Ein Schmerz, der seit Jahren da ist, warnt vor nichts mehr. Er meldet keine frische Verletzung, er rettet niemanden. Doch weg geht er trotzdem nicht. Beim Schmerzkongress sprach Dr. Folker Meissner, Arzt, Ganzheits- und Energiemediziner und Autor, über genau diesen Widerspruch. Seine These: Wer chronische Schmerzen nur bekämpft, ohne zu fragen, warum sie immer noch da sind, verfährt sich in der Therapie. Das Gespräch trug den Titel „Chronische Schmerzen und Selbstheilung. Passt das zusammen?“; die vollständige Aufzeichnung sehen Sie kostenlos im Kongress.

Ein Alarm, der niemanden mehr rettet

Was unterscheidet den Schmerz einer frischen Verbrennung von dem Schmerz, der nach Jahren noch da ist? Für Meissner ist das die erste Frage überhaupt.

O-Ton aus dem Interview

Wenn eine Brandwunde schmerzt, dann ist das normal, solange sie akut ist. Wenn sie nach zwei Jahren immer noch schmerzt, ist es nicht mehr normal.

Dr. Folker MeissnerArzt, Ganzheits- und Energiemediziner und Autor

Der akute Schmerz sei ein Schrei nach Hilfe. Der chronische habe diese Aufgabe verloren, sagt Meissner, er weise auf nichts mehr hin, das sofort gerettet werden müsse. Manchmal stecke eine Vernarbung dahinter. Oft aber, so seine Deutung, wolle der Schmerz auf etwas aufmerksam machen, das im Lebensrhythmus nicht passe. Das ist seine Sicht als Ganzheitsmediziner; die Schmerzmedizin erklärt die Verselbstständigung eher über Veränderungen im Nervensystem, das Schmerzgedächtnis.

Wie sehr ein Dauerschmerz das ganze Leben umbaut, zeigt eine große europäische Befragung.

Balkendiagramm: 61 Prozent der Menschen mit chronischen Schmerzen sind außer Haus weniger oder gar nicht mehr arbeitsfähig, 59 Prozent haben seit 2 bis 15 Jahren Schmerzen, 46 Prozent ständig, 21 Prozent erhielten wegen der Schmerzen eine Depressionsdiagnose, 19 Prozent verloren den Arbeitsplatz

Zur Einordnung: In Vertiefungsinterviews mit 4.839 Erwachsenen mit chronischen Schmerzen aus 15 europäischen Ländern und Israel hatten 59 Prozent seit 2 bis 15 Jahren Schmerzen, 46 Prozent ständig. 61 Prozent konnten außer Haus weniger oder gar nicht mehr arbeiten, 21 Prozent hatten wegen der Schmerzen eine Depressionsdiagnose erhalten, 19 Prozent den Arbeitsplatz verloren. Nur 2 Prozent waren bei einem Schmerzspezialisten in Behandlung. Quelle: Breivik H et al. 2006, Eur J Pain 10(4):287-333, PMID 16095934.

Die übliche Schmerztherapie beschreibt Meissner als Dauerdosis plus Kappen der Spitzen. Funktional gut gemacht, sagt er, aber am Begriff der Heilung vorbei, weil man beim Symptom bleibe. Ein Hinweis der Redaktion: Verordnete Schmerzmittel setzt niemand eigenmächtig ab, jede Änderung gehört in ärztliche Rücksprache. Meissners Kritik zielt auf die fehlende Ursachensuche, nicht auf das Medikament.

Wo aber sucht man, wenn die schmerzende Stelle nicht die Antwort ist? Meissner blättert zurück. Weit zurück.

Die Weiche liegt oft Jahre zurück

Wer bei Meissner einen Termin macht, bekommt vorab ein Päckchen: einen Anamnesebogen und die Bitte, eine Lebenslinie zu zeichnen. Krankheiten, aber ebenso Umzüge, Trennungen, Verluste. In diesem Lebenskalender sucht er die Stelle, an der der Weg zum Schmerz abgebogen ist.

O-Ton aus dem Interview

Manchmal liegen die Ursachen 10, 15, 20 Jahre zurück. Der Schmerz ist noch nicht so alt, aber die Ursache des Schmerzes ist schon so alt.

Dr. Folker Meissner

Schema eines Lebensweges als Gleis, das sich an einer Weiche teilt: ein Strang führt über sich wiederholende Schleifen zu einer gekrümmten Figur mit terrakottafarben markiertem Rücken, der andere gerade zu einer aufrechten Figur

Die Weiche im Lebenslauf: Dr. Folker Meissner beschreibt einen Zeitpunkt, an dem sich bei chronischen Schmerzen etwas gebahnt hat, und sucht in der Vorgeschichte genau diese Stelle, statt nur an der schmerzenden Region zu arbeiten.

Sein Bild dafür ist die Weiche. Irgendwann sei ein Schalter umgelegt worden, der seither eine falsche Richtung vorgebe. Je stärker der Schmerz, desto schwerer werde es, diesen Weg zu verlassen. Wer nur repariere, habe ein Strohfeuer, vergleichbar einem Dispo, der ausgeglichen wird, ohne dass jemand gelernt hat, mit Geld umzugehen.

Und was findet er dort hinten? Erstaunlich oft dasselbe.

Was viele Schmerzpatienten miteinander teilen

Der erste Klassiker, so Meissner: Betroffene wissen nichts von ihrer Blockade. Wäre sie ihnen bewusst, hätten sie längst etwas unternommen. Also gehe es zuerst darum, sichtbar zu machen, was im Untergrund lief. Dafür nutzt er einen kinesiologischen Test, bei dem der Patient einen belastenden Satz ausspricht und mit dem ganzen Körper reagiert; er nennt das „Schubsen“. Die Redaktion ordnet ein: Muskeltests der angewandten Kinesiologie gelten in der wissenschaftlichen Medizin als nicht validiert.

Die Themen, die dabei auftauchten, ähnelten sich: das Gefühl, nicht gut genug zu sein, gegenüber Vater, Mutter oder sich selbst. Ein Mangel an Selbstliebe, den er für fast abtrainiert hält, weil Selbstfürsorge schnell als Egoismus gelte. Menschen sollten sich in allen Umständen lieben und achten dürfen, sagt er, egal, was andere davon halten.

Dann ist da die Aschenputtel-Rolle: Kinder, die früh Verantwortung übernehmen mussten, weil ein Elternteil krank wurde. Meissner vergleicht sie mit einer Matroschka, in der eine Puppe fehlt. Von außen sehe alles gut aus, beim Anklopfen klinge es hohl. Nachreifen könne man auch mit 40 oder 50 noch. Eines nimmt er dabei vorweg:

O-Ton aus dem Interview

An diesem Lebensverlauf ist keiner schuld. Es sind einfach Sachen passiert, es mussten Entscheidungen getroffen werden. Wenn ich es vorher gewusst hätte, dann hätte ich es anders gemacht. Aber Konjunktiv in der Vergangenheit hat noch nie gewirkt.

Dr. Folker Meissner

Der Rahmen, in dem Meissner all das denkt, heißt bei ihm Informations- und Energiemedizin: Der Körper arbeite mit Informationen, die Biochemie sei nur deren Auswirkung. Dieses Konzept ist wissenschaftlich nicht belegt; sein praktischer Rat hängt davon allerdings nicht ab. Wie Emotionen und Schmerz aus anderer ärztlicher Perspektive zusammenhängen, erklärt Dr. Franz Sperlich im Interview über gesunde Emotionen und Schmerz aus demselben Kongress.

Coach statt Guru

Vielleicht erwarten Sie an dieser Stelle ein Therapieprogramm. Meissner liefert lieber Impulse. Man reiße nicht das ganze Fass auf, sondern nehme, was sich zuerst anbiete, damit der Patient den Erfolg spürt.

O-Ton aus dem Interview

Ich bezeichne mich gerne als Coach, weil ich Tipps gebe und nicht Lösungen verkaufe. Tipps, wie man das Handwerkszeug, das man eh hat, vielleicht besser einsetzt, um das Problem selber zu lösen.

Dr. Folker Meissner

Dann folgt der Gedanke, den man von einem Schmerzmediziner am wenigsten erwartet: Der Schmerz sei häufig gar nicht das eigentliche Problem. Dahinter fänden sich Konflikte in Beziehung, Finanzen oder Beruf, ähnlich gebaut wie der Konflikt im Körper. Wer den einen löse, lerne dabei, den anderen zu lösen.

O-Ton aus dem Interview

Gesundheit ist das eine, oder Schmerzfreiheit. Glück ist das Ziel. Ein glücklicher Mensch macht sich um seine Gesundheit keine Gedanken. Warum denn nicht mit Glück arbeiten?

Dr. Folker Meissner

Das sind Erfahrungsberichte, keine Studien. Wie Körper, Psyche und Umfeld im heutigen Schmerzverständnis zusammenspielen, erklärt Felix Kade im Interview zum Bio-Psycho-Sozial-Modell; welche Bausteine eine Behandlung kombinieren kann, zeigt unser Überblick zur Arthrose-Behandlung.

Teller, Wald und ein Wagen auf dem Bock

Meissner arbeitet auch am Teller. Bei rheumatischen Beschwerdebildern schlage er Patienten vor, drei bis vier Wochen rein pflanzenbasiert zu essen: Fleisch und Milchprodukte schrittweise raus, aber kein Umstieg auf Getreide. Viele berichteten ihm danach von weniger Schmerzen. Zu Zucker gibt er eine Liste mit rund 60 Namen mit, unter denen er sich auf Zutatenlisten versteckt: eine Woche ohne zugesetzten Zucker, als Angebot, nie als Verbot. Was die Forschung zu Ernährung bei Gelenkbeschwerden sagt, lesen Sie in unserem Artikel über Ernährung bei Arthrose.

Bei Entgiftung und Heilfasten bremst er selbst: Wer zu schnell vorgehe oder zu wenig Nährstoffe habe, könne Schaden anrichten, das müsse abgesprochen sein. Die Redaktion unterstreicht das: Fasten, Ernährungsumstellungen unter Medikamenten und jede Form von „Entgiftung“ gehören in ärztliche Begleitung. Schmerzen mit Warnzeichen wie Lähmungen, Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust oder Brustschmerz werden zuerst ärztlich abgeklärt.

Der einfachste Rat aus dem Gespräch ist zugleich der schwerste: nichts tun. Meissner empfiehlt eine Kohärenzübung von sieben Minuten, in der man nur sitzt und den Körper atmen lässt. Sein Bild dafür: ein alter Diaprojektor, leeres Dia rein, durchschieben, Müll raus. Warum das so schwerfällt, erklärt er mit einem Auto.

Wissenschaftliche Grafikfigur sitzt ruhig atmend mit durchscheinender Wirbelsäule und einem terrakottafarbenen Punkt im unteren Rücken vor gestaffelten Baumsilhouetten
O-Ton aus dem Interview

Ein Beispiel ist immer so ein Auto, bei dem die Reifen gewechselt werden. Das steht auf dem Bock und hat kein schlechtes Gewissen, dass es auf dem Bock steht, weil die Reifen gewechselt werden. Wir müssen auch mal auf dem Bock Reifen wechseln. Nichts tun und einfach mal reparieren lassen.

Dr. Folker Meissner

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Dr. Folker Meissner dreht die Blickrichtung. Statt zu fragen, wie ein Schmerz weggeht, fragt er, warum er immer noch da ist. Seine Antwort: Der chronische Schmerz warnt nicht mehr, er verweist. Auf eine Weiche im Lebenslauf, auf alte Rollen, auf fehlende Selbstliebe. Wie viel davon Medizin und wie viel Weltanschauung ist, muss jede Leserin und jeder Leser selbst gewichten; Energiemedizin und kinesiologische Tests haben keine belastbare Studienbasis.

Sein Handwerkszeug ist unspektakulär: die Lebenslinie aufschreiben, den Konjunktiv der Vergangenheit stehen lassen, kleine Erfolge zuerst, eine Ernährungsphase als Angebot, sieben Minuten am Tag nichts tun. Und die Verantwortung für die eigene Gesundheit nicht abgeben, auch nicht an ihn. Wie René Gräber chronische Schmerzen ganzheitlich betrachtet, lesen Sie im Interview über die ganzheitliche Betrachtung chronischer Schmerzen aus demselben Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Energiemedizinische Konzepte und kinesiologische Tests sind wissenschaftlich nicht belegt. Verordnete Schmerzmittel werden nie ohne ärztliche Rücksprache verändert; Fasten, Entgiftungskuren und Ernährungsumstellungen bei chronischen Erkrankungen gehören in ärztliche Begleitung.

Häufige Fragen

Warum sagt Dr. Meissner, chronischer Schmerz habe seine Aufgabe verloren?
Ein akuter Schmerz weise laut Meissner auf etwas hin, das sofort versorgt werden müsse, etwa eine Brandwunde. Schmerze dieselbe Stelle nach zwei Jahren noch, warne der Schmerz vor nichts mehr. Dann müsse man fragen, warum er sich einnisten konnte, statt ihn nur zu bekämpfen.
Was meint er mit der Weiche im Lebenslauf?
Meissner lässt Patienten vor der ersten Sitzung eine Lebenslinie aufschreiben, mit Krankheiten, Umzügen und Trennungen. Darin sucht er den Zeitpunkt, an dem sich der Weg zum Schmerz gebahnt hat. Die Ursache liege nach seiner Erfahrung oft 10, 15 oder 20 Jahre zurück, der Schmerz selbst sei deutlich jünger.
Welche Rolle spielen Emotionen bei chronischen Schmerzen aus seiner Sicht?
Nach Meissners Beobachtung stecke bei einem großen Teil seiner Schmerzpatienten eine emotionale Blockade dahinter, die ihnen nicht bewusst sei: das Gefühl, nicht gut genug zu sein, fehlende Selbstliebe, früh übernommene Verantwortung. Er betont zugleich, dass das nicht bei allen so sei. Die Redaktion ergänzt: Seelische Faktoren sind Teil des heutigen Schmerzverständnisses, Meissners Methoden wie kinesiologische Tests sind wissenschaftlich nicht validiert.
Rät er dazu, Schmerzmittel abzusetzen?
Nein. Meissner kritisiert, dass eine reine Dauertherapie des Symptoms an der Heilung vorbeigehe, spricht sich im Gespräch aber nicht für das Absetzen von Medikamenten aus. Die Redaktion weist darauf hin, dass verordnete Schmerzmittel nur in ärztlicher Rücksprache verändert werden.
Was empfiehlt Dr. Meissner praktisch?
Bei rheumatischen Beschwerden schlage er eine drei- bis vierwöchige rein pflanzenbasierte Ernährungsphase als Angebot vor, dazu eine Woche ohne zugesetzten Zucker. Vor zu schneller Entgiftung oder unbegleitetem Heilfasten warne er ausdrücklich. Sein einfachster Rat: sieben Minuten am Tag nichts tun und den Körper atmen lassen.
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