Die Runde um den See wird kürzer, die Treppe länger. Ab fünfzig schieben das viele auf das Alter. Doch Dr. Martin Krowicki setzt woanders an: bei der Energieproduktion in der Zelle. Beim Heilpilz Kongress sprach er über Cordyceps, den Raupenpilz aus dem asiatischen Hochland und den Vitalpilz, den er nach eigenen Worten am liebsten einsetzt. Das Gespräch trägt den Titel „Pilzpower: Leistungssteigerung durch Cordyceps“ und ist in der Kongress-Aufzeichnung vollständig zu sehen. Dieser Artikel gibt seine Sicht wieder und ordnet ein, was die Studienlage hergibt.

Ein Pilz aus dem Hochland, gezüchtet im Bioreaktor

Woher der Name Raupenpilz? Krowicki erzählt es als Geschichte für die nächste Geburtstagsfeier. Im Hochland von Tibet und China befalle der Pilz Schmetterlingsraupen und wachse aus ihnen heraus. Hirten hätten beobachtet, dass Yaks, die ihn fraßen, leistungsfähiger wurden; so sei er in die traditionelle chinesische Medizin gekommen, zu hohen Preisen. Diese Zeit sei vorbei.

O-Ton aus dem Interview

Heutzutage sprechen wir nicht mehr über Cordyceps, der aus Raupen gewonnen wird. Wir können ihn jetzt züchten in Bioreaktoren. Er ist auch deutlich preiswerter, aber genauso potent von den Inhaltsstoffen.

Dr. Martin KrowickiSportwissenschaftler, Mikronährstoffberater, Gesundheitscoach und Autor

Gezüchtet werde er auf einem Nährmedium, ohne Raupe, also auch vegan. Der Fruchtkörper lasse sich pulverisieren. Nur: Die meisten Studien arbeiteten mit einem Extrakt, in dem die Inhaltsstoffe konzentriert und nach seiner Darstellung besser verfügbar seien. Wer Pulver nehme, dürfe nicht dieselben Effekte erwarten.

Was aber soll in diesem Pilz stecken, das Muskeln munter macht?

Der Energieknopf: Cordycepin und die Sache mit dem ATP

Beta-Glucane enthalte Cordyceps wie fast jeder Vitalpilz, wenn auch weniger als der Reishi. Dazu Ergosterol, Cordycepinsäure und den Stoff, der Krowicki am meisten interessiert: Cordycepin, chemisch ein Abkömmling des Adenosins. Adenosin brauche der Körper, um seinen Energiestoffwechsel hochzufahren. Über diese Ähnlichkeit erklärt er sich, warum Cordyceps aus seiner Sicht so vieles gleichzeitig anschiebt, von Ausdauer bis Konzentration. All das koste ATP, den Energieträger der Zelle.

O-Ton aus dem Interview

Und das ist doch schön, wenn wir jetzt einen Cordyceps-Extrakt zum Beispiel haben, was diesen Knopf anschalten kann, den Energieknopf, ganz platt formuliert.

Dr. Martin Krowicki

Schema in drei Stufen: das Molekül Cordycepin neben dem ähnlich gebauten Adenosin, ein Mitochondrium im Längsschnitt und eine Muskelfaser, verbunden durch Pfeile und einen Strom von Energieträger-Symbolen

Der Energieknopf, wie Dr. Martin Krowicki ihn beschreibt: Cordycepin ähnelt dem Adenosin, das der Körper für seinen Energiestoffwechsel braucht. Über diesen Weg soll der Pilz die Kraftwerke der Zelle, die Mitochondrien, zu mehr ATP anregen, das dann Muskeln, Herz und Gehirn versorgt.

Er nennt eine Zahl: bis zu 15 Prozent mehr ATP-Produktion, wie ein Auto, das plötzlich 15 Prozent schneller beschleunige. Eine Quelle dafür nennt er im Gespräch nicht, die Redaktion konnte den Wert nicht prüfen; die Erklärung über Adenosin und Mitochondrien stammt bislang vor allem aus Zell- und Tierstudien. Welche Wirkstoffe Heilpilze generell mitbringen, erläutert der Biologe Philip Rebensburg im Interview über die Chemie der Pilze.

Ob aus mehr ATP im Reagenzglas mehr Luft beim Treppensteigen wird, ist eine andere Frage. Krowicki hat dafür eine Studie mitgebracht.

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Sechs Wochen, ein Messwert: die maximale Sauerstoffaufnahme

Sie untersuchte nach seiner Schilderung ältere, gesunde Menschen, die den Extrakt Cs-4 bekamen und sonst nichts änderten. Gemessen wurde ein Wert, den Leistungssportler gut kennen.

Wissenschaftliche Grafikfigur im Laufschritt mit durchscheinendem Skelett, angedeuteter Lunge und terrakottafarben markiertem Herz vor gestaffelten Bergkämmen
O-Ton aus dem Interview

Man hat geschaut, was passiert mit der maximalen Sauerstoffaufnahme. Das ist ein Wert, den viele Leistungssportler kennen. Aber auch für Normalgesunde ist das ein wichtiger Wert für die Herz-Kreislauf-Gesundheit.

Dr. Martin Krowicki

Schon nach sechs Wochen sei die maximale Sauerstoffaufnahme signifikant gestiegen, dazu die Ermüdungsresistenz, berichtet er. Die naheliegende Lesart: Pilz rein, mehr Sauerstoff, mehr Leistung. Die Redaktion hat nach der Arbeit gesucht; am besten passt eine doppelblinde Pilotstudie der University of California mit 20 gesunden Erwachsenen zwischen 50 und 75 Jahren über zwölf Wochen.

Ihr Ergebnis ist differenzierter. Die Schwellen, ab denen Laktat ansteigt und die Atmung kippt, lagen in der Cordyceps-Gruppe danach höher. Die maximale Sauerstoffaufnahme veränderte sich in keiner Gruppe. Und bei 22 trainierten Radsportlern fand eine andere Arbeitsgruppe nach fünf Wochen Cs-4 weder bei der Sauerstoffaufnahme noch im Zeitfahren einen Unterschied zu Placebo.

Säulendiagramm: Sauerstoffaufnahme an der Laktatschwelle vor und nach zwölf Wochen Cs-4 0,83 und 0,93 Liter je Minute, an der Atemschwelle 1,25 und 1,36 Liter je Minute, maximale Sauerstoffaufnahme unverändert

Zur Einordnung: In einer doppelblinden, placebokontrollierten Pilotstudie mit 20 gesunden Erwachsenen zwischen 50 und 75 Jahren stieg nach zwölf Wochen mit dem fermentierten Cordyceps-Extrakt Cs-4 (dreimal täglich 333 Milligramm) die Sauerstoffaufnahme an der Laktatschwelle von 0,83 auf 0,93 Liter je Minute (plus 10,5 Prozent) und an der Atemschwelle von 1,25 auf 1,36 Liter je Minute (plus 8,5 Prozent). Die maximale Sauerstoffaufnahme blieb in beiden Gruppen unverändert. Quelle: Chen S et al. 2010, Journal of Alternative and Complementary Medicine 16(5):585-90, PMID 20804368.

Für den Alltag heißt das: Ein moderater Effekt auf die Belastbarkeit älterer Untrainierter ist denkbar, ein Ausdauersprung nicht belegt. Krowicki selbst sieht den Pilz ohnehin nicht nur beim Sport.

Adaptogen: Was Krowicki bei der Schilddrüse beobachtet

Cordyceps sei ein Adaptogen, ein Stoff, der dem Körper helfe, sich an Belastungen anzupassen. Am deutlichsten werde das für ihn an der Schilddrüse. Bei einer Unterfunktion lasse die Leistungsfähigkeit oft nach; hier könne ein Pilz, der die Energieproduktion anrege, willkommen sein. Spannender findet er den umgekehrten Fall: Bei Morbus Basedow, einer Autoimmunerkrankung mit Überfunktion, sehe er nicht, dass Cordyceps die Überfunktion verstärke.

O-Ton aus dem Interview

Es gibt dem Körper das, was er irgendwie gerade auch braucht, dieses Ausbalancieren.

Dr. Martin Krowicki

Als Beleg führt er eine Studie mit 44 Hashimoto- und Basedow-Patienten an: Eine Gruppe habe die üblichen Medikamente erhalten, eine andere Cordyceps-Kapseln; danach habe sich das Verhältnis von Helfer- zu Killerzellen gebessert, die Antikörperwerte seien gesunken. Die Redaktion konnte diese Arbeit nicht identifizieren; eine Studie dieser Größe wäre ohnehin kein Nachweis.

Ein klarer Satz der Redaktion: Hashimoto, Morbus Basedow und jede Über- oder Unterfunktion gehören in ärztliche Behandlung. Verordnete Schilddrüsenhormone oder Thyreostatika werden nie ohne Rücksprache verändert, auch nicht, weil ein Pilzextrakt Energie verspricht. Wie ein Biochemiker den Begriff Adaptogen am Beispiel Reishi erklärt, lesen Sie im Interview mit Martin Auerswald über Reishi.

Zu viel Energie? Eine Steuerberaterprüfung als Lehrstück

Kann man einen so aktivierenden Pilz überdosieren? Krowicki antwortet mit einer Geschichte aus dem eigenen Haushalt. Seine Partnerin nahm Cordyceps in der Vorbereitung auf die Steuerberaterprüfung, weil sie Energie brauchte. Sie bekam sie: ständige Spaziergänge in einem Tempo, bei dem er selbst ins Schnaufen kam, und in kurzer Zeit deutlich weniger Gewicht, weil sie den Verbrauch nicht mit Kalorien ausglich.

O-Ton aus dem Interview

Da muss man dann einfach wachsam sein. Das ist nichts, was weiter schlimm ist. Das ist einfach nur eine praktische Beobachtung, wo jeder einfach mal merken darf.

Dr. Martin Krowicki

Seine Konsequenz: mehr essen oder die Menge senken. Die Moderatorin fand den Effekt eher verlockend für Menschen mit Übergewicht. Die Redaktion hält dagegen: Ungewollter, rascher Gewichtsverlust ist ein Warnzeichen und gehört ärztlich abgeklärt, egal welches Präparat im Schrank steht. Wer Gewicht verlieren will, findet im Artikel über Abnehmen bei Arthrose Strategien ohne Stoffwechselbeschleuniger.

Und wie fängt man an, wenn man es trotzdem probieren möchte?

Extrakt, acht Wochen Geduld und ein Blick aufs Etikett

Cordyceps sei gut untersucht, man könne es ausprobieren, sagt Krowicki. Im Durchschnitt spürten viele nach etwa sieben Tagen etwas, manche nach ein bis zwei Tagen. Trotzdem gebe er einem Adaptogen vier bis acht Wochen, weil Menschen verschieden reagierten. Als Form nennt er Extrakt in Kapseln, dosiert nach Herstellerangabe. Entscheidend sei die Herkunft: Anbieter, die auf Schwermetalle prüfen lassen und nichts strecken. Nach der Zukunft der Heilpilze gefragt, landet er beim selben Punkt.

O-Ton aus dem Interview

Ich denke, der größte Wachstumsbereich ist gerade auch das Thema Hersteller, die Transparenz der Hersteller weiter zu fördern. Nicht jeder Hersteller gibt alles preis. Und da darf noch viel passieren.

Dr. Martin Krowicki

Aus Sicht der Redaktion gehört dazu: Nahrungsergänzung mit Pilzextrakten wird bei Erkrankungen, Medikamenteneinnahme, Schwangerschaft oder Stillzeit vorher ärztlich besprochen. Wie die Redaktion Nahrungsergänzung bewertet, steht im Überblick zu Supplementen bei Arthrose. Die Basis für Ausdauer im Alter bleibt Bewegung selbst; was Training für Knochen und Muskeln leistet, zeigt der Artikel zu Ernährung und Bewegung bei Osteoporose.

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Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Dr. Martin Krowicki erzählt den Cordyceps als Energiegeschichte: ein Pilz, der einst aus Raupen wuchs und heute aus dem Bioreaktor kommt, dessen Cordycepin dem Adenosin ähnelt und deshalb die Kraftwerke der Zelle anschieben soll. Für ihn der Vitalpilz erster Wahl, bei Sportlern, Erschöpften, Schilddrüsenpatienten.

Die Studienlage ist schmaler als der Vortrag: Bei älteren Untrainierten stiegen in einer kleinen Studie die Belastungsschwellen, nicht die maximale Sauerstoffaufnahme; bei trainierten Radsportlern passierte nichts. Was bleibt, ist Krowickis Handwerk: Extrakt statt Pulver, vier bis acht Wochen Geduld, geprüfte Herkunft, Wachsamkeit, wenn der Körper anders reagiert als erwartet. Wer Medikamente nimmt oder eine Schilddrüsenerkrankung hat, bespricht den Versuch vorher ärztlich.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Dr. Martin Krowicki ist kein Arzt. Nahrungsergänzung mit Pilzextrakten gehört bei Erkrankungen, Medikamenteneinnahme, Schwangerschaft oder Stillzeit in ärztliche Rücksprache; verordnete Medikamente, insbesondere Schilddrüsenhormone, werden nie ohne Rücksprache verändert. Bei anhaltender Erschöpfung, Herzrasen, Atemnot oder ungewolltem Gewichtsverlust lassen Sie die Ursache ärztlich abklären.

Häufige Fragen

Was ist Cordyceps und warum heißt er Raupenpilz?
Laut Dr. Martin Krowicki befällt der Pilz im Hochland von Tibet und China Schmetterlingsraupen und wächst aus ihnen heraus. Hirten hätten bei Yaks, die den Pilz fraßen, mehr Leistungsfähigkeit beobachtet, so sei er in die traditionelle chinesische Medizin gekommen. Heute werde Cordyceps in Bioreaktoren gezüchtet, ohne Raupe und deutlich preiswerter.
Wie soll Cordyceps nach Krowickis Darstellung die Energie steigern?
Er verweist auf den Inhaltsstoff Cordycepin, der dem Adenosin chemisch ähnele. Adenosin brauche der Körper, um den Energiestoffwechsel hochzufahren; darüber solle Cordyceps die Produktion des Energieträgers ATP anschieben. Die Redaktion merkt an, dass diese Erklärung überwiegend aus Zell- und Tierstudien stammt.
Gibt es Studien zu Cordyceps und Ausdauer?
Krowicki nennt eine Studie an älteren gesunden Menschen mit dem Extrakt Cs-4, in der die maximale Sauerstoffaufnahme gestiegen sei. Die Arbeit, die dazu am besten passt, fand nach zwölf Wochen höhere Belastungsschwellen, aber keine Veränderung der maximalen Sauerstoffaufnahme. Bei trainierten Radsportlern zeigte eine andere Studie gar keinen Effekt.
Kann man Cordyceps bei Schilddrüsenproblemen einfach ausprobieren?
Krowicki hält Cordyceps für ein gut untersuchtes Adaptogen und sieht aus seiner Erfahrung Nutzen bei Schilddrüsenpatienten. Aus Sicht der Redaktion gehören Hashimoto, Morbus Basedow und jede Über- oder Unterfunktion in ärztliche Behandlung; verordnete Schilddrüsenhormone werden nie ohne Rücksprache verändert, auch nicht wegen eines Pilzextrakts.
Wie lange dauert es, bis Cordyceps wirkt?
Im Durchschnitt spürten viele nach etwa sieben Tagen etwas, sagt Krowicki, manche schon nach ein bis zwei Tagen. Er rät trotzdem, einem Adaptogen vier bis acht Wochen Zeit zu geben, weil Menschen unterschiedlich reagierten.
Worauf sollte man beim Kauf achten?
Krowicki empfiehlt Anbieter, die ihren Extrakt auf Schwermetalle prüfen lassen und nichts strecken, und rät, sich an die Dosierungsangabe des Herstellers zu halten. Mehr Transparenz der Hersteller hält er für den wichtigsten Entwicklungsschritt der Branche.
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