Wer die Diagnose Osteoporose bekommt, hört fast immer dasselbe Wort: Calcium. Doch beim Osteoporose Kongress vom 23. Oktober bis 1. November 2026 widerspricht ein Ernährungsmediziner dieser Reflexantwort. Viel Calcium, sagt Samuel Kochenburger, sei oft Teil des Problems. Unter dem Titel „Vitamin D, K und Magnesium: Ein knochenstarkes Trio” erklärt er, welche drei Nährstoffe aus seiner Sicht den Knochenaufbau tragen. Dieser Artikel gibt das Gespräch journalistisch wieder, das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.

Der Betonmischer-Irrtum

Die Menge macht das Gift. Kochenburger meint diesen Satz wörtlich: Jeder Nährstoff könne in hohen Mengen schaden, bei Calcium drohten Gefäßverkalkung und Nierensteine. Trotzdem dominiere das Wort jeden Ernährungstext zur Osteoporose. Warum das in die Irre führt, erklärt er mit einer Baustelle.

O-Ton aus dem Interview

Stellen wir uns mal vor, wir bauen ein Haus, dafür brauchen wir Baustoffe: Beton, Stahl und Holz. Und jetzt wird auf einmal Beton in großen Mengen angeliefert, aber nur wenig Stahl und Holz. Der Hausbau wird langsamer und langsamer, und die Lösung ist natürlich nicht noch mehr Beton.

Samuel KochenburgerOsteoporose-Experte, Ernährungsmediziner

Beton, Stahl und Holz stehen für die Baustoffe des Knochens: Protein, Calcium und Phosphat. Dazu kämen die Bauarbeiter, also Vitamine, Mineralstoffe und Hormone. Fehlt diese Mannschaft, türmt sich der Beton auf, nur nicht im Knochen.

Ein Fall aus seiner Praxis zeigt, wie das kippt. Eine Patientin hatte einen hohen Calciumwert im Blut, ihr Arzt riet zu weniger Calcium. Die Ernährungsanalyse ergab: Über den Mund kam kaum etwas herein. Woher also der hohe Wert? Aus dem Knochen, der gerade abgebaut wurde. Mit mehr Calcium und therapeutisch eingestellten Begleitnährstoffen habe sich der Blutwert normalisiert, berichtet Kochenburger. Der umgekehrte Fall: Eine Sportlerin trank täglich drei bis vier Liter eines Mineralwassers mit 600 Milligramm Calcium pro Liter, die Gefäße verkalkten.

Innenansicht eines Knochens mit dünnen Bälkchen und einem Blutgefäß, in dem sich Calcium staut und an der Gefäßwand als terrakottafarbene Kruste ablagert
O-Ton aus dem Interview

So viele Frauen sagen mir immer: Ich ernähre mich jetzt besser für meine Knochen und ich esse viel Calcium. Das wird definitiv nicht ausreichen.

Portrait von Samuel KochenburgerSamuel Kochenburger

Was stattdessen zählt, hängt für ihn von einer Frage ab, die kaum jemand stellt: Welcher Wert ist überhaupt das Ziel?

Normal ist nicht optimal

Referenzwerte, so Kochenburger, bilden den Durchschnitt gesunder Menschen ab, nicht den Bedarf bei einer Erkrankung. Für Kranke gälten therapeutische Zielwerte, die davon abweichen könnten. Dazu komme, dass Nährstoffe sich gegenseitig beeinflussen: Vitamin C und Eisen verstärkten sich, Calcium und Zink störten sich. Wer alle Präparate nach Packungsangabe morgens nüchtern schlucke, wundere sich später über Übelkeit und einen Vitamin-D-Spiegel, der nicht steigt.

Genau hier setzt der erste Nährstoff seines Trios an.

Vitamin D: messen statt schätzen

Im deutschsprachigen Raum seien Schätzungen zufolge 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung nicht optimal mit Vitamin D versorgt. Kochenburgers Praxiserfahrung geht weiter.

Balkendiagramm der DEGS1-Studie: 61,6 Prozent der Erwachsenen in Deutschland lagen mit Vitamin D unter 50 nmol/l, 30,2 Prozent unter 30 nmol/l

Zur Einordnung: In der bundesweiten DEGS1-Untersuchung des Robert Koch-Instituts (2008 bis 2011, 6.995 Erwachsene mit Serummessung) lagen 61,6 Prozent unter der üblichen Schwelle von 50 nmol/l Serum-25(OH)D und 30,2 Prozent unter 30 nmol/l, der Mittelwert betrug 45,6 nmol/l. 50 nmol/l entsprechen 20 ng/ml, der Einheit, in der Kochenburger seine Zielwerte nennt. Quelle: Rabenberg M et al. 2015, BMC Public Health 15:641, PMID 26162848.

O-Ton aus dem Interview

Meiner Erfahrung nach ist es utopisch, über 50 Jahre alt zu sein, keine Nahrungsergänzung zu machen und einen prima Vitamin-D-Spiegel zu haben. Das kam noch nie vor. Ich habe schon so viele Laborwerte gesehen, das wird nicht vorkommen.

Samuel Kochenburger

Das Tückische: Ein Mangel habe selten klare Symptome. Deshalb sein Rat, den Spiegel messen zu lassen, notfalls auf eigene Kosten. Die übliche Einheitsdosis von 20.000 Einheiten pro Woche ohne Kenntnis des Ausgangswerts hält er für Raten im Dunkeln.

O-Ton aus dem Interview

Zwischen Oktober und März wird kein Vitamin D gebildet. Nicht wenig, nicht etwas weniger. Null, niente, nada.

Samuel Kochenburger

Sein Vorgehen nennt er „aufladen und erhalten”: Ein niedriger Spiegel werde zeitlich begrenzt mit einer höheren Dosis angehoben, berechnet aus Ist-Wert, Zielwert und Körpergewicht, danach folge die Erhaltungsdosis. Als therapeutischen Zielwert bei Osteoporose nennt er 70 bis 90 Nanogramm pro Milliliter, den Erhaltungsbedarf schätzt er auf 4.000 bis 8.000 Einheiten täglich, individuell sehr verschieden. Ab etwa 100 ng/ml gehöre die Dosis gesenkt, ab 150 drohten Übelkeit, Erbrechen, Durst und häufiges Wasserlassen.

Hinweis der Redaktion: Vitamin-D-Mengen in dieser Größenordnung gehören ausschließlich nach einer Spiegelmessung und unter ärztliche Laborkontrolle. Grundlagen lesen Sie im Artikel über Vitamin-D-Mangel bei Osteoporose.

Ein gefüllter Vitamin-D-Speicher bringt Calcium aus dem Darm ins Blut. Wer sorgt dafür, dass es von dort in den Knochen wandert?

Vitamin K2: der Transporteur

Vitamin K gilt als Gerinnungsvitamin. Genau hier räumt Kochenburger mit einer verbreiteten Sorge auf.

O-Ton aus dem Interview

Wichtig hier: Es verstärkt nicht die Blutgerinnung. Es hilft dabei, in diesem komplexen Mechanismus das zu regulieren.

Samuel Kochenburger

Vitamin K sei ein Faktor innerhalb der Gerinnungskaskade, ein Mangel führe zu Blutungsneigung. Für die Knochen zähle vor allem Vitamin K2: Es aktiviere das Protein Osteocalcin, das Calcium aus der Blutbahn in den Knochen bringt. Studien zeigten nach seiner Lesart ein geringeres Frakturrisiko, und die Osteoporose-Leitlinie erwähne das Vitamin seit 2023 erstmals.

Gewebeschnitt an der Knochenoberfläche, in dem Vitamin K das Protein Osteocalcin aktiviert und dieses Calcium aus einer Kapillare in die Knochenmatrix trägt

Vom Blut in den Knochen: Laut Kochenburger aktiviert Vitamin K2 das Protein Osteocalcin, das Calcium aus der Blutbahn in die Knochenmatrix einbaut. Ohne diesen Schritt bleibe das Calcium dort, wo es nicht hingehört.

Über die Ernährung seien therapeutische Mengen an K2 nicht zu erreichen, auch nicht mit Hartkäse oder japanischem Natto. Als seine allgemeine Empfehlung nennt er Vitamin K2 in der Form MK-7 mit 250 bis 500 Mikrogramm pro Tag. Eine Gruppe nimmt er ausdrücklich aus: Wer Gerinnungshemmer wie Warfarin nehme, die über die Hemmung von Vitamin K wirken, dürfe kein Vitamin K ergänzen und solle mit dem Arzt klären, ob ein anderes Medikament infrage kommt.

Hinweis der Redaktion: Unter Vitamin-K-Antagonisten wie Phenprocoumon oder Warfarin kann jede Änderung der Vitamin-K-Zufuhr die Gerinnungswerte verschieben. Sie gehört vorab in die ärztliche Sprechstunde.

Wie Calcium, Vitamin D und Vitamin K zusammenspielen, beschreibt unser Grundlagenartikel zu Calcium und Vitamin D bei Osteoporose. Bleibt der dritte im Trio, und der arbeitet im Verborgenen.

Magnesium: der Aktivator

Rund 60 Prozent des Magnesiums im Körper liegen im Knochen, ein Mangel fördere laut Studien den Knochenabbau. Der für Kochenburger entscheidende Punkt ist ein anderer: Vitamin D werde in Leber und Niere erst in seine aktive Form umgebaut, und an diesen Schritten sowie am Transport im Blut sei Magnesium beteiligt. Wer viel Vitamin D nimmt und sich wundert, warum der Spiegel nicht steigt, habe womöglich einen Magnesiummangel.

Weil der Bedarf mit Sport und Stress steige, sieht er Magnesium als Abendnährstoff. Als Orientierung nennt er 200 bis 400 Milligramm täglich ohne viel Sport, 400 bis 800 Milligramm bei intensivem Training. Kürbiskerne und Nüsse lieferten zwar Magnesium, aber niemand esse täglich 100 Gramm davon.

So schließt sich sein Trio: Vitamin D holt Calcium aus dem Darm ins Blut, Vitamin K2 lenkt es in den Knochen, Magnesium hält Vitamin D arbeitsfähig. Keiner der drei, betont er, mache etwas allein.

Der vergessene Vierte: Bor

Am Ende zieht Kochenburger einen Nährstoff aus der Tasche, den kaum jemand kennt. Bor sei der Grund, warum er überhaupt bei diesem Thema gelandet sei.

O-Ton aus dem Interview

Wir haben alles durchgekaut, alle Krankheiten, Nährstoffe, Ernährungsphysiologie, Humanbiologie, Pathophysiologie. Noch nie von Bor gehört.

Samuel Kochenburger

Erst nach dem Studium stieß er darauf und schrieb seine Abschlussarbeit darüber. Bor wirke nach seiner Darstellung über weniger Entzündung und eine bessere Aktivierung von Vitamin D. Als Beleg zeigt er eine Beobachtungsstudie an 66 Frauen nach den Wechseljahren mit Osteoporose: Wer täglich mehr Bor aufnahm, hatte im Schnitt eine höhere Knochendichte. Der Twist folgt sofort: Bei Calcium, von dem dieselben Frauen zwischen 400 und 1.400 Milligramm täglich aufnahmen, zeigte sich kein Zusammenhang. Nur Gekritzel, wie Kochenburger es nennt. Er schränkt selbst ein, dass eine Korrelation keinen Effekt einer Nahrungsergänzung beweise und dass es einen klassischen Bor-Mangel nicht gebe. Rosinen enthielten mit 4,5 Milligramm pro 100 Gramm viel Bor. Seine Tochter schaffe 100 Gramm am Tag, ein Erwachsener eher nicht.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Aus Kochenburgers Sicht ist Calcium der überschätzte Baustoff der Osteoporose-Ernährung, weil ohne die Bauarbeiter nichts an seinen Platz kommt. Seine Methode wiegt schwerer als jede Zahl: Werte messen, therapeutische Ziele statt Durchschnittsbereiche anpeilen, Präparate bewusst kombinieren. Alle Dosierungen sind seine Angaben aus dem Interview und ersetzen keine individuelle Einstellung durch Arzt oder Ärztin.

Welche weiteren Mineralstoffe der Knochen braucht, erklärt Dr. med. Udo Böhm im Interview über Mineralstoffe und Spurenelemente. Wie eine Knochendichtemessung zu lesen ist, zeigt Prof. Dr. Ralf Oheim im Gespräch über die Knochendichte.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Vitamin-D-Dosierungen in therapeutischer Höhe gehören ausschließlich nach einer Spiegelmessung und unter ärztliche Laborkontrolle. Wer Gerinnungshemmer wie Phenprocoumon oder andere Vitamin-K-Antagonisten einnimmt, ergänzt Vitamin K nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt. Ändern Sie Medikamente oder Nahrungsergänzung nie ohne ärztliche Abstimmung.

Häufige Fragen

Reicht viel Calcium aus, um Osteoporose zu bremsen?
Nach Ansicht von Samuel Kochenburger nicht. Calcium sei nur einer von drei Baustoffen des Knochens, und ohne die Nährstoffe, die es an den richtigen Ort transportieren, bringe ein Überschuss nichts. Zu viel Calcium könne sich in Gefäßen ablagern und die Nieren belasten.
Welchen Vitamin-D-Spiegel strebt Kochenburger bei Osteoporose an?
Als therapeutischen Zielwert nennt er 70 bis 90 Nanogramm pro Milliliter. Er betont, dass dieser Wert bewusst konservativ gewählt sei, dass ab etwa 100 ng/ml die Dosis sinken sollte und dass jede Aufladung nur mit Laborkontrolle sinnvoll sei.
Verstärkt Vitamin K die Blutgerinnung?
Laut Kochenburger nein. Vitamin K sei ein Baustein innerhalb der Gerinnungskaskade, verstärke die Gerinnung aber nicht. Wer allerdings Vitamin-K-Antagonisten wie Phenprocoumon oder Warfarin einnimmt, dürfe kein Vitamin K ergänzen und solle das Thema mit dem behandelnden Arzt besprechen.
Warum steigt der Vitamin-D-Spiegel trotz Einnahme manchmal nicht?
Ein Grund könne ein Magnesiummangel sein, sagt Kochenburger. Magnesium werde für die Aktivierung von Vitamin D in Leber und Niere sowie für den Transport im Blut gebraucht. Ein zweiter Grund sei die falsche Kombination von Präparaten.
Welche Magnesiummenge hält Kochenburger für sinnvoll?
Er nennt für Menschen ohne viel Sport 200 bis 400 Milligramm täglich, bei intensivem Training 400 bis 800 Milligramm, bevorzugt am Abend. Über Lebensmittel wie Kürbiskerne oder Nüsse seien solche Mengen aus seiner Sicht kaum zu erreichen.
Was hat Bor mit Knochendichte zu tun?
Kochenburger hat seine Abschlussarbeit über Bor geschrieben. Er verweist auf eine Studie, in der die Bor-Aufnahme von Frauen nach den Wechseljahren mit ihrer Knochendichte korrelierte. Einen klassischen Bor-Mangel gebe es allerdings nicht, das räumt er offen ein.
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