Ein bisschen Blut am Zwischenraumbürstchen. Die meisten wischen es ab. Doch für Dr. med. dent. Annette Jasper, Ganzheitliche Zahnärztin, ist genau dieser Moment das erste Signal einer Entzündung, die nicht im Zahnfleisch sitzt, sondern im Kieferknochen. Beim Autoimmunkongress sprach sie über das orale Mikrobiom und seine Rolle für die Immunregulation: wie Bakterien aus dem Mund in den Körper gelangen und weshalb sie Parodontitis bei Autoimmunerkrankungen für einen unterschätzten Mitspieler hält. Das vollständige Gespräch läuft als Aufzeichnung im Kongress.
Ein Zahn ist ein Organ
Jasper beginnt mit einem Vergleich: Fingernägel schmückten wir gern, Organe seien sie nicht. Zähne dagegen schon.
Die Zähne sind mit dem Körper verbunden über Blutgefäße, über Lymphbahnen, über Nervenbahnen, und die sind in einem Bindegewebsfach und im Knochen verankert.
Daraus folgt für sie: Was den Zähnen schadet, betrifft den Körper. Ihr erstes Beispiel ist die Parodontitis: Statistiken zufolge sei jeder zweite Deutsche über 45 betroffen. Wichtig ist ihr ein Wort, das selbst viele Zahnärzte zu selten benutzten: Parodontitis sei eine Entzündung des Kieferknochens, nicht bloß des Zahnfleischs. Sie laufe meist unbemerkt über Jahre, genau wie Autoimmunerkrankungen, die auch nicht am Tag der Diagnose entstünden.

Zur Einordnung: In der Sechsten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS 6) hatten 17,5 Prozent der 35- bis 44-Jährigen und 52,7 Prozent der 65- bis 74-Jährigen eine schwere Parodontitis der Stadien III oder IV. Irgendeine Form von Parodontitis fand sich bei 95,1 beziehungsweise 85,2 Prozent, darunter viele leichte Stadien. Quelle: Eickholz P et al. 2025, Quintessence International 56(11):S40-S47, PMID 40091721.
Wie kommt eine Zahnfleischtasche mit dem Immunsystem ins Gespräch? Jasper beschreibt zwei Wege: Bakterien aus entzündetem Gewebe gelangten in die Blutbahn und könnten laufende Autoimmunprozesse beschleunigen. Seltener ähnelten Bakteriengifte körpereigenen Enzymen so sehr, dass das Immunsystem durcheinanderkomme. Zugleich entstehe eine Parodontitis überhaupt nur bei geschwächtem Immunsystem.
Das kann sozusagen der letzte Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt, wenn das Immunsystem ohnehin schon geschwächt ist und eine autoimmune Reaktion bevorsteht und dann kommt noch so eine Parodontitis dazu.
Wie aber merkt man eine Entzündung, die man nicht spürt?
Der Test mit dem Zwischenraumbürstchen
Rötung und Schwellung sehe im Badezimmerlicht kaum jemand, räumt Jasper ein. Das Bluten schon, wenn man an der richtigen Stelle sucht: zwischen den Zähnen, mit einem Bürstchen, das nicht durch den Zwischenraum rutscht.
Viele sind ja der Meinung, mein Zahnfleisch blutet nicht, außer ich verwende ein Bürstchen oder Zahnseide. Und genau das ist der Punkt. Dann ist das Zahnfleisch krank.
Blute es schon beim Putzen mit der Zahnbürste, sei „oberstes Drama angesagt“, das komme selten vor. Der Normalfall sei das Bluten am Bürstchen. Und der sei eine Chance. Vor der Knochenentzündung stehe die Gingivitis, die auf das Zahnfleisch beschränkt bleibe. Ihr Rat: die Stelle drei bis vier Tage besonders gründlich reinigen, so lange brauche das Zahnfleisch zur Regeneration. Blute es danach weiter, gehöre der Befund in die Praxis; manchmal stecke eine überstehende Krone oder Füllung dahinter.

Drei Stufen, wie Annette Jasper sie beschreibt: Bei der Gingivitis ist nur der Zahnfleischsaum entzündet und erholt sich nach gründlicher Reinigung binnen Tagen. Bei der Parodontitis hat sich eine Tasche gebildet, der Kieferknochen ist zurückgegangen, und Bakterien finden Anschluss an die Blutbahn.
Hinweis der Redaktion: Ob Zahnfleischbluten harmlos ist, klärt allein die zahnärztliche Untersuchung; bei Schwellung, Eiter, lockeren Zähnen oder Fieber umgehend. Ist die Tasche da, verlässt Jasper die klassische Zahnmedizin.
Von der Zahnfleischtasche in den ganzen Körper

Ganz viele Bakterien tummeln sich in dieser Zahnfleischtasche und kommen ständig in den Körper hinein. Und diese wandern über das Blutgefäßsystem und über das Lymphsystem, wandern in den ganzen Körper hinein.
Dort setzten sie sich nach ihrer Beschreibung in Arterien, an Herzklappen und an Gelenken fest, wo sie eine rheumatoide Arthritis mit anstoßen könnten. Und weil der Darm die Fortsetzung des Mundes sei, folge auf eine gestörte Mundflora mit der Zeit eine gestörte Darmflora, wo nach ihrer Angabe ein Großteil der Immunzellen gebildet werde. Was entzündliches Rheuma von Arthrose unterscheidet, erklärt unser Grundlagenartikel Arthrose: Was ist das?; denselben Weg vom Kiefer zum Gelenk beschreibt Dr. Dominik Nischwitz im Interview über Zähne, Kiefer und Gelenke.
Für die Behandlung nennt Jasper drei Stufen. Erst müssten die Zähne hygienefähig werden: Beläge unter dem Zahnfleisch entfernt, überstehende Kronen und Füllungen erneuert. Dann würden die Taschen gereinigt; dort ende die übliche Therapie. Für sie beginnt hier die dritte Stufe: das Immunsystem stärken, über Blutwerte, Mikronährstoffe, Hormone, Ernährung, Bewegung und innere Haltung.
Diese Erkrankung ist ja nicht plötzlich entstanden. Sie ist aufgrund der Routinen des Lifestyles, den man hatte, entstanden.
Antibiotika setze sie in der Regel nicht ein. Im Ayurveda werde nicht der Keim benannt, sondern die Störung behandelt: Eine akute, blutende Parodontitis ordnet sie dem Feuerprinzip Pitta zu und empfiehlt zur Kühlung Ölziehen mit Kokosöl. Die Redaktion ordnet ein: Die Typenlehre des Ayurveda ist ein traditionelles Konzept ohne Beleg aus kontrollierten Studien, Ölziehen ersetzt keine Parodontitisbehandlung. Welche Entzündungsquellen im Alltag noch mitspielen, beschreibt Markus Grimm im Interview über versteckte Entzündungsfallen aus demselben Kongress.
Stille Entzündungen, tote Zähne, Metalle: die umstrittene Seite
Neben der Parodontitis nennt Jasper drei weitere Belastungen: Kieferbereiche, in denen sich der Knochen nach einer Zahnentfernung nicht vollständig mineralisiert habe (fettig-degenerative Osteolyse, kurz FDOK oder NICO), wurzelbehandelte Zähne und Metalle im Mund. Vorweg die Einordnung der Redaktion: FDOK/NICO ist in der Hochschulzahnmedizin umstritten, fachgerecht wurzelbehandelte Zähne gelten dort als erhaltenswert; Jasper vertritt die biologische Zahnmedizin.
Ihre Erklärung für die Kieferherde: Das Zahnfleisch schließe sich nach ein bis zwei Wochen, der Knochen brauche ein halbes Jahr oder länger. Bei schlechter Nährstoffversorgung blieben Bakterien unter der Zahnfleischdecke eingeschlossen, ohne Schmerz, deshalb der Name stille Entzündung. Was der Knochen zum Aufbau braucht, lesen Sie im Artikel Calcium und Vitamin D bei Osteoporose. Zur Diagnose nennt sie Entzündungswerte im Blut, dreidimensionales Röntgen oder Kieferultraschall, dazu Kinesiologie und Bioresonanz, Verfahren ohne wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis. Ihre Regel dabei:
Ich würde immer mehrere Puzzlestücke zusammentun. Nie nur nach der Röntgenaufnahme gehen, nie nur nach dem Blutwert gehen, sondern mindestens zwei, die matchen.
Aus ihrer Praxis berichtet sie von Verbesserungen nach dem Ausräumen solcher Herde oder dem Entfernen von Metallen, mal binnen Tagen, mal erst nach einem Jahr. Sie selbst habe sich wegen eines Hüftproblems zwei wurzelbehandelte Zähne entfernen lassen, am Tag danach habe die Hüfte nicht mehr geschmerzt; mit dieser Erwartung solle aber niemand in eine Behandlung gehen. Bei einer Autoimmunerkrankung empfiehlt sie, alle wurzelbehandelten Zähne entfernen zu lassen, auch ohne Befund im Röntgenbild. Die Redaktion hält dagegen: Das ist unumkehrbar, Fachgesellschaften empfehlen es so nicht, und es gehört nie ohne zweite fachzahnärztliche Meinung auf den Plan.
Bei Metallen argumentiert Jasper mit Korrosion: Im sauren Milieu des Mundes würden Legierungen angegriffen, bei mehreren Metallen seien Ströme im Speichel messbar. Quecksilber aus alten Amalgamfüllungen bleibe nach ihrer Darstellung über Jahrzehnte im Gewebe, weshalb sie zu Ausleitungsmaßnahmen rät; solche Kuren gehören aus Sicht der Redaktion in ärztliche Begleitung, Belege für ihren Nutzen sind dünn. Bei neuen Implantaten und Füllungen rät sie zu Keramik. Ihr Rat für das Praxisgespräch: nicht nach Produktnamen fragen, sondern Unverträglichkeiten benennen und um hochwertiges Material bitten. Wie Schwermetalle körpereigene Eiweiße für das Immunsystem fremd erscheinen lassen könnten, erklärt Dr. med. Jenny Koch im Interview über den Angriff des Körpers auf sich selbst aus demselben Kongress.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Annette Jasper verschiebt die Parodontitis vom Zahnfleisch in den Knochen und von dort in den ganzen Körper. Ihr Kernargument ist anatomisch: Ein Zahn hängt an Blut, Lymphe und Nerven, also erreicht alles, was an ihm geschieht, auch den Rest. Der greifbarste Teil des Gesprächs ist ihr Alltagsrat: Zahnzwischenräume täglich reinigen, auf Bluten achten, nach vier Tagen gründlicher Pflege den Zahnarzt fragen, wenn es nicht aufhört. Das kostet nichts und widerspricht keiner Leitlinie.
Ihre Thesen zu Kieferherden, wurzelbehandelten Zähnen und Metallen teilt die Hochschulmedizin so nicht. Wer sie prüfen lassen will, holt zwei unabhängige Meinungen ein, bevor ein Zahn den Mund verlässt; Jaspers Satz von den zwei Puzzlestücken passt dazu. Wie das Immunsystem zwischen Angriff und Abwehr balanciert, vertieft Ruth Biallowons im Interview über TH1 und TH2 aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine zahnärztliche oder ärztliche Beratung. Die Entfernung von Zähnen, Füllungen oder Implantaten sowie Ausleitungs- oder Entgiftungsmaßnahmen sind Eingriffe mit Risiken und gehören nie ohne fachzahnärztliche und ärztliche Abklärung, bei Autoimmunerkrankungen zusätzlich in Rücksprache mit der behandelnden Fachärztin oder dem Facharzt. Verordnete Medikamente werden nicht ohne ärztliche Rücksprache verändert.
Häufige Fragen
Was hat Parodontitis mit Autoimmunerkrankungen zu tun?
Woran erkenne ich laut Dr. Jasper eine beginnende Parodontitis?
Wie behandelt Dr. Jasper Parodontitis ganzheitlich?
Was versteht Dr. Jasper unter stillen Entzündungen im Kiefer?
Empfiehlt Dr. Jasper, wurzelbehandelte Zähne oder Metalle entfernen zu lassen?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
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