Die Spritze hilft, die Tablette hilft, und ein paar Wochen später ist der Rücken wieder da, wo er war. Wer mit chronischen Schmerzen lebt, kennt diese Schleife. Doch René Gräber, Heilpraktiker und Autor, hält sie nicht für Pech, sondern für ein Zeichen, dass am falschen Ende gearbeitet wird. Beim Schmerzkongress sprach er im Interview „Ganzheitliche Betrachtung chronischer Schmerzen“ über vier Wurzeln hinter den meisten Dauerschmerzen und über ein Gewebe, das nach seiner Darstellung lange als bloßes Füllmaterial galt. Das vollständige Gespräch ist als Aufzeichnung im Kongress abrufbar.
Vier Wurzeln statt einer Diagnose
Der Moderator eröffnete mit Zahlen von Gräbers Website: Rückenschmerzen hielten dort im Schnitt acht Jahre, Nackenschmerzen mehr als vier. Gräber drehte die Vorlage um. Unter Behandlung verschwänden die Schmerzen durchaus, sie kämen nur wieder. Von Heilung möchte er erst sprechen, wenn nichts mehr zurückkehrt. Woran macht er das Wiederkommen fest? An vier Punkten:
Nummer eins ist mangelnde oder nicht hinreichende Bewegung. Nummer zwei ist die Ernährung. Nummer drei sind die Umweltgifte. In die Umweltgifte zähle ich die Störfelder mit rein, Stichwort Zähne, Zahnherde. Nummer vier sind die psychosozialen Faktoren.
Zu Punkt vier zählt er alles, was zwischen den Ohren passiert und was im Umgang mit Nachbarn, Partnern oder Kindern an Spannung entsteht. Ein Hinweis der Redaktion: Verordnete Schmerzmittel setzt niemand in Eigenregie ab. Gräber selbst ist nicht gegen sie und plädiert dafür, sie so lange zu nutzen, wie sie den Alltag tragen, und erst mit therapeutischer Begleitung auszuschleichen.
Zwei der vier Wurzeln nennt er „Blockbuster“: Bewegung und Ernährung. Bei der Bewegung beginnt er mit einem Gewebe, das kaum jemand auf der Rechnung hat.
Das Gewebe, das lange als Füllmaterial galt
Bewegen Sie sich, hieß es ab Mitte der Neunziger, nachdem jahrelang Schonung verordnet worden war. Gräber erinnert sich an die Beliebigkeit dieser Phase: Schwimmen, Gerätetraining, Bauchübungen gegen Rückenschmerz. Manchen half es, anderen ging es schlechter. Eine Antwort fand er in der Faszienforschung um Robert Schleip. Das Bindegewebe sei deutlich dichter mit Schmerzrezeptoren besetzt als die Muskulatur; in der Anatomie sei es lange schlicht wegpräpariert worden.
Bis dahin wurde dem Bindegewebe überhaupt nur eine Stütz- und Haltefunktion zugeschrieben. Dieses Bindegewebe ist erstens hochgradig mit Schmerzrezeptoren durchsetzt. Zweitens, dieses Bindegewebe hat kontraktile Elemente.
Mit „kontraktile Elemente“ meint er die Fähigkeit des Gewebes, sich aufzuladen und wie ein Katapult zu entladen; sein Bild dafür ist die Gazelle, die mit dünnen Beinen zehn Meter weit springt. Wer sich wenig bewege, verliere diese Struktur: Muskel werde in ungeordnetes Bindegewebe umgebaut, das Gewebe verfilze. Zur Einordnung: Wie groß der Anteil der Faszien am chronischen Rückenschmerz tatsächlich ist, gilt in der Forschung als offen.

Geordnetes Gitter gegen Filz: So beschreibt René Gräber den Unterschied zwischen einer trainierten Faszie und einem Bindegewebe, das nach Jahren ohne passenden Reiz verklebt und aus seiner Sicht immer mehr Schmerzfasern trägt.
Dann kommt für ihn der Schritt, der aus einem Schmerz einen Dauerschmerz macht. Ein Reiz werde über das Rückenmark gemeldet und im Gehirn als Schmerz abgebildet. Bleibe er bestehen, baue der Körper im Gewebe zusätzliche Rezeptoren ein, so wie jemand nach einem Brand drei Rauchmelder aufhängt statt einem. Der Körper wolle damit nur warnen, sagt Gräber: Wer so weitermache wie bisher, schädige sich weiter.
Was aber, wenn die Bandscheibe längst Schaden genommen hat? Gräbers Antwort stützt sich auf ein Röntgenexperiment.
Wenn das Bild schlimmer aussieht als der Schmerz
Gräber erzählt von einer Klinikstudie: Patienten ohne jegliche Rückenbeschwerden seien geröntgt und die Bilder Radiologen und Orthopäden vorgelegt worden. Heraus kamen Diagnosen, Operationsempfehlungen und Rollstuhl-Prognosen, bei Menschen, die nie über Rückenschmerzen geklagt hatten.
Das, was ich auf dem Bild sehe, und das, was sich an Schmerz widerspiegelt, muss nicht das Gleiche sein. Es gehören immer zwei Sachen dazu. Es gehört das dazu, was der Patient beschreibt.

Zur Einordnung: In einer systematischen Übersicht von 33 Studien mit 3.110 Personen ohne Rückenschmerzen zeigten 37 % der 20-Jährigen und 96 % der 80-Jährigen eine Bandscheibendegeneration in MRT oder CT; eine Vorwölbung fand sich bei 30 % bzw. 84 %, eine Protrusion bei 29 % bzw. 43 %, ein Riss im Faserring bei 19 % bzw. 29 %. Quelle: Brinjikji W et al. 2015, AJNR Am J Neuroradiol 36(4):811-6, PMID 25430861.
Deshalb arbeitet er auch bei einem Bandscheibenvorfall mit Bewegung, dosiert und angepasst, ebenso bei Gelenken, deren Knorpel im Bild kaum noch zu erkennen ist. Voraussetzung sei, dass zuerst das Bindegewebe manuell gelöst werde, mit Chiropraktik, Osteopathie oder Faszientechniken, und erst danach die Übungen kämen. Viele seiner Patienten würden so schmerzfrei, sagt er; eine Studienlage dazu nennt das Gespräch nicht.
Die Redaktion ergänzt: Bewegung nach einem Bandscheibenvorfall gehört in ärztliche und physiotherapeutische Abstimmung; bei Lähmungen, Taubheit im Schritt, Blasen- oder Darmstörungen ist sofortige Abklärung nötig. Zum Gelenkersatz sagt Gräber, es werde zu früh und zu schnell operiert; die Leitliniensicht steht in unserem Überblick zur Arthrose-Behandlung.
Welche Bewegung meint er dann? Ausgerechnet nicht die beliebtesten Sportarten.
Beweglichkeit vor Kraft: eine Viertelstunde am Tag
Nicht Joggen, nicht Krafttraining, kein Fußball, kein Squash, solange es schmerzt. Stattdessen verordnet er gehaltene Dehnübungen für alle Gelenke, viele aus dem Hatha-Yoga entlehnt. Ziel: die Gelenke aus der Kompression holen und das Bindegewebe umbauen, das sich nach seiner Aussage alle drei bis sechs Monate erneuere.
Als Kompass gibt er eine Skala von null bis zehn: bis zur Fünf dehnen, Profis bis zur Neun. Löst eine Übung genau den bekannten Schmerz aus, dann weglassen oder nur sehr sanft; oft brauche es erst die Gegenrichtung. Das Hauptproblem chronischer Schmerzpatienten liege aber woanders: Sie könnten nicht mehr unterscheiden, was ihr Schmerz ist und was die Übung. Bei ihnen sei „aua alles“. Ihnen empfiehlt er Wahrnehmungsarbeit wie Feldenkrais, Tai-Chi oder Qigong.

Wir haben kein Defizit mehr an Behandlungstechniken, an manuellen. Sondern wir haben ein Defizit am Wissen, wie die Patienten das selber wieder trainieren können.
Wie viel Zeit das kostet? Gräber selbst übte in seiner intensivsten Phase eine Stunde täglich, weil er mit fünfzig zurück in die Leichtathletik wollte. Für Schmerzpatienten reicht ihm deutlich weniger:
Für Schmerzpatienten, wenn die da so 20 Minuten, 15 Minuten pro Tag investieren, das wäre ein guter Zeitansatz. Dann kann man doch immer noch 23 Stunden und 45 Minuten machen, was man sonst will.
Zähneputzen, sagt er, nehme sich schließlich auch jeder täglich Zeit. Wie Bindegewebsarbeit in der Physiotherapie aussieht, zeigt das Gespräch mit Ulf Pape über Faszien-Arbeit in der Schmerztherapie.
Ernährung, Gifte und eine Schwiegermutter im Nacken
Die Ernährung fasst Gräber kurz: zu viel Fleisch, zu viel Zucker, zu wenig Gemüse. Sein Ordnungsrahmen ist der Säure-Basen-Haushalt, er spricht von „Übersäuerung“. Dieses Konzept ist in der Naturheilkunde verbreitet, in der Ernährungsmedizin aber umstritten, weil der Körper den pH-Wert des Blutes eng reguliert. Zwei Verbote spricht er aus: Schweinefleisch und Trinkmilch. Schweinefleisch enthalte viel Arachidonsäure, die Entzündungsvorgänge unterhalte; bei chronischen Schmerzen sieht er niedriggradige Entzündungen im Spiel, die im üblichen Blutbild nicht auffallen. Omega-3-Fettsäuren setzt er dagegen, ohne sie „literweise“ zu empfehlen. Was die Forschung hergibt, steht in unseren Artikeln zur Ernährung bei Arthrose und zur Evidenz von Supplementen.
Umgestellt wird nach seiner Erfahrung nicht über Nacht; wer dreißig Jahre lang trainiert habe, bestimmte Dinge zu essen, müsse das umtrainieren. Sein Rat klingt radikal: Kekse, Chips und Schokolade aus den Schubladen, nicht verschenken. Er selbst esse am Wochenende Kuchen. Die Balance zähle.
Unter Umweltgifte fasst er Zahnherde, Glyphosat in Lebensmitteln und Funkstrahlung durch Mobilfunk und WLAN, die aus seiner Sicht den Schlaf stören. Für Glyphosat und Funkstrahlung als Schmerzursache ist die Studienlage dünn; das ist seine Einschätzung aus der Praxis. Zu Zahnherden sprach im selben Kongress Dr. Dominik Nischwitz, auf dessen Interview Gräber selbst verweist: Zahnstörfelder als Ursache chronischer Schmerzen.
Die vierte Wurzel erzählt er als Geschichte. Eine seiner ersten Patientinnen kam mit Nackenbeschwerden, er behandelte manuell, mit Akupunktur und Vitalstoffen. Irgendwann blieb sie weg. Jahre später traf er sie auf dem Parkplatz und fragte nach dem Nacken.
Sie hatte nämlich ihre Schwiegermutter zu Hause zur Pflege und musste sie pflegen. Und sprichwörtlich saß die ihr im Nacken.
Seit dem Tod der Schwiegermutter sei alles gut, habe sie ihm leise gesagt. Er habe damals nur Symptome behandelt, resümiert er. Was im Kopf passiere, sei mindestens so gewichtig wie alles, was er zur Bewegung gesagt habe.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
René Gräber denkt chronischen Schmerz nicht als Defekt an einer Stelle, sondern als Ergebnis von vier Faktoren, die sich gegenseitig verstärken. Sein praktischer Kern: Bindegewebe zuerst lösen, dann täglich eine Viertelstunde Beweglichkeit üben, Schweinefleisch und Trinkmilch weglassen, Süßes aus dem Haus, und ehrlich hinschauen, wer oder was einem im Nacken sitzt.
Manches davon ist seine persönliche Deutung, etwa die Übersäuerung oder die Rolle von Funkstrahlung. Anderes, wie die Trennung von Bildbefund und Schmerz, deckt sich mit der Forschung. Was der Ansatz für Sie taugt, klären Sie am besten mit den Menschen, die Sie behandeln.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. René Gräber ist Heilpraktiker, kein Arzt. Bewegung nach einem Bandscheibenvorfall, Ernährungsumstellungen bei Vorerkrankungen und der Umgang mit Schmerzmitteln gehören in ärztliche Begleitung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Bei Lähmungen, Taubheit, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust ist sofortige ärztliche Abklärung nötig.
Häufige Fragen
Welche vier Ursachen nennt René Gräber für chronische Schmerzen?
Warum hält Gräber das Bindegewebe für wichtiger als den Muskel?
Kann man laut Gräber mit einem Bandscheibenvorfall trainieren?
Welche Bewegung empfiehlt Gräber bei chronischen Schmerzen?
Was rät Gräber bei der Ernährung?
Muss man Schmerzmittel absetzen, um Gräbers Weg zu gehen?
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