Fünf kleine Mahlzeiten am Tag, damit der Blutzucker nicht absackt: Diesen Rat haben viele Menschen über 50 jahrelang befolgt. Doch genau er landete auf einer Liste, die Markus Grimm, Heilpraktiker, physiologischer Ernährungscoach, Stoffwechsel- und Schilddrüsenexperte, beim Autoimmunkongress vorstellte. Sechs Entzündungsfallen im Alltag zählt er dort auf, und wie oft jemand isst, wiegt für ihn schwerer als die Frage, was auf dem Teller liegt. Sein Vortrag trug den Titel „Die 6 versteckten Entzündungs-Fallen in deinem Alltag“; das vollständige Gespräch sehen Sie kostenlos im Kongress.
Warum jeder Bissen das Immunsystem weckt
Was passiert, wenn Sie nachmittags zu einer Handvoll Nüsse greifen? Für Grimm beginnt damit jedes Mal eine kleine Entzündung, er nennt sie postprandiale Entzündung. Seine Begründung ist evolutionär: Über die Nahrung seien früher die meisten Krankheitserreger in den Körper gelangt. Deshalb sitze der Großteil der Immunzellen, er nennt rund 80 Prozent, an den Innenwänden des Verdauungstrakts, und jedes Kauen versetze sie in Bereitschaft.
Die meisten Pathogene haben wir in der Menschheitsgeschichte übers Essen aufgenommen und eine Aktivierung der Kaumuskulatur, der Alpha-Amylase, zeigt dem Körper: Oh, da kommt Nahrung rein. Das heißt, die Immunzellen müssen jetzt an die Schleimhäute vor.

Die Darmwand als Grenzposten: Unter der Schleimhaut liegt Lymphgewebe mit Immunzellen, die nach Markus Grimms Beschreibung bei jeder Mahlzeit an die Schleimhaut vorrücken, um zu prüfen, was hereinkommt. Bei mehr als 21 Mahlzeiten pro Woche komme dieser Posten aus seiner Sicht nicht mehr zur Ruhe.
Sinnvoll sei das, solange es Pausen gebe, und genau die fehlten heute. Wer mehr als 21 Mal pro Woche esse, Snacks eingerechnet, halte die Grenze im Darm dauerhaft besetzt, und aus vielen kleinen Alarmen werde ein chronischer Prozess. Die Empfehlung zu fünf Mahlzeiten täglich hält er deshalb für einen Fehler. Seine Antwort darauf ist kein Ernährungsplan, sondern ein Blick zurück.
Wann war der Mensch überhaupt in der Lage, mehr als drei Mahlzeiten in der Geschichte zu essen? Relativ wenig. … Unser Körper ist auf Mangel angelegt worden, nie auf Fülle.
Wie Ernährung im Gelenk wirkt, lesen Sie in unserem Grundlagenartikel zu Arthrose und Ernährung. Die Mahlzeitenfrequenz ist aber nur einer von sechs Punkten.
Die sechs Entzündungsmacher
Grimm zählt auf: sehr kalorienreiche Mahlzeiten, mehr als 40 Gramm Fett auf einmal, ein Fruchtzuckeranteil über zehn Prozent, die hohe Mahlzeitenfrequenz, artfremde Lebensmittel und Bewegungsmangel. Beim Fruchtzucker warnt er vor einem Bumerang: Er schone den Insulinstoffwechsel, belaste aber die Leber; viel Saft könne zu einer Fettleber führen. Artfremd ist für ihn, was die Lebensmittelindustrie in den letzten 70 Jahren auf den Teller gebracht hat.
Zur Einordnung: Die Schwellenwerte stammen aus Grimms Vortrag, Studien nennt das Gespräch nicht, und zur Mahlzeitenfrequenz liefert die Forschung widersprüchliche Ergebnisse. Was Kalorien und Körpergewicht in entzündeten Gelenken anrichten, beschreibt unser Artikel Abnehmen bei Arthrose.
Die sechs Fallen erklären für Grimm die Dauerbeschäftigung des Immunsystems, nicht aber den Angriff auf den eigenen Körper. Dafür holt er ein Bild aus dem Kinderzimmer.
Die Schranke vor der Feuerwehr
Ein weiterer Faktor steht auf keiner Lebensmittelliste: das zu frühe Eingreifen in einen normalen Infekt. Nach dem Stressmodell von Hans Selye beschreibt er Schockphase, Gegenschockphase und Ausheilung. Das Fieber, das nach drei, vier Tagen zurückkehre, sei keine Neuinfektion, sondern das Signal, dass das erworbene Immunsystem den Gegner erkannt habe. Wer jetzt mit Fiebersenkern eingreife, unterbreche den Prozess.
Ich vergleiche das immer: Die Feuerwehr will rausfahren und hier haue ich eine Schranke rein. Das heißt, sie kriegt ihren Job nicht zu Ende.
Ein unterbrochener Prozess bleibe unterschwellig im System, das Immunsystem sei gestresst, und unter Stress passierten Fehler, so seine Deutung. Er erinnert an den Spruch seiner Großmutter: sieben Tage kommt es, sieben Tage bleibt es, sieben Tage geht es. Die Redaktion ergänzt: Hohes Fieber bei Säuglingen, älteren oder chronisch kranken Menschen, Fieber über mehrere Tage, Apathie oder Atemnot gehören in ärztliche Abklärung; verordnete Medikamente setzt niemand ohne Rücksprache ab. Grimms Übertragung auf Autoimmunerkrankungen ist seine Hypothese, kein gesicherter Befund.
Wenn das Immunsystem die Energie abzieht
Warum macht ein üppiges Mittagessen so müde? Grimms Antwort führt über die Energie.
Unser Hirn braucht vor allem Glukose und unser Immunsystem braucht Glukose, um überhaupt richtig arbeiten zu können. Und wenn wir eine akute und chronische Entzündung haben, kommt es zu einer Energieumverteilung. Das heißt, die Glukose wird zum Immunsystem umgeleitet.
Das Mittagstief deutet er als Zeichen dieser Umverteilung: Das Essen habe eine Entzündung ausgelöst, das Immunsystem ziehe Energie ab, das Gehirn fahre herunter. Ein aktives Immunsystem verbrauche nach seinen Angaben bis zu 700 bis 800 Kilokalorien am Tag, eine Quelle nennt er dazu nicht, und Muskeleiweiß werde abgebaut, um Zucker dafür bereitzustellen.
Dauerstress, den niemand mehr abschüttelt
Stress an sich hält Grimm für gesund, ohne Stresshormone käme niemand aus dem Bett. Das Problem sei der Dauerstress: Er halte das Cortisol hoch, und Cortisol dämpfe das Immunsystem, derselbe Effekt, den Kortison als Medikament nutze.
Stress, evolutionär gesehen, war immer mit Bewegung gekoppelt. Und jetzt haben wir auch Stress, bloß wir versuchen, den Stress auszusitzen und das ist so nicht angelegt.
Seine Regel für Patienten lautet deshalb: Wer viel Stress hat, muss sich viel bewegen. Bewegung baue die mobilisierte Energie ab, die sonst im Bindegewebe lande und dort die Immunzellen behindere. Diese Vorstellung einer belasteten „Matrix“ nach Alfred Pischinger ist in der Schulmedizin nicht etabliert und bleibt seine Sicht. Praktisch empfiehlt er Krafttraining für Schultern, Arme und Brust, weil der Mensch evolutionär eher Kletterer als Läufer gewesen sei. Ein paar Liegestütze oder Dips vor einer großen Mahlzeit nennt er einen Gegenbrand, auch Nüchterntraining schätzt er. Die Redaktion weist darauf hin: Nüchterntraining und lange Essenspausen gehören bei Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme in ärztliche Rücksprache.

Ein chronisch aktiviertes Immunsystem, ich sage immer, das ist wie ein Mitarbeiter. Wenn ein Mitarbeiter permanent gestresst ist, dann macht er Fehler und arbeitet nicht mehr so sauber.
Wann Sport Entzündungen dämpft und wann er selbst reizt, bespricht Daniel Harbs im Interview über Sport und Entzündung. Bleibt die Frage, wie man eine stille Entzündung überhaupt bemerkt. Grimm sucht sie im Blut.
Welche Laborwerte Grimm ansieht
Einmal im Jahr ein großes Blutbild, so seine Grundempfehlung. Dabei achtet er weniger auf Ausreißer als auf die Lage innerhalb der Referenz: Leukozyten am oberen Rand seien ein erstes Zeichen eines aktiven Immunsystems. Beim C-reaktiven Protein rät er zum hochsensitiven hs-CRP; Werte zwischen eins und fünf, die viele Labore als unauffällig einstufen, liest er bereits als Hinweis auf eine stille Entzündung. Ebenso ein über Monate erhöhtes Ferritin bei niedrigem Serumeisen, weil der Körper sein Eisen vor Keimen wegsperre.
Für die Darmbarriere nennt er Zonulin und I-FABP; das Konzept eines durchlässigen Darms („Leaky Gut“) als Krankheitsursache ist wissenschaftlich umstritten. Beim Vitamin D empfiehlt er, neben dem Speicherwert 25-OH-D3 auch das aktive Hormon zu messen. An der Schilddrüse hält er wenig davon, allein nach dem TSH zu urteilen. Welche Nährstoffe dem Immunsystem fehlen können, ergänzt Dr. rer. medic. Martin Krowicki im Interview über Nährstoffe und Laborwerte. Alle Deutungen sind Grimms Praxisregeln; die Bewertung von Laborwerten bleibt Aufgabe der behandelnden Ärztin oder des Arztes.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Markus Grimm dreht die Reihenfolge um: nicht erst Diagnose und Medikament, sondern die Frage, was das Immunsystem Tag für Tag in Betrieb hält. Seine sechs Entzündungsmacher sind Alltagsgewohnheiten: zu viel, zu fett, zu süß, zu oft, zu industriell, zu lange gesessen. Dazu kommt der Dauerstress, den er nicht aussitzen, sondern abarbeiten will. Vieles davon ist Erfahrungswissen eines Heilpraktikers, keine Leitlinie. Sein praktischer Kern, längere Essenspausen, mehr Bewegung, Zeit zum Auskurieren, ist wenig riskant, solange Vorerkrankungen ärztlich begleitet bleiben. Wie das Immunsystem zwischen Angriff und Abwehr wählt, erklärt Ruth Biallowons im Interview über TH1 und TH2 aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Markus Grimm ist Heilpraktiker, kein Arzt. Veränderungen an Ernährung, Essensrhythmus oder Training bei Autoimmunerkrankungen, Diabetes oder anderen Vorerkrankungen gehören in ärztliche Begleitung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert oder abgesetzt.
Häufige Fragen
Was versteht Markus Grimm unter den sechs Entzündungsfallen im Alltag?
Warum sieht Grimm häufiges Essen kritisch?
Was hat Fieber mit Autoimmunerkrankungen zu tun?
Welche Laborwerte empfiehlt Grimm bei Verdacht auf eine stille Entzündung?
Welche Bewegung empfiehlt Grimm gegen Entzündungen?
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