Die Muskeln schmerzen, die Sehnen ziehen, die Müdigkeit bleibt, und aus der Rheumatologie kommt der Befund: alles unauffällig. Doch für Annette Johnson, Allgemeinärztin mit Praxis für Naturheilmedizin, Moderatorin des Fibromyalgiekongresses, ist ein normales Labor kein Freispruch. Beim Gesunder Darm Kongress beschrieb sie ein Rheuma der Weichteile ohne Rheumawerte und eine stille Entzündung, nach der aus ihrer Sicht kaum jemand sucht. Das Gespräch trägt den Titel „Entzündungen, Rheuma, Gicht - Die unbekannten Ursachen und effektive Therapien“; die Gicht bleibt darin beim Titel, gesprochen wird über Fibromyalgie, stille Entzündung und Darm. In voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.

Ein Rheuma, das im Labor unsichtbar bleibt

Was ist Fibromyalgie überhaupt? Viele Zuschauer, vermutete der Moderator, hätten das Wort noch nie gehört. Johnson gibt ihm recht. Und genau das ärgert sie.

O-Ton aus dem Interview

Das ist tatsächlich eine ganz unbekannte Erkrankung, obwohl sie zwei Prozent der Bevölkerung betrifft.

Annette JohnsonAllgemeinärztin mit Praxis für Naturheilmedizin, Moderatorin des Fibromyalgiekongresses

Säulendiagramm der Bevölkerungsstudie Wolfe 2013: Fibromyalgie bei 2,1 Prozent der Befragten, 2,4 Prozent der Frauen und 1,8 Prozent der Männer

Zur Einordnung: In einer Zufallsstichprobe von 2.445 Menschen aus der deutschen Bevölkerung erfüllten 2012 nach den modifizierten ACR-Kriterien von 2010 insgesamt 2,1 Prozent die Kriterien für Fibromyalgie, 2,4 Prozent der Frauen und 1,8 Prozent der Männer; der Unterschied war statistisch nicht signifikant. Johnsons zwei Prozent decken sich damit. Der hohe Frauenanteil, den sie aus Praxis und Selbsthilfe kennt, zeigt sich in der Bevölkerungsstichprobe nicht. Quelle: Wolfe F et al. 2013, Arthritis Care Research 65(5):777-85, PMID 23424058.

Übersetzt heiße das Wort Muskelfaserschmerz: Myo der Muskel, Fibro die Fasern. Zur Diagnose nennt sie elf von 18 klassischen Druckpunkten, dazu Erschöpfung, vegetative Beschwerden und Reizdarm, alles als Ausschlussdiagnose. Rheumatologen hätten wenig Interesse an diesen Patienten, weil sie ihnen keine Immununterdrücker geben wollten; zum rheumatischen Formenkreis gehöre das Syndrom aus ihrer Sicht trotzdem.

Johnson spricht dabei auch über sich. Erschöpfung habe die Frauen ihrer Familie über Generationen begleitet; sie selbst sei früher abends mit den Kindern ins Bett gefallen. Bis zur Diagnose vergingen oft bis zu zehn Jahre, sagt sie, und am Ende lande das Syndrom in der Schublade Depression.

Wissenschaftliches 3D-Modell der Ellenbogenregion mit gesundem Gelenk, der Übergang von Muskel zu Sehne und der Sehnenansatz am Knochen sind terrakottafarben hervorgehoben
O-Ton aus dem Interview

Das heißt, dass nicht die Gelenke selber dick und rot und schmerzhaft sind, sondern die Sehnen dazwischen und die Muskeln.

Annette Johnson

Zur Einordnung durch die Redaktion: „Rheuma“ ist ein Sammelbegriff für über 100 Erkrankungen. Dazu zählen entzündlich-rheumatische Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis, Psoriasis-Arthritis und Morbus Bechterew, die Gicht als Stoffwechsel-Rheuma und die Fibromyalgie als Weichteilrheuma, das die Gelenke nicht zerstört. Basistherapie, Biologika oder Kortison werden nie eigenmächtig abgesetzt oder verändert, sondern nur in Rücksprache mit Rheumatologin oder Rheumatologe; ein früher Behandlungsbeginn schützt die Gelenke. Alles, was hier zu Ernährung, Darm und Nährstoffen folgt, ist Ergänzung, nie Ersatz.

Wenn Gelenke und Rheumawerte unauffällig sind, wo steckt dann die Entzündung? Johnsons Antwort beginnt mit einem Vorwurf an das System.

Die Entzündung, nach der niemand schaut

Stille Entzündung: für Johnson das zweite große Missverständnis. Nicht, weil man sie nicht messen könnte. Sondern weil kaum jemand misst.

O-Ton aus dem Interview

Die schauen gar nicht nach dieser stillen Entzündung, der Silent Inflammation. Und deshalb würde ich sagen, das zweite Missverständnis in unserer Gesellschaft ist, dass die stille Entzündung nicht diagnostiziert wird und auch nicht nachgesehen wird.

Annette Johnson

Gemeint sind Werte wie das hochsensitive C-reaktive Protein, der Tumornekrosefaktor und Interleukin 6. Solche Bestimmungen seien teuer und keine Kassenleistung, deshalb unterblieben sie. Woher die Entzündung kommt, erklärt sie mit einer Kette, die im Darm beginnt.

Schema in vier Stationen: Bakterienreste treten durch eine Lücke in der Darmwand ins Blut, eine Immunzelle gibt Botenstoffe ab, die sich an einem terrakottafarben markierten Sehnenansatz sammeln

Die Kette, die Annette Johnson beschreibt: Durch eine undichte Darmwand gelangten Bakterienbestandteile, die Lipopolysaccharide, ins Blut; Immunzellen antworteten mit Botenstoffen wie Tumornekrosefaktor und Interleukin 6, und diese Entzündung zeige sich bei Fibromyalgie nicht im Gelenk, sondern an Muskeln und Sehnen. Für die einzelnen Glieder der Kette ist die Studienlage unterschiedlich belastbar.

Der Anfang der Kette ist für Johnson eine undichte Darmschleimhaut, das Leaky Gut, nachweisbar über Zonulin im Blut. Den Test spart sie sich meist: Wer sich nicht frisch fühle, habe in Deutschland ohnehin einen undichten Darm, das sei halt so.

Johnsons Satz, jeder Kranke habe einen undichten Darm, ist ihre klinische Überzeugung, keine belegte Regel. Wie das Mikrobiom aus Sicht einer anderen Ärztin an Entzündungen mitwirkt, vertieft Dr. med.-univ. Birgit Dinnewitzer im Interview über Mikrobiom und Entzündung.

Ein Syndrom ist ein Auftrag, keine Endstation

Was folgt aus dem Namen Fibromyalgie-Syndrom? Für Johnson vor allem eines: suchen.

O-Ton aus dem Interview

Das Ziel ist eigentlich, die Ursache zu finden, um die Ursache zu beseitigen. Es handelt sich eben nur um ein Syndrom, das uns den richtigen Anstoß geben soll, dass wir nach der Ursache suchen.

Annette Johnson

Bei sich selbst fand sie nach eigener Darstellung mehrere Infektionen zugleich, darunter Borrelien; ein solches Multi-Infektionssyndrom hätten nach ihrer Einschätzung 80 Prozent der Betroffenen. Die Zahl stammt aus ihrer Praxis, nicht aus Studien. Wie sie Infektionen aufspürt, steht im Interview beim Schmerzkongress; ihr Testverfahren gilt in den Leitlinien nicht als Nachweis einer aktiven Borreliose.

Dann dreht sie eine gängige Vorstellung um.

O-Ton aus dem Interview

Autoimmunerkrankungen sind nicht ein verrücktes, entartetes Immunsystem, das gesunde Zellen attackiert. Oftmals hat das Immunsystem recht.

Annette Johnson

In der angegriffenen Zelle säßen häufig Erreger, bei Hashimoto etwa reaktivierte Epstein-Barr-Viren. Die Redaktion ergänzt: Dass Infektionen Autoimmunprozesse anstoßen können, wird in der Forschung diskutiert; als Regel ist das nicht belegt, und an der Standardtherapie entzündlich-rheumatischer Erkrankungen ändert die These nichts.

Suchen kostet Zeit und Geld. Einen Hebel gibt es aus Johnsons Sicht aber, der sofort greift.

Erst die Spülmaschine, dann das Fermentierglas

O-Ton aus dem Interview

Die Ernährung ist das Allerschnellste, Allerpreiswerteste, was man superschnell machen kann. Viele von uns merken, dass ihnen Fasten guttut. Nur können wir nicht die ganze Zeit fasten.

Annette Johnson

Ihre einfachere Version sind lange Essenspausen; der Darm sei eine Spülmaschine, die Zeit brauche. Als Einstieg nennt sie 16 Stunden ohne Essen und in den übrigen acht Stunden zwei bis drei sehr langsam gekaute Mahlzeiten. Dazu wenig Kohlenhydrate, viel Gemüse und wieder mehr Fett; als Obergrenze nennt sie drei Scheiben Brot am Tag.

Ein Hinweis der Redaktion: Essenspausen und stark kohlenhydratarme Kost sind bei Diabetes, Untergewicht, Essstörungen, in der Schwangerschaft oder unter blutzuckersenkenden Medikamenten nie ohne ärztliche Rücksprache zu beginnen. Was die Forschung zu entzündungsarmer Ernährung weiß, fasst unser Artikel zu den Grundlagen der Arthrose-Ernährung zusammen.

Der zweite Hebel riecht. Johnson fermentiert zu Hause, weil sich die Vielfalt der Darmbakterien nach ihrer Überzeugung mit gekauften Präparaten kaum erreichen lasse.

O-Ton aus dem Interview

Es geht um das Dauernde, es geht um die Fermentation zu Hause, dass ich auch die Keime aufnehme, die bei mir in der Luft sind, immer die gleichen, die von dem Acker kommen.

Annette Johnson

Dass frühere Generationen wegen des Fermentierens älter wurden, ist Johnsons Deutung; Studien nennt das Gespräch nicht.

Vitamin D, B12 und die Frage, was ankommt

Ernährung allein reiche nicht, sagt Johnson. Sie lasse Vitalstoffe im Blut bestimmen und brauche selbst mehr Vitamin D als andere, weil nach ihrer Deutung intrazelluläre Erreger den Vitamin-D-Rezeptor stören könnten. Vitamin B12 sieht sie vor allem bei veganer Ernährung als Problem, dazu nennt sie Omega-3-Fettsäuren aus Fisch. Die Redaktion gibt keine Dosierungen weiter; hoch dosiertes Vitamin D gehört nur nach Blutwert in ärztliche Hände, weil eine Überdosierung den Kalziumhaushalt stören kann. Gesichertes dazu lesen Sie im Artikel Kalzium und Vitamin D bei Osteoporose, die Studienlage zu Nahrungsergänzung ordnet unser Überblick zu Supplementen bei Arthrose ein.

Zum Schluss betont Johnson: Fieber, erhöhte Temperatur oder geschwollene Lymphknoten seien keine psychosomatischen Zeichen, sondern Hinweise auf eine Infektion. Die Redaktion ergänzt: Solche Zeichen, ebenso ein heißes, geschwollenes Gelenk, ungewollter Gewichtsverlust oder Lähmungen, gehören zügig in ärztliche Abklärung.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Annette Johnson nimmt unauffällige Rheumawerte nicht als Schlusspunkt. Fibromyalgie ist für sie ein Weichteilrheuma, hinter dem eine stille Entzündung stecke, die kaum jemand messe; ihre Kette führt vom undichten Darm über Bakterienbestandteile im Blut zu Botenstoffen, die Muskeln und Sehnen reizen. Praktisch bleibt aus ihrer Sicht: lange Essenspausen, langsam kauen, wenig Kohlenhydrate, selbst fermentieren, Vitalstoffe messen statt raten.

Mehrere ihrer Konzepte liegen außerhalb der Leitlinien, die Redaktion hat sie markiert; ihre Phosphat-Hypothese zu Verkalkungen ordnet der Artikel zu ihrem Interview beim Entzündungskongress ein. Unangetastet bleibt: Eine laufende Basistherapie wird nie ohne Rheumatologin oder Rheumatologe verändert.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Mehrere der geschilderten Konzepte sind wissenschaftlich nicht anerkannt und als Sicht der Expertin gekennzeichnet. Basistherapie, Biologika und Kortison bei rheumatischen Erkrankungen werden nie ohne Rücksprache mit Rheumatologin oder Rheumatologe verändert; Essenspausen, Ernährungsumstellung und Nahrungsergänzung bei Vorerkrankungen gehören in ärztliche Begleitung. Bei Fieber, geschwollenen Lymphknoten, einem heißen geschwollenen Gelenk, ungewolltem Gewichtsverlust oder Lähmungen suchen Sie zügig ärztliche Hilfe.

Häufige Fragen

Warum nennt Annette Johnson Fibromyalgie ein Rheuma ohne Rheumawerte?
Sie beschreibt Fibromyalgie als Weichteilrheuma: Betroffen seien nicht die Gelenke, sondern Sehnen und Muskeln dazwischen, und die üblichen Rheumawerte blieben unauffällig. Diagnostiziert werde nach ihrer Darstellung über Druckpunkte, Erschöpfung, vegetative Beschwerden und Reizdarm, als Ausschlussdiagnose. Die Redaktion ergänzt: Fibromyalgie zerstört keine Gelenke und wird von entzündlich-rheumatischen Erkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis abgegrenzt.
Was versteht sie unter einer stillen Entzündung und wie wird sie gemessen?
Laut Johnson eine Entzündung ohne die klassischen Zeichen, die sich in Laborwerten wie hochsensitivem C-reaktivem Protein, Tumornekrosefaktor und Interleukin 6 zeige. Diese Bestimmungen seien teuer und keine Kassenleistung, deshalb würden sie selten veranlasst. Feste Grenzwerte für die Diagnose einer stillen Entzündung gibt es nicht; welche Werte sinnvoll sind, entscheidet die behandelnde Praxis.
Welche Rolle spielt der Darm in Johnsons Erklärung?
Für sie ist der Darm die Wurzel: Durch eine undichte Darmschleimhaut gelangten Bakterienbestandteile ins Blut, Immunzellen antworteten mit Botenstoffen, und diese Entzündung treffe bei Fibromyalgie Muskeln und Sehnen. Die Redaktion ordnet ein: Eine erhöhte Durchlässigkeit ist bei Zöliakie und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen belegt, ob ein Leaky Gut als eigenständiges Krankheitsbild existiert, ist wissenschaftlich umstritten.
Was empfiehlt Annette Johnson bei der Ernährung?
Sie nennt lange Essenspausen, etwa 16 Stunden ohne Essen und zwei bis drei Mahlzeiten in den übrigen acht Stunden, sehr langsames Kauen, wenig Kohlenhydrate, reichlich Gemüse und wieder mehr Fett sowie selbst fermentierte Lebensmittel. Die Redaktion ergänzt: Essenspausen und kohlenhydratarme Kost bei Diabetes, Untergewicht, in der Schwangerschaft oder unter Medikamenten nie ohne ärztliche Rücksprache beginnen.
Sind Autoimmunerkrankungen aus ihrer Sicht eine Fehlsteuerung des Immunsystems?
Johnson vertritt die These, das Immunsystem habe oft recht, weil in den angegriffenen Zellen Erreger sitzen könnten, bei Hashimoto etwa reaktivierte Epstein-Barr-Viren. Die Redaktion ergänzt: Infektionen als Auslöser von Autoimmunprozessen werden in der Forschung diskutiert, als Regel sind sie nicht belegt. Eine bestehende Basistherapie wird deshalb nie eigenmächtig verändert.
Kommt die Gicht im Gespräch vor?
Nur im Titel. Das Gespräch selbst dreht sich um Fibromyalgie, stille Entzündung, Darm, Ernährung und versteckte Infektionen. Zur Einordnung: Gicht ist eine Stoffwechselerkrankung mit Harnsäurekristallen im Gelenk und zählt zum rheumatischen Formenkreis; ein heißes, geschwollenes Gelenk mit Fieber gehört immer zügig in ärztliche Abklärung.
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