Rückenschmerzen, und der Rat kommt prompt: Rumpf kräftigen, gerade sitzen. Doch was, wenn die Haltung gar nicht auf Kommando hört? Beim Nacken- und Rückenschmerz Kongress vertrat Daniel Müller, Athletiktrainer, eine These, die viele Trainingspläne infrage stellt: Haltung sei ein Reflex, und einer seiner stärksten Taktgeber sitze in den Augen. Sein Gespräch trug den Titel „Visuelles Training bei Rückenschmerzen“; die Aufzeichnung ist im Kongress zu sehen.
Sehen ist zu 90 Prozent Gehirn
Was ist am Sehen eigentlich neurologisch? Müllers Antwort fällt knapp aus: fast alles.
Das Sehen ist 90 Prozent Gehirn und der Rest ist ein bisschen strukturell Augapfel, was wir nur marginal verändern können. Der Rest ist neurologisch. Und daher haben wir so viel Einfluss auf das Gehirn über das Auge.
Zwei Wege sieht er, auf denen die Augen auf den Körper wirken: die visuelle Verarbeitung, also wie gut jemand beide Augen auf ein Ziel zusammenführt, einem Objekt folgt oder den Blick springen lässt, und die Propriozeption der sechs äußeren Augenmuskeln, deren Signale dem Gehirn melden, wohin die Augen zeigen. Störungen auf beiden Wegen könnten nach seiner Beobachtung Stabilität, Beweglichkeit und Schmerzwahrnehmung verändern.
Auf das Thema kam Müller über manuelle Muskeltests. Dort habe er erste Klienten erlebt, bei denen die Vorbeuge nach einer Korrektur am Augenmuskel ohne die gewohnten Rückenschmerzen gelang. Das habe ihn so beschäftigt, dass er sein Promotionsthema wechselte. Solche Einzelfälle sind Praxisbeobachtungen, keine Studienergebnisse; Müller selbst räumt ein, dass die Forschung zu Augen und Rückenschmerz nicht eindeutig sei.
Ein Begriff braucht vorher Klärung: Haltung. Müller meint damit etwas anderes als gerades Sitzen.
Haltung: ein Reflex mit vier Taktgebern
Posturale Kontrolle, zu Deutsch Haltungskontrolle, ist für Müller das Verhalten des Körpers in Bewegung: beim Gehen, beim Laufen, im Sport. Den größten Teil regele das Gehirn automatisch: Signale sammeln, verrechnen, an die Haltemuskeln schicken. Bewusst aufrichten könne man sich zwar; die Grundarbeit laufe reflexiv, abhängig davon, was man sieht und ob es sich bewegt.
Woher kommen die Signale? Müller nennt vier Hauptquellen: Augen, Gleichgewichtsorgan im Innenohr, Kiefer und Fußsohle. Bei der Signalmenge liege das visuelle System vorn, bei der Bedeutung könne je nach Situation ein anderes wichtiger sein. Dieses Zusammenspiel erkläre, warum ein Augenproblem nicht zwangsläufig Beschwerden auslöse: Die anderen Systeme kompensierten. Blinde Menschen hätten keineswegs immer Haltungsprobleme oder Schmerzen.

Vier Taktgeber, ein Ausgang: Daniel Müller beschreibt, wie Augen, Innenohr, Kiefer und Fußsohle ihre Signale an Hirnstamm und Kleinhirn liefern, die daraus die Spannung der Rückenmuskeln regeln. Das visuelle System liefere die meisten Signale, die anderen könnten es aber kompensieren.
Wenn Haltung ein Reflex ist, was richtet dann Krafttraining aus? Müllers Antwort hängt vom Fall ab.
Warum Krafttraining eine Fehlsteuerung nicht überstimmt
Der naheliegende Gedanke: schwacher Rücken, also stärken. Müller widerspricht nicht grundsätzlich. Wer stundenlang vor dem Computer sitzt, brauche keine Augentherapie, sondern solle sich öfter aufrichten und die Haltung wechseln. Anders sehe es aus, wenn tatsächlich eine Störung im Zusammenspiel beider Augen vorliege.
Wenn ich ein tatsächliches Problem mit den Augen habe, zum Beispiel eine binokulare Störung, dann kann ich mich so viel aufrichten, wie ich will, und auch mit Krafttraining versuchen, dagegen zu arbeiten. Dann sind aber die reflexiven Zentren gestört. Mein Nervensystem geht aus Reflex wieder in eine einseitige Unter- oder Überspannung der Muskeln.
Der Grund liege in der Dosis: Eine Stunde Krafttraining dreimal pro Woche sei ein kleiner Reiz gegen einen Signalgeber, der jede wache Sekunde sendet. Ob die Augen an einer Haltung beteiligt sind, lasse sich mit einem Screening der Augenbewegungen abschätzen: keine Bildgebung, aber ein Feedback der Zentren, die die Augen steuern.
Ein Hinweis der Redaktion: Doppelbilder, plötzliche Sehstörungen oder anhaltender Schwindel gehören in augenärztliche oder neurologische Abklärung, nicht ins Training.
Wie eng Auge und Muskel verschaltet sind, zeigt Müller an einem Beispiel.
Wohin der Blick geht, folgt der Muskel
Die Augen führen die Bewegung an. Wenn ich zum Beispiel nach links schaue, dann werden in der Regel, wenn ich ein normal organisiertes neuronales System habe, meine linken Extensoren aktiviert und meine rechten Flexoren, damit ich mich entsprechend nach links drehen kann.
Nach oben schauen verstärke die Streckmuskeln, weil der Blick nach oben meist mit einer Streckung von Nacken und Wirbelsäule einhergehe. In einer Untersuchung, von der Müller berichtet, glaubten Probanden mit geschlossenen Augen, bewegt zu werden, sobald ein äußerer Augenmuskel elektrisch gereizt wurde. Ein einzelner Augenmuskel könne dem System also eine Drehrichtung vorgeben.
Ähnlich eng sei die Verbindung zu den Füßen: Wird die Fußsohle stimuliert, verändere sich die Augenbeweglichkeit, und umgekehrt. In einer Studie, die er zeigte, habe ein fünfminütiges Training von Blicksprüngen die Körperschwankung messbar verringert; deshalb werde visuelles Training auch für die Sturzprophylaxe diskutiert. Warum Stürze bei schwächeren Knochen so viel Gewicht haben, lesen Sie im Artikel über Ernährung und Bewegung bei Osteoporose.
Und ohne Kraftmessplatte? Müller schlägt einen Test vor, der nur ein Bein braucht.
Ein Selbsttest auf einem Bein
Einbeinstand. Erst mit ruhigem Blick nach vorn, dann mit dem Blick in sechs Richtungen: rechts oben, rechts Mitte, rechts unten, links oben, links Mitte, links unten. Wer das ausprobiere, merke nach Müllers Erfahrung schnell, dass er bei bestimmten Blickrichtungen deutlich wackeliger stehe als beim entspannten Blick geradeaus. Das zeige, auf welche Muster das System eingeschliffen sei und wo sich ein Trainingsreiz lohne. Wer zu Schwindel oder Stürzen neigt, macht das nur mit Halt in Reichweite.

Kein Mensch läuft rum und ist komplett still mit den Augen und bewegt die Augen nicht. Es gehört zum normalen physiologischen Mechanismus dazu, dass ich immer meine Umgebung abscanne oder das Objekt, was ich manipuliere, anschaue. Und wenn man jetzt anguckt, wie man im Gym trainiert, in den meisten Fällen hat man irgendwie den Blick steif oder man fokussiert gar nichts.
Solche Reize kombiniert Müller gern mit Barfußtraining, weil die Fußsohle in dicken Schuhen kaum Rückmeldung vom Boden bekomme; reflexives Stabilisieren würde er immer barfuß üben. Wie weit Barfußlaufen bei Rückenbeschwerden trägt, diskutiert Per-Olof Wassen in seinem Kongress-Interview über Barfußlaufen.
Wann die Augen bei Rückenschmerzen ins Spiel kommen
Bleibt die Frage, die dem Gespräch den Titel gab. Machen Sehstörungen Rückenschmerzen? Müller bremst.
Ich würde nicht so weit gehen, dass ich sagen würde, visuelle Störungen machen immer Rückenschmerzen. Auf keinen Fall, weil Rückenschmerzen erstens viel komplexer sind, als dass sie nur die Bewegungssteuerung einbeziehen. Wir haben ja auch noch viele psychosoziale Faktoren. Wir haben biomechanische Faktoren, die mit reinspielen.
Aus seiner Praxis berichtet er dennoch von einem Muster: Bessern sich einseitige Kraft- oder Ansteuerungsdefizite mit sauber aufgebautem Krafttraining nicht oder nur bis zu einem Punkt, finde er fast immer Auffälligkeiten im visuellen System. Seine Reihenfolge für Betroffene: zuerst gründlich trainieren, Rumpf und Rücken kräftigen, Kreuzheben, Kniebeugen, einbeinige Übungen, barfuß gehen; dazu Schlaf, Zufriedenheit und bei Beschwerden den Darm prüfen lassen. Erst wenn der Fortschritt ausbleibe, kämen die visuellen Fähigkeiten an die Reihe. Wie strukturiertes Krafttraining für Ältere aussehen kann, zeigt unser Artikel über Krafttraining bei Osteoporose.

Zur Einordnung: In einer Befragung des Robert Koch-Instituts gaben 66,0 Prozent der Frauen und 56,4 Prozent der Männer an, in den vergangenen zwölf Monaten Rückenschmerzen gehabt zu haben. Quelle: von der Lippe E et al. 2021, Journal of Health Monitoring 6(S3), Robert Koch-Institut, Studie BURDEN 2020.
Ob visuelle Übungen bei einer Person etwas verändern, zeige sich nach Müllers Erfahrung meist schon in einer Sitzung; bleibe der Effekt aus, brauche man sie nicht. Von „Zirkus-Training“ mit immer verrückteren Übungen hält er wenig.
Wenn man jetzt einen Plank hält, kann man eine Blickfixation üben gleichzeitig, also einfach einen scharfen Punkt fixieren. Das hört sich erst mal simpel und vielleicht auch ein bisschen zu wenig an. Aber allein die Aufmerksamkeit und das Probieren, diesen scharfen Fixationspunkt eben auch scharf zu halten, das ist schon enorm anspruchsvoll neuronal.
Weitere Beispiele: bei einer Rotationsübung den eigenen Daumen mit den Augen verfolgen, bei Liegestützen einen festen Punkt anvisieren. Aus Sicht der Redaktion gehört dazu: Wer einen Bandscheibenvorfall, ausstrahlende Schmerzen oder Taubheit hat, plant Kreuzheben, Kniebeugen oder Planks mit Arzt oder Physiotherapeut. Rückenschmerzen mit Lähmungen, Fieber, Blasen- oder Darmstörungen oder ungewolltem Gewichtsverlust brauchen sofort ärztliche Abklärung.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Daniel Müller verschiebt den Blick, im Wortsinn. Haltung ist für ihn kein Vorsatz, sondern ein Reflex, den Augen, Innenohr, Kiefer und Fußsohlen gemeinsam steuern. Wer trotz sauberem Training nicht weiterkomme, solle die Augen als Mitspieler prüfen lassen, nicht als Schuldigen. Seine Werkzeuge: Einbeinstand mit wechselnder Blickrichtung, Barfußtraining, ein Fixpunkt beim Plank. Der Unterbau aus Posturologie und funktioneller Neurologie ist, das sagt er selbst, für den Rückenschmerz nicht eindeutig belegt. Wie visuelle Defizite mit Nackenbeschwerden und Schwindel zusammenhängen können, beschreibt Magen Peshkepia im Interview über HWS-Schmerzen, visuelle Defizite und Schwindel aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Daniel Müller ist Athletiktrainer und Sportwissenschaftler, kein Arzt. Rückenschmerzen mit Warnzeichen wie Lähmungen, Taubheit, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust gehören sofort in ärztliche Abklärung; Übungen bei Bandscheibenvorfall oder nach Verletzungen werden mit Arzt oder Physiotherapeut abgestimmt, verordnete Behandlungen nie ohne Rücksprache verändert.
Häufige Fragen
Was hat Sehen mit Haltung und Rücken zu tun?
Kann ich eine schlechte Haltung einfach wegtrainieren?
Wie hängen Blickrichtung und Muskelspannung zusammen?
Gibt es einen Selbsttest, ob die Augen an meiner Stabilität beteiligt sind?
Wann ist visuelles Training bei Rückenschmerzen aus Müllers Sicht sinnvoll?
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