunächst darum, diese möglichen Störfelder überhaupt zu kennen.

Die 80 Prozent, die jeder selbst in der Hand hat

Der Mund ist für Nischwitz nur ein Teil. Den weit größeren Anteil, er spricht von 80 Prozent, sieht er im Alltag: Ernährung, Schlaf, Mikronährstoffe, Zeit in der Natur, tiefere Blutwerte. Sein Maßstab dabei:

O-Ton aus dem Interview

Die Gesundheit in der Medizin ist Abwesenheit von Krankheit. Minus drei ist eine Null. Und optimale Gesundheit ist eine Investition.

Dr. Dominik Nischwitz

Dahinter steckt seine eigene Geschichte. Vor 20 Jahren habe er selbst gesundheitliche Probleme gehabt, ohne Internet und ohne ganzheitliche Anlaufstellen, und sich Antworten mühsam zusammengesucht. Alles, was er heute aufbaue, solle Menschen in derselben Lage schneller helfen. Wie empfindlich sein Körper auf Ernährung reagiert, beschreibt er offen.

O-Ton aus dem Interview

Ich kriege sofort Schmerzen in meinen Gelenken, wenn ich nur ein falsches Fleisch erwische oder das mit falschem Öl angebraten wurde.

Dr. Dominik Nischwitz

Aufgefallen sei ihm das vor rund 15 Jahren in einem Restaurant, in dem mit billigem raffiniertem Öl gebraten wurde. Am nächsten Tag: steife Finger. Aus solchen Erfahrungen hat er vier Lebensmittelgruppen zusammengestellt, die er bei entzündeten Gelenken streicht: glutenhaltiges Getreide, Zucker, raffinierte Speiseöle und konventionelle Kuhmilch. Dazu rät er, in Nährstoffen zu denken, mit genug Protein, Vitamin D3, Magnesium und Vitamin K2. Er ist überzeugt, dass ein konsequenter Monat ohne diese vier Gruppen die Beschwerden vieler Betroffener spürbar senkt. Belegen kann er das im Gespräch nicht, wir geben es als seine Erfahrung wieder. Welche Ernährungsansätze bei Arthrose untersucht sind, fasst unser Artikel zu den Grundlagen der Arthrose-Ernährung zusammen.

Einen zweiten Hebel sieht er im Mikrobiom des Mundes. Die Bakterien dort passten sich innerhalb von 24 Stunden an ihr Futter an. Wer morgens Zucker esse, züchte die Sorten, die Löcher in Zähne bohren. Er verweist auf eine Freiburger Studie, in der eine Gruppe mit steinzeitähnlicher Ernährung ohne Zahnpflege weniger Zahnfleischentzündung entwickelt habe; Zahlen daraus nennt er nur grob, deshalb bleiben sie hier außen vor. Seine Schlussfolgerung ist steil.

O-Ton aus dem Interview

Ein gesunder Körper ist immun gegen Karies und gegen Zahnfleischentzündung und gegen Entzündung generell.

Dr. Dominik Nischwitz

Die Zahnmedizin beschreibt Karies als Zusammenspiel von Bakterien, Zucker, Zeit und Zahnsubstanz; Nischwitz verschiebt das Gewicht auf den Wirt und dessen Lebensweise. Wie eng Darmflora und Gelenke zusammenhängen könnten, beleuchtet unser Artikel zur Darm-Gelenk-Achse.

Säulendiagramm: Relatives Risiko bei Parodontitis für rheumatoide Arthritis 1,27, Osteoporose 1,40 und Diabetes 1,22 gegenüber Menschen ohne Parodontitis, mit Konfidenzintervallen

Zur Einordnung: Ob Zähne Gelenke entzünden, ist umstritten. Belegt ist ein statistischer Zusammenhang: Wer eine Parodontitis hat, erkrankt in Kohortenstudien etwas häufiger neu an rheumatoider Arthritis, Osteoporose und Diabetes. Ein Beweis für Ursache und Wirkung ist das nicht. Quelle: Larvin H et al. 2023, Community Dentistry and Oral Epidemiology (Meta-Analyse, PMID 36377800).

Zur Reihenfolge ist er eindeutig: erst Ernährung und Lebensstil ordnen, dann über mögliche Störfelder im Mund nachdenken, danach weitersehen. Eine Schwermetallausleitung vor der zahnärztlichen Abklärung hält er für riskant, sie könne Gelenkprobleme sogar verstärken. Seine Patienten bereite er vier bis acht Wochen vor, bevor operiert werde.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Der Mund ist aus Sicht von Dr. Nischwitz kein abgeschlossener Bauraum, sondern Teil eines Körpers, dessen Immunsystem auf Reize von dort reagiert. Sein Rat: den Mund als mögliche Quelle chronischer Entzündung mitdenken, gerade bei alten Metallfüllungen, wurzelbehandelten Zähnen oder entfernten Weisheitszähnen. Zuerst der Lebensstil, dann die Abklärung, nie umgekehrt.

Für die Redaktion bleibt: Die Störfeld-These ist umstritten, und kein Zahn wird auf Verdacht entfernt. Wer den Zusammenhang für sich prüfen möchte, spricht mit Zahnarztpraxis und behandelnder Rheumatologie oder Orthopädie darüber.

Dass Zahnwurzeln als mögliche Quelle stiller Entzündung auch außerhalb der Zahnmedizin diskutiert werden, zeigt der Orthopäde Dr. med. Ulrich Frohberger im Interview über ganzheitliche Orthopädie. Den anderen Eingang des Körpers, den Darm, nimmt Paul Seelhorst im Gespräch über Darm und Gelenke in den Blick.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche oder zahnärztliche Beratung. Die dargestellte Sicht auf wurzelbehandelte Zähne, Amalgam und Kieferherde ist in der Zahnmedizin umstritten. Entscheidungen über Zahnentfernungen, Füllungswechsel oder Eingriffe am Kiefer treffen Sie nur nach individueller fachzahnärztlicher Abklärung, Änderungen an Ernährung oder Therapie besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Häufige Fragen

Was haben Zähne laut Dr. Nischwitz mit Gelenkschmerzen zu tun?
Nach seiner Darstellung ist der Mund der Eingang des Körpers. Entzündungsbotenstoffe und Bakterien aus einem entzündeten Zahn könnten sich über Blut, Lymphe und den Nervus trigeminus im Körper verteilen und das Immunsystem dauerhaft reizen. Gelenke seien dabei ein häufiger Ort, an dem sich das zeige.
Welche Befunde im Mund hält Dr. Nischwitz für problematisch?
Er nennt drei Punkte: Metalle wie alte Amalgamfüllungen, wurzelbehandelte Zähne, die er als tote Zähne bezeichnet, und nach Zahnentfernungen nicht verheilte Kieferbereiche, die er FDOK oder NICO nennt. Diese Sicht wird in der wissenschaftlichen Zahnmedizin nicht allgemein geteilt.
Sollte man wurzelbehandelte Zähne bei Arthrose entfernen lassen?
Dr. Nischwitz selbst warnt im Gespräch davor, nach dem Interview alles herausreißen zu lassen. Ob ein Zahn erhalten oder entfernt wird, entscheidet sich nur nach individueller fachzahnärztlicher Abklärung. Der Artikel gibt seine Position wieder und empfiehlt keinen Eingriff.
Was ist FDOK oder NICO nach Dr. Nischwitz?
Er beschreibt damit Bereiche im Kieferknochen, die nach einer Zahnentfernung nicht sauber verheilt seien und in denen sich Bakterien, Pilze und Umweltgifte sammeln könnten. Betroffene spürten davon meist nichts. In der Hochschulzahnmedizin ist dieses Krankheitsbild umstritten.
Welche Ernährung empfiehlt Dr. Nischwitz bei entzündeten Gelenken?
Er streicht vier Gruppen: glutenhaltiges Getreide, Zucker, raffinierte Speiseöle und konventionelle Kuhmilch. Dazu rät er zu ausreichend Protein, Vitamin D3, Magnesium und Vitamin K2. Er gibt das als seine Erfahrung wieder, Belege nennt er im Gespräch nicht.
In welcher Reihenfolge geht Dr. Nischwitz vor?
Zuerst Vorbereitung über Ernährung und Lebensstil, dann die zahnärztliche Abklärung möglicher Störfelder, danach weitere Schritte. Eine Schwermetallausleitung vor der Behandlung der Quelle hält er für riskant, sie könne Beschwerden verstärken.
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