Morgens die ersten Schritte, die Knie melden sich, die Hüfte fühlt sich eingerostet an. Die Erklärung liegt bereit: das Alter, der Verschleiß. Doch für Dr. med. Lutz Graumann, Sport- und Ernährungsmediziner, ist Verschleiß nur eine von vielen Möglichkeiten, und bevor er sie gelten lässt, will er die anderen ausgeschlossen haben. Beim Stille Entzündungen Kongress sprach er unter dem Titel „Wenn jede Bewegung schmerzt: Die wahren Ursachen für Gelenkprobleme und wie du sie stoppst“ darüber, woran er ein entzündetes Gelenk erkennt, warum er Gelenkpatienten zum Zahnarzt schickt und weshalb in seiner Sprechstunde niemand sitzt, der zu viel Erholung hatte.
Erst die Ausschlussliste, dann die Diagnose
Was steckt dahinter, wenn mehrere Gelenke schmerzen? Graumann beginnt mit einer Beobachtung aus dem Wartezimmer.
Die Menschen sagen ja nicht: Ich habe eine stille Entzündung. Sondern: Ich stehe morgens auf, und es fühlt sich irgendwie nicht so toll an, wie es sich schon mal angefühlt hat.
Dann gelte es, zuerst die ernsten Ursachen auszuschließen. Graumann zählt auf: rheumatische Erkrankungen mit ihrem gemeinsamen Merkmal, der Morgensteifigkeit. Infektionen wie eine Borreliose. Gicht, bei der sich Kristalle im Gelenk ablagern. Autoimmunerkrankungen und Unverträglichkeiten. Und die Gruppe, die er zum Glück am häufigsten sieht: funktionelle Störungen. Irgendwo sitze eine Blockade, der Körper antworte mit Schutzspannung, die Muskulatur arbeite gegen die Bewegung an. Das Gelenk fühlt sich steif an, ohne krank zu sein.
Ein Hinweis der Redaktion: Schmerzen in mehreren Gelenken, dazu Fieber, ungewollter Gewichtsverlust oder eine Morgensteifigkeit über eine Stunde gehören zeitnah in ärztliche Abklärung. Woran aber erkennt man eine Entzündung? Graumann nennt drei Zeichen.
Wärmer, röter, gespannter
Die Antwort ist alt, und Graumann greift sie auf.
Entzündung macht immer drei Veränderungen. Das eine ist die Temperatur. Das heißt, es würde immer ein bisschen wärmer sein, so ein Gelenk. Dann ist es die Farbe. Wir haben oftmals eine Rötung. Und dann haben wir eine Spannung, die dazukommt, weil sich Gelenkflüssigkeit bildet.
Dazu komme der Schmerz. Je mehr Zeichen zusammentreffen, desto dringender rät Graumann zum Arzt und zur gründlichen Blutabnahme. Ein Wert fehle vielen Laborprofilen zu Unrecht: die Blutsenkungsgeschwindigkeit, bei rheumatischen Erkrankungen weiterhin aussagekräftig. Dazu das hochsensitive CRP, Tumornekrosefaktor alpha und Interleukin-6.

Drei Veränderungen plus Schmerz: Graumann beschreibt, wie ein entzündetes Gelenk wärmer wird, sich rötet und unter Spannung gerät, weil die gereizte Gelenkinnenhaut vermehrt Flüssigkeit bildet. Je mehr davon zusammenkommt, desto eher gehört das Gelenk aus seiner Sicht in ärztliche Hände.
Wie die klassische Abklärung abläuft, zeigt unser Artikel zu Symptomen und Diagnose der Arthrose. Ist sie nachweisbar, Rheuma aber ausgeschlossen, beginnt für Graumann die eigentliche Suche. Sie führt an einen Ort, den kaum jemand mit seinem Knie verbindet.
Der Verdächtige, an den niemand denkt
Ernährung, Stress, Schlafmangel: Faktoren, die Graumann gelten lässt. Bei diffusen Beschwerden ohne autoimmune Erklärung schaut er allerdings zuerst woanders hin.
Das, was spannenderweise die wenigsten auf dem Schirm haben, wo wir ganz viele chronisch niederschwellige Entzündungen im Ursprung finden, ist tatsächlich die Zahnschleimhaut.
Zahnstein, nicht sanierte Zähne, entzündetes Zahnfleisch: Für Graumann eine Eintrittspforte für Erreger. Er geht weit: Ein großer Teil der Herzinfarkte und Schlaganfälle sei vermutlich mit dadurch vorangetrieben. Das ist seine Einschätzung; beschrieben ist ein statistischer Zusammenhang, ein Beweis für Ursache und Wirkung in dieser Größenordnung fehlt. Praktisch schickt er viele Patienten zuerst zum Zahnarzt für den Sulcus-Blutungsindex: Eine Sonde fährt um jeden Zahn, und wo es blutet, gehöre das nicht hin. Erst danach lasse sich eine Entzündung im Körper dauerhaft angehen.

Zur Einordnung: Ob entzündetes Zahnfleisch Gelenke krank macht, ist nicht bewiesen. Belegt ist ein statistischer Zusammenhang: Wer eine Parodontitis hat, erkrankt in Kohortenstudien etwas häufiger neu an rheumatoider Arthritis (relatives Risiko 1,27), Osteoporose (1,40) und Diabetes (1,22). Quelle: Larvin H et al. 2023, Community Dentistry and Oral Epidemiology, Meta-Analyse aus 27 Kohortenstudien, PMID 36377800.
Welche Rolle wurzelbehandelte Zähne in dieser Debatte spielen, vertieft Dr. Johanna Graf im Interview über wurzelbehandelte Zähne aus demselben Kongress. Der zweite Verdächtige sitzt näher an der Gürtellinie.
Bauchfett als Brandbeschleuniger
Welche Lebensmittel fördern Entzündungen? Graumann dreht die Frage um. Nicht das einzelne Lebensmittel entscheide, sondern die Körperzusammensetzung.

Bei ganz vielen Menschen sind es die letzten 30 Jahre, die dazu geführt haben, dass jetzt plötzlich diese stillen Entzündungen da sind, weil das Bauchfett so massiv geworden ist, dass es hormonell aktiv ist.
Bauchumfang und das Verhältnis von Taille zu Körpergröße gehören für ihn deshalb zu den Werten, die man immer wieder hinterfragen sollte. Beim Essen trennt er die seltene echte Allergie und enzymatische Störungen wie Laktoseunverträglichkeit von der Kategorie, die er unverblümt Dummheit nennt: viel einfacher Zucker, der den Blutzucker hochjagt und abstürzen lässt. Jeder steile Anstieg sei ein Entzündungsreiz. Zucker sei trotzdem nicht der Feind, er esse Obst und am Wochenende ein Croissant. Was er meide: Kalorien trinken und regelmäßig Alkohol.
Was beim Abnehmen mit Gelenkbeschwerden trägt, steht in unserem Artikel Abnehmen bei Arthrose. Bleibt die Frage, die die meisten am dringendsten stellen: Darf ich mich mit schmerzenden Gelenken überhaupt bewegen?
Bewegen, aber die Dosis stimmt selten
Graumanns Antwort lässt keinen Spielraum: Nicht bewegen sei für den menschlichen Körper keine Alternative. Statt Pause empfiehlt er, den Einstieg zu erleichtern: Kompression auf dem schmerzenden Areal, Kühlen, auch Kinesiotape könne man ausprobieren. Dessen Studienlage ist dünn; Graumann formuliert es als Versuch, nicht als Rezept. Entscheidend sei die Bewegungsform, auf die man Lust habe, und der langsame Weg zurück in genau diese. Er selbst nutzt Selbstmassage mit Faszienrollen und Massagepistolen gegen die Spannung im myofaszialen System und erinnert an fast vergessene Reizstromgeräte zur Durchblutungsförderung.
Sein eigentlicher Punkt liegt beim Verhältnis von Belastung und Erholung.
Wir haben jedes Jahr zig Menschen, die sich in der Überlastung Überlastungsschäden antrainiert haben. Wir haben aber ganz selten Menschen in der Sprechstunde, die übererholt waren.
Der Körper brauche Zeit zur Erholung, bei einem BMI ab 30 seien die Gelenke ohnehin anders belastet. Sein Rat: ein Begleiter, der die Belastung klug dosiert. Die Redaktion ergänzt: Ein akut geschwollenes, heißes Gelenk ist kein Fall für Massagepistole oder Trainingsplan, sondern zuerst für die ärztliche Abklärung. Sein liebstes Bild dafür stammt von Hundebesitzern.
So ein Hund würde nicht vor dem Gassigehen einen Dehnplan machen oder die Massagepistole rausnehmen, sondern die machen das zu Beginn des Tages als Teil der Körperpflege.
Körperpflege 2.0 nennt er das: Hüfte strecken, nach hinten beugen, rotieren, jeden Morgen. Und trinken, denn Faszien seien kaum durchblutet. Wer mittags keinen klaren Urin produziere, habe zu wenig im Tank.
Nahrungsergänzung, nüchtern betrachtet
Omega-3, Curcumin, Kollagen, Magnesium: Die Moderation fragte die üblichen Kandidaten ab, und Graumann antwortet zurückhaltender, als man erwarten würde. Bei Verschleiß halte er eine mehrwöchige Kur mit Enzympräparaten, also Proteasen wie Bromelain und Papain, für einen Versuch wert; Studien dazu nennt das Gespräch nicht näher. Kollagen sieht er ernüchtert: Unabhängige Studien hätten enttäuscht, Nutzen zeigten vor allem industriefinanzierte Arbeiten, Schaden richte man aber auch nicht an. Bei Curcumin warnt er vor ungeprüften Billigpräparaten mit Schwermetallfunden. Omega-3 beschreibe einen statistischen Zusammenhang, kein Schicksal; höhere Dosierungen gehörten in ärztliche Begleitung. Magnesium sei nur ein Kofaktor, dessen Wirkung schwer zu belegen sei.
Die Redaktion ergänzt: Wer Medikamente nimmt, schwanger ist oder Vorerkrankungen hat, klärt Präparate vorher ärztlich ab. Die Studienlage fasst unsere Übersicht zu Supplementen bei Arthrose zusammen.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Graumanns Fahrplan hat drei Stufen. Erstens: Die Diagnose muss stimmen, Verschleiß, Entzündung und funktionelle Störung seien drei verschiedene Probleme. Zweitens, bei Entzündung: ein Stoffwechselprofil aus Bauchumfang, Ernährung, Alkohol, Koffein nur bis 14 Uhr, Schlaf und Stress; Cortisol nennt er den Gegenspieler jeder Entzündungsregulation. Drittens ein Begleiter, der Belastung und Erholung dosiert. Dazu das Morgenritual, das Zahnfleisch als unterschätzter Herd und genug Wasser.
Wie Training selbst zur Entzündungsquelle werden kann, erklärt Daniel Harbs im Interview über Sport und Entzündung aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei geschwollenen, überwärmten oder anhaltend schmerzenden Gelenken, bei Fieber oder Gewichtsverlust lassen Sie die Ursache ärztlich abklären. Nahrungsergänzungsmittel, Trainingsprogramme und physikalische Anwendungen besprechen Sie vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, besonders bei Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme oder in der Schwangerschaft.
Häufige Fragen
Woran erkennt man laut Dr. Graumann, ob ein Gelenk entzündet ist?
Welche Blutwerte hält Dr. Graumann bei Verdacht auf Entzündung für wichtig?
Was hat das Zahnfleisch mit Gelenkschmerzen zu tun?
Sollte man sich bei Gelenkschmerzen schonen?
Wie bewertet Dr. Graumann Nahrungsergänzung bei Gelenkbeschwerden?
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