Ein wurzelbehandelter Zahn gilt als gerettet. Er tut nicht mehr weh, er bleibt im Mund, die Sache ist erledigt. Doch für Dr. Johanna Graf beginnt genau hier ein Problem, das niemand spürt. Beim Stille Entzündungen Kongress sprach die Zahnärztin über wurzelbehandelte Zähne als stille Entzündung, über Titanimplantate, Kieferherde und ein Fass, das überlaufen kann. Ihr Gespräch trägt den Titel „Tickende Zeitbomben im Mund: Wie wurzelbehandelte Zähne deinen ganzen Körper vergiften“. Graf vertritt die Sicht der biologischen Zahnmedizin; die Hochschulzahnmedizin bewertet fachgerecht wurzelbehandelte Zähne als erhaltenswert. Das vollständige Interview sehen Sie als Aufzeichnung im Kongress.
Der umgekippte Tannenbaum
Was passiert bei einer Wurzelbehandlung? Der Nerv wird entfernt, der Kanal gereinigt, gefüllt und verschlossen. Für Graf ist das nur die halbe Geschichte, denn der Zahnarzt erreiche nur den Hauptkanal.
Man muss sich das vorstellen wie so einen umgekippten Tannenbaum. Wir haben die Hauptkanäle und dann haben wir ganz viele kleine feine Seitenkanälchen. Und in die kommt leider ein Zahnarzt nicht hinein.

Der Hauptkanal ist gefüllt, die Seitenkanäle nicht: So beschreibt Dr. Johanna Graf einen wurzelbehandelten Zahn. In den unerreichbaren Verästelungen blieben nach ihrer Darstellung Bakterien und abgestorbenes Gewebe zurück, an der Wurzelspitze könne sich mit der Zeit eine Zyste bilden.
Weder Ultraschall noch Ozon noch Laser kämen in diese Verästelungen, sagt sie, bis zu 60 Prozent des Kanalsystems blieben ungereinigt. Im abgestorbenen Eiweißgewebe siedelten sich Bakterien an und bildeten Schwefelverbindungen, Graf nennt Mercaptane und Thioäther. Daraus leitet sie ein Vierfachproblem ab: Bakterien, Schwefelverbindungen, die Entzündungsreaktion des Körpers und das Wurzelfüllmaterial, das aus ihrer Sicht belastende Substanzen enthalte.
Die Hochschulzahnmedizin teilt diese Deutung nicht. Sie sieht die Wurzelkanalbehandlung als bewährten Weg, einen Zahn zu erhalten, und stuft fachgerecht behandelte Zähne nicht als Krankheitsquelle für den Körper ein. Dass an einem Teil der wurzelgefüllten Zähne eine Entzündung an der Wurzelspitze zurückbleibt, ist allerdings auch dort gut untersucht.
Warum aber merkt man von all dem nichts?
Still, bis der Knochen reagiert
Der Zahn selbst kann keinen Schmerz mehr melden, der Nerv ist weg. Was wehtut, ist später der Knochen, sagt Graf.
Das Problem eines wurzeltoten Zahnes ist, dass der tatsächlich erst dann wehtut, wenn die Entzündung schon so lange andauert, dass der Knochen letztendlich angegriffen wird.
An der Wurzelspitze bildeten sich Zysten, die mit den Jahren wüchsen und den Zahn nach oben drückten; viele Patienten hätten das Gefühl, der Zahn wachse heraus. Bis es so weit sei, habe der Zahn längst Botenstoffe über Blut und Lymphe verteilt, die dort ansetzten, wo jemand seine Schwachstelle habe: Magen und Darm, Schilddrüse, Migräne oder Schulter.

Zur Einordnung: In einer systematischen Übersicht mit Meta-Analyse aus 114 Studien und 639.357 Zähnen zeigten 39 Prozent der wurzelgefüllten Zähne im Röntgenbild eine Entzündung an der Wurzelspitze (95-%-Konfidenzintervall 36 bis 43 Prozent), bei nicht behandelten Zähnen waren es 3 Prozent (2 bis 3), über alle Zähne 5 Prozent (4 bis 6). Die Mehrheit der wurzelgefüllten Zähne zeigte also keinen solchen Befund; die Autoren mahnen wegen hoher Unterschiede zwischen den Studien zur vorsichtigen Deutung. Quelle: Tibúrcio-Machado CS et al. 2021, Int Endod J 54(5):712-735, PMID 33378579.
Was das Diagramm nicht zeigt, ist der Schritt, den Graf daraus macht: dass die lokale Entzündung Beschwerden im übrigen Körper auslöst. Genau dieser Schritt ist der umstrittene. Was stille Entzündungen aus ärztlicher Sicht sind, erklärt Dr. med. Patrick Assheuer im Interview über den unsichtbaren Feind aus demselben Kongress.
Wer jetzt erwartet, dass Graf den Zahn zum Hauptschuldigen erklärt, liegt falsch.
Das Fass, das überläuft
Ihr zentrales Bild ist nicht der Zahn, sondern ein Fass. Glyphosat, Mikroplastik, Schwermetalle, Strahlung, Stress: All das fließe täglich hinein. Solange das Fass nicht überlaufe, bleibe der Mensch gesund. Komme eine Wurzelbehandlung obendrauf, könne sie der Tropfen sein, nach dem plötzlich Hautausschlag, Magen-Darm-Beschwerden oder Schilddrüsenprobleme auftreten. Dem Zahn allein dürfe man die Schuld dann nicht geben. Schuld sei das ganze Fass.
Daraus folgt ein Satz, den man von ihr nicht unbedingt erwartet.
Man darf nicht erwarten, wenn man jetzt die Mundhöhle säubert von diesen stillen Entzündungen, dass von heute auf morgen die Erkrankung sich verbessert oder weggeht oder die Symptome sich verbessern.
Eine Sanierung entlaste das Immunsystem, mehr könne sie nicht versprechen, weil sie nicht wisse, was sonst noch im Fass liege. Deshalb arbeite sie mit Heilpraktikern, Komplementärmedizinern und zunehmend mit Schulmedizinern zusammen. Wie sich Entzündungslast über Jahre aufbaut, beschreibt unser Artikel über chronische Entzündung und Inflammaging; welche Blutwerte sie sichtbar machen, erklärt Bastian Hölscher im Interview über Entzündungswerte im Blut.
Bleibt die Frage, was nach einer Zahnentfernung an die Stelle des Zahns kommt.
Titan, Amalgam und ein Test, dem sie nicht traut
Wer sich von einem Zahn trenne, solle sich nicht die nächste stille Entzündung einsetzen lassen, sagt Graf. Gemeint sind Titanimplantate. Beim Eindrehen gäben sie Partikel in den Knochen ab, und danach weiter, weil Metall in feuchter Umgebung korrodiere.

Durch diese Korrosion wandern Titanpartikel aus dem Material heraus, werden von unserem Immunsystem aufgefangen, unsere Makrophagen packen diese Titanpartikel und lösen damit immer eine Entzündungsreaktion aus.
Ihre Alternative ist Keramik, die aus ihrer Erfahrung zuverlässig funktioniere. Zur Einordnung: Titan ist seit Jahrzehnten das Standardmaterial für Zahnimplantate mit umfangreichen Langzeitdaten. Dass Partikel freigesetzt werden, wird untersucht; ob daraus eine relevante Belastung entsteht, ist nicht geklärt. Vom Titanstimulationstest hält Graf wenig: Er zeige eine Momentaufnahme, zwei Monate später könne das Ergebnis anders ausfallen.
Schärfer wird sie bei Amalgam. Die Füllung bestehe zur Hälfte aus Quecksilber, das beim Kauen als Dampf frei werde; seit 2025 sei Amalgam in der EU verboten, ihr Vater habe es schon Anfang der 1990er nicht mehr verwendet. Ihr Rat: eine alte Füllung nie einfach herausbohren lassen, sondern nur unter Schutzmaßnahmen wie Kofferdam und Dampffilter. Ein Hinweis der Redaktion: Ob ein Implantat entfernt oder eine Füllung getauscht wird, gehört in fachzahnärztliche Beratung. Bei Schwellung, Fieber oder starken Schmerzen im Kiefer ist eine zeitnahe zahnärztliche Abklärung der erste Schritt.
Warum sie nicht jeden Zahn zieht
Wer bis hierher gelesen hat, könnte meinen, in Grafs Praxis müsse jeder wurzelbehandelte Zahn raus. Sie widerspricht.
Ich würde niemals bei einem Jugendlichen einfach den Frontzahn ziehen, nur weil er wurzelbehandelt ist.
Jeder wurzelbehandelte Zahn sei ein Stressor für das Immunsystem, das sage sie jedem Patienten. Aber sie wäge ab: Ist jemand schwer chronisch krank? Kompensiert er gut? Kommt er zur Vorsorge und will nur verhindern, dass sein Fass voll wird? Ein junger Mensch nach einem Sturz auf die Zähne sei ein anderer Fall als eine Patientin, die seit Jahren von Arzt zu Arzt laufe.
Uns ist die Aufklärung wichtig. Was der Patient daraus macht, bleibt immer ihm selber überlassen.
Ein weiteres Thema sind chronische Kieferknochenentzündungen, die sie FDK oder NICO nennt: schlecht verheilte Bereiche nach Zahnentfernungen, oft im Weisheitszahnbereich, nach ihrer Beschreibung nur im 3D-Röntgen oder mit speziellem Ultraschall sichtbar und meist schmerzfrei. Als Hauptursache sieht sie einen Nährstoffmangel während der Wundheilung. Dieses Krankheitsbild ist in der Hochschulzahnmedizin umstritten. Dr. Dominik Nischwitz beschreibt dieselben Herde im Interview über Zähne, Kiefer und Gelenke.
Daraus leitet Graf ihre Vorbereitung auf jeden Eingriff ab: drei Wochen vorher und vier Wochen danach die Nährstoffspeicher füllen, sie nennt Vitamin D3 mit K2, Omega-3-Fettsäuren, gepuffertes Vitamin C und Magnesium. Was dazu aus der Forschung bekannt ist, lesen Sie im Artikel über Vitamin D und K2. Hochdosierte Nahrungsergänzung gehört aus Sicht der Redaktion in ärztliche Rücksprache mit Laborkontrolle.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Dr. Johanna Graf beschreibt den Mund als Eintrittspforte für stille Entzündungen und nennt vier Quellen: wurzelbehandelte Zähne, Kieferknochenentzündungen, Titanimplantate und Amalgam. Ihr stärkstes Argument ist zugleich ihr vorsichtigstes: das Fass. Kein Zahn sei allein schuld, keine Sanierung wirke von heute auf morgen, und die Entscheidung bleibe beim Patienten.
Ihre Deutung ist die der biologischen Zahnmedizin. Die Hochschulzahnmedizin sieht fachgerecht wurzelbehandelte Zähne als erhaltenswert und NICO als umstritten. Was daraus für den eigenen Mund folgt, klärt keine Lektüre, sondern eine zahnärztliche Untersuchung mit Bildgebung und ein Gespräch über Nutzen und Risiken jeder Option.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine zahnärztliche oder ärztliche Beratung. Die Sicht von Dr. Johanna Graf entspricht der biologischen Zahnmedizin und ist in der Hochschulzahnmedizin umstritten. Ob ein Zahn erhalten oder entfernt, ein Implantat gesetzt oder ausgetauscht, eine Füllung gewechselt wird, entscheidet sich nur nach individueller fachzahnärztlicher Abklärung. Nahrungsergänzung in hoher Dosierung gehört in ärztliche Rücksprache.
Häufige Fragen
Warum ist ein wurzelbehandelter Zahn nach Dr. Graf eine stille Entzündung?
Warum tut ein solcher Zahn nach ihrer Darstellung lange nicht weh?
Was meint Dr. Graf mit dem Fass-Modell?
Muss jeder wurzelbehandelte Zahn raus?
Wie sieht Dr. Graf Titanimplantate?
Was empfiehlt Dr. Graf vor einem Eingriff im Kiefer?
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