Der Blutdruck klettert, das Ferritin sackt ab, die Müdigkeit bleibt. Und das Labor? Unauffällig. Doch genau an diesem Wort setzt Bastian Hölscher, Facharzt für Allgemeinmedizin, Funktionelle Medizin, an: Die üblichen Werte zeigen aus seiner Sicht nicht, ob im Körper eine stille Entzündung schwelt. Beim Stille Entzündungen Kongress sprach er unter dem Titel „Der Silent Killer im Blut: So entlarvst du chronische Entzündungen, bevor sie deine Organe zerstören“ darüber, welche drei Messwerte er anfordert und warum bei ihm der Teller vor der Kapsel kommt. Das vollständige Interview sehen Sie im Kongress.

Ein Fisch, der das Wasser nicht kennt

Wie soll jemand etwas spüren, das jeden Tag nur ein kleines Stück zunimmt? Hölscher antwortet mit zwei Bildern. Das erste ist der Frosch im Topf, dessen Wasser so langsam heißer wird, dass er den Absprung verpasst. Das zweite gefällt ihm besser.

O-Ton aus dem Interview

So wie ein Fisch Wasser nicht versteht, verstehen wir chronische Entzündungen nicht, weil der Großteil von uns so entzündet ist, dass er es gar nicht mehr spürt.

Bastian HölscherFacharzt für Allgemeinmedizin, Funktionelle Medizin

Eine laute Entzündung übersehe niemand: eitrige Mandeln, ein Pickel. Die stille laufe unterhalb der Wahrnehmung und sei nach seiner Einschätzung an fast allem beteiligt, was Menschen an chronischen Krankheiten mit sich herumtragen, von Depression und Demenz bis Bluthochdruck und Rheuma. Sie sei die Schicht darunter, die kaum jemand auf dem Schirm habe.

Was dabei geschieht, verortet Hölscher an einer Stelle, die kein Blutbild abbildet: an der Hülle jeder Zelle.

Die Zellmembran als Türsteher

Für Hölscher beginnt vieles bei den Omega-3-Fettsäuren. Wer davon zu wenig habe, und das treffe nach seiner Erfahrung auf die meisten zu, die nicht täglich Fisch essen, bekomme eine steifere Zellmembran. Nährstoffe kämen dann schlechter hinein, Abfallstoffe schlechter hinaus, Hormone fänden ihren Andockpunkt nicht mehr so leicht. Selbst rote Blutkörperchen müssten sich verformen können, um durch die feinsten Gefäße zu passen; sonst komme weniger Sauerstoff im Gewebe an. Omega-6-Fette wirkten zudem eher entzündungsfördernd. Henne oder Ei? Die Frage lässt er offen.

Vergleich zweier Zellmembran-Ausschnitte, links eine geschmeidige Membran mit einströmenden Nährstoffen, ausströmenden Abfallstoffen und einem andockenden Hormon, rechts eine steife, terrakottafarben markierte Membran, an der Nährstoff und Hormon abprallen

Zwei Zellhüllen im Vergleich: Links lässt eine geschmeidige Membran Nährstoffe hinein und Abfallstoffe hinaus, das Hormon findet seinen Rezeptor. Rechts blockiert eine steife Hülle den Austausch. So beschreibt Bastian Hölscher, was ein Omega-3-Mangel an der Zelle anrichte.

Das Verhältnis der Fettsäuren will er messen statt schätzen: den Omega-3-Index, also den Anteil der Omega-3-Fettsäuren an allen Fettsäuren, und dazu immer den Omega-6-Wert. Sein Ziel ist etwa eins zu eins, wie er es Naturvölkern zuschreibt; Labore nennten zwei zu eins normal, was hierzulande schon sehr gut sei. Wie der Erfinder des Index darauf blickt, lesen Sie im Interview mit Prof. Dr. med. Clemens von Schacky aus demselben Kongress.

Doch bevor Hölscher über Kapseln spricht, räumt er den Teller ab.

Der größte Hebel liegt auf dem Teller

Die Lösung sei so einfach, dass sie keiner haben wolle, sagt Hölscher.

O-Ton aus dem Interview

Wie kommen Dinge in unseren Körper herein? Ich mache den Mund auf, ich esse das. Und aus meiner Sicht ist und bleibt das der größte Hebel.

Bastian Hölscher

Sein Beispiel ist die Scheibe Brot. Getreide reize die Darmwand, bis sie durchlässig werde; dann gelangten unverdaute Eiweiße und Lipopolysaccharide, Abfallprodukte von Bakterien, ins Blut und beschäftigten das Immunsystem. Dazu kämen Blutzuckerspitzen und Insulinresistenz. Das ist seine Deutung: Dass die Darmbarriere bei Entzündungen durchlässiger sein kann, ist belegt. Ob Gluten das bei Menschen ohne Zöliakie auslöst und ob ein „Leaky Gut“ Ursache oder Begleiterscheinung ist, wird in der Fachwelt kontrovers diskutiert. Aus der Praxis berichtet er von Patienten, deren Blutdruck gesunken sei, nachdem sie Gluten konsequent weggelassen hätten; Einzelbeobachtungen, keine Studie. Wie Ernährung im Gelenk ankommt, ordnet unser Artikel zu Arthrose und Ernährung ein.

Die naheliegende Frage lautet nun: Welches Präparat hilft? Hölschers Antwort: falsche Frage.

Kapseln statt Küche? Die falsche Reihenfolge

Vitamin C als Ergänzung überzeugt ihn nicht, über Lebensmittel schon. Vitamin D beschreibt er als immunmodulierend und verweist auf Daten, nach denen ein ausreichender Spiegel mit weniger Infekten und Autoimmunerkrankungen einhergehe. Curcumin-Extrakte könnten aus seiner Sicht in passender Dosierung entzündungshemmend wirken; unterstützend, etwa im rheumatischen Schub, setze er sie ein. Allein nie.

O-Ton aus dem Interview

Ich bin nicht gegen Supplements, im Gegenteil, ich nutze die und vertreibe die. Aber ich finde es ganz wichtig zu sagen: Ich muss nicht 60 Euro für Kurkuma ausgeben, solange ich noch Dinge esse, die mir den Darm löchrig machen und meine chronische Entzündung treiben.

Bastian Hölscher

Ein Hinweis der Redaktion: Diese Wirkaussagen sind Hölschers Einschätzung; die Studienlage zu Curcumin-Extrakten ist gemischt, wie unser Artikel zur Curcumin-Dosierung zeigt. Wer Medikamente nimmt, bespricht jede Ergänzung ärztlich.

Für Omega-3 macht Hölscher eine Ausnahme. Sie hat mit einer eigenen Erfahrung zu tun.

O-Ton aus dem Interview

Es gibt eine Menge Leute, die nehmen dann irgendwie ein paar Kapseln und denken: „Halleluja!“, so wie ich das auch gemacht habe, als ich mit dem ganzen Kram angefangen habe. Und dann misst du und denkst: Omega-3-Index von 6. Ich will gar nicht wissen, wo ich vorher war, aber gut ist das nicht.

Bastian Hölscher

Einen guten Index nur über Essen zu erreichen, hält er für schwierig. Deshalb ergänzt er nach Spiegel: messen, anpassen, nachmessen, Zielbereich nach seinen Worten 11 bis 12 Prozent. Die Redaktion ergänzt: Bei Herzerkrankungen, unter Gerinnungshemmern und vor Operationen gehört Omega-3 in die ärztliche Rücksprache. Was die Studienlage zu Omega-3 und anderen Ergänzungen hergibt, steht im Artikel zu Supplementen bei Arthrose.

Womit fängt an, wer eine stille Entzündung nur vermutet? Hölscher hat drei Schritte. Der zweite führt ins MRT.

Drei Schritte und ein übersehener Befund

Schritt eins: alles vom Teller nehmen, was aus seiner Sicht die Darmwand reizt. Glutenfrei, keine Fertigprodukte, keine billig verarbeiteten Milchprodukte. Dazu im Stuhl die Marker Zonulin und Calprotectin prüfen lassen.

Schritt zwei überrascht. Nicht nur der Darm treibe stille Entzündungen, sondern auch das viszerale Fett zwischen den Organen. Wer je ein MRT hatte, solle in den Befund schauen, sagt Hölscher, und werde dort nichts dazu finden: Der Radiologe sehe dieses Fett bei fast jedem und erwähne es nicht mehr. Viszerales Fett sei Folge von Entzündung und Insulinresistenz und über seine Botenstoffe zugleich deren Motor.

Wissenschaftliche Grafikfigur mit schlanker Silhouette und durchscheinendem Skelett, im transparenten Bauchraum liegt zwischen den Darmschlingen terrakottafarbenes viszerales Fett
O-Ton aus dem Interview

Habe ich wirklich Idealgewicht? Und das reicht nicht aus. Auch schlanke Menschen können viel viszerales Fett haben.

Bastian Hölscher

Sein Maßstab heißt metabolische Flexibilität: in die Ketose hineinkommen und wieder heraus, ohne Probleme; morgens die Ketone messen. Die Redaktion weist darauf hin: Fasten oder ketogene Phasen gehören bei Diabetes, Herz- oder Nierenerkrankungen und unter blutzuckersenkenden Medikamenten nie ohne ärztliche Rücksprache in den Alltag. Was schon wenige Kilo weniger im Körper bewegen, zeigt unser Artikel zum Abnehmen bei Arthrose.

Schritt drei ist das Labor. Neben dem Omega-3-Index nennt Hölscher ein hochsensitiv gemessenes CRP, das nicht bei fünf abgeschnitten werde, sondern auch darunter Werte liefere. Dort spiele sich die stille Entzündung ab.

Säulendiagramm: relatives Risiko für ein erstes Herz-Kreislauf-Ereignis je Fünftel des CRP-Werts 1,0, 1,4, 1,6, 2,0 und 2,3 gegenüber LDL-Cholesterin 1,0, 0,9, 1,1, 1,3 und 1,5

Zur Einordnung: In der Women’s Health Study mit 27.939 zunächst gesunden Frauen stieg das relative Risiko eines ersten Herz-Kreislauf-Ereignisses über im Mittel acht Jahre mit dem Ausgangswert des Entzündungsmarkers CRP von 1,0 im niedrigsten Fünftel auf 1,4, 1,6, 2,0 und 2,3 in den höheren Fünfteln. Für das LDL-Cholesterin lauteten die Werte 0,9, 1,1, 1,3 und 1,5. Quelle: Ridker PM et al. 2002, N Engl J Med 347(20):1557-65, PMID 12432042.

Der Kontostand am Monatsende

Beim dritten Laborwert verzweifle er an seiner Zunft, sagt Hölscher. Beim Hausarzt gebe es Nüchternzucker und Langzeitzucker, den HbA1c. Beide zeigten nur, dass der Körper den Blutzucker noch konstant halte. Nicht, was ihn das koste. Er erklärt es mit einem Finanzberater, der die Kontoauszüge der letzten zwölf Monate anschaut.

O-Ton aus dem Interview

Das heißt, der Nüchternzucker und der Langzeitzucker sind wie der Kontostand am Monatsende. Jetzt wird es aber spannend. 5.000 Euro am Monatsende ist ganz solide. Wenn du siebeneinhalb verdienst, kannst du sogar mal zwei Monate nicht arbeiten gehen. Aber was, wenn du 50.000 verdienst?

Bastian Hölscher

Der HOMA-Index zeige dieses Verhältnis: wie viel Insulin der Körper aufbringen muss, um den Zucker im Rahmen zu halten. Werte zwischen fünf und acht sehe er regelmäßig bei Menschen, deren Zuckerwerte niemanden beunruhigen. Nach zehn oder zwanzig Jahren schaffe die Bauchspeicheldrüse die Menge nicht mehr, und erst dann falle das Wort Diabetes.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Bastian Hölscher dreht die Reihenfolge um: erst der Teller, dann das Präparat. Die stille Entzündung beschreibt er als Zustand, den die meisten nicht mehr spüren, weil er normal geworden ist. Sichtbar werde sie erst mit Werten, die im Standardlabor selten auftauchen: Omega-3-Index, hochsensitives CRP, HOMA-Index.

Seine Ernährungsempfehlungen, vor allem der Vorrang für Fleisch und der Verzicht auf Getreide, sind in der Fachwelt umstritten; Fachgesellschaften empfehlen eine pflanzenbetonte Kost. Sein Messansatz funktioniert davon unabhängig. Wie stille Entzündungen entstehen, vertieft Dr. med. Patrick Assheuer im Interview über den unsichtbaren Feind aus demselben Kongress; wer trotz guter Blutwerte müde ist, findet bei Dr. med. Sabine Zitzmann eine zweite Sicht auf das Labor.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ernährungsumstellungen, Fastenphasen und Nahrungsergänzungen gehören bei Vorerkrankungen und unter Medikamenten in ärztliche Begleitung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Bei Warnzeichen wie ungewolltem Gewichtsverlust, Fieber oder Brustschmerz lassen Sie sich zeitnah ärztlich untersuchen.

Häufige Fragen

Was versteht Bastian Hölscher unter einer stillen Entzündung?
Für Hölscher ist die stille Entzündung die unbemerkte Schicht unter vielen chronischen Beschwerden. Eine laute Entzündung wie eitrige Mandeln übersehe niemand; die stille laufe unterhalb der Wahrnehmung und sei aus seiner Sicht an Krankheiten wie Bluthochdruck, Depression, Demenz oder Rheuma beteiligt.
Welche Blutwerte empfiehlt Hölscher, um eine stille Entzündung zu erkennen?
Er nennt drei Werte, die er zusätzlich zum Standardlabor bestimmen lässt: den Omega-3-Index, ein hochsensitiv gemessenes CRP, das auch unterhalb des üblichen Grenzwerts von fünf ausgelesen wird, und den HOMA-Index als Maß für Insulinresistenz. Als Stuhlmarker für die Darmbarriere nennt er Zonulin und Calprotectin.
Warum hält Hölscher wenig von Nahrungsergänzung gegen stille Entzündungen?
Nach seiner Auffassung bringt es wenig, Curcumin-Extrakte oder Vitamine zu ergänzen, solange die Ernährung den Darm weiter reizt. Unterstützend, etwa in einem rheumatischen Schub, setze er solche Stoffe ein, aber nie als einziges Mittel. Beim Omega-3-Index macht er eine Ausnahme, weil ein guter Wert allein über die Ernährung schwer zu erreichen sei.
Was ist der Omega-3-Index und welchen Wert nennt Hölscher als Ziel?
Der Omega-3-Index gibt an, wie viel Prozent der Fettsäuren in der Membran roter Blutkörperchen Omega-3-Fettsäuren sind. Hölscher lässt ihn zusammen mit Omega-6 messen und strebt ein Verhältnis von etwa eins zu eins an. Als meist empfohlenen Zielbereich für den Index nennt er 11 bis 12 Prozent. Die Redaktion ergänzt: Wer Gerinnungshemmer nimmt oder herzkrank ist, klärt eine Omega-3-Ergänzung ärztlich ab.
Was sagt der HOMA-Index aus, den Hölscher so wichtig findet?
Laut Hölscher zeigen Nüchternzucker und Langzeitzucker nur, dass der Körper den Blutzucker noch im Griff hat, nicht, wie viel Insulin er dafür ausschütten muss. Der HOMA-Index setze beides ins Verhältnis. Werte zwischen fünf und acht sehe er regelmäßig bei Menschen, deren Zuckerwerte noch unauffällig seien; die Insulinresistenz falle sonst erst Jahre später als Diabetes auf.
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