Der Rücken zwickt seit Jahren, der Nacken ist hart, auf der Treppe werden die Beine schwer. Die Suche nach dem Grund endet meist bei Wirbelsäule oder Gelenken. Doch Anja Hecht, Internationale Gesundheitscoach mit Spezialisierung Hashimoto, sucht woanders: am Hals. Beim Schmerzkongress erklärte sie im Gespräch „Schilddrüse und chronische Schmerzen: Eine stark unterschätzte Ursache“, weshalb sie bei Schmerzpatienten fast immer nach der Schilddrüse fragt und warum ein normaler TSH-Wert sie nicht beruhigt. Das vollständige Interview ist im Kongress abrufbar.
Muskeln stützen die Knochen, die Schilddrüse gibt den Takt
Was hat ein Hormonorgan am Hals mit einem Bandscheibenvorfall zu tun? Hechts Antwort führt über den Stoffwechsel. Die Schilddrüse bestimme, wie schnell der Körper arbeitet, auch beim Umbau von Eiweiß. Bei einer Unterfunktion würden die Aminosäuren für den Muskelaufbau kaum noch bereitgestellt, bei einer Überfunktion zu schnell verbraucht. In beiden Fällen fehle am Ende Muskel. Und Muskel, sagt sie, sei nicht nur fürs Sportliche da.
Muskeln sind neben Knochen unser Stützapparat. Das sind die, die einfach die Knochen mit entlasten, die die mit stützen. Das heißt, dann treten so Sachen auf wie Bandscheibenvorfälle, Hexenschuss, Haltungsschäden.
Dazu zählt sie Kieferpressen mit Kopf-, Nacken- und Kieferschmerz als Folge. Das ist ihre Deutung aus der Praxis, kein gesicherter Mechanismus.

Die Kette, wie Anja Hecht sie beschreibt: Die Schilddrüse taktet den Stoffwechsel, aus Aminosäuren entsteht Muskel, und fehlt dieser Muskel, verliert die Wirbelsäule ihre Stütze. Am Ende stehen aus ihrer Sicht Hexenschuss, Bandscheibenvorfall und Haltungsschäden.
Wie sich die fehlende Kraft anfühlt, beschreibt Hecht so konkret, dass sich viele wiedererkennen dürften.
Treppe, Fahrrad, Liegestütz: wenn die Beine lahm werden
Das häufigste Zeichen einer Schilddrüsenstörung ist für Hecht nicht die Müdigkeit im Kopf, sondern die Kraftlosigkeit im Körper.

Die Leute haben keine Muskelkraft. Die haben ganz arg Schwierigkeiten, wenn es so um banale sportliche Sachen geht, wie Treppensteigen, Fahrradfahren längere Zeit, dass man wirklich das Gefühl hat, die Beine werden lahm.
Gerade sitzen fällt schwer, Arbeiten über Kopf auch. Liegestütze seien bei ihr selbst damals unmöglich gewesen.
Einen Schritt geht Hecht weiter: Bei Hashimoto richteten sich Autoantikörper nach ihrer Darstellung auch gegen Muskel- und Bindegewebe. Das ist ihre Sicht; die bekannten Hashimoto-Antikörper zielen auf Bestandteile der Schilddrüse selbst. Dass Muskelbeschwerden bei Schilddrüsenstörungen dennoch häufig sind, zeigt eine klinische Untersuchung aus den Niederlanden.

Zur Einordnung: In einer prospektiven Untersuchung an Patienten mit neu diagnostizierter Schilddrüsenstörung hatten 79 Prozent der Patienten mit Unterfunktion neuromuskuläre Beschwerden, bei 38 Prozent ließ sich eine Muskelschwäche klinisch nachweisen, 42 Prozent zeigten Zeichen einer Nervenschädigung und 29 Prozent ein Karpaltunnelsyndrom. Bei Überfunktion waren es 67, 62, 19 und 0 Prozent. Nach einem Jahr Behandlung hatten noch 13 Prozent der Patienten mit Unterfunktion eine Muskelschwäche. Quelle: Duyff RF et al. 2000, J Neurol Neurosurg Psychiatry 68(6):750-5, PMID 10811699.
Hecht denkt die Schilddrüse nie allein. Sie arbeite mit Bauchspeicheldrüse, Leber und Nebenniere zusammen; fahre sie herunter, drosselten aus ihrer Sicht auch die anderen Drüsen. Die „Nebennierenschwäche“, auf die sie sich mehrfach beruft, ist in der Schulmedizin keine anerkannte Diagnose.
Bleibt die Frage, wie eine Schilddrüse aus dem Takt gerät. Hechts Antwort beginnt am Frühstückstisch und endet im Schlafzimmer.
Kaffee, Zucker, Schlafmangel: Hechts drei Verdächtige
Vielleicht erwarten Sie jetzt den Darm. Hecht widerspricht: Der Darm sei meist Folge, nicht Ursache.
Erstens die Ernährung. Gluten, Zucker und Kaffee nennt sie als Hauptfaktoren, Milch in Klammern. Zucker gilt ihr als Entzündungstreiber Nummer eins, und Hashimoto sei eine Entzündungserkrankung; was stille Entzündungen im Körper anrichten, erklärt unser Glossar. Kaffee streicht sie, weil er ihrer Ansicht nach die Nebenniere schwäche. Ihr Rat: so wenig weglassen wie möglich, Schritt für Schritt, zwei Wochen Geduld.
Zweitens der Vagusnerv. Sein Tonus sei bei Schmerz- und Schilddrüsenpatienten meist zu niedrig, die Ursache chronischer Stress. Damit meine sie nicht bloß den Ärger im Büro: Eine Zahnoperation, ein Sonnenbrand, ein Magen-Darm-Infekt, eine Epstein-Barr-Infektion oder Antibiotika seien für den Körper genauso Stress.
Drittens der Schlaf, für Hecht der wichtigste Punkt.
Wenn wir Schmerzen haben, kann unser Körper nur in den Tiefschlafphasen regenerieren und die Muskeln wieder aufbauen, die Schmerzen regulieren.
Ohne Tiefschlaf werde aus einer Schmerzstärke von sechs oder sieben eine neun, so ihre Beobachtung. Ihr Modell mit einer „vierten“ und „fünften“ Schlafphase ist ihre eigene Einteilung; die Schlafmedizin unterscheidet drei Non-REM-Stadien und den REM-Schlaf.
Wer nun die Schilddrüse prüfen lässt, bekommt meist einen einzigen Wert. Genau da setzt Hechts schärfste Kritik an.
Ein Wert, drei Ärzte, drei Diagnosen
Das große Missverständnis sei, dass die meisten Ärzte nur den TSH-Wert abnähmen. TSH sei nur die Bestellung, die das Gehirn an die Schilddrüse schickt; ob die Drüse liefern könne, sehe man daran nicht. Dafür brauche es die freien Werte fT4 und fT3 sowie die Antikörper, bei Hashimoto den TPO-Antikörper, bei Morbus Basedow den TRAK. Bei Schmerzpatienten habe sie Antikörperwerte von 6.000 gesehen, wo der Normbereich unter 35 liege, und im TSH sei davon nichts zu erkennen gewesen. Die Redaktion ergänzt: Die Bewertung von Schilddrüsenwerten gehört in ärztliche Hand, und wer Hormone einnimmt, ändert die Dosis nie in Eigenregie.
Eine Anekdote aus ihrer Beratung: Eine Klientin sei am selben Tag zu drei Ärzten gegangen. Morgens hieß es überdosiert, mittags alles passend, abends Dosis erhöhen. Ihre Konsequenz: dasselbe Labor, derselbe Arzt, dieselbe Uhrzeit. Wie ein Arzt denselben Wert einordnet, lesen Sie im Interview mit Dr. med. Gerald Menschik über den TSH-Wert.
Neben dem Labor nutzt Hecht ein Thermometer. Zwischen 36,5 und 36,8 Grad am Morgen sei die Schilddrüse meist gut eingestellt, unter 36,0 Grad würde sie abklären lassen.
Jetzt dürfen wir mal überlegen, wie viele Menschen ihr ganzes Leben im Winterschlaf verbringen.
Die Temperaturmessung ist ein Hilfsmittel aus der Alternativmedizin, keine anerkannte Schilddrüsendiagnostik; als Anlass für ein Arztgespräch kann sie taugen.
Erst schlafen, dann essen, dann ergänzen
Hechts Reihenfolge überrascht: Vor der Ernährung kommt der Schlaf. Vor 23 Uhr ins Bett, weil um diese Zeit nach ihrer Darstellung Cortisol ausgeschüttet werde, das wach halte; eine Stunde vorher kein Bildschirm. Als Ergänzung nennt sie Magnesium am Abend, danach Melatonin und die Aminosäure GABA.
Bei den Nährstoffen wird sie deutlich: Erschöpfte könnten ihr Leben nicht umkrempeln, solange der Antrieb fehle; deshalb erst auffüllen, dann Stressoren angehen. Vitamin D nennt sie zuerst, dazu einen aktivierten B-Komplex, Zink, Magnesium und die Aminosäure SAMe. Jod lässt sie außen vor und warnt vor Alleingängen. Ihre Deutung von Genvarianten wie MTHFR ist ihre Position; die Studienlage dazu ist dünn.
Hinweis der Redaktion: Nahrungsergänzung bei Schilddrüsenerkrankungen gehört in ärztliche Rücksprache; hoch dosiertes Vitamin D, Jod und Magnesium sind bei Nieren- oder Herzerkrankungen und in der Schwangerschaft nicht harmlos. Bei Herzrasen, ungewolltem Gewichtsverlust, Lähmungsgefühlen oder Fieber gehört die Abklärung sofort in die Praxis. Wo die Belege enden, zeigen unsere Artikel zur Evidenz bei Supplementen und zu Calcium und Vitamin D.
Bei der Bewegung bremst Hecht, wo andere Gas geben.
Leute mit Schilddrüsenerkrankungen sollten keinen Leistungssport machen. Sondern die sollten sich tatsächlich bewegen. Yoga machen, spazieren gehen, Rad fahren.
Wer weit über seine Grenze gehe, schütte Cortisol aus, so ihre Begründung; wie sich Kraft schrittweise aufbauen lässt, zeigt unser Artikel zum Krafttraining bei Osteoporose. Beim Essen verordnet sie kein Protokoll: Paleo oder Rohkost habe sie selbst nie länger als drei Wochen durchgehalten. Ihr Grundsatz ist kurz.
Sobald Ernährung Stress macht, ist es wieder kontraproduktiv.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Anja Hecht verschiebt die Suche nach dem Schmerzgrund vom Gelenk zur Drüse: Die Schilddrüse drosselt den Stoffwechsel, der Muskel verliert Kraft, die Wirbelsäule verliert Halt. Ihre Werkzeuge: freie Werte und Antikörper statt nur TSH, ein Thermometer am Morgen, Schlaf vor Ernährung, moderate Bewegung, Essen ohne Dogma.
Vieles davon ist Erfahrungswissen einer Betroffenen; Hecht räumt selbst ein, dass es zu dieser Verbindung kaum Studien gibt. Wer sich in Kraftlosigkeit, schlechtem Schlaf und einem „alles normal“ auf dem Befund wiedererkennt, hat nun konkrete Fragen für die nächste Blutabnahme. Im selben Kongress erklärt Dr. Petra Wiechel im Interview über Fibromyalgie, wie sie Schmerz und Erschöpfung zusammen betrachtet, und Dr. Dominik Nischwitz zeigt im Interview über Zahnstörfelder, was Kiefer und Zähne mit chronischem Schmerz zu tun haben können.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Anja Hecht ist Gesundheitscoach, keine Ärztin. Schilddrüsenerkrankungen gehören in ärztliche Betreuung; Laborwerte, Nahrungsergänzung und Dosierungen werden ausschließlich mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt festgelegt, verordnete Hormone nie in Eigenregie verändert.
Häufige Fragen
Was hat die Schilddrüse laut Anja Hecht mit chronischen Schmerzen zu tun?
Welche Laborwerte hält Anja Hecht für nötig?
Was sagt die Körpertemperatur laut Hecht über die Schilddrüse aus?
Womit sollte man laut Anja Hecht anfangen?
Empfiehlt Anja Hecht eine bestimmte Diät bei Hashimoto?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
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